Foto: Sebastian Kanczok
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Über die Einsamkeit auf Clubkonzerten

„We’d like to thank Bobby for coming out tonight“ ist ein Meme, dass einen Umstand beschreibt, den jede Band in ihrer Laufbahn mindestens einmal erlebt hat: Vor der Bühne steht nur ein einziger Fan. Und den kennt man auch noch persönlich. Auch im Sojus 7, einem kleinen Club in Monheim ist das schon vorgekommen. Aber wo sind die Menschen hin? Und wie kann man sie zurück holen?
von Sebastian Kanczok

Jeder hat ihn doch, diesen einen Club, in den man schon als Jugendlicher gegangen ist. Wo man mit 14 Jahren vor der Bühne stand, und dann um 22 Uhr — gerade als die eine coole Band anfing — auch schon wieder gehen musste. Wo man sich über die erste Party freut, auf der man zwei Jahre später legal ein Bier kaufen kann, nur um sich weitere zwei Jahre später über die ganzen uncoolen Kids zu beschweren. Für mich ist dieser Club das Sojus 7 in Monheim. Neun Jahre muss es mittlerweile her sein, dass ich angefangen habe, mich in diesem Laden ehrenamtlich zu engagieren, unter anderem als Teil des Rhein-Rock e.V.. Eine Zeit in der ich viele unterschiedliche Veranstaltungen organisieren und sogar einige Konzerte selber auf der Bühne mitgestalten konnte. Eine Zeit mit sehr vielen tollen Erinnerungen, aber leider auch eine Zeit, in der die ausverkauften Veranstaltungen an beiden Händen abgezählt werden können.

Quelle: weknowmemes.com
Quelle: weknowmemes.com

Gene Simmons hat es 2014 in einem Interview mit seinem Sohn für Esquire postuliert: „Rock ist endgültig tot!“ — und wenn der Bassist der Rock-Giganten Kiss das sagt, dann muss da doch etwas dran sein. Dem Musiker zufolge gibt es niemanden mehr, der einen jungen, frischen Rock oder Blues-Musiker noch für seine Kunst bezahlen würde. Der Anfang des Jahres veröffentlichte „2017 U.S. Music Year-End Report“ des Informations- und Marktforschungsunternehmen The Nielsen Company scheint diese Prognose offiziell zu bestätigen. Demnach hat Hip-Hop in den USA erstmals größeren kommerziellen Erfolg als Rock-Musik. Es komme nicht von ungefähr, so Simmons, dass einige der größten Touren, von alten Musikern und ihren Bands gespielt werden. Falsch ist das nicht. 2017 tourten Bands wie Metallica, The Rolling Stones, Yello oder Black Sabbath — alles alte Bands, wenn man so will. Aber jede dieser Touren war so gut wie ausverkauft. Auch große Festivals wie Rock am Ring, Hurricane oder das Hellfest werden von Jahr zu Jahr größer. So tot scheint der Rock also nicht zu sein. Aber während die Mega-Touren und Riesen-Festivals immer teurer und trotzdem immer größer werden, sterben immer mehr kleine Festivals aus und die kleinen Konzerthallen bleiben leer — so zumindest mein Eindruck.

Um herauszufinden, wie es wirklich um die kleinen Clubs steht, warum diese Lücke zwischen Riesen-Events und kleinen Konzerten immer größer wird und was wir alle dagegen tun können, habe ich mich mit Christian Kaindl — dem Leiter des Sojus 7 — getroffen. Was als Interview von 20 Minuten geplant war wurde sehr schnell zu 1 1/2 spannenden Stunden über Konzerte, Publikum und Musik.

 

Alternativ, DIY und regional.

Das Sojus 7 ist ein mittlerweile städtisch betriebenes soziokulturelles Zentrum in einem Gebäude, das früher einmal eine Krautfabrik war. Industrieller-Retro-Charme? Check! Die wichtigsten Merkmale des Sojus stehen für Christian dabei fest: „Ich möchte, dass wir hier DIY bleiben — also, dass es selbst organisierte Kultur ist. Und dass wir auf eine gewisse Weise alternative Kultur bieten, die nicht in jeder Disko um die Ecke stattfinden kann. Das sind so die Grundfesten: Alternativ, DIY und natürlich regional.“ Das Veranstaltungsspektrum ist groß und reicht von Konzerten und Partys über Comedy-Veranstaltungen hin zu Kunstausstellungen und kreativer Ferienbetreuung für Kinder.

