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Wo man 'Du' zum Lehrer sagt: Lernen in Schweden

Eigentlich wollte Hannah nur für ein Austauschjahr nach Schweden gehen, doch dann hat es ihr so gut gefallen, dass sie gleich den Rest ihrer Schullaufbahn dort verbrachte. Zum Studieren kam sie zunächst zurück nach Deutschland, doch nach dem Bachelor zog es sie wieder in das Land der Elche und Ikea-Möbel. Seit fast 2 Jahren studiert sie im Masterstudiengang „Communication Management“ an der Universität in Lund. Was ist es, das das Lernen in Schweden so besonders macht?

Schweden hat den Ruf ein besonders bildungsfreundliches Land zu sein. Oft wird in Deutschland gefordert, die Deutschen sollten sich eine Scheibe vom schwedischen Bildungssystem abschneiden. Doch was machen die Schweden denn überhaupt anders als die Deutschen?

Schon das Schulsystem in Schweden unterscheidet sich deutlich von dem im Deutschland: Ab dem Alter von sechs oder sieben Jahren gehen alle Kinder zunächst zur neunjährigen Gemeinschaftsschule (grundskola). Diese Grundschule besuchen alle. Mit fünfzehn oder sechzehn haben alle Schüler den gleichen Abschluss und können die weiterführende Schule (gymnasieskola) besuchen. „Es gibt so gut wie niemanden, der an die grundskola nicht die gymnasieskola anschließt“, erzählt Hannah aus ihrer Erfahrung.

Ein Grund hierfür könnte sein, dass die weiterführende Schule verschiedene Zweige anbietet, von denen einige zu einem Universitätsstudium führen und andere mit der Berufsausbildung verbunden sind. „An unserer Schule gab es zum Beispiel einen naturwissenschaftlichen, einen sozialwissenschaftlichen, einen künstlerischen und einen handwerklichen Zweig. Je nach Programm besucht man dann Fächer wie Biologie und Mathe oder Kultur und Sprache. Das Gute daran ist: Jeder wird seinen Talenten entsprechend gefördert.“

Niemand wird in Schubladen gesteckt!

Hannah

Hannah, 23, studiert in Schweden

Was Hannah in Deutschland viel zu früh und viel zu schnell passiert, findet in Schweden garnicht statt: „Niemand wird in Schubladen gesteckt. Und keiner wird ausgegrenzt.“ In der dreijährigen Gymnasialschule lernen angehende Frisöre oder Floristen gemeinsam mit angehenden Managern oder Medienwissenschaftlern. Jeder besucht die Fächer des Zweigs entsprechend seiner gewünschten beruflichen Bildung. Daneben gibt es so genannte Kernfächer, also Kurse die alle machen müssen, etwa „Englisch“ oder Kurse zur Vermittlung von Allgemeinbildung. Das Abschlusszeugnis ist Vorraussetzung fürs Studium, ebenso ein nationaler Universitätseignungstest. Manchmal werden darüber hinaus bestimmte Auswahlverfahren durchgeführt, etwa bei Studiengängen für Medizin oder Lehrberufen.

Gleichzeitig Arabisch, Filmwissenschaft und Kunstgeschichte studieren

Das Studium in Schweden ist ähnlich strukturiert wie das in Deutschland: Auch hier gibt es Bachelor- und Masterstudiengänge, Diplom- und Magistergrad laufen allmählich aus. Im Unterschied zu Deutschland gibt es hier allerdings eine weit größere Wahlfreiheit innerhalb der Studiengänge. Neben Programm-Schwerpunkten gibt es eine Vielzahl freistehender Kurse die man belegen und sich mit durchschnittlich 7 credits anrechnen lassen kann. Man könnte also die unterschiedlichsten Kurskombinationen belegen und gleichzeitig Arabisch, Filmwissenschaft und Kunstgeschichte studieren. „Der Knackpunkt ist allerdings die Logistik“, sagt Hannah.

Ohnehin erfordert das Studium in Schweden viel Eigeninitiative und Selbstständigkeit, Selbststudien, Gruppenarbeiten und Hausarbeiten sind an der Tagesordnung, ebenso wie Präsentationen, Vorträge und Diskussionen im Unterricht. „Lesen, Lesen, Lesen! – Darauf muss man sich einstellen“, erklärt Hannah: „Ich muss nicht selten für einen Kurs sieben, acht Bücher lesen.“ Auch das Kursystem ist anders als in Deutschland. Manche Kurse enden in der Mitte des Semesters mit einer Klausurenphase und neue beginnen. Grundsätzlich hat man daher immer nur ein bis zwei Kurse zur gleichen Zeit.

