Mit dem bundesweit ersten Bachelor-Studiengang Wirtschaftsjournalismus startete vor rund vier Jahren die Business and Information Technology School (BiTS) in das Sommersemester 2006. Viel hat man sich von den neuen Studiengängen Bachelor und Master versprochen, die im Rahmen des Bologna-Prozesses entwickelt wurden. Doch wie sieht es heute an den deutschen Universitäten und Hochschulen aus? Sind die einst von der Politik so vielversprechend bebilderten Szenarien auch Wirklichkeit geworden? Ein Zwischenfazit scheint angebracht.
von Ellen Ivits
1999 startete der Bologna-Prozess, und der war nicht bloß eine Reform, sondern gleich ein ganzes Reformpaket. Im Kern besteht dieses Paket in der Gestaltung zweier unterschiedlicher Studienstufen (Bachelor und Master), daneben in der neuen besseren Bemessung der Lernleistungen von Studierenden in Form von Leistungspunkten sowie die Steigerung der nationalen und internationalen Mobilität im Hochschulbereich und effizienteren Anbindung an den Arbeitsmarkt.
Bachelor und Master
Das neue Hochschulsystem sollte nach dem US-amerikanischen oder britischen Modell gestaltet werden. Dieses System ist dergestalt strukturiert, dass der erste berufsqualifizierende Abschluss nach drei bis vier Jahren mit dem Bachelor (Undergraduate Degree) und der zweite Abschluss mit einer Regelstudienzeit von ein bis zwei Jahren mit dem Master (Graduate Degree) erworben wird.
Die deutschen Hochschulen bieten mittlerweile 10.405 Bachelor- und Masterstudiengänge an. Somit führen nunmehr 79 % aller Studiengänge an deutschen Hochschulen zu den Abschlüssen Bachelor oder Master. Nach den jüngsten Zahlen des Statistischen Bundesamtes immatrikulierten sich zum Wintersemester 2008/2009 fast drei Viertel aller Erstsemester in einem Bachelor- oder Masterstudiengang (73,8 %). Knapp 43 % der Studierenden an deutschen Hochschulen sind bereits in einem der neuen Studiengänge eingeschrieben.
Die Diskussion, ob man die rechtswissenschaftlichen und medizinischen Staatsexamensstudiengänge auch nach dem Bachelor/Master-System gestalten soll, dauert weiterhin an. Insgesamt 2. 726 Studiengänge sind noch nicht umgestellt. Davon sind 1.922 (71 %) staatliche und kirchliche Abschlüsse. Die Umstellung dieser Prüfungsgruppe obliegt allerdings nicht den Hochschulen. Es müssen also noch 804 traditionelle Studiengänge umgestellt werden. In der Lehrerbildung haben sich mit Ausnahme des Saarlandes und Sachsen-Anhalts alle Länder für eine Einführung einer gestuften Studienstruktur ausgesprochen.
In Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen werden Bachelor- und Masterstudiengänge allerdings nur in begrenzter Anzahl angeboten, sei es als Pilotversuche, sei es begrenzt auf einen Schultyp (insbesondere berufsbildende Schulen) oder eine Hochschule (Universität Erfurt in Thüringen). Die Länder Rheinland- Pfalz, Hamburg und Nordrhein-Westfalen sind auf dem Weg zur flächendeckenden Umstellung. Vollständig umgestellt haben bereits Berlin, Brandenburg, Bremen, Niedersachsen, Sachsen und Schleswig-Holstein.
Der Prozess der Umstrukturierung des Hochschulsystems ist also weit vorgeschritten. Aber erfüllen die neuen Studiengänge die Zielsetzungen nach höherer Transparenz und Durchlässigkeit? Die Bildungsgewerkschaft GEW kritisiert die Umsetzung der Bologna-Reform in Deutschland. Mehr als zehn Jahre nach dem Auftakt des Bologna-Prozesses werde das Potential der Reform nicht genutzt, es seien sogar Rückschritte zu verzeichnen, so GEW-Vorstandsmitglied Andreas Keller. Kritisiert wird vor allem, dass durch Zulassungsbeschränkungen der Übergang vom Bachelor-Abschluss zu einem Master-Studium oft nicht möglich sei. Die GEW fordert in erster Linie das Recht aller Bachelor-Absolventen, bei entsprechendem Wunsch auch ein Master-Studium aufnehmen zu können.
