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Working oder Holidays ? Die unsichtbare Herausforderung für junge Taiwanesen

Working-Holiday ist jetzt eine populäre Art der Reise. Es ist wahrscheinlich schwer vorzustellen, dazu würde es Vorwürfe oder negative Bewertung geben. Aber es ist in Taiwan manchmal so. Die niedrige Löhne und nicht ideale Arbeitsumgebung können die Ursachen sein, dass jungen Taiwanesen Working-Holidays als eine andere Arbeitswahl gelten.

Von I Chun Cheng

Es ist immer schön, in der jungen Zeit die anderen Ecken der Welt zu entdecken, neue Erfahrungen zu sammeln oder verschiedene Kulturen kennenzulernen. Dabei gibt es nur ein Problem: Die Reisekosten.

Working-Holidays sind eine sehr populäre Art der Reise. Dem Auswärtigen Amt zufolge sollen Working-Holidays jungen Menschen im Alter von 18 bis 30 Jahren die Möglichkeit zu einem Einblick in Kultur und Alltagsleben des jeweils anderen Landes geben. Bis zu 12 Monate im Ausland sind möglich. Zur ergänzenden Finanzierung des Aufenthalts können Ferienjobs angenommen werden. Eine Beantragung des jeweiligen Wunschlandes ist bei jeder dort ansässigen Auslandsvertretung möglich.

2004 hat Taiwan das Visum für Working-Holidays eingeführt. Anfangs konnte man nur nach Australien fahren. Doch schon früh schloss Taiwan einen Vertrag mit fünfzehn weiteren Ländern, sodass viele Bürger die Möglichkeit auf Working-Holiday bekamen. Zwar ist der Ursprung der Working-Holidays bedeutungsvoll. Aber das Programm macht zunehmend einen schlechten Eindruck auf die Taiwanesen, die die Working- Holidays wegen diverser Aspekten kritisieren.

Die richtige Motivation des Working-Holidays

Wenn die jungen Taiwanesen ins Ausland fahren, so bekommen sie Vorwürfe wie „Hedonismus“, “Zeitverschwendung“ oder „Warum machst du im Ausland körperliche Arbeit, wenn du einen Abschluss von der Uni hast? “ zu hören.

Hinzu kommt, dass es in der letzten Jahren negative Berichte über Taiwanesen im Working-Holiday in Australien gibt. Sie stellen dar, dass die Reisenden lange arbeiten, aber keine soziale Versicherung bekommen, einen niedrigen Lohn erhalten und Ähnliches. Trotzdem fahren jedes Jahr noch viele junge Taiwanesen ins Ausland, weil es sich untereinander herumspricht, dass sie dort viel Geld verdienen können.

Die Motivation der jungen Reisenden ist nicht unbedingt immer mit Geld verbunden, aber die Kritik, dass junge ausgebildete Taiwanesen nicht in Taiwan arbeiten möchten, ist tatsächlich tief in der Gesellschaft verwurzelt.

Jadon He (links) mit dem bekannten Boxmeister (rechts) und seinem Sohn (mitte). Foto: Jadon He.
Jadon He (links) mit dem bekannten Boxmeister (rechts) und seinem Sohn (mitte). Foto: Jadon He.

Der junge Taiwanese Jadon He war vorher Sportlehrer an einer Grundschule. Er ist einer von vielen jungen Menschen, die sich in Australien im Working-Holiday engagiert haben. Der 28-jährige hat das vorletzte Jahr in Australien verbracht und in dieser Zeit an vier Orten gearbeitet, wie z.B. im Restaurant, in der Fabrik und als Verkäufer. Er hat entlang der östlichen Küste gecampt, wie er im Gespräch sehr nostalgisch beschreibt: „Ich habe vorher nicht gedacht, dass das Leben in Australien mir so sehr gefallen würde.”

Während seiner Reise hat er viele Anekdoten gesammelt, ein sehr beeindruckendes Event war, dass er einen bekannten Boxmeister am Strand kennengelernt hat, wo sie zusammen ein paar Schläge ausgetauscht haben. Jadon He lacht und sagt: „Ich war vorher Sportlehrer, aber dieses Trainieren fiel sogar mir sehr schwer“. Er und der Boxer halten bis heute noch Kontakt.

Kings Canyon, Australien. Foto: Jadon He
Kings Canyon, Australien. Foto: Jadon He

Tatsächlich sei ein sehr wichtiger Grund für seine Entscheidung für Working-Holidays gewesen, dass in Taiwan Arbeitszeit und Freizeit nicht so klar zu trennen sei. In der Freizeit fordere der Chef, dass er noch erreichbar sei und auf Anrufe reagieren müsse. Zunehmend fühlte er sich unglücklich. Das war der Moment, als er entschieden hat, nach Australien zu fahren.

Er betont auch, dass es nicht sein Hauptziel war, viel Geld zu verdienen. Das Geld, was er verdiente, sollte nur seine Reise am Laufen halten. Nur seine Familie war dagegen. Sie fragten ihn: „Warum gehst du ins Ausland, um dort niedere Arbeit zu machen?“.

