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Von Heiligen, die an den Wänden hängen

Die Corona-Pandemie hat viele von uns wieder zum Lesen bewegt. Gut, wenn es da Leute gibt, die uns bei der Suche nach einem guten Buch beraten können. Zu Besuch bei einem ganz besonderen Buchhändler.

von Nadine Thomas

Die Stufe direkt vor der Eingangstür sieht aus, als sei sie mit Absicht dort platziert worden, als fordere sie einen höflich dazu auf, den Alltag vor dem Eintreten doch bitte vor der Tür zu lassen. Tatsächlich rückt das alltägliche Leben in weite Ferne, sobald man den ersten Schritt in Alfred Böttgers Buchhandlung gesetzt hat. Vergessen sind die quietschenden Straßenbahnen, die lärmenden Autos, der Baustellenstaub von draußen. Man fühlt sich wie in einem weichen Kokon. Der Kokon, das sind die Bücher, die sich hier bis an die Decke stapeln.

Ein Buchhändler wie aus dem Bilderbuch

„Ich bin jeden Tag mit zwei oder drei Plastiktüten nach Hause gegangen, in denen Bücher drin waren. Irgendwann habe ich  mir gedacht: So, jetzt ist Schluss. Du musst etwas tun, damit du diese Neurose in den Griff bekommst“, erzählt Böttger über den Beginn seiner Leidenschaft. Der Mann, der eine Stimme wie ein Hörbuchsprecher hat, sieht aus, wie man sich einen Buchhändler vorstellt. Leicht zerzauste, graue Haare, über dem karierten Hemd ein feiner Wollpullunder. Nicht zuletzt die große Brille, durch die einen wache Augen anschauen. Um seinen Sammlerinstinkt zu therapieren, absolvierte Böttger nach der Schule eine Ausbildung zum Buchhändler.

Vom Villenviertel in die Bonner Innenstadt

Anfangs noch im Godesberger Villenviertel situiert, bestand Böttgers Buchhandlung aus nicht mehr als ein paar Büchern. Dass er einmal zur einer der berühmtesten deutschen Buchhandlungen gehören würde, hätte er damals nicht gedacht. „Kaufmännisch bin ich eine Flöte“, scherzt Alfred Böttger über sich selbst.

Bücher, so weit das Auge reicht
Bücher, so weit das Auge reicht 
Foto: Nadine Thomas

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Direkt im ersten Geschäftsjahr zog er sich einen Unternehmensberater zur Hilfe. Dieser gab seiner Buchhandlung kein halbes Jahr bis zur Insolvenz. Doch entgegen aller Prognosen lief die Buchhandlung nach anderthalb Jahren. Auf Grund eines Wasserschadens im Gebäude zog Böttger schließlich in die Bonner Innenstadt, zuerst in die Maximilianstraße. Dort hatte er Platz, viel Platz und verkaufte so neben einer Etage voller Büchern noch eine Etage voller Bilder. Dann kam die Baustelle am Hauptbahnhof, Böttger hatte Angst vor der Baustelle und entschied sich für einen neuen Umzug an seinen jetzigen Standort, der Thomas-Mann-Str. „Das war vielleicht nicht die beste Entscheidung“, gibt er offen zu. „Ich hätte ausharren sollen.“ Denn in der Straße direkt am Hauptbahnhof  mangelt es ihm an Laufkundschaft.

Wirklich beklagen kann sich Alfred Böttger allerdings nicht. Dreimal hat er inzwischen den deutschen Buchhandlungspreis gewonnen, einmal sogar in der obersten Kategorie, in der bundesweit nur drei Buchhandlungen ausgezeichnet werden.  Erst letztes Jahr wurde er von der Jury wieder einmal zu einer der „hervorragenden Buchhandlungen“ Deutschlands gewählt.

