Die Talkrunde bei Anne Will zum Thema 'Kraftprobe in NRW - Weichenstellung für den Bund?'. Bild: NDR/Wolfgang Borrs
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Zu Besuch bei Anne Will – mein Debüt als Gast einer politischen Talkshow

Die Talkrunde bei Anne Will zum Thema ‚Kraftprobe in NRW – Weichenstellung für den Bund?‘. Bild: NDR/Wolfgang Borrs

Das Studio hatte ich mir viel größer vorgestellt, die Sitzbänke viel komfortabler und Anne Will viel unmenschlicher – so könnte ein erstes Resümee lauten, nachdem ich am 14. Mai 2017 das erste Mal zu Gast in einer politischen Talkshow war. Anne Will, ich will!

Von Sarah Herpertz

„Sonntag 20.30 Uhr, Besuch der Polittalksendung Anne Will“, steht im Programm unserer Master-Exkursion nach Berlin. Okay Sarah, jetzt wird es ernst, das erste Mal zu Besuch bei einer politischen Talkshow. In Studios, bei ‚SternTV‘, ‚der ultimativen Chartshow‘ oder ‚Wer weiß denn sowas?‘ war ich schon, aber noch die zu Gast bei einer Show, beziehungsweise einer Talkrunde, die auch Ansprüche an das Publikum stellt. Schließlich will ich ja nicht dort sitzen und dem Gespräch nicht folgen können, denn hier geht es um Themen, harte Themen.

Anne Will in sozialen Netzwerken

Vor der Exkursion google ich also ausführlich Anne Will und ihre Sendung. Lesbisch, erste Frau bei der Sportschau, heute DIE Politik-Moderatorin, die keine geringere als Angela Merkel zum Interview trifft – Anne Will hat ganz schön was auf dem Kasten. Auch von der Redaktionsarbeit hinter den Kulissen der Talkshow bin ich begeistert. Der Internetauftritt der Sendung spricht mich auf Anhieb an. Wieso? Man hat das Gefühl, bei der Sendung ständen wirklich die Bedürfnisse des Zuschauers im Vordergrund. Kritik, Anregungen und Themenvorschläge sind gewünscht, außerdem kann jeder Zuschauer schon vor der Sendung mit anderen über das Thema der Runde diskutieren.
Schnell checke ich, wie viele Menschen der Sendung bei Facebook folgen und bin verwundert. Anne Will – die Sendung – hat keine offizielle Facebook-Seite. Dafür ist die Talkshow bei Twitter umso aktiver: 35 Tausend Follower und jede Menge Tweets und Retweets. Jeder Gast der Talkrunde kommt auch bei Twitter zu Wort: Es gibt verschiedene Social Cards mit Fotos und den besten Zitaten der Gäste aus der Runde. Außerdem werden dort die besten Ausschnitte der Sendung nochmal gepostet. Doch auch Interviews oder soziale Aktionen Anne Wills außerhalb der Talkshow werden dort abgebildet.

Das Thema der heutigen Sendung: die NRW-Landtagswahl

Das Thema der Sendung, in der ich zu Gast sein werde, wurde wie immer erst ein paar Tage vor dem Sendetermin bekannt gegeben. Es lautet ‚Kraftprobe NRW – Weichenstellung für den Bund?‘, denn es ist der Sonntag der Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen. Es ist aber auch der erste Tag in meinem Leben, an dem ich eine Professorin sagen höre: „Ich brauche jetzt erstmal ein Bier.“ Meine Professorin ist Mitglied bei den Grünen, die bei der Landtagswahl eine ziemliche Pleite einstecken mussten. Schlappe 6,4 Prozent erreichte die Partei und sorgte damit für eine riesige Enttäuschung – im Vorjahr waren es noch knapp fünf Prozent mehr.

Ich bin gespannt, wie sich der Vertreter der Grünen, Jürgen Trittin, in der Sendung schlagen wird. Außerdem zu Gast sind Volker Bouffier von der CDU, der sich zurücklehnen kann, denn seine Partei ist mit 33 Prozent Wahlsieger. Manuela Schwesig ist neben Moderatorin Anne Will die einzige Frau in der Runde. Sie wird sich wohl um Kopf und Kragen reden, denn auch die SPD hat mal wieder eine Wahlniederlage zu verzeichnen und liegt mit 31 Prozent hinter der CDU. Wolfgang Kubicki von der FDP ist auch vertreten, ein Wahlsieger, denn seine Partei kann mit guten zwölf Prozent und einem Zuwachs von vier Prozent mehr Stimmen glänzen. Als außerpolitisches Neutrum ist auch Giovanni di Lorenzo als Gast in der Sendung eingeladen, der Chefredakteur der ‚Zeit‘.

