(Quelle: Instagram @actress_antje_mies, Fotograf: Daniel Dornhöfer)
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Antje Mies: „Es gibt die Leute, die warten, dass Hollywood anruft und es gibt die Leute, die rufen bei Hollywood an.“

Seit knapp eineinhalb Jahren bleibt das Kulturleben still. Antje Mies, 34-jährige selbständige Schauspielerin aus der Eifel erzählt im Interview von ihren persönlichen Erfahrungen, wie man in der Pandemie-Zeit trotz allen Schwierigkeiten eigene Projekte schafft.

Von Ksenia Guseva

(Quelle: Instagram @actress_antje_mies, Fotograf: Daniel Dornhöfer)
(Quelle: Instagram @actress_antje_mies, ©Fotograf: Daniel Dornhöfer)

Ksenia Guseva: Seit über einem Jahr ist das Leben auf Pause gestellt. Viele Branchen wurden besonders betroffen, unter anderem Kultur. Die meisten Künstler:innen und Schauspieler:innen hat die Pandemie ohne Brot gelassen. Hat es dich auch erwischt?

Antje Mies: Ja. In gewisser Weise schon. Das Problem bei mir war, zum Beispiel, meine Moderationsjobs, die ich immer über den Winter habe, sind alle ausgefallen. Ich wurde arbeitslos und habe dadurch Hartz 4 empfangen. Mit weniger als 450 Euro pro Monat die laufenden Kosten zu decken, es ist fast nicht möglich. Aber es macht mir keine Angst und nimmt mich zum Glück nicht so sehr mit, dadurch, dass ich mich schon 2019 emotional davon getrennt habe, wie mein Kontostand aussieht. Denn wir Künstler müssen schon immer für unser Brot doppelten Boden irgendwoher bekommen und das ist nichts Neues und das hat nichts mit der Pandemie zu tun. Sie hat es nur verschärft. Man braucht Geld zum Leben, aber es darf nicht mein kreatives Schaffen zerstören. Ich kann aber verstehen, dass ganz viele Kollegen Existenzängste haben.

Wie ist es dir gelungen, positiv zu bleiben und nicht in eine depressive Stimmung zu rutschen?

Natürlich habe ich auch solche Momente. Aber tatsächlich hat mir schon immer der Spruch geholfen „Morgen sieht die Welt schon wieder ganz anders aus“.

Im Lockdown stellst du dein erstes Instagram-Projekt „Schöne Aussichten“ auf die Beine, indem du dich freitags hauptsächlich mit Menschen aus dem Kunstbereich live unterhältst. Was war die Idee dahinter?

Die Idee ist dadurch entstanden, dass diese Panik unter den Künstlern entstanden ist. Dieses negative Loch, wo sehr viele Künstler reingefallen sind, wo leider tatsächlich noch sehr viele Künstler drinstecken. Dann habe ich mir gedacht, was ich beitragen kann. Ich wollte den Künstlern eine Plattform geben, sich vorzustellen und zu teilen, wie sie in so einer schweren Zeit trotzdem weiterkommen und wie sich diese positiven Sachen ins Leben holen. Das war mir wichtig. Das ist eigentlich der Kerngedanke von “Schönen Aussichten“, weil man eine schöne Aussicht hat, wenn man auf einem Berg steht, den man vorher hart erklommen hat, was vielleicht auch schwer war, da hochzuklettern. Gleichzeitig ist vielleicht auch eine schöne Aussicht in der Zukunft, wo du sein wirst. Jetzt vielleicht haben wir es schwer, aber wir können was dafür tun, dass wir dann diese schöne Aussicht genießen können.

Planst du „Schöne Aussichten“ weiterzuführen?

Ich glaube, nach der Sendung habe ich zu 99% von allen Gästen eine Nachricht bekommen – „Mir geht es jetzt gerade so gut. Antje, mach das auf jeden Fall weiter.“ Ich habe keine Ahnung, wohin mich das führt. Aber ich weiß, dass es mir ein gutes Gefühl gegeben hat. Und es ist einfach Wert, dem weiter nachzugehen, weil es guttut.

Corona hat deine Karriere in eine positive Richtung geändert und dich dazu gebracht, digitale Medien auszuschöpfen.

Das Digitale ist insofern gut, weil man die Möglichkeit hat, weltweit Menschen zu erreichen. Wir haben noch lange nicht gecheckt, was für Möglichkeiten wir, zum Bespiel, auf Instagram haben. Ich finde dieses Projekt „Ich bin Sophie Scholl“, was gerade jetzt ein Hype hat, richtig gut, weil man daran sieht, wie man Instagram noch anders nutzen kann. Es gibt da noch so viele Möglichkeiten, die man noch ausschöpfen kann. Das finde ich super interessant.

Warum konnten sich deiner Meinung nach die anderen Schauspieler:innen an die aktuelle Situation nicht anpassen, sich neue kreative Methoden für ihre Performance ausdenken, anstatt zu warten, bis Corona vorbei ist?

