Digitalisierung an Schulen © Neele Kremer
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Was der Bleistift mit der Digitalisierung von Schulen gemein hat

Interview mit einem Lehrer und Informatiker über die Digitalisierung der Schulen

von Neele Kremer

Aller spätestens seit dem Ausfall der Präsenzlehre durch die Corona-Pandemie wurde deutlich, dass der Digitalisierungsprozess, der sich in der Gesellschaft vollzieht, nun auch endlich in den Schulen ankommen muss. Die Monate, in denen die Schüler*innen nicht das Schulgebäude betreten durften, brachten viele Probleme mit sich, nicht zuletzt, da die Schulen seit Jahren bei der Digitalisierung hinterherhinken. Um zu verstehen, wie weit die Digitalisierung an den Schulen bis zum Beginn der Corona-Pandemie fortgeschritten war, wie der digitale Unterricht notgedrungen umgesetzt wurde und welche Probleme sich für die Schulen ergaben, spreche ich mit Boris Meltzow, er ist seit zehn Jahren Lehrer am St. Leonhard Gymnasium in Aachen, zuvor war er zehn Jahre lang in der IT in der freien Wirtschaft tätig. Heute unterrichtet er die Fächer Informatik, Deutsch und katholische Religion, wobei sein Herz nach wie vor am meisten für die Informatik schlägt. Seit einiger Zeit ist er zusätzlich als Medienkoordinator an seiner Schule tätig, sein Aufgabenbereich liegt hier beim Thema Schulentwicklung im Bereich der digitalen Medien. Durch ihn möchte ich aus erster Hand erfahren, wie der Ausfall der Präsenzlehre an seiner Schule gehandhabt wurde und was für Probleme sich ergaben.

„Direkt am ersten Tag, an dem die Schüler nicht mehr kamen, konferierte unser Kollegium und wir haben uns alle auf eine cloudbasierte Lernplattform geeinigt“,

beginnt Meltzow die Geschichte der Odyssee, den Unterricht zu digitalisieren, die vermutlich viele Schulen in der Zeit vor Ostern und auch in den Wochen danach durchlebte.

„Wie bei vielen Tools zu dieser Zeit brach unser System aber zusammen und so sind einige Kolleg*innen, die sich auskennen und motiviert sind, auf alternative Plattformen ausgewichen“, erzählt er weiter.

Ärger mit den verschiedenen Lernplattformen

Das Ausweichen auf alternative Lernmöglichkeiten wie digitale Pinnwände oder Videokonferenzen bot zwar Entlastung, warf aber in seinen Augen zwei große Probleme auf:

„Zum einen wurde das Lernen über verschiedene Plattformen und Mailverkehr für die Schüler sehr unübersichtlich. Zum andern waren das alles Plattformen, die irgendwo in den USA betrieben werden. Wenn Schüler*innen Zuhause sitzen und immer mit der gleichen IP-Adresse im System sind, dann ist alles, was sie tun, sie einem Profil zuzuordnen und so hatten wir ganz schnell – wie alle andern auch – zurecht das große Datenschutz-Thema auf der Agenda.“

Die Landesregierungen haben die Schulen und Lehrer*innen mit diesem Problem alleine gelassen, kritisiert der Informatiker scharf: „Es wurde immer gesagt, was wir nicht dürfen, aber es wurde nie gesagt, auf welche Systeme wir zurückgreifen können“, beschreibt er die Situation aus Sicht der Schulen. „Viele haben mit der Videokonferenz Zoom angefangen, da dies ausgezeichnet funktioniert. Datenschutzmäßig ist das bekannterweise sehr schwierig. Unis haben es sich da leicht gemacht, die haben gesagt, sie können keine Verantwortung übernehmen, was da auf den Servern passiert. Aber an Unis sind immerhin Erwachsene, das ist zwar auch schwierig, da die Studenten quasi gezwungen wurden, Zoom zu nutzen, aber an Schulen ist es unverantwortlich, da man hier mit Minderjährigen zu tun hat“, erklärt Meltzow.

Er hat die Sache schließlich mit ein paar Eltern und Kolleg*innen selbst in die Hand genommen, hat einen Server für die Schule gemietet und selbst eine Software installiert, sodass die Schule nun ihren eigenen Videokonferenzserver hat, ganz ohne Bedenken. Ich höre raus, dass die Zeit für alle Beteiligten eine große Herausforderung darstellte und möchte wissen, was das Feedback der Schüler während dieser Zeit war.

