BlackLivesMatter © Neele Kremer
Aktuelles Alltag Kultur Medienblick Bonn Politik

Was es braucht, um das Problem Rassismus auf die Agenda zu bringen

Auch wenn das Jahr 2020 vielen Menschen als das Jahr in Erinnerung bleiben wird, in dem die Corona-Pandemie die Erde in einen Ausnahmezustand versetzte, so darf nicht vergessen werden, dass 2020 auch das Jahr war, in dem die wahrscheinlich größte Protestbewegung der amerikanischen Geschichte das Land und viele seiner Menschen bewegte. Die hier niedergeschriebene Timeline der Ereignisse soll uns allen vor Augen führen, was es im Jahr 2020 für eine mediale und physische Präsenz braucht, um den Mörder eines Afroamerikaners hinter Gitter zu bekommen.

von Neele Kremer

Während im Mai immer noch alle Augen und Ohren der Menschen jeglicher Nationen auf die Entwicklung und Handhabung der Corona-Pandemie gerichtet waren, ereignete sich in Minneapolis eine grausame Tat: Ein weißer Polizist drückte dem wehrlosen Afroamerikaner George Floyd für acht Minuten und 46 Sekunden sein Knie in den Nacken, bis dieser erstickte.

Eine Szene von Gewalt gegen Schwarze, die sich seit vielen 100 Jahren immer wieder in Amerika abspielt. Denn Floyds tragischer Tod ist bei weitem kein Einzelfall. Rassismus ist alles andere als ein Ding der Vergangenheit, in den USA aber auch weltweit hat er eine lange Tradition. Beginnend mit den Indianerkriegen über die Sklaverei bis hin zu Rassentrennung könnte man meinen, dass die Geschichte des Rassismus in den Vereinigten Staaten mit der Bürgerrechtsbewegung in den 1960ern endete. Doch dem war nicht so. Blicken wir der Wahrheit ins Gesicht: Rassismus ist nach wie vor ein Teil unserer Gesellschaft.

Bis heute werden Afroamerikaner*innen auf offener Straße umgebracht, viele ihrer Mörder*innen werden nicht einmal angeklagt, Alltagsrassismus gehört in jedem Land der Welt dazu, Konsequenzen hat er jedoch selten. Es scheint, als würden schwarze Menschen seit Jahrhunderten gegen eine Wand schreien. Ihre Geschichten über Rassismus gegen sie sind nicht ausgedacht, sie sind Realität, doch diese wird viel zu selten wahrgenommen.

Der Mord an George Floyd

Am 25. Mai diesen Jahres änderte sich das, denn der Mord an George Floyd unterscheidet sich von vielen andern Gewalttaten gegen Schwarze. Sein grausamer Tod wurde von der 17-jährigen Passantin Darnella Frazier gefilmt und noch am selben Abend auf Facebook gepostet. Sie versah das Video mit den Worten

“Sie töteten ihn direkt vor Cup Foods an der Ecke 38. Straße und Chicago-Avenue!“

und dem Hashtag „Polizeibrutalität„. In nur wenigen Stunden verbreitete sich das Video wie ein Lauffeuer: erst in den sozialen Medien, dann über US-Fernsehsender und schließlich auf dem ganzen Globus. Endlich hatte das Thema Rassismus seine seit Jahrzehnten bitter nötige Aufmerksamkeit. Die sozialen Medien waren für den ersten Aufschrei ausschlaggebend und trugen neben den nun aufkommenden Straßenprotesten maßgeblich zur neuen Reichweite der Black-Lives-Matter-Bewegung bei.

Einen Tag nach Floyds Tod kam es am 26. Mai in Minneapolis zu spontanen Demonstrationen gegen Polizeigewalt. Viele der Demonstrierenden trugen dabei Plakate mit dem Hashtag #BlackLivesMatter und der Aufschrift „I can’t breathe!“ und skandierten Sprechchöre mit eben diesen Worten, die seit dem Tod des Afroamerikaners Eric Garners im Jahr 2014 durch Polizeigewalt zu einer Art Parole gegen rassistisch motivierte Gewalt geworden waren. Nicht nur auf den Straßen Minneapolis breitete sich Unzufriedenheit aus, auch in den sozialen Medien wurde der Aufschrei gegen Rassismus lauter. Allein auf Twitter wurden etwa 218.000 Tweets mit dem #BlackLivesMatter-Hashtag gepostet. Als Antwort auf die öffentlichen Reaktionen um Floyds Tod wurden die vier Polizisten, die an seinem Tod beteiligt waren, von ihrem Dienst entlassen.

In Amerika, in dem Land in welchem sich heute noch mehr als die Hälfte aller Bürger*innen für die Todesstrafe aussprechen, ist es also plötzlich eine ausreichende Konsequenz, einen Mörder lediglich seines Dienstes zu entlassen?