Bei allem ist das kleine Personal-Team, bestehend aus Leiter Christian, einem Auszubildenden und einem FSJler auf die Hilfe von Ehrenamtlichen angewiesen. „Das Sojus 7 ist ja ein soziokulturelles Zentrum und insofern nicht direkt so zu sehen, wie ein reines Konzert-Veranstaltungshaus oder ein Club. Wir sind in dem Sinne keine Veranstalter, sondern ermöglichen Gruppen oder Einzelpersonen aus Monheim und der Umgebung hier kulturell aktiv zu werden,“ erklärt Christian. Drei dieser Gruppen sind unter anderem das mehr oder weniger feste Sojus-Team aus Ehrenamtlichen, der Rhein-Rock e.V., der vor allem junge Bands auf die Bühne stellt und der Marke Monheim e.V., der Kabarett und Comedy-Veranstaltungen durchführt.

 

Zum Schluss zählt die Anzahl der Besucher.

Dass nur wenige Veranstaltungen im Sojus 7 ausverkauft sind, kann Christian bestätigen: „Auf den meisten Konzerten bleiben wir knapp unter 100 Gästen. Das ist dann schon okay, aber auch ein bisschen ernüchternd.“ Wenn es doch mal voll wird, dann bei Konzerten auf denen klassischer Metal gespielt wird, wie zum Beispiel von den Grailknights, bei denen das sich Publikum hauptsächlich aus eher älteren, weißen, männlichen und wenig kulturell durchmischten Gästen zusammensetzt. Das mag mit an der Tradition des Sojus 7 liegen, dass sich seit den Anfangs-Tagen am ehesten als Punk-Schuppen identifiziert. Doch wer sich zu sehr an Traditionen festhält kann sich nicht weiterentwickeln.

„Die Leute sind halt mit ihren Szenen gealtert. Bei einem Punkrock Konzert würde ich sagen, da hast du einen Altersdurchschnitt, der liegt vielleicht irgendwo bei 45.“

Foto: Sebastian Kanczok
Foto: Sebastian Kanczok

Das Booking läuft im Sojus ziemlich unkompliziert ab. Ein Teammitglied, oder ein Ehrenamtler schlägt eine mehr oder weniger bekannte Band vor, die er gerne im Sojus 7 auftreten lassen würde. Dazu werden dann ein oder zwei Vorbands gebucht, die inhaltlich passen und am besten aus der Region stammen sollten, um möglichst viele lokale Gäste anzulocken. Pay2Play Systeme (bei denen Bands für ihren Auftritt bezahlen müssen) verwendet das Team nie, die findet der Leiter der Einrichtung moralisch verwerflich. Eine Strategie, auch die Bands am Marketing der Veranstaltung zu beteiligen, ist ihnen im Vorhinein einige Karten zukommen zu lassen, die die Musiker dann wiederum in ihrem Umkreis verkaufen sollen: „Das ist schon wichtig für das Gelingen einer Veranstaltung, dass die Künstler selber auch in ihrer Community Werbung machen für eine Veranstaltung“, hadert Christian. Der optimale Weg scheint es nicht zu sein. „Es ist immer ein Appell, weil man ja sowohl als Veranstalter, als Band oder als Gast ein Interesse daran hat, dass die Halle – sagen wir – zu 80% ausgelastet ist. Dann ist es schön! Wenn es nicht leer wirkt. Das ist gut für die Stimmung und gut für die Band.“

Damit eine Veranstaltung erfolgreich wird ist also das Engagement aller gefragt. Der Veranstalter muss seine Veranstaltung vorbereiten und bewerben, die Bands müssen ihre eigenen Fans motivieren, und auch das interessierte Publikum sollte sich darum bemühen, immer ein paar Freunde dabei zu haben. Wenn die Gäste dann doch wegbleiben, muss die Veranstaltung noch kein Misserfolg sein: „Ja, klar, also zum Schluss zählt natürlich dann häufig die Anzahl der Besucher. Wobei wir auch Veranstaltungen haben, z.B. Konzerte, da kommen im Prinzip zehn oder 20 Leute und wir sagen hinterher: ‚Da haben wir was gemacht, da haben wir uns was getraut, das traut sich so schnell keiner.‘ Dann haben wir außergewöhnliche Kunst auf die Bühne gebracht, die halt wenige Menschen erreicht, das wäre aber auch in anderen Städten der Fall.“

 

Irgendwas zwischen keine Zeit, keine Lust und kein Interesse.