Die letzten Wochen waren für alle anstrengend

„Es war sehr unterschiedlich“ erzählt Meltzow, durch eine Umfrage konnte er festhalten, dass die Strukturierung des Lernstoffes, das alleine Lernen und die eigene Motivation drei besondere Herausforderungen für die Schüler*innen darstellten. Die meisten Schüler*innen seien Zuhause auf sich allein gestellt, während die Schule ein Ort des aufeinander Treffens und gemeinsamen Lernens sei, war es für die meisten Jugendlichen Zuhause recht einsam.

„Manchen Schüler*innen wurde geholfen, andere haben keine Unterstützung bekommen, wieder andere haben keine technischen Geräte oder haben keinen ruhigen Raum um sich zu konzentrieren, da die ganze Familie in der Wohnung sitzt“,

fasst er das Ergebnis seiner Umfrage vom Beginn der Osterferien zusammen. Die Frage, welche sowohl Lehrer*innen, Eltern und auch Schüler*innen am häufigsten mit der gleichen Antwort versahen, war die Frage „Wie waren die letzten Wochen für dich?“ Ihre gemeinsame Antwort war „anstrengend!“

Doch anstrengend zu sein ist genau das Gegenteil von dem, was man sich vom digitalen Lernen eigentlich erhofft. Auf Grund der Versäumnisse vor der Corona-Pandemie sowohl von vielen Lehrer*innen als auch Politiker*innen, hatte man während der letzten Monate solch ein großes Problem mit der Umsetzung des digitalen Unterrichts. Das größte Problem bestand vor dem Ausfall der Präsenzlehre in dem Spagat, den es immer beim Thema Digitalisierung gebe:

„Auf der einen Seite hat man die Innovatoren, die sind von einer neuen Sache mehr als überzeugt und arbeiten hart daran, es umzusetzen. Dann hat man die Bremser und wie immer den großen Mittelblock dazwischen“, beschreibt Meltzow das Problem.

Die Bremser seien die, die am liebsten nichts verändern möchten und der Mittelblock bestehe aus der großen Menge an Kolleg*innen, die erstmal schauen, was die andern da vorhaben. „Da gibt es die Metapher mit dem Bleistift: Die Spitze sind die Innovatoren, der lange Schaft ist der Mittelblock und hinten steht der Radiergummi symbolisch für die Bremser“, verrät Meltzow. In der Metapher sei auch ein Wortspiel versteckt, ergänzt er lächelnd: „Der Mittelblock ist beim Bleistift im Idealfall aus Holz, was im Englischen „wood“ bedeutet und genauso klingt wie das englische Wort „would“ (würde), also eben so, wie sich der Mittelblock verhält. Man merkt, dass ein Informatiker nicht abgeschnitten von allen andern Themen in seiner Zukunftsvision schwelgt, denn hier spricht wohl auch der Deutschlehrer aus ihm.

„Es fehlt tatsächlich an allem.“

Doch die Schuld für die viel zu langsame Digitalisierung der Schulen liegt nicht allein an den sogenannten Bremsern, und deren mangelndem Vertrauen in die Möglichkeiten und Chancen digitalen Arbeitens, dafür sind die Innovatoren viel zu ambitioniert, wie man an der gezielten Handhabung der Probleme Meltzows während der Corona-Pandemie erkennen kann. Woran also mangelte es den Schulen noch, um den nötigen Schritt der Schulentwicklung Richtung Digitalisierung zu gehen, möchte ich wissen. „Es fehlt tatsächlich an allem“, ist Meltzow kurze, aber prägnante Antwort auf diese Frage. Die Technik sei natürlich die Grundvoraussetzung für einen digitalen Arbeitsprozess, doch sie ist oft nicht vorhanden.

„Wenn Schulen kein flächendeckendes WLAN haben, dann kommt man nicht weit im Digitalisierungsprozess. Wenn Schüler*innen im Unterricht kein Endgerät haben, dann ist auch das ein großes Problem. Das oft gehörte man gehe in den einen Computerraum der Schule ist doch keine Lösung“, betont Meltzow enttäuscht.

Für die Zukunft wünscht er sich, dass die Schüler*innen ihre Notebooks aus der Tasche nehmen können, wenn sie wissen, dass sie eine bestimmte Aufgabe kreativ mit den Möglichkeiten des Geräts ausarbeiten möchten.

