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Zwischen Aufklärung und Shitstorm – Medien in der Coronakrise

Ereignis, politische Reaktion, mediale Vermittlung. So weit, so alltäglich. Schwankende Infektionszahlen, kurzfristige politische Entscheidungen mit langfristigen Folgen bringen aber genau diesen Alltag durcheinander. Denn das, was wir über Corona wissen, wissen wir durch die Medien. Woher auch sonst? Die Krise stellt sie vor Herausforderungen und das in einer Zeit, in der ihre Berichterstattung wichtiger ist denn je.

Von Julia Lüthgen

Wer steckt sich noch mal genau an? Wo muss ich die Maske tragen? Und ist Italien eigentlich noch Risikogebiet? Informieren, Aufklären, Hinterfragen, Aufzeigen, Überprüfen, Beruhigen, Vermitteln, Reagieren – das alles sollen die klassischen und sozialen Medien übernehmen. Und das am besten schnell. Die Folge: Unzählige Corona-Specials, Corona-Liveticker, Sondersendungen, Eilmeldungen, Instagram- Erklärvideos, Corona-Podcasts – die Liste ist lang.

Gezeigt hat sich aber, dass gerade in Krisenzeiten viele Menschen auf die Informationen der klassischen Medien vertrauen. In Hochzeiten stiegen die Zuschauerzahlen der 20-Uhr-Tagesschau von normalen zehn auf 17 Millionen an, wie Chefredakteur von ARD-Aktuell, Marcus Bornheim dem NDR berichtet. Erstaunlich. Besonders heutzutage, in denen man dank On-Demand-Diensten weder an ein Format noch an eine Tageszeit gebunden ist.

„Zur Corona-Hochzeit saßen wir abends oft mit der ganzen Familie vor dem Fernseher und haben die Tagesschau geguckt.“

War das lineare Fernsehen nicht eigentlich für tot erklärt? Tobias, 26, Medizinstudent aus Bonn, war einer von den sieben Millionen, die normalerweise nicht um Punkt 20 Uhr vor dem Fernseher sitzen. „Zur Corona-Hochzeit saßen wir abends oft mit der ganzen Familie vor dem Fernseher und haben die Tagesschau geguckt.“ Die Rede von Merkel wurde bei Tobias in der WG-Küche über den Laptop im Tagesschau-Live-Stream geschaut. „Ich weiß nicht, bei solchen Dingen vertraue ich dann lieber auf Formate, die relativ unabhängig und qualitativ hochwertig sind“, meint Tobias auf die Frage, warum er denn ausgerechnet die Tagesschau ansieht.

Und trotzdem werden viele Vorwürfe gegenüber den klassischen Medien laut: Thematische Monokultur, Desinformation, Panikmache, Hinnahme von Informationen, mangelnde Vielfältigkeit und zu wenig Transparenz – die Liste ist auch hier lang. Aber auch die sozialen Medien bleiben von diesen Vorwürfen nicht verschont. Die Strukturen, Echtzeitreaktion, wenig Kontrolle, große Reichweite und das Potenzial zum „Viralgehen“ führen dazu, dass Beiträge zwar minütlich bearbeitet und damit aktuell gehalten werden, aber auch dazu, dass sich die Menschen, die unzufrieden sind, schnell äußern und gehört werden können.

Netzwerkstrukturen nehmen Einfluss

Ihre Vorwürfe richten sich gegen „die da oben“. Gemeint sind aber nicht nur die Politiker, sondern auch die Medien. Das Gefährliche: Löschen sie ein Video, gilt das für viele als Bestätigung dafür, dass sie recht haben. Dabei kursieren gerade auf Facebook oder YouTube viele Videos mit Falschinformationen. Da helfen die Faktenchecks und Verweise zur WHO von Facebook, Instagram und Co. nur wenig, wie eine Studie des IT-Experten Kreißel in Kooperation mit dem Institute for Strategic Dialogue in London ergab.

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Die Bundesregierung hat Corona-Verschwörungstheorien scharf verurteilt. Wer abstruse Behauptungen, hasserfüllte Stereotype oder Theorien, die einen Sündenbock oder “Weltbösewicht” suchten, verbreite, wolle “sein verschwörungstheoretisches Süppchen kochen, mit dem er offensichtlich bei anderen Gelegenheiten nicht so recht zum Zuge gekommen ist”, sagte Regierungssprecher Seibert. Es handle sich dabei um den Versuch, die Gesellschaft zu spalten. Auch die “hohe Aggressivität” bei manchen Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen mache der Regierung Sorgen. Die zunehmenden Proteste dürfe man jedoch nicht als Signal für einen Stimmungsumschwung in der Bevölkerung werten. An manchen Orten kämen einige hundert, an anderen einige tausend Teilnehmer. “Daraus kann man unmöglich hochrechnen auf das Verhalten und die Überzeugungen von 83 Millionen Menschen in Deutschland”, sagte Seibert. Friedliche Demonstrationen seien auch in dieser Zeit wichtig, um unterschiedliche Meinungen öffentlich darzustellen. #seibert #corona #protest #tagesschau

