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Aktuelles Alltag Gesellschaftsleben Kellergespräche - Zwischen Feminismus und Popkultur

Gendern – Und worüber sich die Geister sonst noch streiten?

Letzte Woche saß ich mit meiner Familie beim Abendessen und verspürte plötzlich ungemeine Lust, mal wieder eine Diskussion anzuzetteln. So etwa einmal im Monat überkommt es mich und nicht selten bereue ich es im Nachhinein. Was diesmal das Thema war? Die geschlechtergerechte Sprache. Und was dabei raus kam? Seht selbst..

von Eva Keller 

„Kellergespräche – zwischen Feminismus und Popkultur“ eine Kolumne von Eva Keller. Ich schenke hier insbesondere Themen Aufmerksamkeit, die immer noch viel zu oft hinter verschlossenen Kellertüren verstauben. Es wird Zeit sie ans Tageslicht zu holen.

Ich habe mich in letzter Zeit sehr intensiv mit dem Thema „gendern“ auseinandergesetzt. Der Begriff wird oft umgangssprachlich verwendet, wenn von geschlechtergerechter Sprache die Rede ist. Gendern meint, statt dem generischen Maskulin als „Allgemein-Begriff“ für männlich, weiblich und alle nicht-binären Geschlechter, eine Schreibweise zu verwenden, die alle gleichermaßen einschließt, wie zum Beispiel Bürger*innen, Schüler*innen etc. Das Gendersternchen bezeichnet hierbei die Geschlechter, die weder männlich noch weiblich gelesen werden möchten. Bevor es zu besagter Diskussion mit meiner Familie kam, war mein Standpunkt klar. Ich bin natürlich für die gendergerechte Sprache. Aus ganz einfachen Gründen: Ich, als Frau, möchte gezielt angesprochen und nicht nur „mitgemeint“ werden. Sobald wir nicht gendern, sondern das generische Maskulin für alle benutzen, schließen wir Personengruppen aus, nämlich all diejenigen, die sich nicht den Kategorien binär und maskulin zuordnen lassen. Das ist nicht nur unfair, sondern verstärkt auch sowieso schon vorherrschende Ungleichheiten.

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Diese Argumente habe ich auch meiner Familie vorgelegt. Worauf mein Papa entgegnete, dass er dieses „gegendere“ zu umständlich fände und zudem der Schreibfluss gestört werden würde. Klar, mein Papa fällt in die Kategorie alter oder mittelalter weißer Mann, natürlich sieht er nicht die Notwendigkeit seine Gewohnheiten zu ändern, das wäre ja unbequem. Aber erstaunlicherweise hat auch meine Mama seiner „Argumentation“ zugestimmt. Das hat mich getroffen. Ich sehe zu einem gewissen Grad ein, dass gendergerechte Sprache etwas sperrig daherkommt. Dennoch glaube ich, dass die Wichtigkeit des Mediums Sprache unterschätzt wird. Gleichberechtigung beginnt nämlich im Kopf und Sprache ist ein Mittel, diese zum Ausdruck zu bringen.

Das wirklich interessante Argument, dass mich tatsächlich dazu veranlasst hat, meinen Standpunkt zu überdenken, kam von meinem Bruder. Er fände es gar nicht verwerflich, das generische Maskulin zu verwenden und es wären unsere internalisierten Rollenbilder, die das eigentliche Problem darstellen würden. Ganz unrecht hat er damit nicht. Warum stelle ich mir unter einem Mechaniker einen Mann vor und keine Frau? Das hat definitiv mit Geschlechterstereotypen zu tun, mit denen wir aufgewachsen sind. Aber die können wir über Nacht nicht ablegen. Trotzdem wurde ich zum Nachdenken angeregt. Fakt ist: Sprache beeinflusst unser Denken. Sollten wir beim Denken anfangen und unserer Sprache dadurch neue Bedeutungen zuordnen?

Gendern zwingt uns so gesehen dazu, immer und immer wieder über Geschlechter nachzudenken. Ist das kontraproduktiv? Wäre eine geschlechterneutrale Sprache vielleicht der bessere Weg? Wie im Englischen. Ein Begriff, der alle Geschlechter anspricht, sowohl binäre als auch nicht-binäre. Der Gedanke ist verlockend. Dafür müsste allerdings die männliche Form aktiv von der Vorstellung gelöst werden. Leider glaube ich, dass das ein sehr langsamer und zäher Prozess wäre. So, wie die deutsche Sprache aufgebaut ist, funktioniert sie nicht genderfrei ist, jedenfalls noch nicht. Und bis eine wirklich nachhaltige Alternative gefunden wird, ist die gendergerechte Sprache trotz vermeintlicher Sperrigkeit die beste und fairste Lösung. Marginalisierte Personengruppen haben es sowieso schon schwerer, da ist doch das mindeste was die Mehrheitsgesellschaft tun kann, das Gendersternchen zu nutzen und damit Raum zu schaffen. Und es muss auch nicht immer perfekt sein. Es geht vor allem darum, sich die Mühe zu machen, gerecht zu sein. Oder wie seht ihr das?

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