„Einige Schulen befinden sich schon auf dem Weg dahin, vereinzelt gibt es bereits Laptop- oder Tabletklassen“, lobt Meltzow,

aber der Prozess verläuft schon seit Jahren zu schleichend.

Schülerin im Homeoffice © Neele Kremer
Schülerin im Homeoffice © Neele Kremer

Doch der Mangel an technischer Ausstattung in den Schulen ist nur die Spitze des Eisbergs, erfahre ich weiter. Viel zu selten werde über die tatsächliche Eingliederung der Technik in den Unterricht gesprochen. Für Meltzow ein Zeichen dafür, dass viele Lehrer*innen und Politiker*innen den Prozess von Digitalisierung in seiner Gänze noch nicht verstanden haben. „Was die Politik beim Thema Schulentwicklung falsch einschätzt, ist dass sie glaubt, wenn die Technik da ist, dann hat man es geschafft“, beginnt Meltzow das Problem zu beschreiben.

„In den Mitteln Digitalpakt 2020 gibt es große Summen an Geldern, die an die Hardware gebunden sind. Aber das alleine reicht nicht“, betont er.

Man stelle Schulen riesige Displays und alle möglichen technischen Mittel zur Verfügung, aber ein Konzept habe man sich dazu nicht überlegt, kritisiert er. Man müsse die Lehrer dabei unterstützen, sich entsprechende Konzepte zu erarbeiten, wie die Mittel im Unterricht zu einer besseren Lernqualität genutzt werden können. Denn dies sei das Ziel, worum es bei der Digitalisierung von Schulen gehe.

Vermittlung digitaler Kompetenzen wichtiger als „dahin geschmissene“ Technik

Eines der besten Beispiele, für lediglich „dahin geschmissene“ Technik seien die Whiteboards, mit welchen sich heute jede Schule zu rüsten vermag. „Aber was hat man durch die gewonnen?“, fragt Meltzow kopfschüttelnd.

„Wenn man digital schreibt, aber den Unterricht genauso macht wie vorher, mit der einzigen Ausnahme, dass der Stift jetzt mit Strom betrieben wird und kein Stück Kreide mehr ist, dann hat sich im Grunde nichts verändert“, kritisiert er.

Die Digitalisierung wird in den Schulen – erst einmal angekommen – nur etwas verändern und bewirken, wenn man endlich erkennt, dass es nun Nutzungspotenziale gebe, die es vorher nicht gab. Wenn man den alten Unterricht einfach digital abbildet, dann habe man sich kein Stück verbessert, ist sich Meltzow sicher.

Doch in seinen Augen wäre noch ein weiterer Punkt ausschlaggebend für das Gelingen der Digitalisierung von Schulen: die Vermittlung medialer Kompetenzen an die Schüler*innen und werdende Lehrer*innen. In NRW sei schon vor ein paar Jahren die Entscheidung getroffen worden, dass mediale Kompetenzen in Zukunft gelehrt werden müssen, und somit stehe diese Aufgabe heute in den Lehrplänen vieler Fächer. Das Land entschied damals, dass die Vermittlung medialer Kompetenzen eine Querschnittsaufgabe für alle Fächer sei und kein neues Unterrichtsfach eingeführt werde.

Aus Meltzows Sicht sei die Entscheidung zunächst sinnvoll, die Vermittlung medialer Kompetenzen nicht in ein einziges neues Fach auszulagern, denn wie in unserem alltäglichen Leben sollen Medien in jedem Fach eine Rolle spielen:

„Auch Kolleg*innen, die keine Informatiker*innen sind, können in vielfacher Hinsicht die Kompetenz vermitteln, Medien kritisch zu analysieren und zu hinterfragen, Präsentationen zu erarbeiten und so den Schüler*innen die Nutzung von Medien außerhalb der sozialen Netzwerke näher zu bringen.“

Doch aus Sicht eines Informatikers fügt er hinzu, dass es Themengebiete, wie das Fach Informatik selbst, gibt, die mitsamt der Digitalisierung von Schulen gestärkt werden müssen.

„Wie funktionieren Algorithmen? Was sind Bitcoins, was ist eine Filterblase und was ein Bot? Diese Fragen können nicht alle meine Kolleg*innen den Schüler*innen beantworten“, erklärt Meltzow.

