Brotfabrik © Tabea Desch
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Vom „Bullshit-Bingo“ bis zum Ampelmännchen – wie das Kulturzentrum Brotfabrik die Coronakrise übersteht

Die Brotfabrik – ein soziokulturelles Zentrum, das seit über 35 Jahren in Bonn-Beuel besteht, die unterschiedlichsten Menschen zusammenbringt und sie in ihrer Liebe zur Kultur verbindet.

Wie das Kulturzentrum den Lockdown überstanden hat, mit welchen Maßnahmen es noch heute kämpft und welche positiven Ideen und Fortschritte aus der Krisenzeit gewachsen sind. Ein Gespräch mit Frithjof Becker.

von Tabea Desch

Auf den ersten Blick scheint in der Brotfabrik Ende Juli alles ganz normal. Im Innenhof vor dem Theater Marabu stehen Bänke – aus Holzbrettern zusammengebaut – daneben große bepflanzte

Blumenkübel, um die Insekten schwirren. Eine kleine grüne Oase inmitten des alten Fabrikgebäudes. Dort treffe ich Frithjof Becker.

Wenn man Frithjof fragt, was seine Aufgaben in der Brotfabrik sind, antwortet er mit einem Lächeln: „Ich bin hier nur der Gärtner.“ In Wahrheit ist er sehr viel mehr für die Brotfabrik. Er ist der technische Leiter – oder auch Technical Director – und Facility Manager.

„Seit Tag eins und schon davor, bei dem Vorläufer der Brotfabrik bin ich dabei gewesen, bin also der Dienstälteste und der Älteste nach Jahren auch“, gibt er lachend zu.

Er beschreibt seinen Job als seine Passion und möchte „alles Mögliche möglich machen hier in diesem Haus.“

Frithjof Becker © Tabea Desch
Frithjof Becker © Tabea Desch

Freitag, der 13. März war tatsächlich ein Unglückstag für die Brotfabrik. An diesem Tag musste die gesamte Kulturstätte aufgrund der Corona-Pandemie schließen. Dazu gehören das Programmkino Bonner Kinemathek, die Brotfabrik Bühne Bonn, das Theater Marabu, die kreative Werkstätte für Kinder und Jugendliche, das Bildungswerk interKultur Brotfbarik und die Kulturkneipe.

Erstmal musste alles geschlossen werden.

„Überlegen, wie geht es weiter, wie kann es weiter gehen, das kam dann erstmal etwas später, nachdem wir so langsam zur Besinnung kamen, was denn überhaupt passiert ist und was auf uns zukommt und zukommen könnte“, erzählt Frithjof.

Doch Angst um die Existenz der Brotfabrik hatte er nie. Wenn besorgte Stammgäste ihn auf das Weiterbestehen der Brotfabrik ansprachen, antwortete er stets:

„Nein, keine Sorge, natürlich wird es uns weitergeben. Und ich habe das auch mit vollster Überzeugung gesagt und ich war auch wirklich davon überzeugt. Ich konnte natürlich noch nicht sagen, wann und in welchem Umfang, aber dass wir ganz aufgeben, das habe ich nie geglaubt.“

Immer aktuell dank der sozialen Medien

Von Aufgeben kann keine Rede sein. Die Brotfabrik hat während des Lockdowns ihre Gäste tatkräftig auf den sozialen Medien unterhalten und auf dem neuesten Stand gehalten. „Nachdem der totale Shutdown war, wollten wir aber auf jeden Fall unseren Gästen, Stammgästen und Besuchern signalisieren:

„Es gibt uns noch, wir machen jetzt auf eine andere Art und Weise weiter und guckt, was wir machen, bleibt dran, wir versuchen die Verbindung zu halten. Auf diese Art und Weise sind natürlich mittlerweile neue Formate entstanden.“

Seit August 2019 hat die Brotfabrik einen Instagram-Account, bei Facebook ist sie schon länger aktiv. Die Mitarbeiter haben während des Lockdowns verschiedene Foto- und Videoaktionen veröffentlicht. So sollte sich beispielsweise jeder aus dem Team sein Unwort zur Coronakrise aussuchen und es fotografisch präsentieren. Die Fotos wurden dann unter dem Titel „Brotfabrik-Bullshit-Bingo“ auf Instagram gepostet. Auf Facebook gibt es kleine Interviews der Mitarbeiter*innen, in denen sie berichten, was sich durch Corona in ihrem Arbeitsalltag verändert hat.

"Bullshit-Bingo" der Brotfabrik © Tabea Desch
„Bullshit-Bingo“ der Brotfabrik © Tabea Desch

Finanziell konnten sich Kino und Theater durch Kurzarbeit und den NRW-Förderungen über Wasser halten. Doch die Kneipe und das Bildungswerk sind vor allem durch die große Solidarität ihrer Gäste durch die Krise gekommen. Die Kulturkneipe hat Anfang März einen Spendenaufruf über Facebook gestartet, bei dem knapp 7000 Euro zusammengekommen sind. Das Essen und die Getränke der Kulturkneipe konnten außerdem zum Mitnehmen bestellt werden.

Im Bildungsbereich mussten Kurse und Workshops ausfallen, die Teilnehmer*innen aber wollten ihr Geld nicht zurück, sondern es der Brotfabrik spenden.

