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Zauberstab statt Pokeball: Nach Pokemon Go kommt Harry Potter


Dank „Harry Potter: Wizards Unite“ werden Spieler bald wieder einen Grund haben, das Haus für eine (virtuelle) Entdeckungstour zu verlassen. Gamesredakteur Patrick Sahler schaut auf die App zurück, die vor 2 Jahren genau dafür gesorgt hat: Pokemon Go. Die Harry Potter Society aus Bonn erklärt, wie der Nachfolger aussehen könnte und warum sie diese App mit gemischten Gefühlen erwartet.

Von Kora Maicher

Wer seit Jahren auf seinen Brief aus Hogwarts wartet, kann endlich aufatmen: Das Entwicklerstudio Niantic hat im November auf seinem Blog angekündigt, noch dieses Jahr die App „Harry Potter: Wizards Unite“ herauszubringen und uns so in die Welt des Zauberlehrlings eintauchen zu lassen. Rückblickend auf den riesigen Erfolg des Vorgängers Pokemon Go sollten wir uns auf die nächste große Massenbewegung gefasst machen – oder?

Für alle, die es inzwischen vergessen haben: Durch Pokemon Go gingen Menschen, ob Nerd oder nur Gelegenheitszocker, gemeinsam vor die Tür, um die virtuellen „Pokemon“ Tierchen zu fangen und zu sammeln. Diese tauchen durch die „augmented reality“ Technik (übersetzt: erweiterte Wirklichkeit) scheinbar in der realen Umgebung des Spielers auf, welche die Handykamera aufnimmt. Der große Hype um die App ist allerdings schon vergangen: die meisten hatten das Spiel schon einige Wochen nach dem Release im Sommer 2016 von ihrem Smartphone entfernt. Laut Niantic wurde die App in den ersten beiden Monaten nach dem Erscheinen nämlich 500 Millionen Mal heruntergeladen, die Zahl der monatlich aktiven Spieler erreichte Anfang 2017 jedoch „nur“ noch 65 Millionen. Auch wenn das immer noch eine vergleichsweise hohe Zahl ist, ist die Anzahl der Pokemontrainer insgesamt doch deutlich gesunken.

Ich selbst gehöre nicht zu den Menschen, die Pokemon Go heruntergeladen haben, da es mein Interesse nie wirklich geweckt hat. Deswegen habe ich mir Hilfe von Patrick Sahler geholt: Er ist Redakteur bei dem Videospiel-Magazin VORZOCKER und kann mir erklären, warum die App damals einen regelrechten Hype ausgelöst hat. Während ich mit ihm spreche, komme ich mir wie eine ahnungslose Mutter vor, der man die Jugend von heute erklären muss.

Ein Spiel, das verbindet – und Brücken sperrt 

Für Patrick hat den hauptsächlichen Reiz ausgemacht, dass man überall, wo man hinging, weitere Pokemonspieler traf. Als er an die Zeit zurückdenkt, gerät er auch ein wenig ins Schwärmen. Man lernte durch das Spiel beispielsweise neue Leute an Pokestops kennen: das sind reale, relevante Gebäude, an denen man Items sammeln kann. Oder man traf sich mit alten Schulkameraden an Arenen in der Heimatstadt wieder, die von anderen Spielern besetzt wurden, und versuchte, diese gemeinsam für das eigene Team einzunehmen.

„Die Stadt musste irgendwann Dixiklos aufstellen, weil es so einen Andrang an Leuten gab.

Für die einen war das Zusammenkommen der vielen Spieler zwar ein positives Erlebnis, bei anderen dürften die daraus resultierenden, kuriosen Situationen für Ärgernis gesorgt haben. Patrick erzählt, dass unter anderem Spieler in Düsseldorf auf der Girardet-Brücke campierten, da man von dort aus gleich vier Pokestops auf einmal aktivieren konnte. In Folge dessen musste die Brücke an mehreren Tagen gesperrt werden: „Es gab Leute, die da Bratwürstchen gegrillt haben. Die Stadt musste irgendwann Dixiklos aufstellen, weil es so einen Andrang an Leuten gab. Das war schon der Wahnsinn“. Solche News gibt es inzwischen nicht mehr. Doch warum haben die Spieler ihren Job als Pokemontrainer schließlich an den Nagel gehängt?