Mit Krankenschwester, Psychologe und Priester zum besseren Lernklima

schwedisches schildHinter dem schwedischen Bildungssystem steht das Ideal, dass alle Kinder und Jugendlichen den gleichen Zugang zu Ausbildung haben müssen – ungeachtet ihres ethnischen und sozialen Hintergrunds oder ihres Wohnorts. Die Ausbildung soll innerhalb jeder Schulform gleichwertig sein, in welchem Teil des Landes auch immer sie veranstaltet wird. Besonderer Wert wird auf die Autonomie der einzelnen Ausbildungsinstitutionen gelegt. Verantwortlich für die Bildungspolitik in Schweden ist das Ministerium für Bildung und Forschung. Die nationale Bildungsagentur „Skolverket“ ist die zentrale Verwaltungsbehörde für das schwedische öffentliche Schulsystem. Sie überprüft und evaluiert Bildungseinrichtungen von der Grundschule bis zur Erwachsenenbildung und macht Vorschläge zur Verbesserung der Bildung.

Hannahs persönlicher Eindruck entspricht diesem Ideal: „Der Fokus liegt immer auf der Entwicklung der Schüler.“ So empfindet sie auch das Lernklima in Schweden als den wesentlichsten Vorteil gegenüber Deutschland. „Das Engagement der Lehrer und Professoren ist viel größer. Die Atmosphäre ist viel freundlicher, was sich zum Beispiel dadurch ausdrückt, dass alle gleichgestellt sind und sich untereinander geduzt wird. Natürlich gibt es immer Ausnahmen, aber in der Regel wird sehr auf die Schüler eingegangen.“

Grafik Bildungsausgaben (Quelle: http://www.oecd.org/dataoecd/44/38/43645629.pdf)

Das Engagement für Bildung erfahren Schüler und Studenten an vielen Stellen. Zum einen aus finanzieller Hinsicht: „Man merkt das viel Geld in die Ausstattung gesteckt wird“, berichtet Hannah. Ihr Campus in Helsingborg ist gerade mal zehn Jahre jung, die technische Ausstattung auf dem neusten Stand und auch die Bibliothek sehr gut ausgestattet. Diesen Eindruck bestätigt eine Untersuchung der OECD: Die Schweden geben für die Bildung knapp über sechs Prozent ihrer gesamten Wirtschaftsleistung aus, die Deutschen nur 4,8 Prozent. Doch auch an anderer Stelle zeigt sich das Engagement für Bildung, das Hannah für das gute Lernklima verantwortlich macht: „Überall gibt es Angebote, den Studierenden zu helfen. An meinem Campus gibt es nicht nur einen engagierten Studentenservice, sondern auch eine Krankenschwester, psychologische Berater und sogar einen Priester.“ Dass sozusagen mehr ‚menschliche Ressourcen’ zur Verfügung stehen als in Deutschland, zeigt sich nicht zuletzt an den Lehrenden. „Nicht selten werden zwei Lehrer für ein Fach eingestellt“. Lehrer und Professoren werden wiederum pro Schüler und Student bezahlt, was dafür sorgt, dass sie ein attraktives Angebot machen.

Deutschland verliert den Vergleich

Für Hannah ist klar: Bezogen auf das Schulsystem hat Deutschland das Duell um das bessere Bildungssystem klar verloren. Mit dem Konzept der koedukativen Schulen – gemeinsames Lernen bis hin zum Schulabschluss – hat sie ausschließlich positive Erfahrungen gemacht. Beim Studium fällt der Vergleich auch für Schweden aus, wobei sie findet, dass sich beide Länder doch ähneln. Auffällig ist, dass sich die Länder gerade in den Punkten unterscheiden, die am deutschen Hochschulsystem in aktuellen Debatten kritisiert werden: Studiengebühren (in Schweden gibt es keine), Anwesenheitspflicht (in Schweden gibt es keine) und die allgemeine Verschulung der Uni (auch das ist in Schweden nicht der Fall). „Als ich in Deutschland studiert habe, war ich immer die blöde Schweden-Tussi, weil ich das Bildungssystem Schwedens so gelobt habe. Aber wenn man das Lernklima dort einmal kennengelernt hat, merkt man, das der größte Unterschied im Selbstverständnis liegt.“ So könne sich Deutschland auch gar nicht viel von Schweden abgucken, denn das Verständnis von Lehre und Wissenschaft sei eine Kulturfrage. In Schweden drehe sich alles um die Frage „Was wollen wir vermitteln“, es gehe nicht darum Wissen in die Lernenden zu pumpen, man sei moderner und flexibler. Diese Einstellung kann man sich nicht einfach abgucken, sie muss im Kopf beginnen.

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