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Wie Klima tragbar wird

Eine Reportage von Julia Lüthgen

Für drei Tage nach New York zu fliegen gilt heute nicht mehr nur als Prestige, sondern wird zunehmend kritisch gesehen (Stichwort flightshaming). Wer im Supermarkt für drei Bananen noch zwei Plastiktüten verwendet, erntet verständnislose Blicke. Klimaschutz bekommt in den Medien und in der Gesellschaft in letzter Zeit mehr Aufmerksamkeit. Grund dafür sind unter anderem Initiativen wie #fridaysforfuture oder #extinsionrebellion, die versuchen das Bewusstsein für Klimaschutz in der Gesellschaft zu steigern. In der öffentlichen Diskussion geht es allerdings oft um das Fliegen oder um Ernährung, aber was ist mit der Modeindustrie?

Sechs Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen werden durch die Textilindustrie verursacht. 2015 wurden so 1,2 Milliarden Tonnen CO2 produziert – mehr als durch die internationalen Flüge und die Schiffsfahrt zusammen. Bei der Textilveredelung werden bis zu 6.500 verschiedene Chemikalien verwendet, sodass zehn bis zwanzig Prozent des weltweiten Pestizideneinsatzes durch die Textilindustrie verschuldet ist. Um ein Kilo Garn zu färben, werden ungefähr 60 Liter Wasser benötigt. Die Folge: 17 bis 20 Prozent des industriellen Abwassers und zwanzig bis fünfunddreißig Prozent der mikroplastischen Ströme in den Ozeanen gehen auf die Mode zurück.

Dass die Modeindustrie nicht unbedingt gut für unsere Umwelt ist, von den Arbeitsbedingungen in Bangladesch, China und so weiter hier mal bewusst abgesehen, ist eigentlich jedem klar. Aber die Zahlen schockieren dann doch. Kerstin Steingaß ist Leiterin von kiss the inuit in Bonn. Das Kleidungsgeschäft bietet ausschließlich ökologisch und fair produzierte Ware an. „Es ist eigentlich einer der größten Umweltverschmutzer, den es gibt insgesamt, die Modeindustrie“, so Steingaß, die seit Beginn der Eröffnung des Geschäftes vor fast sechs Jahren dabei ist.

Aber wieso wird beim Shoppen nicht so sehr darauf geachtet wie beim Einkaufen von Lebensmitteln? Die Leiterin vermutet, dass viele Menschen über die Lebensmittel überhaupt erst auf das Thema Umweltschutz kommen, das gäbe es schon viel länger. In der Modeindustrie dauere das, bis die Menschen auch hier ein Bewusstsein dafür entwickeln. „Es ist halt sehr abstrakt.“

Auswirkungen von #fridaysforfuture könne man aber schon spüren. Kunden in ihrem Laden fragten sie oft kritisch, woher denn die T-Shirts, Pullover eigentlich genau herkämen und wie beziehungsweise unter welchen Bedingungen sie produziert wurden. Bei kiss the inuit wird die Kleidung von etwa 25 verschiedenen größeren und kleineren ökofairen Marken produziert. Kerstin Steingaß erkennt aber auch, dass sie sich hier in einer Blase bewegt. „Wir denken natürlich das Thema ist total wichtig für alle, aber wenn man jetzt irgendwo in der Sternstraße mal rumfragen würde, würden die meisten Leute wahrscheinlich sagen es wäre ihnen egal oder sie würden gar nicht darüber nachdenken.“

Kiss the inuit in Bonn/ Foto: Julia Lüthgen

 

Kleine Schritte in Richtung Klimaschutz

Die Unternehmerin sieht aber auch die kleinen Fortschritte in Richtung Klimaschutz. Der ökologisch faire Sektor der Modeindustrie sei der Einzige, der zurzeit wachse. Und auch andere große Firmen, wie C&A, seien auf dem richtigen Weg. C&A ist der weltweit größte Abnehmer an Biobaumwolle. Diese Baumwolle ist auch GOTS zertifiziert. Die Abkürzung von Global Organic Textile Standard steht für ein weltweit angesehenes Zertifikat, das ökologisch und faire Produktion von Kleidung garantiert: Also auch keine Kinderarbeit. Außerdem ist C&A auf dem Weg eine sogenannte circular fashion einzuführen, bei der Mode so lange wie möglich effektiv in der Gesellschaft eingesetzt wird und in die Biosphäre zurückkehrt, wenn sie vom Menschen nicht mehr genutzt wird. H&M, als Gegenbeispiel, bringt teilweise jede zwei Wochen eine neue Kollektion heraus. Die Folge: Viele Anziehsachen werden nicht gekauft und schlichtweg verbrannt. Doch auch sie versuchen, durch sogenannte Bio-Jeans oder der Möglichkeit die Kleidung wieder zurückzubringen, auf den Zug des Klimaschutzes aufzuspringen und betreiben sogenanntes greenwashing. Die Bezeichnung für den Versuch von Firmen, sich für ökologische Projekte nach außen umweltbewusst darzustellen – ein Unterschied zwischen den Unternehmen, der vielen nicht bewusst ist. „Aber ich meine vielleicht ist es auch ein Anfang“, meint die Leiterin nachdenklich.