An Pokemon Go kam im Sommer 2016 keiner vorbei
An Pokemon Go kam im Sommer 2016 keiner vorbei

Wie bei vielen war auch bei Patrick die Lust nach ein paar Wochen vergangen. Er erklärt, dass Pokemon Go für die meisten schnell repetitiv wurde, weswegen die Begeisterung schnell abflaute. Durch die sinkende Zahl an Mitspielern fehlte der Reiz, den die vorherige Gruppeneuphorie mit sich brachte. Es erschienen immer dieselben kleinen Monster in Patricks Umgebung, und viel mehr spielerischen Inhalt als das ständige Wischen auf dem Bildschirm, um diese einzufangen, gab es nicht. Auch die Kämpfe in den Arenen boten zu wenig Abwechslung. Doch obwohl sich die Mehrheit der Spieler schnell verabschiedet hat, sei das Spiel kein Flop, erklärt Patrick. Es gebe immer noch eine üppige Stammspielerschaft, die sich über News und Updates freue und die App für Niantic rentabel halte. Die von mir befragten Harry Potter Experten gehören nicht zu den noch aktiven Spielern. Ihre Meinung zu Pokemon Go und ihre Verbesserungsvorschläge für den Harry Potter Nachfolger sollte sich Niantic zu Herzen nehmen.

Hoffentlich verkacken die das nicht.“

Da mir keiner besser erklären kann, wie „Harry Potter: Wizards Unite aussehen könnte, besuche ich die Zauberlehrlingsexperten Annika, Catharina und Lea aus der Harry Potter Society der Uni Bonn. Diese wurde von den Dreien vor einigen Jahren ins Leben gerufen, inspiriert durch das Pendant der Oxford Universität. Sie sind mit Harry Potter aufgewachsen, und da es außer ihnen vielen so geht, konnte man durch den Club schnell neue Leute kennen lernen. Zusammen wurden Abende im Pub verbracht, ein Trimagisches Turnier veranstaltet oder Quidditch trainiert. Sie erklären mir, was sie an Harry Potter immer noch so fesselt: „Die Harry Potter Welt ist so unglaublich detailreich, jedes Mal, wenn ich die Filme schaue, fällt mir etwas Neues auf”, erzählt Lea. Annika sieht es ähnlich: „Ich finde es faszinierend, dass egal in welchem Alter ich die Bücher lese, ich immer etwas daran finde, das mir gefällt”. Und obwohl die ursprüngliche Harry Potter Reihe um dessen Schulzeit in Hogwarts sowohl in Buchform als auch im Kino seit ein paar Jahren beendet ist, werden durch die aktuelle Prequel-Reihe „Fantastic Beasts” jüngere Generationen für das Zaubereruniversum gewonnen. „Die können ja damit anfangen und dann Harry Potter besser finden”, merkt Annika an. Die Fangemeinde um die Geschichten bleibt also weiterhin groß, was man auch an diversen Fanprojekten sehen kann, wie dem jüngst auf Youtube veröffentlichten Film Voldemort: Origins of the Heir, der schon 12 Millionen Mal geklickt wurde.

