Foto: Julia Brinkmann
Sonderausgabe: Neues Land – neue Heimat?

Was wäre, wenn jeder von uns einen Buddy hätte? – Flüchtlingshilfe auf Augenhöhe

Die Kölner Save Me –Kampagne setzt auf aktive Integration und veranstaltet regelmäßig einen Stammtisch für Flüchtlinge und sogenannte Buddies. Doch was ist ein Buddy?

Von Julia Brinkmann

Die Flüchtlingsthematik ist für manch einen ein abstraktes Problem – doch können wir einen persönlichen Bezug zu Flüchtlingen finden und uns mit ihnen aktiv austauschen – zum Beispiel bei der Save Me Kampagne. Diese ist eine deutschlandweite Initiative, die sich unter anderem für das Resettlement-Programm einsetzt. Resettlement möchte besonders schutzbedürftigen Flüchtlingen helfen, aus Erstzufluchtsstaaten ohne den Umweg über Asylsuche in Drittstaaten aufgenommen werden zu können. Save Me arbeitet zudem lokal: In insgesamt 55 Städten (Stand: Januar 2015), darunter Bonn und Köln, haben sich Untergruppen gegründet. Diese Gruppen setzen sich für eine aktive Integration von Flüchtlingen in die Gesellschaft ein. Das geschieht über gemeinsame Freizeitaktivitäten in der Gruppe, aber auch durch Programme, bei denen ein Ehrenamtlicher auf Augenhöhe einen Flüchtling betreut. Bei Save Me Bonn heißt das „Mentorenprogramm“, bei Save Me Köln „Buddyprogramm“.

Das Logo der Save Me-Kampagne (mit freundlicher Genehmigung von Save Me)
Das Logo der Save Me-Kampagne (mit freundlicher Genehmigung von Save Me)

Integration kann so einfach sein

Die Kölner Kampagne veranstaltet regelmäßig einen Stammtisch für Buddys und Flüchtlinge – dort treffen sich jene, die schon einen Buddy haben und auch neue Leute, die Interesse an dem Programm haben. Ein paar Tage vor dem Stammtisch habe ich beim Save Me Köln Info-Treffen mit Eva, Marijke und Kimberley aus dem Organisations-Team gesprochen. Sie meinten: Es wird laut, alle unterhalten sich – eben eine schöne, typische Stammtischatmosphäre.

Auf dem Stammtisch, der im Asta Café der Uni Köln stattfindet, gibt es Tee und kleine Snacks, es fühlt sich wie im Wohnzimmer an. Nach und nach füllt sich der Raum und ich werde das ein oder andere Mal mit einem höflichen Handschlag begrüßt. Weil es nur kleine Tische gibt, haben sich natürlich einige Grüppchen gebildet – und bei den meisten kann ich nicht mal genau sagen, wer Flüchtling und wer Ehrenamtler ist. Natürlich – ich kann es durch das Aussehen erahnen, aber ich merke, dass es beim Stammtisch nicht zählt, zu welcher Gruppe man gehört. Die Unterschiede zwischen Deutschen und in Deutschland lebenden Geflüchteten verschwimmen – ich finde, DAS ist Integration!

Auf dem Stammtisch spreche ich mit Adnan (46, Arzt) aus Syrien und Armin (46, Rechtsanwalt) – die beiden sind zu dem Zeitpunkt seit 6 Wochen Buddies. Das klingt erstmal nach wenig Zeit, aber da sie sich ein- bis zweimal die Woche sehen und fast jeden Tag Kontakt via Whatsapp haben, haben sie sich schon gut kennen gelernt. „Bisher sprechen wir so viel wie möglich – auf Deutsch. Wir wechseln ins Englische, wenn es nötig ist“, sagt Armin. Adnan ist seit einem Jahr in Deutschland, zusammen mit seiner Frau und seinen zwei Kindern. Adnan und seine Frau besuchen jeden Tag einen Deutschkurs – im Februar wird Adnan einen Kurs für deutsche Medizinsprache auf dem B2-Niveau beginnen. Und damit nicht genug, er sagt, er habe Chancen auf einen Job in der Uniklinik. Lesen und Schreiben falle ihm leicht, aber beim Sprechen habe er ein paar Probleme, sagt er.