Balkenheilige, Säulenheilige und Glasheilige

Schaut man sich in Böttgers Buchhandlung genauer um, fallen einem die zahlreichen Porträts und Bilder von bekannten Schriftsteller*innen auf, die an den Wänden hängen. Was auf den ungeschulten Beobachter willkürlich wirkt, folgt einem strengen System. Da gibt es die Säulenheiligen wie Arno Schmidt, Franz Mon, Ludwig Tieck, Christoph Martin Wieland oder Uwe Johnson. Über all diesen thront der heiligste aller Heiligen, James Joyce. Von dem irischen Schriftsteller hat Böttger gleich mehrere Porträts in seiner Buchhandlung hängen. Wer es wagt, etwas Negatives über die Säulenheiligen zu sagen, kann gleich wieder die Stufe rückwärts aus der Buchhandlung hinausgehen. Nicht ganz so streng ist Böttger bei den Balkenheiligen. Dazu zählen zum Beispiel Ingeborg Bachmann, Martin Heidegger und Robert Walser. Über deren Heiligenstatus darf auch schon einmal diskutiert werden. Schließlich gibt es noch die Glasheiligen, die man in den Vitrinen der Buchhandlung bestaunen kann. Dazu zählen unter anderem Hans-Joachim Schädlich, Sibylle Lewitscharoff oder Michael Donhauser. All diese Autor*innen waren in Böttgers Buchhandlung zu Besuch und haben ihn so beeindruckt, dass er ihnen einen extra Schaukastenplatz zur Verfügung gestellt hat.

Kritische Beobachter*innen werden sich jetzt fragen, warum man unter den Heiligen so wenige weibliche Persönlichkeiten findet. „Es fehlen wirklich Frauen“, gibt Böttger zu. „Das Problem ist: ich muss für die Porträts der Fotografen nach den Rechten fragen. Die Fotos kostenlos zu bekommen, ist nicht einfach.“ Und bei Frauenporträts ist da  anscheinend schwieriger als bei Männerporträts. Welche weiblichen Schriftstellerinnen er denn gerne in seiner Buchhandlung hängen hätte? Die Liste sei lang, so Böttger. „Ilse Aichinger und Helga M. Novak müssten aber auf jeden Fall noch her.“

Bücher abseits der Bestsellerlisten

Wer sich den neusten Spiegel-Besteller kaufen möchte, sucht ihn in der Regel in Böttgers Buchhandlung vergeblich. Seinen Schwerpunkt hat Alfred Böttger auf deutsche und ausländische Literatur jenseits der Bestsellerlisten gelegt. „Auch in kleinen Verlagen erscheint nicht immer nur Gutes“, gesteht Böttger ein. „Aber man kann Dinge entdecken, die großartig sind“, fügt er hinzu.

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Porträts der Schriftsteller*innen
Foto: Nadine Thomas

Bestseller-Literatur kann aber dennoch gerne bestellt werden, betont Böttger und berichtet von einer Art Fremdscham der Menschen beim Bücherkauf.  „Manchmal kommen Menschen rein, die sagen, ich möchte gerne ein Buch bestellen und fügen dann schnell hinzu: „das ist nicht für mich“. Sie bestellen einen Besteller und denken dann, ich schaue sie blöd an, wenn sie so etwas bestellen. Aber das ist nicht wahr!“ Dass ihm das Thema nahe geht, merkt man daran, dass Böttger zur Unterstreichung seiner Worte mehrmals geräuschvoll auf den Tisch klopft. „Ich finde es ganz wunderbar, wenn man liest, das ist doch ganz großartig“, fährt er leidenschaftlich fort.  Dass Böttger keine Bestseller verkauft, liegt nicht daran, dass er Bestseller-Literatur nicht lesenswert findet. Vielmehr geht es ihm darum, unbekannte Autor*innen unter die Leute zu bringen. „Warum soll ich Bücher hier hinlegen, die in großen Buchhandlungen sehr stark präsentiert sind? Ich möchte Bücher anbieten, die dort eher selten zu finden sind“, erklärt der Buchhändler.

Intellektuelle Hemmschwelle

Trotzdem sieht Böttger die großen Buchhandlungen nicht als Konkurrenten. „Ich gehöre nicht zu den kleinen Buchhändlern, die gegen die großen polemisieren. Im Gegenteil: Ich halte die großen Buchhandlungen für ungemein wichtig.“ Wenn es die großen Buchhandlungen nicht gäbe, so Böttger, dann müsse seine Buchhandlung anders aussehen. Dann könne er sich nicht mehr nur auf kleine Verlage spezialisieren, sondern müsse ein breiteres Spektrum an Büchern anbieten. Zudem brauchten viele Menschen die Anonymität und die Unverbindlichkeit der großen Buchhandlungen. „Es gibt da eine Art intellektuelle Hemmschwelle. Die Menschen denken, diese Buchhandlung sei ein abgehobenes, intellektuelles Gebäude“, erklärt Alfred Böttger. Anders sehe es da in den großen Buchhandlungen aus. „Da gehen Sie einfach rein und wieder raus und wieder rein und wieder raus.“ Alfred Böttger ist eben doch mehr Literaturenthusiast als Kaufmann. Er freut sich nicht nur, wenn seine Bücher gekauft werden. Er freut sich im Generellen, wenn Leute zum Lesen bewegt werden. „Denn dieses Eintauchen in fremde Welten, dieses Sich-treiben-lassen, das ist doch etwas Wunderbares.“