Um über die Strukturen hinter den Anwendungen aufzuklären, müsse es zusätzlich ein Spezialfach geben, nur so könne man das große Spektrum medialer Kompetenzen in seiner Gänze vermitteln.

Die Digitalisierung als Chance sehen

Nachdem Meltzow mir nun einen groben Überblick über all die Schritte gegeben hat, die im Prozess der Digitalisierung von Schulen noch gegangen werden müssen, möchte ich zum Abschluss von ihm wissen, wie er sich Schule in zehn Jahren vorstellt. Seine Antwort eröffnet einen Horizont, an den die wenigsten von uns bisher gedacht hätten:

„Ich glaube tatsächlich, dass man sich in naher Zukunft damit beschäftigen muss, die Inhalte der Schule zu überprüfen, und damit meine ich nicht nur die medialen Kompetenzen. Man muss Schüler*innen und Lehrer*innen durch die Technik neue Möglichkeiten eröffnen, projektbasierter lernen zu können, mehr zusammen zu lernen, kollaborativ arbeiten zu können um letztendlich die klassischen Unterrichtsformen aufzusprengen.“

Man müsse die Digitalisierung als eine Chance ansehen, Unterricht neu zu gestalten. Die Chancennutzung digitaler Schulen sei erst möglich, wenn man die Prüfungsformate ändere, so Meltzow. Denn alle heutigen Unterrichtssequenzen laufen auf Klausuren hinaus, allein deswegen habe man gar keine Chance den Unterricht zu verändern, mein Meltzow.

„Würde man die Art der Prüfungen verändern, die Schüler*innen nicht immer nur Analysen schreiben und stumpfe Aufgaben lösen lassen, sondern sie auch kreativ werden lassen und so Prüfungen in Form von Projekten einführen, so würde sich Unterricht nachhaltig verändern.“

Laut Meltzow sei es für die Zukunft der Schulen mehr als wichtig, dass nicht nur die Lerninhalte angepasst werden, sondern dass auch neue Prüfungsformate eingeführt werden, die auf lange Sicht zum Erfolg der Schulentwicklung beitragen. Durch die Veränderung von Prüfungsformen werde es auf lange Sicht möglich sein, digitale Lernmittel effektiv in den Unterricht einzubinden, ist sich Meltzow sicher.

„Das Digitale muss in der Zukunft der Schulen einfach selbstverständlich sein“, resümiert er. „Es darf nicht mehr so sein, dass man im Unterricht sagt, so jetzt kommt der digitale Teil, wir gehen einmal in den Computerraum und alle Schüler freuen sich. Im Gegenteil, das Digitale darf nicht getrennt zu den Unterrichtseinheiten gesehen werden, es muss in Zukunft fest zu den Lernmöglichkeiten dazu gehören.“

Die menschliche Komponente zählt immer noch

Doch obwohl er sich selbst als „digital Freak“ beschreibt, appelliert er zu guter Letzt bei aller Zukunftsvision, nicht das aus dem Blick zu verlieren, was guten Unterricht bis heute ausmacht: die menschliche Komponente. Man lerne nämlich immer noch am besten, wenn man zu der Person, mit der man lernt, eine Beziehung hat.

„Man muss aufpassen, dass der Lehrende nicht zum Lernbegleiter wird und irgendwann nur über die Schulter der Schüler*innen schaut, während diese am Laptop sitzen und alles selbst erarbeiten“, betont er.

Denn Unterricht sei ja früher nicht schlecht gewesen!

Für die Zukunft der Schulen müsse man sich also überlegen, was man beibehalten und was man weiterentwickeln sollte. Meltzow selbst blickt positiv in die Zukunft der Schulen, er ist sich sicher, dass noch viele digitale Möglichkeiten ihren Weg in die Schule finden und so den jetzigen Unterricht passend ergänzen werden. Einen Ausblick für eine solche mögliche Ergänzung gibt er gleich mit:

„Gerade die Virtual Reality kann eine große Rolle im nächsten Jahrzehnt der Schule spielen.“

Als Schlusswort ist es ihm dann doch noch eines wichtig, zu sagen:

„Man muss bewahren, was gut ist. Es muss nach wie vor den Literaturkurs geben, der eine Aufführung ganz ohne digitale Mittel plant und auf die Bühne der Aula bringt“, beendet er schmunzelnd unser Gespräch.

 

Beitragsbild: Neele Kremer

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