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WG-Suche in Corona-Zeiten: „Man kann nicht in jede Ecke gucken“

Die neuen Mitbewohner*innen im Skype-Gespräch kennenlernen? Für viele junge Menschen war das während der Isolationsphase im Sommersemester normal. Die Corona-Pandemie machte auch keinen Halt vor den eigenen vier Wänden und der WG-Suche. Ein Onlineportal liefert aber auch überraschende Beobachtungen.

Von Sabrina Szameitat

Bonn-Südstadt, Altbau, gute 20 Quadratmeter, Balkon mit Gartenblick, helle Möbel. Preis: 450 Euro warm. Als Studentin Christine im April mit ihren beiden Mitbewohnerinnen dieses Inserat auf die beliebte Wohnungsplattform „WG-gesucht.de“ stellte, sah es draußen auf den Straßen in etwa so aus: Anwohner, die mit einer Maske vor Nase und Mund über den Gehweg eilen, bedacht darauf, niemandem zu nahe zu kommen. Schlangen vor den Supermärkten. Menschen, die noch eine Packung Mehl oder die letzte Rolle Toilettenpapier ergattern wollen. Soziale Kontakte? Lieber nicht. Und wenn, dann nur per Video-Stream oder Chatprogramm.

Die Corona-Pandemie hatte Deutschland wie auch die anderen Länder in der Welt seit Mitte März eine Weile lang fest im Griff. Das öffentliche Leben kam während der Isolationsphase im März und April zum Stillstand. Und doch war Christines WG in dieser Zeit auf der Suche nach einem/einer Mitbewohner/in – genauso wie andere junge Menschen eine neue Unterkunft gesucht haben. Wie lief das ab in Corona-Zeiten?

Durch die Quarantänemaßnahmen hätten sich einige Schwierigkeiten ergeben, berichtet Christine: „Der Aufwand vor den Besichtigungen war größer. Man hat vorher geskyped, um die Leute kennenzulernen und schon mal auszusortieren.“ Dadurch sei nochmal mehr Zeit draufgegangen. Die Treffen per Online-Video mussten schließlich auch geplant werden, daneben stand in der vorlesungsfreien Zeit auch noch eine Hausarbeit für den Master in Medienwissenschaft an. Insgesamt seien um die 20 Bewerbungen für das WG-Zimmer in der Nähe des Hauptbahnhofs zwischen der Poppelsdorfer Allee und der Reuterstraße eingegangen – weniger, als es ohne die Pandemie gewesen wären, ist sich die Studentin sicher.

Ist die Person jemand, die viel lacht oder nicht?

Bewerber*innen wurde dann im Online-Modus die Wohnung gezeigt. Diejenigen, die im Gespräch per Skype oder FaceTime sympathisch wirkten, kamen dann für eine persönliche Besichtigung in die WG. Wie das war? „Während der Besichtigung hat man natürlich auf Abstand geachtet und Masken getragen. Man konnte nicht sehen, wie die Leute reagieren auf gewisse Dinge, Räume und so weiter“, erzählt die 24-Jährige im Rückblick. „Es fiel auch schwer, zu erkennen, ob die Person jemand ist, die viel lacht oder eben nicht.“ Das habe insgesamt die Stimmung etwas gedrückt.

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Nach etwa drei Wochen hat Christines WG in der Bonner Südstadt für das frei gewordene Zimmer eine neue Mitbewohnerin gefunden. Foto: Sabrina Szameitat

Ein Eindruck, den Theresa aus Bonn bestätigen kann. Die Masterstudentin hatte im Frühjahr ihr WG-Zimmer online gestellt, um sich eine neue Wohngemeinschaft zu suchen. Sie war also Bewerberin und WG-‚Casterin‘ zugleich. Ihrer Meinung nach gestaltete sich die Suche umständlicher als sonst: „Es war nicht so leicht, das Eis zu brechen am Anfang. Dann hängt die Verbindung zum Beispiel und technische Schwierigkeiten hat man ja immer mal“, sagt Theresa im Hinblick auf die Gespräche per Skype und Co.

Und trotzdem: Die Technik muss nicht immer gleich ein Minuspunkt sein. Ein Zimmer in Poppelsdorf – das deutlich schöner sein soll als der alte Raum – fand die Studentin am Ende doch noch. Obwohl sie mit ihrer neuen Mitbewohnerin nur bei Skype geredet hatte und sogar andere Leute zur Live-Besichtigung vor Ort waren. Generell habe sie das Gefühl gehabt, dass es insgesamt weniger Anzeigen, aber auch weniger Bewerber*innen und somit weniger Konkurrenz gab.

