Foto: Julia Schulte
Aktuelles Gesellschaft Interviews

„Zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt“ – Die Achterbahnfahrt vom Online-Journalismus zum erfolgreichen Medien-Start up

Chatbot Resi schickt die wichtigsten Nachrichten des Tages und unterhält ihre Nutzer mittels Smileys und Gifs. Martin Hoffmann hat mit der Resi Media UG das weltweit erste Start Up für „Conversational Journalism“ entwickelt. Ein Online-Journalist über das Gründen, seine Finanzierung und die emotionale Bindung zu einem Chatbot.

von Julia Schulte

Nachrichten-Apps, die den Nutzer mit den wichtigsten Meldungen des Tages versorgen, gehören beinahe zum Standardrepertoire auf dem Gerät eines jeden Smartphone-Besitzers. Immer up-to-date und schnell mit den neuesten Infos versorgt, sobald man die App startet. Die Konkurrenz ist groß, das Angebot breit gefächert, kann es da noch Neuerungen geben?

Screenshot: Resi-App
Screenshot: Resi-App

Onlinejournalist Martin Hoffmann hat es gewagt, eine in ihrer Art einmalige News-App zu erfinden und zu programmieren. Seine treue Begleiterin dabei ist Resi. Resi, benannt nach einem deutschen, bayrischen Vornamen, hat einen eigenen Charakter, bestimmte Vorlieben und Abneigungen und freut sich, wenn man mit ihr spricht. Was Resi mit einer News-App zu tun hat, erfährt der Nutzer, wenn er die gleichnamige App startet: „Hallo! Ich bin Resi, deine neue persönliche News-Assistentin.“, verkündet der Chatbot und schickt gleich ein unterhaltsames gif und ein paar Smileys hinterher. Hinter Resi steht die im Januar 2016 von Martin Hoffmann und zwei Freunden gegründete Resi Media UG und damit das weltweit erste Start Up für ‚Conversational Journalism‘. Die App liefert in einem Messenger-Format die wichtigsten zehn bis fünfzehn Nachrichten am Tag, der Nutzer kann entscheiden, wie tief er in die einzelnen Themen einsteigen möchte.

„besser wird es nicht“

Gründer Martin Hoffmann war nach seinem Studium zum Online-Journalist und seinem Volontariat beim Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) vor allem in Online-Redaktionen und zuletzt als Leiter des Social Media-Bereichs von WeltN24 in Berlin tätig. Der Schritt vom Journalisten zum Unternehmer war zwar gut überlegt, fiel ihm aber letzten Endes nicht schwer: „Für mich war es nicht die Frage, ob ich in meinem Leben mal gründen werde, sondern wann ich es tun werde“, berichtet Hoffmann, „jetzt habe ich gedacht, kurz vor meinem 30. Geburtstag, ohne große Verpflichtungen, Kredite, die ich abbezahlen muss, ohne Haus und Kinder, besser wird es nicht.“ Also hat der gebürtige Leipziger seinen Job gekündigt und sich in die Berliner Start Up-Szene begeben. Zwar hätte er sein Unternehmen überall in Deutschland gründen können, so Hoffmann, aber in Berlin würde man qualifizierte Leute, vor allem im technischen Bereich, finden. Einfach war die Gründung selbst dann aber doch nicht: „Die Leute stellen sich so eine Gründung immer sehr einfach vor. Man hat viele Hochs aber eben jeden Tag auch Tiefs. Man pendelt hin und her zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt. Ich glaube, da muss man schon ein hartes Fell haben, damit einem das nicht zu nahegeht, sonst wird man verrückt.“

Martin Hoffmann, Foto: Julia Schulte

Das Konzept des 31-jährigen geht jedoch auf: Er kann mit seiner App inzwischen auf eine Nutzerzahl im fünfstelligen Bereich blicken. Zu Hoffmanns Team gehören die beiden Mitgründer und Entwickler Moritz Klack und Christopher Möller, ein weiterer Mitarbeiter, der sich um die Server-Infrastruktur kümmert und zwei Entwickler für IOS und Android. Hinzu kommen freie Grafiker. Hoffmann ist morgens der Erste, der die App mit den neuesten Nachrichten des Tages füttert. Das geht dann im Redaktionsteam und in verschiedenen Schichten den Tag über weiter bis 23 Uhr. Nachts werden bisher keine Nachrichten kommuniziert, weil zu diesem Zeitpunkt keine Nachfrage bestehe.

