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Wenn Reisen zur Notwendigkeit wird

Für viele findet Reisen in der Freizeit statt. Im Sport oder bei der Arbeit kann Reisen zur Verpflichtung werden. Das kann natürlich sehr spannend sein, aber auch anstrengend. Zwei Badminton-Spielerinnen und ein Kameramann erzählen, warum.

Von Nico Sobolewski

Strahlend genießen Lisa Kaminski und Hannah Pohl am Strand von Flic en Flac die Sonne auf Mauritius und nippen am Strohhalm. Das andere Ende führt je in eine Kokosnuss, die sie in ihre Pokale gelegt haben. Am Vortag konnten sich die Badminton-Talente im Finale der Damendoppel beim Mauritius International 2017 gegen zwei Inderinnen durchsetzen. 5000 Kilometer weiter nördlich sitzt Kameramann Marco Eisenbarth in einem Container, wo er den ganzen Tag Filmsequenzen schneidet. Ab und zu verlässt er seinen Schnittplatz und wird durch die imposante Skyline von Abu Dhabi daran erinnert, wo er sich gerade befindet.

Alle drei haben gemeinsam, dass sie häufig unterwegs sind, aber meistens nicht des Reisens wegen. Reisen wird zu einer Notwendigkeit, um anderen Verpflichtungen gerecht zu werden.

Die Ausgangslage

Lisa Kaminski (27) und Hannah Pohl (23): Nicht nur auf dem Feld ein Spitzenteam. Foto: Michael Anhäuser
Lisa Kaminski (27) und Hannah Pohl (23): Nicht nur auf dem Feld ein Spitzenteam. Foto: Michael Anhäuser

Bereits 1999 haben Lisa und Hannah bei ihrem Heimatverein TUS Oberpleis mit dem Badminton angefangen. Mittlerweile laufen sie für den 1. BC Beuel in Bonn als Damendoppel in der Regional- und Bundesliga auf. Bei den deutschen Meisterschaften haben sie schon zwei Mal den dritten Platz belegt. „Man passt alles andere dem Sport an“, sagt Hannah. Und das aus gutem Grund: Sie wollen unter die Top 30 der Welt kommen und deutscher Meister im Damendoppel werden. „Auf internationaler Ebene muss man eigentlich zehn Wettkämpfe im Jahr haben, damit man sich mit anderen vergleichen kann.“ Vor allem müsste man aber „lange Flüge in Kauf nehmen, um die wichtigen Turniere zu spielen, die ja oft in Asien sind.“

Den größten Erfolg feierte das Damendoppel gerade erst im Juni mit einem Turniersieg auf Mauritius. „Wir sind besonders gut auf Inseln, das Klima liegt uns“, scherzt Lisa. Infolgedessen ist es nicht überraschend, dass die beiden einen Turniersieg auf den Malediven mit zu ihren Zielen auflisten.

Marco Eisenbarth (32), Hauptberuf: Kameramann. Foto: Nürburgring.TV
Marco Eisenbarth (32), Hauptberuf: Kameramann. Foto: Nürburgring.TV

Marco machte zunächst eine Ausbildung zum Bürokaufmann. Am Ende seiner Ausbildung angelangt, stellte er fest, dass es nicht das ist, was er den Rest seines Lebens machen möchte. Also fasste er den Entschluss, Film in Darmstadt zu studieren. „Als Bürokaufmann habe ich die gleichen Arbeiten jeden Tag gemacht. Als Kameramann mache ich immer was Anderes. Jedes Bild mache ich zum ersten Mal und ich mag es, dass ich mich immer verbessern kann. Ob ich jetzt Kamera mache, schneide oder Regie führe, du hast was am Ende kreiert.“ Nun arbeitet der 32-Jährige Freiberufler aus Langen zum einen für Agenturen und Filmproduktionsfirmen, übernimmt aber auch eigenständig Produktionen für den Endkunden. Keine festen Arbeitszeiten und immer wieder andere Einsatzorte bestimmen die Arbeitsbedingungen. „Ich bin so zwischen drei und sechs Tagen in der Woche unterwegs, manchmal sieben. Ich würde sogar sagen, dieses Jahr war ich mehr von zu Hause weg, als dass ich zu Hause war.“

Rumkommen mal anders

Am Strand von Flic en Flac: Aus Pokalen schmeckt die Kokosnuss-Milch am besten. Foto: Hannah Pohl
Am Strand von Flic en Flac: Aus Pokalen schmeckt die Kokosnuss-Milch am besten. Foto: Hannah Pohl

