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Aktuelles Frauenfrage - Kolumne Gesellschaftsleben

Warum es sich lohnt, Klassiker und alte Bücher zu lesen

Ganz gleich, ob ihr euch für Das andere Geschlecht interessiert, Die Odysee oderMiddlemarch – diese Bücher sind relativ alt und haben einem doch gar nichts mehr zu sagen, oder?
Ich glaube, dass es sich sehr wohl lohnt, da man aus ihnen unheimlich viel über die Gesellschaft und ihren Wandel lernen kann!

„Frauenfrage“, eine Kolumne von Louisa Albrecht

Als moderne Menschen sollten wir moderne Bücher lesen, sagen sicherlich viele. Was in Bücher von vor 50, 100 oder gar noch mehr Jahren steht, hat mit der heutigen Lebensrealität doch gar nichts mehr zu tun und überhaupt ist das doch total anstrengend zu lesen.

Naja, nicht wirklich.

Ich habe für mich festgestellt, dass Klassiker durchaus eine sehr lohnende Lektüre sein können. Besonders aufgefallen ist es mir während meiner (noch nicht abgeschlossenen) Beschäftigung mit Simone de Beauvoirs Das andere Geschlecht. Zu Zeiten des Kalten Kriegs geschrieben ist das Buch zwar nicht gerade alt, aber dennoch eines der feministischen Standardwerke. (Ja, weiß, & westlich, dessen bin ich mir bewusst…) Dennoch hat de Beauvoir eine sehr interessante Sicht auf die Gleichberechtigung: Sie sagt, im Prinzip haben Frauen alles erreicht auf juristischer Ebene, jetzt könne die Zeit der Gleichberechtigung losgehen. Virginia Woolf äußerte 1929, also ziemlich genau 20 Jahre vorher, im Prinzip das Gleiche und wie wir alle wissen, ist ziemlich viel zwischen 29 und 49 passiert (z.B. dass Frauen zwischenzeitlich in Deutschland ihr Wahlrecht verloren). Und beide Frauen hätten im Falle einer Heirat nicht mal ihren Nachnamen behalten dürfen (jedenfalls nach deutschen Recht). Es gab also noch total  viel zu tun und zu erreichen, wie wir aus heutiger Sicht wissen und trotzdem kamen sie schon zu diesem Urteil. (Um Missverständnissen vorzubeugen: Es ging um die juristische Gleichberechtigung, nicht um die gelebte. Die war damals wie heute noch stark ausbaufähig und das haben die Autorinnen auch in keiner Weise geleugnet!!!)

Zudem habe ich dieses Jahr auch schon einige Bücher gelesen, die das Frauenbild vergangener Zeiten zeigen: Das Mädchen mit dem Perlenohrring (das Buch ist zwar von 1999, spielt aber Mitte des 17. Jahrhunderts in den Niederlanden) oder  Der Name der Rose (ganz grauenhaftes Frauenbild, was da  für 1327 gezeichnet wird). Manchmal muss es aber auch gar nicht so weit zurück sein: Vortreffliche Frauen ist ein Spiegel der 1950er. Aber auch alte Fantasybücher oder andere Genres können einen Blick wert sein: Prinz Kaspian von Narnia, erschienen 1951 oder Belgariad aus den 1980ern lassen einen beide so manches Mal schmerzerfüllt zusammen zucken vor lauter fehlender Emanzipation, Gleichberechtigung und überhaupt.

Egal wie alt ein Buch ist, so stellt es doch immer einen Spiegel seiner Zeit dar und der Vorstellungen die Menschen damals so hatten. Beispielsweise über die Rollen und (Nicht-)Fähigkeiten von Männern und Frauen. Ich finde es unheimlich spannend zu sehen, wie sich das entwickelt hat oder auch teilweise einfach nur stagniert! (Gestern habe ich mit V-Wars  von Jonathan Maberry begonnen, einem Urenkel Bram Stokers, und das Frauenbild in diesem erst kürzlich veröffentlichtem Buch ist die ersten 82 Seiten über schlichtweg zum Kotzen. Objektifizierung bis zum Umfallen!

Wenn wir verstehen wollen, welchen Weg gesellschaftliche Entwicklungen gegangen sind, werden wir um ältere Bücher nicht drum herum kommen und wenn mensch sich darauf einlässt, kann das sogar ziemlich interessant und lehrreich sein. Mal abgesehen vom sprachlichen Wandel, den diese Bücher aufzeigen (shoutout an ale Germanist*innen an dieser Stelle 😉 )

 

2 thoughts on “Warum es sich lohnt, Klassiker und alte Bücher zu lesen

    1. Danke für deinen Kommentar Helena!
      Ich freue mich, dass du es ähnlich siehst – welchen Klassiker hast du als letztes gelesen?

      Viele Grüße,

      Louisa

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