Lernleistungsbemessung
Die Studienstrukturen sollten mit einem neuen Bewertungssystem übersichtlicher und planbarer werden. Hierfür wurden Leistungspunkte analog dem European Credit Transfer System (ECTS) eingeführt. Für jedes abgeschlossene Modul erhält man demnach eine bestimmte Punktanzahl. Im Hinblick auf flexible Lehr- und Prüfungsformen und deren zeitliche Verteilung sollten die gestuften Studiengänge dadurch eine Wertsicherungsfunktion erhalten, da der Wert für eine einmal erbrachte Leistung nicht verloren geht. Damit werde die Flexibilität im Erwerb und in der Nutzung bereits erworbener Qualifikationen erhöht und individuelle Studienstrategien ermöglicht.
Doch von vielen wird dieses System heftig kritisiert. Denn das Punktesystem erzeugt viel Druck auf die Studierenden. Sie sind von Anfang ihres Studiums an in Sorge, nicht für das weiterführende Masterstudium zugelassen zu werden. Die Zulassungsbeschränkungen und Auswahlverfahren für die weiterführenden Master-Studiengänge an den Hochschulen haben nach Aussage von Tino Bargel, Hochschulforscher im Auftrag des Bundesbildungsministeriums, bei vielen Studenten zu einem Klima der Verunsicherung geführt.
Die Studenten fürchteten Ungerechtigkeiten und soziale Selektion. Der Druck, im Bachelorstudium möglichst gut abzuschneiden und damit eine Chance auf einen Masterplatz zu sichern, verursache gesundheitliche Folgen wie Nervenkrankheiten. Laut Studien leiden 20 bis 25 Prozent der Hochschüler unter psychischen Schwierigkeiten, die sie in ihrer Arbeit beeinträchtigen. Dazu gehören depressive Verstimmungen genauso wie Selbstwertprobleme.
Die Stundenpläne sehen für ein Jahr 1.800 Arbeitsstunden vor. Das sind 40 Stunden pro Woche in 45 Wochen das Jahres. Im Semester sind so 30 ECTS-Leistungspunkte zu erbringen für jeden Leistungspunkt sind 30 Arbeitsstunden aufzuwenden, die sich auf Präsenzzeiten, Prüfungszeiten, Selbststudium und Praktika aufteilen. Doch erfahrungsgemäß kommt man mit den 40 Wochenstunden nicht hin, da Vor- und Nachbereitungszeiten nicht einbedacht werden. Gegenüber früheren Diplom- oder Magisterstudiengängen hat sich die Prüfungsbelastung vervielfacht und in vielen Bachelor-Studiengängen ergeben sich Verdoppelungen der Arbeitsbelastung.
Dichte Stundenpläne mit Anwesenheitspflicht sowie die Fülle von Praktika und Klausuren lassen vielerorts keine Zeit fürs Jobben, um die Studiengebühren zu bezahlen. Bei der Berechnung des Arbeitspensums wird davon ausgegangen, dass Studierende weder erwerbstätig sind noch gesellschaftlich, sozial oder politisch aktiv sind.
Zudem wird kritisiert, dass durch die straffe Planung der Stundenpläne jede Kreativität verloren geht, da es den Bachelor-Studierenden es einfach an Zeit mangelt, um sich mit Forschungsbereichen zu beschäftigen, die außerhalb des vorgeschriebenen Kanons liegen. Individuelle Studienstrategien werden durch den modularen Aufbau ebenso unmöglich wie Kreativität. Denn es wird von Studienordnungen vorgeschrieben, wann welches Modul zu belegen ist. Und wenn man den Abschluss innerhalb der Regelstudierzeit erreichen möchte, bleibt einem nichts anderes übrig, als peinlich genau diesem Plan zu folgen. „‘Der Bachelor macht dumm‘, konstatierte der Politikwissenschaftler Peter Grottian […]. Fachidiotie und Karrieredenken träten an die Stelle des freien Geistes“ (http://www.sueddeutsche.de/).
BA-Studiengänge sind außerdem untereinander weit verschiedener und weit weniger kompatibel als es Magister-Studiengänge je waren. Flexibilität und Transparenz bleiben da wohl auf der Strecke. Außerdem sind die Studienbedingungen nicht verbessert worden. GWE spricht von neuen Studiengängen, die in vielen Fällen schlicht nicht zu schaffen seien. Hier seien um 30 Prozent höhere Studienabbrecherquoten zu verzeichnen als bei Diplom- und Magisterstudiengängen.
Mobilität
Die Entwicklungen der Internationalisierung zu fördern war eins der wichtigsten Ziele des Bologna-Prozesses, wie z. B. durch internationale Kontakte der Lehrbeauftragten, Mobilität der Studierenden, Einführung international kompatibler Studienstrukturen, Internationalisierung der Lehre und des Lernens (z. B. englischsprachige Lehrveranstaltungen). Wie gestaltet sich also nun die Internationalisierung der neuen Studiengänge?
