In einer besonders heiklen hochschulpolitischen Angelegenheit hat sich die Fachschaft Informatik der Universität Bonn an die Redaktion des Medienblick gewandt. Die Fachschaft hofft so auf eine Möglichkeit, “auf die sehr fragwürdigen Entwicklungen am Institut für Informatik in den letzten sechs Jahren hinzuweisen”. Wir haben uns entschlossen, der Fachschaft mit Veröffentlichung des offenen Briefes an die Universitätsverwaltung eine Publikationsplattform zu bieten.
Was die Fachschaft Informatik zu diesem Schritt in die Öffentlichkeit bewegt, ist die Hoffnung auf eine Beschleunigung des gesamten Prozesses und der Schaffung eines Dialogs. Die Vertreterinnen und Vertreter betonen dabei, dass sie keine Schädigung des Institutes bezwecken. Im offenen Brief monieren sie die zähe Vorgehensweise um den Neubau des Instituts auf dem Campus Poppelsdorf:
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Sehr geehrte Universitätsverwaltung,
Sehr geehrte Verantwortliche des Bau- und Liegenschaftsbetriebes NRW,
wir, die Fachschaft Informatik, wenden uns im Namen aller Studierenden
der Informatik an Sie. Wir fordern eine schnelle und für alle
Beteiligten zufriedenstellende Lösung für die zukünftige Unterbringung
des Instituts für Informatik.
Es ist nun seit 2004 bekannt, dass die Bausubstanz des Neubaus AVZ III
in der Römerstraße, in dem sich auch die Räumlichkeiten der Informatik
befinden, stark mit giftigen PCB-Stoffen kontaminiert ist. In diesen
sechs Jahren war ausreichend Zeit, eine für alle Beteiligten tragbare
Lösung zu finden. Obwohl 2004 ein Umzug in ein neues Gebäude auf dem
Campus Poppelsdorf für Ende 2008 versprochen wurde, ist bis heute aus
Sicht der Studierenden und Mitarbeiter des Instituts für Informatik
keinerlei Fortschritt in Planung und Durchführung erkennbar.
Folglich müssen die Studierenden und Mitarbeiter der Informatik seit
nunmehr sechs Jahren mit einer für sie nicht kalkulierbaren Gefährdung
ihrer Gesundheit leben. Dabei hatte es den Anschein, dass die
Universitätsverwaltung sich bis Juli 2009 keiner Verantwortung oder
Verpflichtung gegenüber den Studenten bewusst war: Hörsäle wurden bis
dahin von den PCB-Messungen ausgeschlossen. Von den Studierenden wurde
aber erwartet, dort täglich viele Stunden Vorlesungen zu hören. Geändert
hat die Universitätsverwaltung ihre Haltung erst nach fünf Jahren, als
die Bezirksregierung und Landesunfallkasse eingriffen. Vorher wurden
dahingehende Bitten und Forderungen der Gebäudenutzer abgelehnt, obwohl
selbstfinanzierte PCB-Messungen schon 2005 gezeigt haben, dass die
PCB-Belastung in den Hörsälen und Computerräumen deutlich über dem
Grenzwert liegt.
Zusätzlich wird die Gesundheit der Mitarbeiter am Institut für
Informatik durch unzureichende Prävention und mangelhafte
Informationspolitik gefährdet. Erst seit 2006 werden in dem Gebäude
regelmäßige PCB-Messungen durchgeführt und Gegenmaßnahmen ergriffen.
Allerdings drängt sich auch hier immer wieder der Verdacht auf, dass
Messergebnisse durch vorheriges Stoßlüften verfälscht werden, um
Grenzwerte einzuhalten. So zeigten Messungen, die durch das Institut für
Informatik selbst finanziert wurden, oft deutlich höhere PCB-Werte.
Gleichzeitig wurden Räume, die bei einer einzigen Messung unter den
Grenzwerten lagen, von der Verwaltung fortan nicht mehr in Messungen mit
einbezogen, obwohl bekannt ist, dass die Werte temperaturabhängig stark
schwanken.\newline
Die im Wesentlichen ergriffene Gegenmaßnahme bestand im Aufstellen von
über 500 „Luftwäschern“, wobei Hörsäle bis 2009 außen vor blieben.
Anders als für Mitarbeiter gilt für die Studenten kein Arbeitsschutz.
Stattdessen wurde für Schwangere, stillende Mütter, sowie Kinder und
Jugendliche der Aufenthalt in den sehr stark belasteten Räumen verboten.
Erst seit Juli 2009 gewährt die Universitätsverwaltung den Studierenden
ähnlichen Gesundheitsschutz wie den Mitarbeitern. Erste PCB-Messungen
der Hörsäle durch den BLB NRW erfolgten so erst fünf Jahre nach
Bekanntwerden der PCB-Problematik.
Der für Ende 2008 versprochene Neubau wurde noch immer nicht gebaut, die
Planungen machen seit 2008 kaum Fortschritte und eine
Alternativunterbringung – unserer Meinung nach die einzig richtige
Lösung – wurde bis vor kurzem nicht in Erwägung gezogen. An mangelnder
Motivation zur Mitarbeit von Seiten des Instituts für Informatik hat
dies sicher nicht gelegen, da sämtliche Aufgaben und Fristen stets
erfüllt wurden.