Im Gegensatz zu Marco reist das Badminton-Duo nicht beruflich. Lisa arbeitet in Bonn, Hannah studiert Sportmanagement in Remagen. Die Verpflichtungen zu Hause schränken den Reisezeitraum ein. Trotzdem hat das Team schon bei zahlreichen internationalen Wettbewerben teilgenommen. So reisten sie zuletzt unter anderem nach Mauritius, Spanien und Wales. In der Regel sind die beiden für ein Turnier etwa drei bis fünf Tage unterwegs. „Wenn wir das mit dem Auto erreichen können, kann man auch früher abreisen. Aber wenn wir Flüge buchen, versuchen wir einen Tag früher da zu sein. Wenn das ein gutes Turnier ist, buchen wir zum Halbfinale oder zum Finaltag die Flüge zurück.“ Auch weil Lisa sich jedes Mal Urlaub nehmen muss, dürfen sie nicht verschwenderisch mit den Urlaubstagen umgehen. „Aufgrund der Zeitverschiebung wäre es natürlich optimal, eine Woche vorher anzureisen, aber das können wir leider nicht.“

Trotzdem wollen sie immer wenigstens ein bisschen was von der jeweiligen Stadt sehen. Das hängt aber auch vom Turnierverlauf ab. „Wenn wir früh rausfliegen ist das auch möglich. Dann plant man auch meistens erst richtig, weil man vorher eigentlich nicht will, dass man das planen müsste.“ Auf Mauritius konnten die beiden allerdings noch zwei Tage dranhängen, weil die Flüge so am günstigsten waren. So konnten die Badminton-Talente anschließend an ihren Turniersieg noch die traumhaften Strände der Insel erkunden.

„Du saugst ja diese Stimmung schon auf.“

Marco freut sich grundsätzlich darüber, wenn er Aufträge bekommt, bei denen er etwas von der Welt sehen kann. „Ich war jetzt im Februar neun Tage in Abu Dhabi. Es ist jetzt natürlich nicht so, dass du dann da neun Tage im Urlaub bist, sondern du fliegst dahin zum Arbeiten.“ Und dies sei immer mit einer gewissen Anspannung und Verantwortung verbunden. Trotzdem hat man die Möglichkeit, das Land kennenzulernen. „Du siehst ja die Kultur, du triffst die Menschen, du isst das Essen, du hörst die Sprache. Du saugst ja diese Stimmung schon auf. Aber du kriegst die nicht so mit, wie wenn du in deiner Freizeit irgendwo reist.“

Marco durfte schon unter anderem in Frankreich, Spanien, Schweden, Finnland, in Mexiko und in den USA seiner Leidenschaft nachgehen. Foto: Sebastian Sgodzai
Marco durfte schon unter anderem in Frankreich, Spanien, Schweden, Finnland, in Mexiko und in den USA seiner Leidenschaft nachgehen. Foto: Sebastian Sgodzai

In Abu Dhabi wurde er nach der Landung am Flughafen mit Shuttle-Bussen zum Hotel gefahren, von wo aus es am nächsten Tag direkt zu dem TV-Compound des Red Bull Air Race ging. „Ich saß eigentlich die ganze Zeit in diesem Container und bin ab und zu mal raus. Dann siehst du diese Skyline und wirst irgendwie daran erinnert, dass du in Abu Dhabi bist.“ Dies sei bei der Kameratätigkeit anders, weil alles ein bisschen direkter sei. So habe er zum Beispiel in einer mexikanischen Steppe gedreht und sich mit dem Team die ganze Zeit im Auto durch Mexiko City und Léon bewegt. „Aber in dem Schnittcontainer wäre es vollkommen egal gewesen in dem Moment, ob ich jetzt in Abu Dhabi bin oder in Darmstadt oder in Köln.“

Meistens bleibt sogar ein bisschen Zeit übrig, sich etwas anzuschauen. Dies ist allerdings immer abhängig von der Produktion. „Es kommt selten vor, dass ich sagen kann, ich bleib noch vier Tage länger oder komme drei Tage früher. Aber einen kleinen Ausflug kann man schon einmal machen. In Helsinki zum Beispiel haben wir drei Tage produziert und sind am letzten Tag erst abends zurückgeflogen. Dann habe ich mir den ganzen Tag Zeit genommen.“

„Es ist auch echt anstrengend“

Hannah und Lisa im in deutschem Dress. Foto: Alina Pohl
Hannah und Lisa im in deutschem Dress. Foto: Alina Pohl

Für die aufstrebenden Badminton-Spielerinnen sind die Ausflüge ebenfalls weit vom Erholungsurlaub entfernt. „Vor allem, wenn man drei Turniere hintereinander in drei Wochen hat. Das hatten wir, dass man in England ist, bei den German Open und dann noch in Basel. Dann ist man irgendwie schon gerädert.“