Neue Form des Nachrichtenjournalismus

Mit seiner App möchte Martin Hoffmann eine neue Form des Nachrichtenjournalismus etablieren. Die Zukunft des Journalismus sieht Hoffmann im ‚Conversional Journalism‘, eben jener Kommunikationsform, die in einem Messenger und im Austausch mit dem einzelnen Nutzer stattfindet. Vor allem müsse man mit einem Medienunternehmen im heutigen Zeitalter flexibel sein und sich am vorherrschenden Trend orientieren. „Dass wir da mit unserer App schon ein gutes Konzept haben, sieht man an den steigenden Nutzerzahlen“, meint Hoffmann.
Resi adressiert mit den gifs, Smileys, der einfachen Sprache und der verspielten Nachrichtendarstellung eine junge Zielgruppe von 15- bis 25-Jährigen. Ein Blick in die Statistik bestätigt dem Jungunternehmer, dass er seine Zielgruppe erreicht und dass die Nutzerzahlen beständig sind: „Die Zahl der Leute, die sich die App runterladen und dann nach x Tagen noch nutzen, ist deutlich höher als Zahlen, die ich sonst aus der Nachrichtenbranche kenne.“

Auf die App werden die Nutzer bisher nur durch Mund-zu-Mund-Propaganda aufmerksam. Das soll auch vorerst so bleiben, da die App einen hohen Weitersageeffekt aufweise, wenn sich beispielsweise Teenager auf Partys über den Chatbot unterhalten. Statt Geld für Werbung in die Hand zu nehmen, ist es Hoffmann zunächst wichtiger, das Produkt weiter zu optimieren. „Viele Unternehmen machen den Fehler, früh auf ein großes Wachstum zu setzen. Dadurch haben sie einen riesigen Effekt, schnell kommen Nutzer, die sich das kurz ansehen aber dann genauso schnell wieder weg sind. Man erlangt kein nachhaltiges Wachstum und das Geld ist zum Fenster hinausgeworfen.“

„Ich bin ein Freund davon, dass man schon früh den Druck hat, selbst Geld zu verdienen“

Seinen eigenen Weg geht Martin Hoffmann auch in Sachen Finanzierung. Wo andere Start Ups an Wettbewerben teilnehmen, um Business Angles und Investoren zu finden, steht Hoffmann lieber auf eigenen Beinen: „Gründungswettbewerbe können gerade in der Anfangsphase helfen, aber ich bin ein Freund davon, wenn man schon früh den Druck hat, selbst Geld zu verdienen. Das führt dann schnell dazu, dass man auch wirklich selbst Geld verdient.“ Er bleibe so einerseits unabhängig und könne andererseits in seinem Unternehmen eine Kultur etablieren, in der auch ständig die Frage aufgeworfen wird, wie man sich refinanzieren kann, was er wichtig findet. So ist Resi bisher komplett mit den eigenen Mitteln finanziert, auch wenn sich das bald ändern soll. Hoffmann denkt beispielsweise darüber nach, ein Abo-Bezahlmodell für eine gewisse Anzahl von Nachrichten einzuführen. „Das was wir als Feedback bekommen deutet stark darauf hin, dass die Nutzer so etwas wie eine emotionale Bindung zu Resi entwickeln. Deshalb glaube ich, dass die Leute eher bereit sind, dafür zu bezahlen.“ Wie das genau funktionieren soll, weiß Hoffmann auch noch nicht genau. ‚Try and error‘ lautet hier sein Konzept und wenn das im Kleinen funktioniert, kann es auf die gesamte App ausgeweitet werden.

Screenshot: Resi-App
Screenshot: Resi-App

Die Zukunft von Resi

Eine noch so junge App wie Resi bietet für die Gründer ein enormes Entwicklungspotential. Hoffmann schweben Ideen für verschiedene Features vor, die er in der App umsetzten möchte. Wichtig dabei sei allerdings die Priorisierung, damit man nicht aus den Augen verliert, was in der jeweiligen Entwicklungsphase am Wichtigsten ist und als nächstes angegangen werden muss. Zufrieden ist der Gründer mit seinem Produkt im Moment allerdings nicht: „Wenn ich mir angucke, wie es jetzt ist, bin ich total unzufrieden damit und das ist bei Weitem nicht das, was ich als Vision im Kopf habe. Ich habe ungefähr 300 Ideen, die ich gerne umsetzen würde und davon bisher erst drei umgesetzt habe. Aber es ist jetzt nun mal der Status quo mit dem man arbeiten muss und es geht darum, das Stück für Stück auszubauen.“ Als nächstes sollen zum Beispiel die Push-Benachrichtigungen verbessert werden, weil die App dadurch von den Kunden häufiger geöffnet würde.

Wenn sich Resi auf lange Sicht nicht als rentabel erweist, ob sich Martin Hoffmann vorstellen könnte, nochmal zu gründen? „Das kommt auf die Umstände an. Es ist natürlich schon was Anderes selbst Produktverantwortung zu haben und etwas Eigenes zu entwickeln. Vorstellen kann ich mir das durchaus, nochmal zu gründen und etwas Neues zu machen.“
Es bleibt also weiterhin spannend um den Jungunternehmer und ‚seine‘ Resi.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.