Die obengenannte Kritik zu Working-Holidays hält er für Vorurteile. Wenn man in Taiwan körperliche Arbeit mache, verdiene man normalerweise viel weniger als die Leute, die im Büro arbeiten. In Australien sei es nicht unbedingt so. Die Motivation der Taiwanesen für Working-Holidays ist eng mit der Verbindung von traumhafter Arbeitsumgebung und den fairen Gehaltsbedingung verbunden.

Choya Chang beim Oktoberfest. Foto: Choya Chang
Choya Chang beim Oktoberfest. Foto: Choya Chang

Die Taiwanesin Choya Chang war vorher ein Jahr in Deutschland, wo sie ungefähr sechs Monate im Schuhladen als Verkäuferin gearbeitet hat. Am Anfang war ihre Motivation für Working-Holidays schlicht, dass sie neue Lebenserfahrung sammeln wollte. Sie denkt, die Kritik über Working-Holidays sei teilweise richtig, aber manchmal auch ungerechtfertigt. Was man im Working-Holiday mache, müsse nicht unbedingt einen Vorteil für die zukünftige „richtige“ Arbeit bringen, aber gleichzeitig lerne man auch ganz andere Fähigkeiten dabei.

Niedriger Lohn sei wahrscheinlich einer der Gründe, warum die jungen Menschen nicht in Taiwan arbeiten möchten.

Das Problem der niedrigen Löhne

Yen Chi Lu untersucht auf dem Tarifsystem und dem Lohngesetz in Deutschland und dazu vergleicht mit der Situation in Taiwan. Foto: Yen Chi Lu
Yen Chi Lu untersucht das Tarifsystem und das Lohngesetz in Deutschland und dazu vergleicht mit der Situation in Taiwan. Foto: Yen Chi Lu

Yen Chi Lu studiert momentan im Studiengang Politikwissenschaft M.A. an der Universität Bonn. Vorher hat er bereits an der Freien Universität Berlin seinen Bachelor in Politikwissenschaft gemacht.

Er erklärt, wenn man den nominalen Lohn in Taiwan in den vergangen Jahren beobachtet, so ist dieser leicht gestiegen. Aber wenn man die Inflation berücksichtigt, seien die Löhne eher zurückgegangen. Der gesetzliche monatliche Lohn ist aktuell 21,009 TWD (ungefähr 605,75 Euro, nach Wechselkurs am 16.07.17), solange die Unternehmen höhere Geldsummen als bezahlen, gilt die Arbeit als fair bezahlt und legal. Das heißt, Servicekräfte oder körperliche Arbeiterinnen, um deren Arbeitsrechte sich nicht viel gekümmert werde, bekommen oft nur niedrige Monatslöhne. Er betont, dafür sei die Gewerkschaft ein sehr wichtiger Faktor. Er sagt, dass es in Deutschland sehr mächtige Gewerkschaften gebe, die die Arbeiterinnen schützen und für sie mit Unternehmen den Arbeitslohn aushandeln können. Obwohl in Taiwan Gewerkschaften seit längerem existieren, gab es aber keine gültigen Gesetze, die Gewerkschaften absichern konnten, daher wurden die Gewerkschaften quasi von Unternehmen und der Regierung kontrolliert und hatten keine faktische Hilfe für Arbeiterinnen. Erst 2011 habe die Regierung relevante Gesetze überarbeitet, damit Gewerkschaften mehr selbstständige Rechte als vorher haben, doch der Organisationsgrad der Gewerkschaften sei in Taiwan noch sehr gering. Unter diesem Umstand sei es schwierig, den gesetzlichen Arbeitslohn zu erhöhen.

Jungen Menschen möchten nicht mehr bleiben 

Die Folge des niedrigen Lohn auf langfristiger Sicht ist, dass viele Menschen einfach ins Ausland fahren, um eine bessere Arbeitsmöglichkeit und ein höheres Gehalt zu bekommen. Nach der Generaldirektion für Budget, Rechnungswesen und Statistik in Taiwan ist der Beschäftigungsanteil der Bürger im Ausland bis 2015 ungefähr 4,16 Prozent, darunter nehmen Taiwanesen, die einen universitären Abschluss haben, 72,5 Prozent ein und ein Drittel sind jungen Menschen, die unter 35 Jahre alt sind. Die Statistik schließt dabei nicht die jungen Menschen ein, die Working-Holidays gemacht haben.

Zu der Kritik gegen junge ausgebildete Menschen, die Working-Holidays gemacht haben, äußert sich Yen Chi Lu kritisch: „Der Bildungsstand korreliert nun nicht positiv mit den Gehaltsvorstellungen der jungen Taiwanesen“. Wenn man eine lange Zeit an der Uni verbracht habe, könne die Gesellschaft nicht den entsprechenden Arbeitslohn anbieten, dann wäre es nachvollziehbar, wenn jungen Menschen nicht mehr in Taiwan bleiben möchten. Der Anteil an Arbeitslosen in Taiwan sei auch nicht hoch gewesen, das Hauptproblem sei niedriger Arbeitslohn.

Egal, mit welcher Motivation man sich für Working-Holiday entscheidet, wir können sagen, dass es nur eine persönliche Entscheidung ist. Das zentrale Problem ist die Kritik gegen eine solche persönliche Option, deswegen sollte man keine Vorwürfe über Working-Holidays verbreiten, sondern versuchen, über das eigentliche Problem in Taiwan selbst zu diskutieren, um eine Lösung zu finden.

 

 

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