Die „Black Lives Matter“-Bewegung bekommt großen Zulauf

Empörung macht sich in den folgenden Tagen breit, am 27. Mai wird der Hashtag #BlackLivesMatter auf Twitter bereits mehr als eine Million Mal verwendet. Seinen Höhepunkt erreicht er dann am Mai 2020. Fast 8,8 Millionen Tweets wurden an diesem Tag mit dem Hashtag gegen Rassismus versehen. Seit der Gründung der Black-Lives-Matter-Bewegung 2013, war dies die höchste Anzahl seiner Verwendung an einem einzigen Tag. Nach diesem Höchststand blieb die Zahl der Tweets, die den Hashtag enthielten, bis Sonntag, den 7. Juni, konstant bei über zwei Millionen Verwendungen pro Tag.

Demoplakat © Jennifer Boateng
Demoplakat © Jennifer Boateng

Doch nicht nur online, auch auf den Straßen wird der Protest größer. Millionen von Menschen schließen sich in 25 der größten amerikanischen Städte, darunter Washington D.C, Los Angeles und Chicago, den Straßenprotesten gegen Polizeigewalt und für die Verhaftung der vier Polizisten an. Nach tagelangen, zum Teil in Gewalt ausartenden, Straßenprotesten, der bis dahin über fünf Millionen Unterschriften unter der Petition Justice For George Floyd auf change.org, sowie dem gleichnamigen Hashtag in den sozial Medien, wurde Derek Chauvin, der Mann der auf dem Hals von George Floyd gekniet hatte, am 29. Mai festgenommen und wegen Mord dritten Grades angeklagt. Doch die Proteste nahmen nicht ab. Bis heute nahmen in Amerika schätzungsweise eine halbe Million Menschen an 550 Orten in den Vereinigten Staaten an den Protesten teil. Das Thema hatte endlich seine lang umkämpfte Aufmerksamkeit und noch nicht alle Verantwortlichen saßen hinter Gittern.

„Blackout Tuesday“ in den sozialen Medien

Am Dienstag, den 2. Juni, erweiterte sich der Protest um einen weiteren Hashtag. Der sonst so bunte Feed vieler Twitter- und Instagram-Nutzer*innen war plötzlich mit schwarzen Kacheln versehen. Der Hashtag #blackouttuesday verbreitet sich in den Sozialen Medien und rief dazu auf, auf das Posten und Werben an dem Tag zu verzichten. Um ihre Solidarität zu zeigen, posteten Millionen Nutzer*innen ein schwarzes Bild auf ihren Social-Media-Accounts. Angelehnt an den Spruch „The show must go on“ heißt es nun „The show must be paused“. Eigentlich hatte die Bewegung in der Musikindustrie begonnen, die Unternehmen am Blackout Tuesday dazu aufforderte, keine neue Musik zu veröffentlichen. Die kollektive Aktion gegen Rassismus und Polizeigewalt schwappte jedoch schnell auf die Social-Media-Plattformen über.

Was es letztendlich brauchte, waren acht Tage, eine halbe Millionen protestierender Menschen auf den Straßen und weitere Millionen schwarzer Instagram-Posts und #BlackLivesMatter-Tweets, bis am 3. Juni endlich auch die andern drei Polizisten zur Rechenschaft gezogen wurden. Mit der Festnahme der drei anderen an dem Einsatz beteiligten Polizisten und ihrer Anklage wegen Beihilfe zum Mord wurde auch die Anklage gegen Chauvin auf Mord zweiten Grades verschärft.

Wer nach der bis hier hin aufgeschriebenen, ernüchternden Zeitspanne aufatmet und meint, dass Rassismus nur ein Problem der Amerikaner sei und dass dieses Problem mit der Anklage der für Floyds Tod verantwortlichen Polizisten gelöst sei, der täuscht sich. Spätestens am 6. Juni, als sich unter den Mottos Black Lives Matter und No Justice No Peace zehntausende Menschen in den verschiedensten Städten Europas versammelten, wurde deutlich, dass auch unsere schwarzen Mitbürger*innen täglich mit Rassismus konfrontiert sind. In Wien demonstrierten am 4. Juni rund 50.000 Menschen, am 6. Juni gingen in Berlin etwa 15.000 und in München bis zu 25.000 Menschen auf die Straßen, um nur einige der größten Demonstrationen zu nennen. Auch bei uns in Deutschland ist es nun endlich unausweichlich, das Thema Polizeigewalt und Alltagsrassismus auf die Agenda zu bringen.

Es liegt an uns, dem Rassismus endgültig die Stirn zu bieten

Für Milliarden von Menschen auf der ganzen Welt ist die Black-Lives-Matter-Bewegung eine Möglichkeit, um darauf aufmerksam zu machen, wie tief der Rassismus gegen schwarze Menschen in der Gesellschaft verankert ist. Die Proteste und auch Solidarisierungsgesten spielen sich sowohl auf den Straßen, als auch millionenfach in den Sozialen Medien ab. Doch auch wenn das auf die Straße gehen für unsere schwarzen Mitmenschen wichtig ist, wenn es tolle Zeichen sind, auf Instagram ein schwarzes Bild zu posten oder auf Twitter Posts der Solidarisierung zu verbreiten und somit für eine größere Aufmerksamkeit zu sorgen, so liegt es doch an uns und unserem alltäglichen außermedialen Verhalten, ob wir Rassismus endgültig die Stirn bieten können.