Foto: Sebastian Kanczok
Foto: Sebastian Kanczok

Man merkt schnell, dass man die Zukunft im Sojus 7 positiv betrachtet. Immerhin kann sich der Laden bereits seit 1988 mal mehr und mal weniger konstant halten, während die Betreiber bereits mehrfach gewechselt haben. Woran es liegen mag, dass viele Konzerte nicht gut besucht werden, darauf hat Christian einige Antworten. „Ich denke unser Problem ist, dass sich das Ausgehverhalten der Leute geändert hat. Dass Menschen es nicht mehr als tolles Erlebnis sehen, auf ein kleines Konzert zu gehen, sondern sich stärker Richtung Events orientieren. Das richtige Konzert Erlebnis passiert viel mehr über große Bands auf großen Festivals, auf die das Publikum viel mehr fokussiert ist“, führt Christian aus.

„Auf Konzerte zu gehen ist im Gegensatz zu vor 25 Jahren einfach nicht mehr so die Freizeitbeschäftigung.“

Zum Teil möge das an den zahlreichen umsonst&draußen Events liegen, die von den Städten organisiert werden. Hierdurch würde die Schmerzgrenze für den Eintrittspreis beim Publikum sehr weit nach unten getrieben. Für ein kleines, gemütliches Konzert mit hochwertiger Musik wären 10€ dann oft schon zu viel. Die größte Problematik liegen für Christian weniger in der Konkurrenz oder den tiefen Preis-Schmerzgrenzen, sondern eher in der Bereitschaft des Publikums ihre Zeit auch für kleine Konzerte herzugeben: „Mag sein, dass Jugendliche vielleicht auch weniger Musikgeschmäcker ausbilden können, denn dazu brauchst du ja auch Zeit. Du brauchst Zeit um Platten zu hören, oder irgendwie dich in eine bestimmte Richtung zu orientieren. Wenn du immer Spotify dudeln lässt, gibt’s du vielleicht noch eine Musikrichtung an, musst dich aber nicht immer zwangsläufig damit auseinandersetzen. Das ist ja so eine endlos Nummer. Früher ist man vielleicht eher auf ein Konzert gegangen, hat eine Band aus einem bestimmten Genre kennen gelernt und mal geschaut, was es in der Richtung noch gibt. Das bekommt man jetzt alles auf kürzester Strecke serviert. Ich glaube da leidet auch die Neugierde eine Band live zu sehen total drunter.“

 

„Hier kannst du dem Musiker im Bauchnabel pulen.“

Die Vorzüge, die ein kleiner Club bieten kann sind für Christian ganz offensichtlich: „Es ist einfach gemütlich hier zu sein. Man hat die Nähe zur Band. Hier stehst du so nah vor der Bühne, dass du den Musikern im Bauchnabel herum pulen kannst. Auf einem großen Festival brauchst du fast einen Opern-Gucker, um da irgendwie was von denen zu sehen. Wenn du hier ein Konzert selbst organisierst, kannst du ja sogar hinterher noch mit den Musikern ein Bier trinken, wenn die Bock haben, und dich mit denen unterhalten. Diese unmittelbare Nähe und das Gefühl, wenn man in der Orga mitgemacht hat, eine coole Veranstaltung gemacht zu haben, dass ist glaube ich das, was es ausmacht.“

Die Wahrheit darüber, warum die Menschen sich weniger für kleine Konzerte interessieren als früher, liegt wahrscheinlich irgendwo dazwischen. „Also ich glaube, dass wir durch ein bisschen mehr Pop, ein bisschen mehr Singer-Songwriter, ein bisschen mehr Frauen auf der Bühne, ein bisschen interkultureller, vielleicht ein bisschen mehr Underground — weil Metal und Punkrock ja gar nicht mehr so Underground sind, das ist ja alles schon im Mainstream angekommen — klar das ist Hip-Hop auch — aber auch da sollte man sich vielleicht ein bisschen besser aufstellen.“ Und vielleicht, wenn alles gut läuft, und alle Parteien — Veranstalter, Bands und Publikum — ein wenig aufgeschlossener auch anderen Genres gegenüber werden, wird die Clubkultur irgendwann wieder blühen. Tot, ist sie jedenfalls noch lange nicht, Mr. Simmons!

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