Ich dachte, die drei Fans wären bei der Ankündigung der Harry Potter App total aus dem Häuschen, doch Lea erklärt mir, warum sie reserviert sind: „Mein erster Gedanke war: Hoffentlich verkacken die das nicht‘. Aber dann dachte ich auch, dass Harry Potter bessere Möglichkeiten bietet. Ich hoffe, die lernen aus der Kritik, die sie bei Pokemon Go bestimmt bekommen haben”. Catharina sieht das ähnlich: „Ich war auch ein bisschen zurückhaltend, weil ich weiß, wie mies ich im Nachhinein Pokemon Go fand”. Die Begeisterung über Niantics Erfolgsapp hält sich bei ihnen offensichtlich in Grenzen. Auf Nachfrage zu ihren Erfahrungen mit dieser wird mir erstmal Augenrollen und Seuftzen entgegengebracht. Sie bemängeln die oben genannten Kritikpunkte vieler Nutzer, nämlich, dass sie nach dem fünfzigsten gefangenen Taubsi keine Lust mehr hatten. Für Lea, die auch Pokemon seit ihrer Kindheit kennt, ist das Spiel durch das abgespeckte Kampf- und Levelsystem nie an die Konsolenspiele von Nintendo herangekommen. Die drei haben aber Ideen, wie die kommende App Harry Potter Fans überzeugen kann.

Die Zauberformel für ein gelungenes Spielerlebnis

Catharina wünscht sich vor allem, dass von „Wizards Unite” ein größerer Anreiz über längere Zeit ausgeht. In der Diskussion, wie das gelingen könnte, wird deutlich, dass das Zauberer-Universum dafür genug Möglichkeiten bietet: Grundsätzlich sollen möglichst viele Details aus den Büchern und Filmen der Reihe in das Spiel eingebaut werden, um für ein abwechslungsreichen Spielerlebnis zu sorgen. Am Anfang empfiehlt sich ähnlich wie bei Pokemon Go, die Spieler in unterschiedliche Teams aufzuteilen – in diesem Fall in die vier Hogwarts-Häuser Gryffindor, Ravenclaw, Hufflepuff und Slytherin. Anstatt eines sprechenden Hutes, der die Zugehörigkeit zufällig verteilt, sollte Niantic die Wahl lieber den Spielern überlassen. Eingefleischte Harry Potter-Fans wissen, wohin sie gehören, und wollen für kein anderes Team Hauspunkte sammeln:

Mit der App könnte Bonns Innenstadt zur Winkelgasse werden.
Mit der App könnte Bonns Innenstadt zur Winkelgasse werden.

„Wenn ich nicht in Ravenclaw eingeteilt werde, muss ich die App halt wieder löschen.”

Zaubersprüche, die man mit steigendem Level erlernen kann, könnten außerdem mit unterschiedlichen Wisch-Bewegungen auf dem Bildschirm ausgeführt werden, wenn man sich beispielsweise mit anderen duelliert. Außerdem könnten Zaubertränke, Tierwesen, die Suche nach den Heiligtümern des Todes und Events wie Quidditchmeisterschaften oder das Trimagische Turnier für mehr Variation sorgen. Als Hindernisse bieten sich dunkle Magier à la Todesser an, die es zu bekämpfen gilt – wenn man sich nicht selbst auf die dunkle Seite begibt. Die Harry Potter Society hofft außerdem auf eine weiterentwickelte Spielwelt: Es wäre interessanter, wenn nicht, wie beim Vorgänger, einfach nur die reale Umgebung gezeigt wird, sondern ein detailliertes Umfeld mit thematisch passenden Animationen dargestellt werden könnte. Beispielsweise kann so aus jedem Wald ein mysteriöser Verbotener Wald werden, man könnte in Städten durch die Zauberer-Shoppingmeile Winkelgasse flanieren, oder gelegentlich durch Hogwarts stolpern.

Alle Ideen gehen auf den Wunsch zurück, dass die App J.K. Rowlings Liebe zum Detail widerspiegeln wird, die sie in der Zauberer-Reihe beweist. „Es wäre schön, wenn man Wizards Unite spielt und Harry Potter auch wieder erkennt”. Dann würden bestimmt wieder Millionen Harry Potter-Fans gemeinsam draußen spielen und in Erinnerungen an ihre Kindheit schwelgen.

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