Kritisches Auge

Böttgers Leidenschaft für Literatur und die Passion für Kunst zeigt sich auch in seiner Art, wie er sich bewegt. Während des Gesprächs steht er immer wieder auf, wandert durch den Laden, zeigt mir Bilder, zieht hier ein Buch aus dem Regal, rückt dort etwas zurecht.

Alfred Böttger mit „Felix und Felka“ von Hans Joachim Schädlich
Foto: Nadine Thomas

Dass der Mann ein kritisches Auge hat, wird mir während unseres Gesprächs schnell bewusst. Was also muss ein Buch mit sich bringen, damit es einen kostbaren Platz in Alfred Böttgers Buchhandlung bekommt? „Man darf nicht glatt durchrauschen, das Buch muss Widerhaken haben“, erklärt Böttger. Auch eine zu rasche Identifikation mit dem Protagonisten findet der Buchhändler eher langweilig. Zudem sollte das Lesen für Böttger einen Gewinn mit sich bringen. „Ich möchte, dass sich dem Leser neue Horizonte erschließen, die bisher für ihn eher im Dunkeln lagen.“ Schließlich, meint Böttger, „muss ich Lust haben, das Buch noch einmal lesen zu wollen.“

Ob er denn auch jedes Buch gelesen habe, das hier liegt? Am Anfang seiner Buchhändlerkarriere hatte Böttger tatsächlich diese Ambition. Schon nach den ersten Monaten merkte er jedoch, dass das nicht möglich sei. „Da wird man verrückt“, gibt er offen zu. Allerdings, so Böttger, entwickelt man mit der Zeit eine Nase für gute Bücher. „Natürlich habe ich mich da auch schon mal vertan, aber ich habe ziemlich schnell heraus, ob ein Buch etwas taugt oder nicht.“

Viele schöne Momente

„75 Prozent im Buchhandel sind langweilige Arbeit“, erzählt mir Alfred Böttger. „Auspacken, einordnen, Papier wegbringen, sauber machen.“ Trotzdem habe ihm diese Buchhandlung unglaublich schöne Momente beschert. Bei der Nachfrage, welche ihm denn besonders in Erinnerung geblieben sind, nennt Böttger vor allem die Begegnungen mit den Literaten selbst. Und von denen gibt es viele. Zum Beispiel, wenn eines Tages einfach ein Mann mit den Worten in die Buchhandlung herein spaziert kommt „Ich soll Sie von Wolf grüßen.“ Und Alfred Böttger dann erfährt, dass es sich bei Wolf um den von ihm sehr geschätzten Schriftsteller Wolf Wondratschek und bei dem unbekannten Herren um seinen Verleger in Lateinamerika handelt. Oder wenn Schriftsteller bei einer Lesung in der Buchhandlung sagen, es sei ihnen eine ganz besondere Ehre, hier ihr Buch vorstellen zu dürfen. „Das freut einen sehr“, gibt Böttger zu. „Man ist ja irgendwie so, dass das einen freut.“

Am Ende unseres Gespräches ist es dunkel geworden draußen. Als ich mir den Weg durch die Bücherstapel nach draußen bahne, kann ich die Augen nicht von den Wänden lassen. Im Dämmerlicht haben die Heiligen fast etwas Ehrfürchtiges. Ob er nicht irgendwann genug von Büchern habe, frage ich Alfred Böttger noch beim Hinausgehen. „Ich hasse Bücher! Ich finde Bücher ganz furchtbar!“, scherzt er und wirbelt dabei wild mit den Händen um sich. Alfred Böttger ist nicht nur bodenständig, er hat auch eine gute Portion Selbstironie.

Ihr wollt euch selbst ein Bild von der Buchhandlung machen? Die Buchhandlung hat wieder zu ihren normalen Öffnungszeiten geöffnet. Ab dem 10.09.2020 sollen zudem wieder Lesungen und andere Veranstaltungen in der Buchhandlung stattfinden. Alle Infos findet ihr unter http://www.buchhandlung-boettger.de.

 

 

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