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45 Links mit Falschmeldungen lösten auf Facebook trotzdem eine halbe Millionen Likes und Kommentare aus. Bekannten Personen wie Attila Hiltmann, Xavier Naidoo oder Hans-Georg Maaßen kommen auf Facebook, Twitter oder Instagram dabei die sogenannte „Scharnierfunktion“ zu, die man schon von Bewegungen wie #MeToo kennt. Unterschiedliche Intentionen, aber das gleiche Prinzip: Große Reichweite unterstützt von den Algorithmen führt zu großer Reaktion. Hinzu kommt dieses Jahr die Verwendung von Telegram-Gruppen. So werden die sozialen Medien zu einem Ort, an dem Algorithmen stützen, dass falsche Behauptungen trotzdem zwölf Millionen Mal geklickt werden und an dem sich organisiert wird. Nicht zuletzt für Demonstrationen wie die in Berlin.

Verlauf der Krise spiegelt sich auch online wider

Sieht man zu wie Demonstrierenden versuchen in den Reichstag zu gelangen, hat man das Gefühl man schaue einem Shitstorm im realen Leben zu. Es fühlt sich an, als habe sich etwas verändert im Verlauf der Krise. Diese Veränderung sieht auch eine Mitarbeiterin im Community-Management eines öffentlich-rechtlichen Senders. Dort beschäftigt sie sich hauptsächlich mit den Reaktionen auf informative Corona-Postings. „Die Kommentarspalten haben sich während der Coronaphase schon deutlich verändert. Das ist in verschiedenen Phasen passiert. Zu Beginn gab es natürlich viele Fragen und großen Informationsbedarf. Später kamen verschiedene Meinungen zu bestimmten Dingen, Ängste, Sorgen und Zweifel hinzu.“ Am meisten Kommentare erhielten dabei zu Beginn die Postings über aktuelle Entscheidungen der Politik: Pressekonferenzen, Corona-Schutzverordnungen usw. Mit der Zeit entstanden nun aber langfristige Fragestellungen: Maskenpflicht, Schulpolitik, Finanzzuschüsse – man kennt es. Dass Postings dieser „Trigger-Themen“ viele Kommentare auslösen, ist nur zu gut vorstellbar.

„Es gab immer wieder viele konstruktive Diskussionen. Allerdings nahmen auch hetzerische, verschwörungstheoretische Kommentare zu.“

„Es gab immer wieder viele konstruktive Diskussionen. Allerdings nahmen auch hetzerische, verschwörungstheoretische Kommentare zu, in denen die Pandemie vermehrt angezweifelt und immer mehr Fake News verbreitet wurden. Auch die Kritik an den Medien stieg an“, berichtet die Mitarbeiterin aus ihren monatelangen Erfahrungen. Daher weiß sie auch zu unterscheiden zwischen zwei Typen von Kommentatoren auf Social Media. Auf der einen Seite die Verschwörungstheoretiker*innen und rechtsorientierten User*innen, die immer mehr Raum in den Kommentarspalten einnahmen. Auf der anderen Seite aber auch die mit konstruktiven und interessierten Beiträgen. „Auch davon gibt es viele, die sich gerne über die unterschiedlichen Erfahrungen austauschen, beispielsweise über die Schulen, Krankheitsverläufe oder auch finanzielle Notlagen.“ Als eines der großen Probleme sieht auch sie die Zusammenschlüsse via Telegram. Ihrer Erfahrung nach werden sie genutzt, um gezielt Beiträge in verschiedenen Medien mit Fake News, Hetze und Propaganda zu fluten und so für Unsicherheit bei den stillen Leser*innen zu sorgen.

Informationen verhindern Panik im besten Fall

Auf diese tausenden unterschiedlichen Kommentare zu reagieren: eine echte Mammutaufgabe. Die Devise dabei: Informationen verhindern Panik im besten Fall. Die Community-Managerin und ihr Team haben aus den Krisenmonaten gelernt. Ohne eine Strategie, an die sich jede und jeder im Team hält, funktioniert hier gar nichts. Die Workflows haben sich verändert, sowohl personell als auch inhaltlich und strategisch. Auch kleine Entscheidungen werden im Zweifel immer gemeinsam getroffen. „Wir haben gelernt, Shitstorms schneller zu erkennen und schneller zu reagieren. Dazu zählt auch eine schnellere Kommunikation innerhalb des Teams und die langfristige Verfolgung von strafrechtlich relevanten Kommentaren oder Trollen.“

Die Corona-Berichterstattung brauche viel Geduld, Aufmerksamkeit und stetige Weiterentwicklung. Und das gilt nicht nur für das digitale Community-Management, sondern auch für das Real-Life-Community-Management.

 

Beitragsbild: Volodymyr Hryshchenko/unsplash

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