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Aktuelles Frauenfrage - Kolumne Gesellschaftsleben

Warum Aussehen und vor allem Haare eben nicht egal sind

Liebe dich selbst! Es zählen nur die inneren Werte! Alles Bullshit.

„Frauenfrage“, eine Kolumne von Louisa Albrecht

Als ich jünger war, haben höchstens meine Eltern gesagt, dass es doch egal sei, wie eine Person aussieht, inzwischen ist es „normal“ geworden, den Fokus auf innere statt äußere Werte zu legen, doch funktioniert das wirklich? Und spielt Aussehen nicht doch noch eine Rolle?

Die letzte Woche habe ich auf dem Fridays For Future Sommerkongress verbracht, wo unheimlich viele Mädchen mit sehr kurzen Haare rumliefen, stoppelkurz. Mit einer von ihnen hatte ich eine Unterhaltung über Schönheit. Sie meinte, eine Glatze zu tragen, habe ihr viel über Schönheit beigebracht, vor allem darüber, was sie selber als schön ansieht.

Für mich persönlich hat Aussehen, allem voran insbesondere Aussehen meiner Haare immer eine unglaublich wichtige Rolle gespielt. Als ich jünger war, gab es viele Mitschüler*innen, die ständig dumme Kommentare über meine Haare gemacht haben aber auch ein paar wenige, die mir dafür Komplimente gemacht haben. Inzwischen überwiegen die Komplimente, doch so ungefähr jede*r, die/den ich kennenlerne, hat eine Meinung zu meinen Haaren, nicht wenige wollen sie anfassen (danke an alle, die wenigstens vorher fragen!)… und ich persönlich finde, dass sie meine Persönlichkeit gut zum Ausdruck bringen. Abgesehen davon, dass sie so ziemlich der einzige Aspekt sind in dem ich toastbroatweißer Mensch meinem zur Hälfte schwarzen Vater ähnlich sehe.

So oder so bestimmen meine Haare ziemlich viel in meinem Leben. Den ersten Eindruck, meine Morgenroutine im Bad (genauer gesagt deren Länge), welchen Schmuck ich tragen kann oder auch nicht (ich sage nur Choker… in der Grundschule hatte ich nie so ein Teil), Teile meines Budgets….

Insbesondere für Leute mit Locken (und wir reden hier nicht von diesen Pinterest-Beachwaves, die lediglich bessere Wellen sind), spielen die eigenen Haare eine immens große Rolle. Gestern stieß ich auf einen Artikel vom BBC darüber, wieso schwarze Mädchen so selten Profischwimmerinnen werden. Und vielleicht habt ihr ja davon gehört, dass New York extra ein Gesetz erlassen hat, dass die Diskriminierung von „natural hair styles“ verbietet. Dass es dafür extra ein Gesetz braucht, finde ich ziemlich bedenklich, ist meiner Meinung nach aber vor allem ein Zeichen für den noch immer nicht überwundenen Rassismus in unserer Gesellschaft. Womit wir wieder beim Anfang wären.

Ich kann total verstehen, dass eine weiße Person mit glatten Haaren sich nicht so viele Gedanken darüber macht, was Hautfarbe oder Haare letztlich bedeuten. Aber wenn auch nur eines dieser Kriterien nicht erfüllt wird, spielt es auf einmal wieder eine Rolle. Wer zu weit von der Norm abweicht, für den gibt es oft zwei Möglichkeiten: schlechte Lösungen oder teure Lösungen wählen.

Das gilt für Körperformen, Haare, Hauttöne. Meine Schwester ist nur etwas Ticken dunkler als ich und für sie eine „hautfarbene“ Strumpfhose zu finden ist quasi unmöglich…

Ob es Kleidung in Übergröße sind (oder für sehr dünne Menschen… sowohl meine Schwester, mein Vater als auch mein Freund können quasi alles essen, ohne zuzunehmen… find da mal passende Kleidung), Pflegeprodukte, die nicht mein Portemonnaie leerfressen oder die Möglichkeit, „hautfarbene“ Strumpfhosen oder Make-Up Produkte zu kaufen… wer zu sehr vom optisch „normalen“ abweicht… für die/den spielt Aussehen auf einmal doch eine große Rolle…

Was können wir also tun?
Vielleicht das nächste Mal, wenn wir jemanden begegnen uns die Zeit nehmen, erst etwas über den Charakter, das Buch das die Person dabei hat etc.  zu sagen, bevor das Aussehen kommentiert wird… falls das denn überhaupt wirklich nötig ist 🙂

PS: Ist es nicht heuchlerisch, wie die Modeindustrie ihre plötzlich entdeckte Diversität feiert und so tut, als sei es total normal? Wäre es das schon immer gewesen, wären Models mit Vitiligo, Downsyndrom oder etwas mehr als Größe 34 schon viel länger auf den Laufstegen…

 

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