Ein weiterer Knackpunkt findet sich in der Finanzierung. „Wir finanzieren manche Turniere selber, ein paar finanziert uns der Verein.“ Prinzipiell achten die beiden immer darauf, die Kosten möglichst gering zu halten. „Für das Turnier in Polen sind wir nach Katowitz geflogen und dann mit einem kleinen Auto fünf Stunden durch Polen gegurkt, weil das am günstigsten war.“ Da fällt die Entscheidung scheinbar auch nicht schwer, den Fokus stärker auf das Training zu richten. „Wenn wir jetzt viele große Turniere spielen würden, dann könnten wir die Top 50 eventuell schon knacken. Aber im Moment ist eher die Strategie, viel zu trainieren und uns nicht von den Wettkämpfen Training klauen lassen.“ Zurzeit ist das Damendoppel auf der Suche nach Sponsoren, um noch mehr besser ausgewählte Turniere spielen zu können.

Über die Finanzierung braucht sich Marco keine Sorgen zu machen. Bei beruflichen Reisen werden in der Regel alle Reisekosten vom Auftraggeber übernommen. „Also generell lege ich nie drauf. Reisen, Verpflegung und Unterkunft werden immer komplett bezahlt“. Vielmehr leiden die Verpflichtungen zu Hause darunter. „Bei mir stapelt sich Wäsche. Ich versuche seit Monaten, Jalousien an meine Fenster anzubringen oder mein Auto in die Werkstatt zu bringen, aber ich bin mit dem Auto immer unterwegs.“ Wenn der Kameramann dann mal zu Hause ist, will er auch einfach mal nichts machen oder sich mit

Der richtige Arbeitsplatz für den Kameramann. Foto: Sebastian Sgodzai
Der richtige Arbeitsplatz für den Kameramann. Foto: Sebastian Sgodzai

Freunden treffen. „Dieses Reisen macht auf jeden Fall schon Spaß, aber es ist auch echt anstrengend. Ob es jetzt durch Zeitverschiebung ist oder die Fahrerei von einem Produktionsort zum anderen. Dann freust du dich, wenn du zumindest eine Nacht mal zu Hause bist. Für mich ist das psychologisch so eine kleine Insel, wo ich weiß, ich bin jetzt ganz kurz zu Hause und kann abschalten.“ Symbolisch dafür ist auch, dass er das größte Manko nicht am Reisen an sich, sondern in den Hotels sieht. „Ich finde es gibt nichts, was so deprimierend und einsam ist wie ein Hotelzimmer, in dem du dann alleine bist.“

Trotzdem wünscht sich Marco keinen Alltag. „Ich merke, wie mir bei den kleinsten sich wiederholenden Dingen sauschnell langweilig wird. Als ich meinen Bürojob gemacht habe, war das Schwierigste eigentlich, jeden Tag an den gleichen Ort zu gehen, um zu arbeiten. Das Freiberuflersein ist in meiner jetzigen Lebenslage perfekt für mich.“

Keine Frage: Wenn man viel unterwegs ist, kann das andere schon ziemlich neidisch machen. Es kann aber auch anstrengend werden. Denn wenn das Reisen nicht des Reisens wegen passiert, muss es sich anderen Verpflichtungen unterordnen. Es kann aber durchaus ein Impulsgeber für die zukünftige Reiseplanung sein. „Mauritius, das war schön“, erinnert sich Hannah zurück. „Dublin war auch nicht schlecht“, ergänzt Lisa. „Aber am schönsten war schon der Strand“, lenkt Lisa das Thema wieder zurück auf Mauritius.

Marco ist auch noch sichtlich angetan von einigen Arbeitsplätzen: „Mexiko ist saucool. Ich war in Polen jetzt paar Mal arbeiten. Das glaubt man gar nicht, wie schön Polen ist. Da würde ich auch gerne mal eine Woche lang einen Roadtrip machen.“ Lisa und Hannah haben dort ja schon eine ähnliche Erfahrung gemacht, vielleicht kann sich Marco noch ein paar Tipps abholen. „Aber ich würde auch generell gern mal nach Asien und da auch arbeiten. Du lernst ja auch schon im Rahmen deiner Arbeit Menschen kennen. Und das macht mit am meisten Spaß an dem Job, dass du eigentlich mit jedem Job mit neuen Menschen in Interaktion kommst, ob es jetzt in Mexiko ist oder Brunsbüttel.“

Wenn das Reisen zur Notwendigkeit wird, sollte man auf jeden Fall dafür gemacht sein. Solange man mit Spaß dabei ist, kann man jedoch wunderbar zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen.

 

Mehr erfahren

Wenn ihr mehr über Lisa und Hannah oder Marco erfahren wollt, schaut einfach mal hier vorbei:

Website von Lisa und Hannah

Website von Marco

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