Erst als im Mai 2009 durch den Brand von zwei Luftwäschern der Betrieb
von zwei der größten Abteilungen des Instituts für Informatik nahezu
vollständig lahmgelegt wurde, schaltete sich nach zunehmendem
öffentlichem Druck die Bezirksregierung ein und entzog die
Betriebserlaubnis für den Neubau des AVZ III ab Ende 2010.
Im folgerichtig massiv gewachsenen Zeitdruck hat die
Universitätsverwaltung, ohne vorherige Rücksprache mit den direkt
Betroffenen, drei mögliche Lösungsansätze präsentiert und auch
anschließend Vorschläge und Präferenzen des Instituts und der Fachschaft
ignoriert. Es waren sechs Jahre Zeit, die ungenutzt verstrichen. Dass es
jetzt zu Übersprungshandlungen kommt, ist nicht vom Institut für
Informatik verschuldet.
Es wurden in der Vergangenheit viele Vorschläge gemacht und viele
Lösungen diskutiert. Jedoch können wir in fast allen Punkten keinerlei
Fortschritt erkennen. Das Mathematische Institut bekam ein neues
Gebäude. Das Institut für Psychologie wurde in ein PCB-freies Gebäude
evakuiert. Wir fühlen uns zurückgelassen und als wären wir der
Verwaltung unwichtig.
Das Institut für Informatik ist schon viel zu lange mit seiner
ungewissen Zukunft konfrontiert. Alle
Arbeitsgruppen müssen ständig Energie in weitere Übergangslösungen
stecken. Dabei werden wertvolle Ressourcen verschwendet, die eigentlich
in die Lehre und Forschung fließen sollten.
Insgesamt scheint kein vernünftiger und koordinierter Dialog mit allen
Betroffenen statt zu finden. Nicht selten entsteht der Anschein, dass
den Verantwortlichen der Universitätsverwaltung die Zukunft von Lehre
und Forschung, sowie die Gesundheit der Studenten und Mitarbeiter,
unwichtig ist. Viele der uns betreffenden Informationen erhalten wir
nicht von Ihnen, sondern erfahren davon zuerst aus den Zeitungen.
Daher fordern wir von Ihnen den Eintritt in einen konstruktiven und
zielführenden Dialog mit allen Betroffenen, um die Zukunft des Instituts
zu sichern und eine für Studenten und Mitarbeiter tragbare Situation
herzustellen.
Die von Ihnen zur Zeit geplante Unterbringung der Mitarbeiter im alten
Landesbehördenhaus führt zu einer Aufspaltung des Instituts. Wir
fordern, eine andere, ortsnahe Lösung zu finden. Eine ortsnahe
Unterbringung der Institutsmitarbeiter würde allen Betroffenen viel
Fahrtzeit ersparen. Die gesparte Zeit könnte in Lehre und Forschung
investiert werden und würde außerdem die Fahrtkosten und
Umweltbelastung niedrig halten. Auch wäre weiterhin der Kontakt von
Lehrenden und Studierenden gegeben, was für uns ein essentieller
Bestandteil universitärer Lehre ist.
Wir fordern, dass der Neubau des Instituts für Informatik auf dem
Poppelsdorfer Campus unverzüglich mit der gebotenen Ernsthaftigkeit
verfolgt und endlich eine transparente Informationspolitik betrieben
wird. Gemäß den vorhandenen Plänen sollen endlich Taten folgen, damit es
eine langfristig gesicherte und qualtitativ hochwertige Zukunft für das
Institut für Informatik an der Bonner Universität gibt.
Mit freundlichen Grüßen,
Ihre Fachschaft InformatikAktualisierung (11.05.2010):
Am 7. Mai fand ein Treffen zwischen Frau Kornmesser, Vertretern der Verwaltung und FachschaftsvertreterInnen statt, bei dem es sich nach Angaben der Fachschaft “leider nicht um einen konstruktiven Dialog” handelte. Demzufolge seien sämtliche Ideen der Fachschaft Informatik als nicht umsetzbar bewertet worden.
Auch konnten keine konkreten Zeitpunkte zum Auszug der Studierenden aus dem PCB-verseuchten Neubau gegeben werden. Die CIP-Pool-Container seien in Planung, für den Umzug ins Landesbehördenhaus konnten keine genauen Angaben gemacht werden. Einzig sicher sei, dass der Umzug definitiv stattfinden werde. Dieser Umzug bedeutet vor allem eine räumliche Teilung des Instituts, was von Seiten der Informatik als problematisch angesehen wird. Jedoch wurde auf konkrete Vorschläge der Fachschaft für eine räumlich nähere und besser geeignete Anmietung nicht näher eingegangen.
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[...] Umzugsmöglichkeiten – die Bonner Informatik hatte in letzter Zeit nicht viel zu lachen. Hier hatten wir im April diesen Jahres den offenen Beschwerdebrief der Fachschaft veröffentlicht. Nun [...]