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An den Turntables in Köln – „Männersache“?

Es heißt: Die Techno-Szene ist offen und tolerant. Hat man noch die tausenden Menschen vor Augen, die jahrelang zusammen friedlich auf der Love Parade tanzten. Bei der noch recht jungen Technokultur denkt man nicht sofort an stereotype Rollenbilder. Müssten sich Frauen in einer so jungen und lebendigen Kultur also nicht freier und selbstbestimmter bewegen können als anderswo? Zwei Frauen, zwei Antwortversuche – im Gespräch mit einer DJ und einer Bookerin aus Köln.

Von Isabelle Schmitz

Das Hashtag #MeToo brachte der Sexismus-Debatte Mitte 2017 große Medienaufmerksamkeit. Bis heute tauchen immer wieder neue Meldungen auf. Die Vorwürfe ziehen sich dabei durch kulturelle Bereiche wie Film, Fernsehen, Tanz oder Musik. Spätestens seit Konstantin, Mitbegründer des Labels Giegling, sich negativ gegen weibliche DJs äußerte, ist die Debatte in der elektronischen Musikszene angekommen. So ließ er in einem Interview mit dem Groove Magazin verlauten, dass Frauen naturgegeben schlechter hinter den Turntables sind. Demnach wäre es ungerecht, dass sie so sehr gefördert werden. Seiner Ansicht nach wäre es sogar aufgrund der größeren Aufmerksamkeit für weibliche DJs einfacher erfolgreich zu sein. Dank Social Media verbreiteten sich seine Aussagen wie ein Lauffeuer. Die Folge war nicht nur ein Shitstorm. Das Label wurde vom Sunfall Festival, „out of respect für the incredible female talent we have with us […] this year“, ausgeladen und cancelte selbst einige Gigs, um weiteren Anfeindungen aus dem Weg zu gehen. Die Äußerungen von Konstantin im Groove Magazin sind kein Einzelfall – in zahlreichen Artikeln berichten Frauen über Sexismus in der elektronischen Musikszene: von Mansplaining bis hin zu sexuellen Übergriffen.

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Elektronische Musik(er) in Köln

Denkt man an die deutsche Technoszene, denkt man erst einmal an Berlin. Die VICE konstatiert: Die Berliner Clubszene hat ein Frauenproblem. Was ist dann mit dem Rest der Bundesrepublik? In Köln zum Beispiel ist die Feierkultur anders – ein bisschen kleiner, vielleicht ein bisschen weniger elitär. Hier gibt es zwar Bergheim in der Nähe, aber sicherlich kein Berghain. In der Rheinmetropole spielt dein Outfit keine Rolle für den Türsteher.

Wer jetzt annimmt, dass Köln in der elektronischen Musikszene irrelevant ist, liegt falsch. Wichtig zu wissen ist dabei nicht nur die Tatsache, dass der Kölner Club Bootshaus zu den besten der Welt gehört. Die Bedeutung der Stadt für elektronische Musik ist weitreichender. So wurde der Begriff „elektronische Musik“ einst in Köln erfunden. Vor 67 Jahren wurde das Studio für elektronische Musik in der Rheinmetropole ins Leben gerufen und einer der Gründer schlug den Ausdruck damals vor. Gemeint war darunter ein Komponieren mit technischen Hilfsmitteln. Man benötigte keine teuren Instrumente mehr, sodass viel mehr Menschen die Chance gegeben war, Musik zu machen. Diese Einstellung zu elektronischer Musik wird bis heute vermittelt. Sogar das Hollywoodkino verbreitet diese Botschaft: „Als DJ brauchst du nur einen Laptop und etwas Talent“ (We Are Your Friends – 2015).

Hat die Kölner Technoszene also noch etwas von dem toleranten, offenen Ursprungscharakter beibehalten?

Zwei Frauen, zwei Perspektiven

©Marleen Polakowski
©Marleen Polakowski

Eine, die es wissen muss, ist Marleen Polakowski. Die 27-jährige Kölnerin ist seit über 10 Jahren in der Technoszene tätig und hat sich mittlerweile als DJ einen Namen gemacht. Bootshaus, ARTheater, Elektroküche, Red Cat Lounge, Helios37 oder Tomorrows Club – die Liste an Kölner Clubs, in denen sie aufgelegt hat, ist lang. Die junge Frau liebt ihren Job – besonders gefällt ihr der Vibe, der entstehen kann, und die positive, enge Verbundenheit zu ihrem Publikum. Einfach „die Musik zu spielen, die mir am besten gefällt“. Die Technoszene empfindet die Künstlerin als offen und tolerant. Außerdem sagt sie, die Feiernden wären weniger aggressiv, dadurch dass nicht übermäßig Alkohol konsumiert wird.

