Es ist soweit. Ab diesem Jahr soll durch die Einführung eines zweistufigen Abschlusssystems ein einheitlicher, europäischer Hochschulraum geschaffen werden, dem sich mittlerweile 47 Nationen angeschlossen haben. Die Bachelor-Studenten müssen schneller lernen, effektiver arbeiten und starten früher ins Berufsleben als ihre Diplom-Kollegen. Welchen Vorteil bringt die Verkürzung der Regelstudienzeit?
Am 16. März startet die erste Anmeldephase für das Sommersemesters 2010 an der Universität Bonn. Die BA-Studenten erfahren im „Bonner Aktuellen Studien-Informations-System“ (kurz: BASIS) welche Veranstaltungen sie belegen können - und dann wird gerechnet. Ihr Studium wurde auf sechs Semester verkürzt, was 6.000 zu erbringenden Arbeitsstunden entsprechen soll.
Gerade den Erstsemesterstudis unterläuft bei ihrer Rechnung manchmal ein Fehler. Rechtzeitig erkannt, kann er in der zweiten Anmeldephase korrigiert werden, aber in einigen Fällen verlängert er das Studium. Daher herrscht jedes Semester wieder – auch bei älteren Studierenden – ein gewisses Grauen vor den Anmeldungen in BASIS. Niemand möchte länger studieren müssen. In der Kürze liegt die Würze. Das wissen alle.
Realitätsfremder Fachidiot versus “Bätscheler”
Zum Erwerb des Diploms musste ein Student früher acht bis zehn Semester studieren und war danach als „realitätsfremder Fachidiot“ verschrien. Heute ist die Studienzeit verkürzt, die Berufsqualifizierung verbessert worden, Studierende sind mobiler und können dank des vereinheitlichten Abschlusses leichter im Ausland studieren. Wir sollten uns freuen. Dennoch sind die beliebtesten StudiVz-Gruppen ums Thema „Bachelor“ Folgende:
– „Diplom macht sexy! was bitte ist ein Bätscheler?!“ (Gruppe nur sichtbar nach StudiVz-Log-In)
– „Hobbies? Halt’s Maul ich studier auf Bachelor!“ (same same)
– „Bachelor – Ich schreibe gerne 37 Klausuren pro Semester an 5 Tagen“ (same same)
Studieren war gestern.
Gründe hierfür sind zum einen, dass der Bachelor ein engmaschiges System bestehend aus Modulen und Prüfungen ist, die fest im Stundenplan verankert sind. Hinzu kommt zum anderen eine Anwesenheitspflicht, die gerade Studierenden mit Kindern oder einem Nebenjob zu schaffen macht. Das Konzept des kurzen Studiums verwandelt sich von einem Vorteil in einen Nachteil.
Wer das „B.A.“ am Ende seines Namens tragen will, muss trotz Zeitmangel Leistung erbringen. Aber Studierende sind keine Maschinen. Jeder fünfte Student verlässt die Hochschule ohne Abschluss. Ein Drittel der Studienabbrecher nennt Überforderung als Grund. Insgesamt haben laut Studierendenbefragung der Universität Bonn aus dem Wintersemester 2008/2009 rund 35 Prozent der Befragten schon einmal ernsthaft über einen Studienabbruch nachgedacht.
Die bleibenden Studierenden werden in einem verschulten System ausgebildet. Im Gespräch mit einem Diplom-Biologen erfuhr ich, dass er sein Studium auf Diplom sehr schätzt. Er kennt Bachelor-Studis seines Fachs und beobachtet, wie sie von einer Pflichtveranstaltung zur nächsten hetzen, den Stoff irgendwann gut auswendig hervorbeten können, eigenständiges Denken jedoch auf der Strecke bleibt.
Der Abschluss nennt sich „berufsqualifizierend“, tauge für den Arbeitsmarkt jedoch weniger als die Ausbildung zum biotechnischen Assistenten, da diese mehr praktische Erfahrung haben. Besonders negativ findet er, dass für alles die Zeit fehle. Bei der Bachelorarbeit könnten sich die Studierenden kaum mit einem komplexen Problem auseinander setzen.
Heute ist Zeitsparen.
Ein BA-Student hat kaum freie Wahlmöglichkeiten. Er lernt auswendig, was von ihm verlangt wird und zusätzliche Module belegt er nicht, denn sie bringen keine Leistungspunkte. Die Module, die er belegt, sucht er sich auch nicht selbst aus. Sie werden ihm via BASIS zugewiesen. Er kann nur Prioritäten setzen und hoffen. Unser Freiraum zum Denken geht verloren, da die Strukturen der unterschiedlichen Module weitgehend vorgegeben sind.
Ich sprach mit 17 BA-Studenten, von denen lediglich zwei zufrieden mit dem Bachelor-Studium waren. Von den restlichen Studenten klagte etwa die Hälfte über zu hohen Druck während des Studiums. Der viele Stoff, die kurze Zeit und die vielen Prüfungen bereiten viele Probleme und das Interesse fürs Studium ginge dadurch verloren.
Das Zeitalter des Halbwissens.
Bachelor in sechs Semestern – Ein kürzeres Studium hat weniger Inhalte zur Folge, was zu Oberflächlichkeit führt. Es war nur eine Frage der Zeit, bis unser „modernes Leben“ die Universität erreicht. Wir leben in einer schnellen Welt, bewegen uns schneller fort, kommen schneller an Informationen heran und können uns schneller mit neuen Leuten austauschen. Gut Ding will Weile haben? Das war gestern.