Anzeigen im Schnitt eine Woche länger aktiv

Die Internet-Plattform „WG-gesucht.de“, das laut eigenen Angaben größte Portal für WG-Zimmer und provisionsfreie Wohnungen in Europa, hat in den ‚Lockdown-Monaten‘ ähnliche Beobachtungen gemacht. Der Wohnungsmarkt habe sich zwischenzeitlich durch die Corona-Pandemie verändert, Anbieter und Suchende seien verunsichert gewesen. In dieser Zeit, also zwischen März und Mai, verzeichnete das Portal deshalb zunächst einen Zahlenrückgang auf der Internetseite.

„Die Nachfrage variierte in Abhängigkeit von der Angebotsform. Bei befristeten Angeboten mit einem Einzugstermin ab April bis Mai hatte sich die Nachfrage der Situation angepasst und reduziert“, teilte Pressesprecherin Annegret Mülbaier mit. Die Angebote mit einem Einzugsdatum in diesem Zeitraum wurden im Vergleich zu anderen Angeboten häufiger aktualisiert und waren durchschnittlich eine Woche länger aktiv. Mittlerweile hätte sich die Lage aber wieder entspannt, hieß es weiter.

Christine glaubt, dass die geringere Nachfrage auch mit dem Sommersemester per se zusammenhängt: „Das Sommersemester hat es meiner Meinung nach insofern erschwert, als dass viele Studiengänge ja erst zum Winter erst starten und deswegen sowieso nicht so viele Leute zum Sommer hin umziehen müssen“, vermutet sie.  Dazu komme der Online-Modus, mit dem die rund 70 Universitäten in Nordrhein-Westfalen ab dem 20. April gestartet hatten. Viele Studierenden hätten einfach nicht den Druck gehabt, umzuziehen, weil sie ihren Vorlesungen im Home Office vor dem eigenen Schreibtisch zuhören konnten. „Sicherlich haben sich viele das auch zweimal überlegt, ob sie jetzt neue Leute kennen lernen möchten“, sagt Christine.

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Die 70 Hochschulen in NRW wechselten im Sommersemester in den Online-Modus. Studenten folgten den Vorlesungen und Seminaren per Video-Stream oder vertonten Folien. Foto: Daria Shevtsova/ Pexels

Auch das Kontaktverbot, das ab dem 23. März landesweit in Kraft getreten war, habe sich auf die digitale WG-Suche ausgewirkt: Die Verwendung der Wörter „Skype“,  „Videobesichtigung“ und „virtuell“ stiegen auf „WG-gesucht.de“ den Angaben zufolge exponentiell an. Im Vergleich zu den Wochen vor dem besagten Datum hätten Nutzer*innen diese Wörter zu 1362 Prozent häufiger genutzt. „Wir gehen daher davon aus, dass sich Anbieter*innen an die aktuelle Situation angepasst und aufgrund des Kontaktverbots alternative Möglichkeiten gesucht und gefunden haben“, so Mülbaier.

Zeitlich flexibler durch virtuelle Rundgänge

Anbieter*innen können ihre Anzeige zudem mit dem Vermerk „Online-Besichtigung möglich“ kennzeichnen. Dies zeigt dann Nutzern, dass zum Beispiel ein Video von einem Gang durch die Wohnung gedreht wurde. Anbieter könnten dieses dann an ausgewählte Bewerber senden. Solch ein Vermerk in der WG-Anzeige empfiehlt das Portal auch außerhalb von Krisensituationen wie zum Beispiel in der strikten Quarantänezeit während der Corona-Pandemie.

Auch Christine sieht das eher als Vorteil. Wenn man Zeit bei der WG-Suche hätte, sei es an sich sinnvoll, vor der Besichtigung mit den Bewerber*innen zu skypen oder sich virtuell kennenzulernen. Dann bekomme man zumindest grob einen ersten Eindruck, ob es passen könnte oder nicht. Zudem sei man zeitlich flexibler, ergänzt Theresa. Aber: Online Rundgänge hätten schon dazu geführt, „dass man nicht in jede Ecke gucken kann.“

Eine interessante Beobachtung von „WG-gesucht.de“: Bei unbefristeten Angeboten ab dem Monat August wurde ein Aufwärtstrend verzeichnet, demnach gab es eine größere Nachfrage. Dies könnte mit dem im Oktober startenden Wintersemester zusammenhängen, wie das Portal mitteilte. Studierende hätten sich so schon für das kommende – teils wieder analoge – Semester ein Zimmer sichern können.

Nach dem reinen Online-Semester setzen die Hochschulen in NRW im kommenden Wintersemester wieder mehr auf die Lehre vor Ort. Die Rheinische Friedrichs-Wilhelm-Universität in Bonn möchte ab Ende Oktober „möglichst vielen Studierenden Lehre in Präsenz anbieten“, hatte der Uni-Rektor Michael Hoch kürzlich in einem Video angekündigt. Ein Blick auf „WG-gesucht.de“ zeigt: Mit derzeit 417 Angeboten für eine Wohngemeinschaft in Bonn ab Anfang August sollten Bewerber*innen zumindest eine gewisse Auswahl haben.

[Beitragsbild: Anna Shvets/ Pexels]

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