Auf in unbekannte Welten!
Alltag Gesellschaftsleben Studentenleben

Zum Mythos der Selbstfindung

Vielen Schülern und Studierenden ist die Zukunft nach dem Abitur oder Studium noch ein graues, verschwommenes Bild voller Unklarheiten. Unter ihnen gibt es selbstverständlich auch jene, die schon seit dem Kindergarten wissen, dass sie Astronaut oder Friseurin werden, nach abgeschlossenem Studium den perfekten Job sicher haben. Das ist toll, doch der Rest steht erstmal ein wenig verdutzt herum, das Abi- oder Bachelor-Zeugnis in der Hand, kein Plan vom Leben. Also ab ins Ausland – zur Selbstfindung.

Auslandserfahrung sammeln ist eine gute Sache. Jeder Jahrgang scheint ein anderes Favoritenziel zu haben, zu meiner Zeit war es eben (Achtung, Klischee!) Australien. Und so folgte auch ich dem Drang, in das große weite Nichts auszubrechen. Weg von allem, in ein Abenteuer voller Magie, den Kopf voller Träume. In Zeiten von Instagram und Facebook macht es sich natürlich total gut, Hashtags wie #travel und #wanderlust zu posten. Daheimgebliebene Freunde und Familie staunen wahrscheinlich nicht schlecht, wenn sie verfolgen können, welche atemberaubende Natur und abgefahrene Erlebnisse ihr am laufendem Band kommuniziert. Aber die angepriesene Rechtfertigung, sich in unserem Alter auf die Suche nach sich selbst zu begeben, sich neu zu erfinden, verfehlt oft seinen eigentlich positiven Ursprung.

Das alles darf aber auch nicht über einen Kamm geschert werden, denn manche Länder versprechen tatsächlich einen Kulturschock. Man trifft Leute, die einem die Augen für neue Dinge öffnen, erlebt Sachen, die Ansichten vielleicht ändern, und kommt dann wie ein neuer Mensch zurück nach Hause. „Ich hab’ mich total verändert, mein Auslandsaufenthalt hat mir einfach gezeigt, wer ich wirklich bin.“ Aber Australien bietet das in den meisten Fällen nicht. Es ist ein westlich-europäisch geprägtes Land, mit ähnlichen Sitten, Verhaltensregeln und Kultur wie bei uns. Mag sein, dass es wirklich zu einer nennenswerten Weiterentwicklung eines Selbst kommt, doch in den meisten Fällen wird man vom Sonnenbaden und Berge besteigen kaum ein neuer Mensch. Ich will gar nicht bestreiten, dass jegliche Ereignisse etwas in einem Menschen bewirken können, tolle Erfahrungen sind das allemal! Es geht hierbei jedoch um den Mythos der Selbstfindung.

Plauze bräunen, inklusive neue Weltansicht

Die meisten verbringen 6-12 Monate im Ausland, arbeiten dort dann in einem Café, als Au-Pair oder auf einer Farm als Melonenpflücker. Dass die Umstände hart und das Leben unliebsam sein können, kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen. Und wenn diese harte Arbeit dann erledigt ist, man womöglich genug Geld zusammen gespart hat, um wirklich noch ein wenig zu reisen, beginnt erst der spaßige Teil.Urlaub oder Reise?

Auf der Suche nach sich selbst wird man aber nichts finden, wenn man Reiseanbietern und –agenturen so gut wie alles überlässt, von Transport über Unterkunft und Freizeitaktivitäten. Wolltest du nicht Selbstständigkeit erlernen? Erfahrungen sammeln? Dich selbst finden? Der Unterschied zwischen Reisen und Urlaub machen besteht nun mal darin, nicht alles sicher zu planen, sich den Touristenattraktionen hinzugeben und abends ins behütete Hotel zurückzukehren. Wir sind doch eigentlich auf der Suche nach dieser bestimmten Art von #travel, die Luft, die nach Abenteuer riecht, vielleicht auch einfach nach den Slums eines Vorortes. Gib dich dem Treiben der Menschen hin und lass mal den Zufall bestimmen, wo es hingeht. Denn in einer Masse von hunderten Leute, die mit ihren Handys dokumentieren, dass sie vor dem Opera House in Sydney stehen, begegnest du dir sicher nicht in einem neuen Licht. Höchstens im Blitzlichtgewitter der Touristen.

Wer bin ich, und was will ich eigentlich vom Leben?

Die Zeit im Ausland bietet oft die ideale Gelegenheit, aus einiger Distanz gewohnte Dinge aus einem neuen Blickwinkel heraus zu begegnen. Weit weg von den Einflüssen aus Familie und Freundeskreis kommt man so eventuell auf frische Gedanken, kann Vergangenes und Bevorstehendes aus unbekannter Perspektive betrachten. In etwa so, als würde man sich selbst den Spiegel vorhalten: wer bin ich? Was kann ich gut, was nicht so sehr? Wohin treibt es mich, was möchte ich erreichen? Und überhaupt, was erwarte ich von meinem Leben?Frei sein Allgemein betrachtet ist es nämlich absolut normal, in manchen Fällen sogar wünschenswert, sich auf die Suche nach sich selbst zu begeben. Das Ausbrechen aus dem Alltagstrott, das Erleben neuer Erfahrungen und das Entdecken unbekannter Orte, fremder Menschen und eigenen Fähigkeiten hilft in der Entwicklung jedes Menschen. Quasi hin zum eigenen idealen Selbst. Die Erkundungstour entlang der eigenen Persönlichkeit bietet allerlei Stolperfallen, zum Beispiel Dinge, die wir bereuen, andere wiederum, auf die wir stolz sind. Sich mit sich selbst auseinander zu setzen ist eine tolle Erfahrung, doch das passiert in den meisten Fällen nicht in den Backpacker-Hotspots entlang der East Coast, im coolsten Club der Stadt oder am bekanntesten Denkmal der Region. Es geht doch eigentlich darum, von allem Abstand, vor allem jedoch sich die Ruhe zu nehmen, den Gedanken und Gefühlen freien Lauf zu lassen.

Back Home…

Wenn diese Schüler, nach ihrem Auslandsaufenthalt Reisende genannt, dann in die Heimat zurückkehren und davon schwärmen, wie sehr sie die andere Kultur geprägt hat, frage ich mich manchmal, ob sie wissen, wie das klingt. Meine Zeit in Australien hat mich geprägt, natürlich, ich habe viele Dinge gelernt, meine Ansichten haben sich geändert, die Menschen, die ich auf meiner Reise kennengelernt habe, bleiben in meinen Erinnerungen – manche davon sind Freunde für’s Leben geworden. Deshalb will ich gar nicht bestreiten, dass diese Zeit im Ausland verändert. Fakt ist aber, ihr werdet keine vollkommen neuen Menschen. Euer Charakter wird sich im besten Fall weiter formen und es zeigt sich, was vorher nur leicht zu erkennen war. Aber du bist immer noch du selbst, egal, wie lange du weg warst. Am Strand liegen, den schönen Körpern beim Surfen zusehen, Milkshakes schlürfen und den besten Clubs der Stadt beizuwohnen, hat aber nichts mehr mit dieser berühmten Selbstfindung zu tun. Es sind die kleinen Dinge, die vielleicht dafür sorgen, dass man anfängt, über bisherige Gewohnheiten nachzudenken und Ansichten sich ändern. Nicht nur euren Mitmenschen verkauft ihr diesen Mythos, sondern auch euch selbst. Und wenn ihr mal ehrlich seid, wisst ihr das auch.

Lisa Hertwig

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.