Das Bachelor-Studium führt uns auf ein modernes Gleis in Richtung Halbwissen. Der Zug ist losgefahren und gewinnt immer mehr an Fahrt. Verbesserungen werden vorgenommen. Das bedeutet: Neue Schrauben, andere Räder, glänzende Schienen – Irgendwann sind alle vom neuen Funkeln betört. Es wird sich trotz momentaner Diskussionen niemand wieder in die Kutsche setzen, die sich Diplom nannte. Die Zeit ist vorbei.

Hallo,
Ich bin Bachelor-Studentin in Potsdam und bin durch Zufall auf diese Seite geraten und was soll ich sagen? Sie sprechen mir aus dem Herzen!
Aber es ist nicht nur ein gefährliches Halbwissen das mich mit meinem Studiengang jeden Tag mehr entzweit, sondern auch die Tatsache des Fachidioten. Man hat keine Zeit andere Kurse zu belegen, fächerübergreifend ist dies sowieso nicht mehr möglich. Mein Chemie-Studium würde ich gerne mit Kursen aus der Physik und Biologie vertiefen, aber das ist unmöglich. Und auch privat ist nur noch wenig machbar. Bevor ich zu studieren begann habe ich viel gelesen, angefangen Japanisch zu lernen, Klavir gespielt, war jedes Wochenende unterwegs. Das alles muss es ja gar nicht sein, aber eigentlich ist nichts davon geblieben. Seit drei Jahren spiele ich kein Klavir mehr, habe keine Vokabel mehr gelernt, im vergangenen Jahr habe ich wenn es hoch kommt zwei Romane gelesen und auch mit Freunden trifft man sich nur noch selber, jeder ist im gleichen Stress. Über das Abbrechen des Studiengangs denkt man dabei weniger nach als daran, wie lange Körper und Geist das Spiel noch mitspielen.
Und das ist ein weiteres Problem, das er so erst seit Bachelor gibt: Medikamente, Beruhigungsmittel, Koffeintabletten, einige nehmen Drogen, die die Leistung des Gehirns verbessern sollen. Auch ich würde mich zumindest als koffeinabhängig bezeichnen.
Stress kommt auch durch das, was bei uns “wegbrechen” heißt. Wir haben mit etwas mehr wie 400 Mann begonnen, jetzt, kurz vor der Bachelorarbeit sind wir in unserem Jahrgang noch 13!!! Mit jeder Klausur sieht man die Studenten, die noch schlechter waren als man selber, scheitern. Selbst Studenten mit dem nc von 1,0 sind diesem Druck manchmal nicht gewahsen und hören lieber auf, bevor man sie “rauswirft”, aufgrund nicht bestandener Leistungen exmatrikuliert.
Auch bei mir ist es heute mal wieder so weit, die Klausur ist geschrieben, ein Glanzstück ist es nicht, bereits am Ende der Woche gibt es die Ergebnisse. Für mich heißt es: Bachelorarbeit oder Exmatrikulation.
Und der Druck ist enorm, so groß, das ich seit Weihnachten ein Mittel aus der Apotheke bekomme. Die Apothekerin sagte: Eigenartig, in letzter Zeit verkaufen wir das immer öfter…
Ich denke ich werde bestehen, werde im Sommer meinen Abschluss machen. Danach? Danach gehe ich in Kur! Meine Ärztin wollte sie mir schon öfter verschreiben. Das Studium hat mich geschwächt, geistig und körperlich, so viel wie in den letzten drei Jahren habe ich in meinem ganzen Leben nicht geweint. Das mag bei anderen ja anders sein, aber ich bitte euch, seht euch die heutigen Studenten doch mal genau an! Heute morgen bei der Klausur hätte man meinen können, es wäre ein internationales Zombietreffen: weiße Haut, rote Augen, umrandet von tiefschwarzen Rändern. Ich will gar nicht wissen, wie das auf dem Arbeitsmarkt laufen soll. Wir stehen zwar früher zur Verfügung, aber nur weil wir dann schon da sind, kann man uns noch lange nicht verarbeiten.
Liebe Lilly,
vielen Dank für den Einblick in Deine Erfahrungen mit dem Bachelor. Wie Du das Studium beschreibst, sollte es wahrlich nicht sein – Bleibt zu hoffen, dass Änderungen nicht mehr zu lange auf sich warten lassen. Studium soll das Leben bereichern, nicht kaputt machen.
Ich wünschen Dir viel Erfolg für die Bachelorarbeit und auch fürs zukünftige (Arbeits-)Leben,
Nadine
Hallo,
ich studiere Soziologie im 3. Semester in Berlin und mir geht es zwar nicht so schlecht, wie Lilly, aber irgendwie bin ich ganz schön “depressiv”, wenn man das so nennen kann. Ich bin enttäuscht über den Verlauf des Studiums. Erhofft hatte ich mir wenigstens etwas Praxisbezug, wie beispielsweise Exkursionen oder mal kleinere Experimente. Stattdessen müssen wir jeden Tag ca. 20 Seiten Ausschnitte aus Fachbüchern lesen, was wirklich nicht besonders prickelnd ist, aber dennoch weiß ich, dass es nötig ist, um ein Grundverständnis zu erlangen. Ich geh auch nicht mehr so gerne mit Freunden weg, weil ich immer irgendwelche Sachen erledigen muss oder denke, wenn ich zulange wach bleibe, kann ich am nächsten Tag nicht mehr klar denken und lesen fällt dann schwer. Sicherlich liegt es auch an mir, denn ich könnte ja noch freie Wahlfächer belegen, um ein besseres Studium zu haben, doch irgendwie interessiere ich mich für nichts mehr. Selbst soziologische Themen finde ich nicht mehr prickelnd, da wir immer nur diese blöden Schachtelsätze durchkauen…
An die Bachelorarbeit mag ich jetzt noch gar nicht denken, da ich das Gefühl habe, dass ich bis jetzt noch gar kein Plan habe, wie ich die überhaupt machen soll….