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Aktuelles Frauenfrage - Kolumne Gesellschaftsleben

Wegromantisiert

In Büchern und Filmen haben oft junge Paare Sex. Anfangs wollte sie das nicht, aber dann  war es ja doch romantisch… GEHT´S NOCH?!

„Frauenfrage“, eine Kolumne von Louisa Albrecht

Wie immer fällt es einem auf, wenn es mal nicht der Fall ist. Die Tage las ich das Manuskript einer Autorin gegen und da fiel mir eine Szene besonders auf: Die beiden Seelenverwandten, durch Reinkarnation aneinander gebunden, haben ein romantisches Picknick. Irgendwann will er ihr an die Wäsche und sie sagt Stopp. Erst leise und nett, dann schreit sie ihn  an und schubst ihn weg, denn er sagt, sie solle sich nicht so anstellen.

In vielen anderen Büchern und Filmen passiert genau das meistens nicht. Eigentlich wollte sie noch gar keinen Sex haben aber auf einmal ist es so toll und geil und der Typ so liebevoll und überhaupt ist alles ganz schrecklich schön.
Ganz ehrlich: Diese durchgehend romantische Darstellung halte ich für gefährlich.
Es ist w i c h t i g das junge Frauen, teils noch eher Mädchen, lernen, dass es nur dann zu Sex kommen sollte, wenn sie das gerade wirklich wollen. Im Idealfall hat man auch mal darüber gesprochen, das Thema Verhütung sollte vielleicht auch mal eine Rolle gespielt haben. Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie oft toughe, selbstbewusste Protagonistinnen einfach Sex haben, ohne dass je über die Themen Verhütung oder Zustimmung gesprochen worden wäre. Klar, beides ist nicht so mega sexy, aber ein Typ, der einen flachlegt, einfach weil er gerade Bock drauf hat, ist in meinen Augen jetzt auch nicht gerade das Nonplusultra.
Verhütung ist meiner Erfahrung nach ein wahnsinnig peinliches Thema. Beziehungsweise wird dazu gemacht. In der 7. oder 10. Klasse (oder so und wenn überhaupt) wird einmal ganz trocken durchgenommen, wie das alles funktioniert und am Ende des Tages ist eigentlich jeder froh, wenn er oder sie das Thema abgehakt hat. Ganz ehrlich: ich bezweifle, dass es mir viel genützt hätte, in Bio Bananen Kondome überzustreifen… beurteilen kann ich es nicht, da wir das nie gemacht haben. Ich weiß, dass wir in der Schule über Menstruation (iiiiiih! Ehm… okay) gesprochen haben … und sooo. Mensch war ich froh, als das vorbei war.
Ob wir wirklich über Verhütung in Bio gesprochen haben? Nicht, dass ich mich dran erinnern könnte.
Als es für mich relevant wurde, bin ich einfach zum Frauenarzt gegangen, hab gesagt, ich hätte gerne die Pille und gut war´s. Mein Freund und ich waren dann noch zusammen Kondome kaufen (keine Ahnung, wem von uns beiden das peinlicher war). Aber innerhalb meiner Beziehung war und ist bis heute immer alles relativ locker gewesen, man konnte und hat über alles geredet und dass es keinen Sex gibt, wenn einer von uns beiden keine Lust hat, war von Anfang an klar.

Warum ist das in Büchern und Filmen also so schwer? Klar gibt es auch diese Szenen, in denen der Kerl dann eh schon fast anfängt und sie vorher noch fragt, ob sie sich sicher ist und sie, natürlich schon halb dahingeschmolzen, haucht ein zartes Ja und hat das tollste erste Mal der Geschichte. Unrealistisch.
Und nicht unbedingt realitätsnah. Es gibt haufenweise Beziehungen, in denen der eine früher Sex will, als der andere. Damit beide glücklich werden ist jedoch Kommunikation wichtig und meine Generation und die Jahrgänge nach mir lernen nun mal unheimlich viel aus Filmen, vielleicht auch noch aus Büchern. Wenn da niemals thematisiert wird, dass nicht immer Konsens herrscht und dass es vollkommen okay ist, nein zu sagen, dann weiß das vielleicht nicht jede/r.
Es geht mir keinesfalls darum, nur noch unromantische Szenen in Büchern und Filmen zu haben. Aber einfach mehr, die uns beibringen Nein zu sagen. Über unseren Körper bewusst zu entscheiden.
Und die Fortführung der Szene im Manuskript – dass der Typ meinte „hab dich nicht so“ und „ich hab mir das verdient, weil ich in den letzten Wochen so viel für dich getan habe“ ist leider oft genug Realität. Immerhin hat sie ihn abwehren und gehen können.
Ich finde es total egal, wer wieviel für wen getan hat. Gerade beim ersten Mal ist Konsens wichtig. Danach natürlich auch, aber gerade dann… gerade wenn man noch so jung ist und sich selber noch kennen lernen muss und sich selber erstmal klar machen muss, was man will.
Abgesehen davon muss es gar nicht unromantisch sein, wenn das Nein zum Beispiel akzeptiert würde.

Aber dass das Nein einer Frau eine ziemlich flexible Bedeutung gesellschaftlich zu haben scheint, ist ja leider schon länger bekannt.

Wie seht ihr das?

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