Es gibt für mich tatsächlich Unterschiede zwischen Schauspielern. Es gibt die Schauspieler, die ausführende Werkzeuge sind und warten, bis der Regisseur denen den Text gibt. Das ist nicht schlimm, aber im Fall der Pandemie wurde es denen zum Verhängnis. Und es gibt Schauspieler, die Macher sind. So würde ich mich auch bezeichnen und deswegen sage ich auch gerne Kreativistin. Es gibt die Leute, die warten, dass Hollywood anruft und es gibt die Leute, die rufen bei Hollywood an. Alle Projekte, die ich bis jetzt hatte, habe ich selbst ins Leben gerufen. Ich weiß nicht, ob man das trainieren kann oder ob das einfach in einem drinnen ist. Das wäre die nächste Frage. Natürlich braucht man auch Mut.

Du hast alles in deine Hände genommen und das Stipendium von der Stiftung Rheinland-Pfalz für Kultur für deinen aktuellen Instagram-Kurzfilm „Poly Takes – Ich liebe sie alle“ gewonnen, wo du dich nicht nur als Schauspielerin einsetzt, sondern auch die Regierolle übernimmst.

Ja, das ist verrückt. Das ist kein großes Stipendium. Ich habe damit gar nicht gerechnet. Es sind 2000€, was für einen Kurzfilm sehr wenig ist, aber es war eine Wertschätzung für mich. Für mich waren Förderprogramme wie ein rotes Tuch, wie ein riesiger Dschungel mit allen Bestimmungen und Fristen, die man berücksichtigen muss. Diesmal habe ich einfach daran teilgenommen, wer weiß vielleicht bringt es mir was. Mir wurden zwei wichtigen Sachen gesagt, erstens, wenn du Probleme mit der Beantragung hast, rufe die Stiftung an. Die Leute wollen dir helfen, damit du das Stipendium bekommst. Da sind Töpfe, wo Geld drinnen ist, und diese Töpfe müssen sie leer kriegen, sonst kriegen sie für das nächste Mal nicht so viel Geld, das heißt, sie können nicht mehr so viele Leute unterstützen. Der zweite Punkt betrifft jetzt Rheinland-Pfalz, das würde, zum Beispiel, das Bundesland Berlin nicht betreffen. In Rheinland-Pfalz beantragt fast kein Künstler ein Stipendium. Dann in den Statistiken sehen wir, zum Beispiel, 80 Leute aus Berlin haben das Stipendium bekommen und nur eine Person aus Rheinland-Pfalz. Man denkt dann immer, die geben nur an die Berliner das Stipendium, wir in Rheinland-Pfalz kriegen nichts ab. (lacht) Nein, weil nur eine Person aus Rheinland- Pfalz sich beworben hat. Ich glaube viele Leute, genauso wie ich, die oft mit Geld gestruggelt (red. deutsch: gekämpft) haben und am liebsten mit Geld nichts zu tun haben, haben Angst davor, dass ihnen das nicht zustehen könnte. Aber traut euch! Habt den Mut das Stipendium zu beantragen und wenn es Fragen gibt: Anrufen!

Was ändert sich in der Kulturbranche nach Corona?

Nicht nur in der Kulturbranche ist momentan meine größte Angst, dass die Menschen nicht viel daraus gelernt haben und dass alle versuchen, wieder in die gewohnten alten Bahnen zu gehen. Denn das gibt Sicherheit. Das ist eigentlich meine größte Sorge für Deutschland. In Deutschland spielen und denken wir geografisch sehr klein. Allein, dass wir Bundesländer-Förderung haben oder weil ich in Rheinland- Pfalz lebe, kann ich in Nordrhein-Westfalen nicht von der Film-Stiftung gefördert werden, weil mein steuerlicher Wohnsitz 20 Kilometer daneben liegt. Für mich habe ich keine Angst. Für mich gibt es keine Grenzen mehr, auch kulturelle nicht. Für mich ist das Digitale ein großer Vorteil, weil man einfach sich viel weiter vernetzen kann. Bei meinem aktuellen Kurzfilm-Projekt war es mir daher auch so wichtig, dass ich Leute aus Berlin, aus München und aus NRW habe, weil das möglich ist. In Deutschland sollte es auch nicht in Frage gestellt werden, ob das möglich ist, meiner Meinung nach. Wir träumen auch immer so klein, wenn wir überhaupt träumen dürfen. Und das geht mir voll gegen den Strich. Die digitale Welt kennt diese Grenzen nicht. Das hat mir nochmal den Schubs gegeben, mir viele größere Projekte zu überlegen und nicht nur über Bundesländergrenzen, sondern auch über europaweite Grenzen digital hinauszugehen.


Zur Person

Antje Mies, geb. 1987 in Bad Neuenahr
Diplom-Schauspielerin, Moderatorin

/nennt sich gerne Kreativistin
/verbringt am liebsten Zeit in der Natur mit ihrem Hund

Eigene Produktionen u.a.:
Kurzfilm “Poly Takes – Ich Liebe Sie Alle” (2021)
IGTV “Schöne Aussichten” (seit Mai 2020)
Fashion-Theater Projekt “The Power Of Fashion” (2019), Uraufführung in Düsseldorf, Berlin und München folgten

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