Simon Launay / Unsplash
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Warum „nett“ nicht die kleine Schwester von scheiße ist

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„Du bist nett” ist eigentlich nur eine harmlose Umschreibung für „Du bist langweilig”. Wann ist nett sein eigentlich so aus der Mode gekommen? Ein Plädoyer für mehr Nettigkeit:

Von christinastenneken

Nett: die kleine Schwester von scheiße?

Das Wort nett wird in meinen Augen viel zu häufig gar nicht nett verwendet, etwa um einen Gegenstand, einen Menschen oder eine Situation als ertragbar, allenfalls annehmbar, nicht störend aber doch als eher langweilig zu charakterisieren. Wie wird eine eigentlich positive Eigenschaft, zum Lückenfüller, für „Ich weiß nicht, wie ich dich sonst beschreiben soll.“? „Du bist ganz nett, eine spezifischere Beschreibung für dich fällt mir nicht ein“, klingt eher nach einem Antikompliment, das nett verpackt werden sollte. Schade!

Ich halte „nett sein“ für eine ausgesprochen positive Charaktereigenschaft. Zu anderen Menschen erstmal nett zu sein ist für mich selbstverständlich. Warum sollte es das auch nicht sein? Wir leben in einer Welt voller Vorurteile und Äußerlichkeiten. Da ist es doch sehr angenehm, wenn mein Gegenüber erstmal unvoreingenommen ist und mich so behandelt als wäre auch ich ein potentiell netter Mensch. Trotzdem habe ich oft das Gefühl, dass nett sein mit verwechselt wird. Scheinbar hält sich das Vorurteil hartnäckig, dass sich ein lieber Mensch nicht wehren kann und man ihm deshalb, ob beruflich oder privat, alle lästigen Aufgaben überlassen kann. Bist du zu nett, hast du in einer Welt voller Konkurrenzdenker leider verloren. Denn dann kann man dich ausnutzen. Gar nicht nett!

Nettigkeit darf nicht ausgenutzt werden

An der Behauptung, dass nette Menschen harmoniebedürftiger sind, ist sicherlich etwas dran. Daher übernehmen sie vielleicht eher eine lästige Aufgabe oder schlucken einen bissigen Kommentar herunter, um unnötigen Streit zu vermeiden. Das sollte natürlich nicht dazu führen, dass man zum Mädchen für all das wird, worauf die anderen keine Lust haben. Nettigkeit sollte also kein Schutzschild sein, nur weil man Angst vor einer Konfrontation hat. Wenn man auf nette Art erklärt, warum man etwas nicht machen kann oder eine Verhaltensweise nicht in Ordnung findet, fällt eine Konfrontation ja auch gar nicht so schlimm aus und man verliert auch keine Sympathien. Und falls doch, dann hat dein Gegenüber ein Problem, aber nicht mit dir, sondern mit sich selbst.

„Nett” muss wieder ehrlich gemeint werden können!

Interessant ist, dass sich wohl jeder Mensch selbst als nett charakterisieren würde. Ein Satz wie „Der/ die ist viel zu nett“ wird aber wiederum eher mit Schwäche oder Naivität gleichgesetzt. Von sich selber würde man also nie behaupten, kein netter Mensch zu sein. Auf sich selbst bezogen meint man diese Aussage ehrlich und empfindet sie als wichtig. Niemand würde sich gerne bewusst vor anderen schlecht machen, als Arschloch möchte auch keiner abgestempelt werden.

Nett sollte bei einer Charakterisierung wieder einen viel höheren Stellenwert bekommen, denn es ist eine positive Eigenschaft, die mehr Anerkennung verdient. Auch wenn es jeder sein will, nicht jeder ist es. Daher sollte „Du bist nett“ oder „Es war richtig nett mit dir“ auch wieder wortwörtlich so verwendet werden können, ohne dass das Gefühl entsteht, dass meinem Gegenüber kein besseres Wort eingefallen ist. Leider wird nett noch zu oft unehrlich verwendet.

Wenn ich nochmal „Du bist ein nettes Mädchen“ hören muss, flippe ich aus!

Und das nur, weil es eben meist nicht wortwörtlich gemeint ist. Bei diesem Satz erscheint vor meinem Auge immer das Bild des Großvaters, der seiner Enkelin den Kopf tätschelt, weil diese sich artig für einen Schokoriegel bedankt hat. Diese Assoziation ist ja im Grunde nicht negativ, nur lässt sie sich schlecht mit einer Situation im Job oder im Freundeskreis vereinbaren. „Liebes Mädchen …”, „Braves Mädchen …“ – alles Ausdrücke, die aber (leider) nur noch von Großeltern okay sind, weil sie von ihnen immer ehrlich gemeint sind und Zuneigung ausdrücken. Bekommt mann das heute von einem Bekannten oder gar seinem Date gesagt, ist es eben oft nur die „nette Beschreibung” für: „Du bist langweilig und naiv.“

Tatsächlich habe ich von einem Freund auf die Frage, was er an mir mag, mal die Antwort bekommen: „Bist ‘n nettes Mädchen.“ Wegen der wenig ausführlichen Formulierung und mit dem Hintergedanken nett = langweilig, habe ich ihm gegenüber ziemlich beleidigt reagiert: „Danke … Mehr fällt dir also nicht zu mir ein?! Lieb, nett und naiv – toll“. Er hat meine wütende Reaktion gar nicht verstanden und daraufhin ein bisschen weiter ausgeholt. Da vielen dann die folgenden Sätze: „Ich mag, dass ich mit dir über alles reden kann. Dass ich mich auf dich verlassen kann und du ehrlich zu mir bist. Ich mag, dass du mich so nimmst wie ich bin.“ Diese Antwort habe ich dann schon als Kompliment verstanden. Diese Eigenschaften kann das Wort nett eben auch umschreiben. Man ist ein guter Freund, eine verlässliche Person. Daher sollte das Wort „nett” und alle Menschen, die es sind dringend mehr Wertschätzung erfahren. Denn nett und scheiße sind eben nicht verwandt. Und scheiße kann höchstens unsere Reaktion auf Nettigkeit sein.

Erschien zuerst bei EDITION F https://editionf.com/Warum-nett-nicht-die-kleine-Schwester-von-scheisse-ist

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