Warum so viele Menschen überhaupt in Geschäften wie H&M oder Primark einkaufen, ist einfach – es ist schlichtweg billig. Wenn ein T-Shirt im Laden nur fünf Euro kostet, ist jedem klar, dass es zu diesem Preis nicht auch noch ökologisch und fair produziert sein kann. Das Dilemma, in dem man steckt, kennen viele bestimmt nur allzu gut. Aber das Problem für die Party heute Abend kein Oberteil zu haben, ist dann doch präsenter und näher als die Mikroplastikströme im Ozean. Kurzum: Das Geld spielt für einen ökologisch, klimafreundlichen Einkauf eine große Rolle. Studenten zum Beispiel sind aber meistens eher knapp bei Kasse. Kerstin Steingaß weiß das, sie war früher selbst Studentin und hat hierfür Verständnis. „Wir können uns natürlich nicht mit H&M oder Primark vergleichen, das wollen wir aber auch gar nicht.“ T-Shirts kosten bei kiss the inuit zwischen 25 und 39 Euro. Damit seien sie im mittleren Preissegment mit Marken wie ZARA, Esprit und so weiter. Jeans liegen hier zwischen 90 und 130 Euro, das ist nicht wenig Geld, aber ist immer noch billiger als eine Levis-Jeans, die weder biologisch noch fair produziert sei.

Die Leiterin des Bonner kiss the inuit sieht die Verantwortung für eine klimafreundliche Produktion von Kleidung aber nicht nur bei den Menschen und ihrer Bereitschaft hierfür mehr Geld auszugeben, sondern auch in der Politik. Sie fände es schön, wenn sie auch die ein oder andere Weiche stellen würde. Durch Aktionen wie den grünen Knopf wird es in der Politik zwar präsenter, aber es liege auch und vor allem am Gesetzgeber, die Voraussetzungen zu schaffen, dass manche Dinge einfach nicht mehr erlaubt seien. Außerdem läuft aktuell die Petition Nachhaltige Mehrwertsteuer-Reform – ökologische Wende für Nahrung, Kleidung, Verkehr und Energie, die einen Mehrwertsteuersatz von 7 Prozent auf alle ökologisch erzeugten Produkte fordert, also nicht nur auf Lebensmittel, sondern auch auf Kleidung. So würden ökologische Produkte günstiger werden. „Dann würde zum Beispiel ein Produkt was hier 100 Euro kostet, dann vielleicht nur noch 89 Euro kosten.“ Für diejenigen, die online teilnehmen möchten gelangen hier zur Petition: https://weact.campact.de/petitions/nachhaltige-mehrwertsteuer-reform-okologische-wende-fur-nahrung-kleidung-verkehr-und-energie 

 

Tipps für ein tragbares Klima

Dass man ab morgen alle Klamotten weggibt, die man im Schrank hat und nur noch ökologisch einkauft, ist weder realistisch noch nachhaltig. Dennoch gibt Kerstin Steingaß Anregungen, auf die jeder achten kann: Lieber weniger kaufen und dafür gut aussuchen, was man braucht; mehr im Secondhandladen shoppen und wenn man etwas länger als ein Jahr nicht mehr angezogen hat – dann nichts wie weg damit zum Secondhandladen. Eine Regel, die eigentlich jeder kennt, aber trotzdem finden sich in vielen Schränken einige Oberteile, die seit Langem nicht mehr angezogen werden. Entscheidet man sich für ein hauptsächlich klimafreundliches Einkaufen in ökologischen Läden, in denen die Outfits dann etwas mehr kosten, rät die Unternehmerin mit Basics anzufangen, die man dann ergänzen kann. „So habe ich das auch gemacht.“ Beim Einkaufen kann außerdem auf Siegel, wie das oben beschriebene, GOTS- oder auf das Fair Wear Foundation-Siegel (FWF) geachtet werden.

Kiss the inuit in Bonn und auch in Köln bieten außerdem einen ökofairen Kleidertausch an. Hier kann ökologisch und faire Kleidung abgegeben und dafür etwas anderes von der Kleidertauschstange ausgesucht werden. Die Kleidung muss dafür auch nicht in dem Laden gekauft sein. In Köln wurden dafür auch ganze Partys veranstaltet und zwar nicht nur für Klamotten. Es gibt Curvytauschpartys, Kostümtauschpartys, Pflanzentauschpartys oder Weihnachtsdekotauschpartys. Wer also das Gefühl hat, sich mal endlich wieder eine neue Jeans oder doch noch das neue T-Shirt für die Party heute Abend kaufen zu wollen, schnappt sich einfach einen alten Pulli und tauscht ihn ein gegen ein anderes Oberteil von der Tausch-Stange. So wird Klima dann doch tragbar.

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Öko-Loop, die Kleidertauschstange in kiss the inuit/ Foto: Julia Lüthgen

 

Foto: Congerdesign/Pixabay

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