Neue Regelungen in der Brotfabrik

Ende März konnte dann das Bildungswerk wieder öffnen, dann das Programmkino der Brotfabrik und später auch das Theater und die Kulturkneipe. Natürlich mit einer Menge coronabedingter Einschränkungen.

Die wichtigsten Regeln sind – wie überall – die Maskenpflicht, der Mindestabstand und die Erfassung der Daten aller Besucher*innen. Um diese vorgeschriebenen Corona-Maßnahmen in der Brotfabrik umzusetzen gab es einiges zu tun für Frithjof. Er wurde vom Brotfabrik-Team zum „Corona-Beauftragten“ auserwählt und hat sich kreative Wege ausgedacht, die Besucher*innen auf Abstand zu halten und sie dazu zu bewegen, die Maßnahmen einzuhalten.

Damit die Leute sich nicht zu nahekommen, wird ein Treppenhaus als Eingang und ein anderes als Ausgang genutzt. Die Brotfabrik besteht somit nun aus Einbahnstraßen, die mit den entsprechenden Schildern oder „Wegweisern“, wie Fritjhof sagt, gekennzeichnet sind.

Schilder werden leider schnell übersehen, obwohl sie uns mittlerweile mit den zahlreichen neuen Hinweise in der Coronazeit überall begegnen. Auffälliger hingegen ist die installierte Ampel mit dem DDR-Ampelmännchen am Eingang der Brotfabrik. Diese hat Frithjof installiert, um die Anzahl der Personen im Foyer regulieren zu können. Wenn es im Foyer im ersten Stock voll ist, kann die Person an der Kasse die Ampel auf Rot stellen, sodass nicht noch mehr Menschen den Treppenaufgang zum Foyer hochgehen, sondern unten mit Mindestabstand vor der Tür warten.

Das korrekte Ampelverhalten demonstriert Frithjof sehr unterhaltsam in dem kleinen „Stummfilm“ auf der Brotfabrik Facebook-Seite.

Ampelsystem © Tabea Desch
Ampelsystem © Tabea Desch

Trotz all der Schilder, Ampeln, Instruktionen per Video und Hinweise der Mitarbeiter*innen gibt es ab und zu noch Schwierigkeiten bei den Besucher*innen alle Maßnahmen zu verstehen und korrekt einzuhalten:

„So viele Sachen, wo ich dachte: Naja, gut da hängt doch jetzt ein Schild und wer lesen kann, dem müsste das eigentlich klar sein, was er machen muss. So einfach ist es nicht, die Leute sind nicht so achtsam wie ich dachte“, wundert sich Frithjof.

„Ich nehme es gelassen und denke, schraub mal deine Erwartungen ein bisschen zurück, Frithjof.“

Die Coronakrise mit all ihren Auswirkungen ist eben immer noch für alle eine ungewohnte Situation und der Mensch ein Gewohnheitstier. So dauert es eben seine Zeit, bis sich alle auf die neuen Regeln eingestellt haben und Frithjofs „Corona-Konzept“ für die Brotfabrik perfekt funktioniert. Doch von ein paar „Geisterfahrern“ im Treppenhaus oder einigen Rotlichtverstößen lässt Frithjof sich nicht aus der Ruhe bringen

Der Lockdown hat aber auch gute Veränderungen in der Brotfabrik angestoßen. Die Kulturkneipe hat sich räumlich erweitert und bietet nun auch Platz im Innenhof für ihre Gäste. Außerdem hat der digitale Auftritt der Brotfabrik von der Coronazeit profitiert, berichtet Frithjof:

„Positiv ist, das wir, was digitale Medien und Präsenz im Internet angeht, einen Schritt nach vorne gemacht haben oder vielleicht sogar zwei Schritte.“

Zusätzlich laufen die Besprechungen der Mitarbeiter*innen seit dem Lockdown über Zoom und Frithjof bezeichnet sie als „entspannt und effektiv“. Sie wollen diese Art des virtuellen Treffens zunächst beibehalten.

Alles Mögliche möglich machen

Die Brotfabrik nähert sich also Stück für Stück dem gewohnten Alltag an und lässt sich immer wieder neue Ideen einfallen, um die ungewöhnliche Zeit zu überbrücken und das Beste daraus zu machen. Nicht zuletzt der große Zusammenhalt und die Spendenbereitschaft der Gäste hat die Brotfabrik durch die schwere Zeit der Coronakrise gebracht.

Frithjofs Corona-System pendelt sich langsam ein und die Besucher*innen fangen an, sich an die neuen Regeln zu gewöhnen. Im Moment können alle nur abwarten, ob es weitere Lockerungen geben wird und sich dann vielleicht bald wieder ein ganz normaler Betrieb wie er vor Corona-Alltag war einstellt. Doch bis dahin gibt Frithjof zu: „

Jetzt komme ich so langsam in eine Phase, wo alles hängt und alles eingerichtet ist und läuft und wo ich vielleicht mal ein bisschen kürzertreten könnte.“

Das hat Frithjof sich definitiv verdient, doch ob er es auch wirklich einhält, ist die Frage; denn in einem Haus wie der Brotfabrik fallen täglich neue Aufgaben an, bei denen Frithjof alles Mögliche möglich macht.

 

Beitragsbild: Tabea Desch

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