Adnan ist sehr glücklich, dass ihm Armin zur Seite steht: „In der Schule bringen sie uns Integration zwar theoretisch bei – aber Armin integriert mich wirklich in die Gesellschaft. Er erzählt mir viel über deutsche Gewohnheiten und wir sprechen über Politik in Deutschland und in Syrien.“ Ich frage Adnan, was für deutsche Gewohnheiten für ihn ungewohnt sind, welche ihm vielleicht ein bisschen seltsam anmuten – „eigentlich alle“ antwortet er und lacht.
Auch die neuen Rechten sind für die beiden ein Thema: Mitte Januar wollten sie zusammen einen Kaffee trinken gehen, kamen aus der U-Bahnstation Ebertplatz und waren von bewaffneten Polizisten umringt – an dem Tag war die Kölner Pegida-Demonstration. Adnan hat Armin gefragt, auf wessen Seite die Polizei steht – und so haben die beiden über das Thema gesprochen und Armin hat klargestellt, dass die Polizei keine Meinung vertritt, sondern dafür sorgen soll, dass alles ruhig abläuft. Ich merke, dass die beiden sich gut verstehen und sich anfreunden – und das ist das Ziel des Buddyprogramms, dass auf Augenhöhe kommuniziert wird und Freundschaften zwischen Flüchtlingen und Deutschen entstehen.

Wie wird man Buddy?

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Der Save Me-Stammtisch in Köln (Foto: Julia Brinkmann)

Und so funktioniert das Ganze: die Flüchtlinge kommen durch Freunde zu der Kampagne, die Deutschen informieren sich im Internet und gehen zum Infoabend. Eva vom Orga-Team von Save Me hat sich unter den vielen Möglichkeiten für diese Kampagne entschieden, weil sie ihr am unbürokratischsten vorkam – das Buddyprogramm von Save Me läuft recht unkompliziert, praktisch orientiert ab. Interessenten – sowohl die Geflüchteten als auch die Deutschen – füllen ein Infoblatt aus und stellen sich dem Orga-Team vor, damit sie einen ersten Eindruck gewinnen können. Dann werden möglichst passend Paare „gematcht“. Es wird vor allem drauf geachtet, wie viel Zeit die Partner zur Verfügung haben. „Wenn einer seinen Buddy zwei Mal die Woche sehen will, der andere aber nur einmal im Monat Zeit hat, wären Enttäuschungen vorprogrammiert“, so Eva. Außerdem wird darauf geachtet, dass die Buddies ungefähr gleich alt sind und im Idealfall ähnliche Interessen haben. Die meisten Buddyprogrammteilnehmer sind Akademiker – sowohl auf Seite der Deutschen als auch auf Seite der Geflüchteten – allerdings haben einige der jüngeren Flüchtlinge natürlich durch die Flucht ihre Ausbildung, beziehungsweise ihr Studium, abbrechen müssen. Wenn frisch „gematchte“ Buddypartner sich zum ersten Mal treffen, ist ein Betreuer dabei, der die beiden einander vorstellt. Danach haben sie die freie Wahl, wie sie ihre Buddypartnerschaft gestalten wollen. Behördengänge, Deutsch üben, zusammen ins Kino gehen oder sogar zusammen Weihnachten verbringen – prinzipiell ist alles möglich. Nur Rechtsberatung, finanzielle Unterstützung sowie Hilfe bei Job- und Wohnungssuche sollen die deutschen Buddies ausdrücklich nicht leisten: Auch hier wird deutlich, dass Buddypartnerschaften auf Augenhöhe angestrebt werden.

Wer in naher Zukunft als deutscher Ehrenamtlicher ins Buddyprogramm einsteigen will, ist heiß begehrt: Im Moment gibt es viele Flüchtlinge, die auf einen Buddy warten. Nur, wenn man explizit eine Frau als Buddypartnerin möchte, muss man sich gedulden. Bei fast allen 50 Buddypaaren, die es momentan gibt, ist der Flüchtling männlich. Das hat mehrere Gründe: Ein paar Frauen, die Save Me kennen, sind indirekt durch die Buddypartnerschaft ihres Ehemanns schon in das Save Me Programm involviert – und dann kommt dazu, dass es für die – oftmals muslimischen – Frauen nicht üblich ist, eine Veranstaltung wie einen Stammtisch zu besuchen. Gravierende Probleme zwischen Buddys, so sagen Marijke und Eva, sind ihnen bisher nicht bekannt. „Letztendlich sind die Buddypaare selbstständig. Wenn sie beide entscheiden, dass sie sich nicht mehr sehen wollen und uns nichts davon erzählen, kann das eventuell bisschen dauern, bis wir das erfahren. Ich hoffe mal, dass das bisher nicht oft vorgekommen ist.“ Wenn zwei Buddies doch nicht so gut miteinander klar kommen gilt es für beide, ehrlich zu sein. Denn dann können sie erneut mit jemand anderem „gematcht“ werden.

Der Besuch beim Stammtisch von Save Me Köln hat mich sehr beeindruckt. Die Kampagne zeigt, dass es ganz simpel und einfach sein kann, mit Flüchtlingen in Kontakt zu kommen und Freundschaften zu schließen. Sie zeigt, dass Integration kein Hexenwerk ist. Ich stelle mir die (utopische) Frage: Was wäre, wenn jeder von uns einen geflüchteten Buddy hätte?

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