Auch da haben die Experten nur wenig Gutes zu berichten. Politisches Ziel war es, dass 50% der Studierenden studienbezogen ins Ausland gehen und 20% der deutschen Studierenden wenigstens ein Semester ihres Studiums im Ausland absolvieren. Die Bildungsgewerkschaft GEW diagnostiziert, dass auch im Bereich der Mobilität von Studenten im europäischen Hochschulraum Deutschland keine positive Bilanz vorlegen könne. „Bachelor-Studierende gingen demnach seltener ins Ausland als zu Zeiten von Diplom und Magister. Und dies sei mehr denn je vom Geldbeutel der Eltern abhängig“ (www.sueddeutsche .de).
Laut Hochschul-Informations-System (HIS) machen nur 15 % ein Auslandssemester. Im Diplomstudium sind es 24, im Magisterstudium sogar 34. Das System mit den Leistungspunkten sollte Auslandssemester einfacher machen, doch in der Realität erkennen viele Unis die Punkte anderer Hochschulen nicht an, mit dem Argument, die Leistungsanforderungen seien zu unterschiedlich. Zudem sind die Lehrpläne so eng geplant, dass keine Auslandsaufenthalte möglich sind.
Auch im Ausland wird der Bachelor mit Argwohn beäugt. 56% der befragten US-Hochschulen wollen die Aufnahme von Bewerbern mit „Bologna degrees“ zumindest ernsthaft prüfen. Allgemeingültige Aussagen bezüglich der Kompatibilität von US-Bachelor und Bologna-Bachelor sind nicht möglich. Die Zulassung ist und bleibt eine Einzelfallprüfung.
Nicht einmal die Hälfte (46 %) der Bachelor-Studiengänge unterhält internationale Kooperationsbeziehungen. Nur 13 % beteiligen sich an ausländischen Forschungsprojekten. Kann man bei solchen Zahlen von einer Internationalisierung des Hochschulwesens sprechen?
Anbindung an den Arbeitsmarkt
Bessere Berufschancen durch mehr Praxisbezug wurden den Bachelor-Studenten versprochen. Auf dem Arbeitsmarkt allerdings hat nur ein Masterabschluss denselben Stellenwert wie früher ein Diplom. In einer Umfrage der Universität Freiburg sagte nur rund die Hälfte von 627 Unternehmen, dass Bachelor-Absolventen bei ihnen gleiche Chancen hätten wie bisherige Akademiker. Wenn alle Absolventen nach ihrem Bachelorstudium ein Masterplatz zur Verfügung stünde, wäre das unproblematisch. Die Hochschulen lassen aber oft nur ein Drittel der Absolventen zum Masterstudium zu.
Bachelor-Absolventen erfreuen sich auf dem Arbeitsmarkt keiner großen Beliebtheit. Sie brauchen mehr Unterstützung beim Berufseinstieg. Dies kostet die Unternehmen jedoch Zeit und Geld. 2007 hatten 94 Prozent der Unternehmen mit mehr als 250 Mitarbeitern laut dem Institut der deutschen Wirtschaft (IW) keine speziellen Einstiegsmöglichkeiten für Bachelor-Absolventen geschafft. Die GEW befürchtet, dass demnach viele Absolventen mit einem unbrauchbaren Abschluss auf den Arbeitsmarkt geschickt werden. Vor allem kleine Unternehmen akzeptieren den Bachelor-Abschluss noch nicht.
Die Bologna-Reform - ein missglücktes Experiment der deutschen Bildungspolitik also? Angesichts solcher Fakten, muss man da zustimmen. Die Zeitungen titelten mit Überschriften wie: Der Bachelor-Bluff (taz), Die Mogelpackung (Süddeutsche Zeitung), Erst nur schlucken, gedacht wird später (FAZ). Im StudiVZ hat die Gruppe » Bachelor – Ich schreibe gerne 37 Klausuren in fünf Tagen« schon 14 664 Mitglieder (Stand 4.03.1010).
Aber die Studenten selbst haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben. 80 Prozent der Studierenden unterstützen die Ziele des Bologna-Prozesses, der vor zehn Jahren eingeleitet wurde. Jedoch lasse eben die Umsetzung zu wünschen übrig. Auch die Bildungsgewerkschaft GEW hofft noch: „Nicht Bologna ist gescheitert, sondern Bonn – der deutsche Weg der Umsetzung der Bologna-Reform durch Kultusministerkonferenz (KMK), Bundesbildungsministerium, Hochschulrektorenkonferenz (HRK) und Akkreditierungsrat“.
Bleibt also zu hoffen, dass wir alle nicht die ewig Hoffenden bleiben.