Strenge Regeln im Studio

Als ich ins Studiogebäude in Berlin Adlershof komme, herrscht eine angespannte Stimmung. Die meisten Zuschauer haben sich schick gemacht und sind aufgeregt. Bevor man überhaupt richtig in den Vorraum des Gebäudes reinkommt, führt kein Weg an der Garderobe vorbei. Hier heißt es: Alles abgeben, wirklich alles! Jacke, Tasche und Handy! Verdutzt schauen sich die Zuschauer an, doch wenn Anne Will das so will, wollen wir das natürlich auch. Zum Glück gibt es anschließend frische Säfte und Laugenbrezeln mit Butter, mit denen wir uns beschäftigen können, bevor die Show losgeht – ein Handy haben wir zur Zeitüberbrückung bekanntlich nicht.

Als es dann in den Saal hineingeht, bin ich überrascht, wie klein das Studio ist. Wir sitzen auf einfachen Holzbänken, die sogar eher provisorisch zusammengebaut wirken. Und wie immer frage ich mich, wieso ich von den Mitarbeitern genau dort hingesetzt wurde, wo ich jetzt Platz genommen habe. Bei Anne Will habe ich Pech und lande ganz oben rechts. Niemals werden mich meine aufgeregten Eltern im Publikum über ihren Bildschirm zu Hause finden. Wenigstens kann ich noch gut auf das Podest mit den weißen Sesseln schauen, auf dem gleich die Gäste wild diskutieren werden.

Anne Will – was für eine beeindruckende Frau

Kurz bevor es losgeht, erklärt uns der Aufnahmeleiter ein paar Infos zu Sendung. Auch die Gäste bekommen wir vereinzelnd schon zu Gesicht, denn sie machen schon mal ein paar Fotos. Und dann kommt sie: Anne Will begrüßt das Publikum kurz vor der Sendung persönlich und erinnert mich auf Anhieb an meine Tante. Eine zierliche, kleine, wunderschöne Frau, die unglaublich viel Sympathie und Kompetenz ausstrahlt. Sie wirkt so fröhlich und stressfrei, dass ich mich frage, wie so etwas kurz vor einer Live-Sendung möglich ist. Dann nimmt sie zusammen mit Herrn Lorenzo in der ersten Reihe Platz und scherzt noch mit ihm, bevor es heißt: „Fünf, vier, drei, zwei, eins, auf Sendung.“ Das Sendung könnt ihr euch hier anschauen:

Highlights der Sendung

Was mir während der Show besonders positiv aufgefallen ist, ist Anne Wills Hartnäckigkeit. Politiker reden gerne und viel – oft genug um den heißen Brei herum, doch davon hat sich Anne Will wenig beeindrucken lassen. Die Frau hakt nach – immer wieder – und hat keine Skrupel, ihren Gästen ins Wort zu fallen. Genauso spricht sie auch ein Machtwort, wenn ihre Gäste in eine Diskussion verfallen und die Regeln des Reden und reden lassens vergessen. Voller Staunen sitze ich auf meinem Platz und höre angeregt zu, permanent! Ich bin beeindruckt von den Politikern, die wie befürchtet, eben so agieren, wie ihre Partei bei der Wahl überzeugt hat oder eben nicht.

Volker Bouffier von der CDU ist ganz gelassen, wiegt sich in totaler Sicherheit, während Manuela Schwesig immer wieder betont, dass die SPD nun noch mehr Gas geben wird – was soll sie auch anderes sagen? Ich habe das Gefühl, wäre das Wahlergebnis zugunsten der SPD und nicht der CDU ausgefallen, hätte Bouffier Manuela Schwesigs Floskeln übernommen und sie seine. Wie auch immer, lernen durfte ich an diesem Abend ganz gewiss eine Menge! Am meisten von Anne Will.

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