Um zu erfahren, was jede*r einzelne von uns tun kann, um die Welt ein Stück weit zu verändern, lasse ich abschließend in diesem Artikel jemanden zu Wort kommen, dessen Zukunft sich verändern würde, wenn wir alle unser Verhalten hinterfragen und reformieren würden. Denn reicht es wirklich aus, eine schwarze Kachel zu posten? Sandra Boateng hat dazu eine ganz klare Meinung:

„Nein. Es reicht nicht aus, zwei seiner eigentlichen Posts durch ein schwarzes Foto und das eines Demonstrationsschildes zu ersetzen. Ich bin zwar dankbar für die Reichweite, die das Thema Rassismus in diesen Tagen durch solche Posts erreicht hat, aber viele Menschen wollten lediglich nicht in der Masse untergehen“, ist sie sich sicher.

Es sei mit keinerlei Aufwand verbunden, sich im Internet durch einen Post zu solidarisieren. Ehrliches Engagement sei es, im wirklichen Leben als weißer Mensch aufzustehen und einzuschreiten, wenn man Rassismus erlebe, fordert sie.

„Man beobachte nur die vielen Influencer*innen und Unternehmen, die sich in den letzten Wochen vermeintlich der Black-Lives-Matter-Bewegung angeschlossen haben, aber selber nur mit Mühe einen schwarzen Menschen in ihrem Team nennen können“,

kritisiert sie die von ihrer Community wahrgenommene geheuchelte Anteilnahme.

„Es tut weh, sich immer für seine wechselnden Haare rechtfertigen zu müssen und es tut noch mehr weh, immer gefragt zu werden woher man wirklich komme.“

„Einige Wochen sind bereits vergangen, die Selbstinszenierung durch Posts zur Black-Lives-Matter Bewegung sind bei vielen schon längst durch Urlaubsfotos abgelöst worden. Für uns geht der Rassismus aber weiter“,

äußert sie ihre Sorge vor der abklingenden Aufmerksamkeit.

Sandra Boateng © Neele Kremer
Sandra Boateng © Neele Kremer

Die 22-jährige gebürtige Aachenerin lebt seit vier Jahren in Manchester, wo sie zur Zeit ihr zweites Staatsexamen in der Fachrichtung internationales Recht ablegt. Alltagsrassismus erlebte sie sowohl in Deutschland, als auch nun in England. Für sie gehört es im Leben dazu, dass ihr von der Gesellschaft nicht viel zugetraut wird, dass ihre Mitschüler*innen stets Witze über die Kultur ihrer ghanesischen Eltern machten und dass sie, als einzige schwarze Frau in ihrem Freundinnenkreis, bei der Flughafenkontrolle immer aus der Gruppe herausgezogen und kontrolliert wird.

„Es tut weh, sich immer für seine wechselnden Haare rechtfertigen zu müssen und es tut noch mehr weh, immer gefragt zu werden woher man wirklich komme. Diese Frage gibt einem das Gefühl, nicht dazu zu gehören, denn es wird nie akzeptiert, dass meine Heimat Aachen ist“,

äußert sie ihre tagtäglichen Gedanken. Was Sandra sich für ihre jüngeren Geschwister und irgendwann auch für ihre Kinder wünscht, ist mehr Einsatz und Akzeptanz.

„Witze wie die zu meiner Schulzeit über die Sprache meiner Eltern oder unsere Geburtstagstradition, müssen aktiv von Älteren als falsch aufgezeigt werden“,

wünscht sie sich,

„ansonsten denken die Menschen von klein auf, dass es in Ordnung ist, Witze zu machen. Viele meinen das nicht böse, aber bei uns hinterlässt es Spuren“, fügt sie hinzu.

Zeit, unser alltägliches Verhalten zu hinterfragen

„Zudem erhoffe ich mir von jedem, der einen Social-Media-Post verfassen kann, dass er auch in der Realität sein Privileg nutzt und einschreitet, wenn er Polizeigewalt, Racial Profiling oder unangebrachte Sprüche Schwarzen gegenüber miterlebt“,

ist ihre Botschaft an uns alle.

„Lasst uns aus der Protestbewegung 2020 lernen, dass wir gemeinsam etwas verändern können“,

animiert sie alle, die sich in irgendeiner Form an der Bewegung der letzten Monate beteiligt haben.

Sandras Worte sollen uns eine Hilfe sein, unser eigenes, alltägliches Verhalten zu hinterfragen und zu ändern. Und die Timeline soll uns eine Warnung sein, dass es nicht noch einmal so lange dauern darf, Täter für ihr rassistisches Handeln zu Rechenschaft zu ziehen. Auf dass der Rassismus irgendwann nur noch ein Teil der Geschichte ist und Mörder ohne nötige Proteste ihren Weg auf die Anklagebank finden.

 

Beitragsbild: Neele Kremer

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.