Einen ganz anderen Einblick in die Szene bietet Lena Roegler, die seit Ende 2016 Bookerin beim Label Incroyable ist. Das Label ist in Köln vor allem bekannt für seine Residency auf der Art of House. Mittlerweile sind die vier Jungs jedoch über die Stadtgrenzen hinaus bekannt, legen auf internationalen Festivals wie dem Tomorrowland oder dem Burning Man auf. In Lenas Job geht es hauptsächlich darum, Gigs für die vier DJs zu organisieren. Als Bookerin zieht sie die Fäden hinter den Kulissen. Auch sie empfindet die Szene als offen und ist der Meinung, dass diejenigen, die in der elektronischen Musikszene arbeiten, Lust darauf haben und Spaß an ihrem Job haben. Was ihr nicht gefällt, ist die vereinzelte Oberflächlichkeit: „Da ist man mal schnell die neue beste Freundin“.

Sexismus auch in Kölner Clubs?

Eine Erhebung des internationalen Künstlerinnen-Kollektivs Female Pressure ergab, dass auf neun männliche DJs, gerade mal eine einzige Frau an den Plattentellern kommt. Marleen Polakowski vermutet, dass die Lage in Köln ähnlich ist. Sie sagt, dass Geschlecht im Beruf als DJ spielt auf jeden Fall eine Rolle. Ihrer Meinung nach könnte das am einem Mangel für Technikaffinität liegen: „Ich habe noch nie eine Frau getroffen, die sich mit mir über Technik unterhalten hat. Ich persönlich war da auch einfach schon immer die Ausnahme.“ Trotz ihres ausgeprägten Technik-verständnisses musste auch sie sich als DJ beweisen: „Ich habe es schon mal erlebt, dass jemand gesagt hat: Ach das ist eine Frau, die kann eh nichts.“ Als die Künstlerin mit den Aussagen von Konstantin konfrontiert wird, Frauen seien die schlechteren DJs, setzt sie sich für die Musik ihrer weiblichen Kolleginnen ein: „Das ist totaler Quatsch. Wenn sich eine Frau schon dafür interessiert, dann aber auch weil sie es wirklich will. Ich habe von vielen sogar eher das Gegenteil gehört. Frauen seien viel intuitiver und gefühlvoller und das würde sich auf die Sets wiederspiegeln. Die Musik geht noch mehr ins Herz“.

Von einer wirklichen Sexismus-Problematik geht die Musikerin jedoch nicht aus: „In der Technoszene haben wir das Problem eigentlich gar nicht so wie ich es mitbekomme. Ich höre mittlerweile nur Positives.“ Dazu sagt sie, dass sie jedoch nichts mit kommerziellen DJs zu tun hat und es vielleicht daher einfach nicht richtig mitbekommt. So kann sie sich vorstellen, dass Newcomerinnen eher mit einem damit zu kämpfen haben könnten. Trotz der meist positiven Erfahrungen geht Polakowski davon aus, dass sich in den nächsten Jahren an dem prozentualen Anteil der weiblichen DJs nicht viel ändern wird.

Lena und die Incroyable-Jungs  ©Incroyable

Bookerin Lena ist von einem Überschuss männlicher DJs in der Kölner Szene überzeugt: „Das spiegelt sich in den Line-Ups der Clubs wieder“. Auch in ihrem eigenen Labelroster ist das Geschlechterverhältnis eindeutig: Fennec & Wolf, Bellville, Dopish und Fabio Vanore sind alle männlich. Trotzdem vertritt sie die Auffassung, dass sich auch einige weibliche DJs in der Domstadt einen Namen gemacht haben: „Franca und Sandilé haben ein Standing in der Szene und werden ernst genommen. Das finde ich sehr wichtig“. In ihrem Job beim Label Incroyable hat sie selbst noch keine negativen Erfahrungen gemacht. Privat gab es jedoch schon unangenehme Situationen: „Als Gast im Club ist es mir schon passiert, dass die Person hinter mir sich so nah an mich gestellt hat, dass ich eine Erektion spüren konnte. Öfter wurde ich auch schon an den Bauch gestupst, wenn ich ein bauchfreies Shirt trage.“ Für sie ist das aber eher ein szeneübergreifendes Problem.

„Eine Frage der Beurteilung“

Die Ausmaße dieser weiblichen Unterbesetzung zeigen sich nicht nur vor Ort in den Clubs: Bis heute steht keine Frau auf der Forbes-Liste der bestbezahltesten DJs der Welt, Frauen auf dem Cover des DJ Mag sind eine Seltenheit: „DJ“ Paris Hilton war einige der wenigen Frauen, denen diese Ehre zu Teil wurde. Legen selbst ernannte DJanes wie Micaela Schäfer dem Ende des Sexismus also Steine in den Weg?

Für die Kölner Künstlerin Marleen Polakowski ist das „eine Frage der Beurteilung oder eher Verurteilung“. Sie vertritt die Auffassung, dass Hilton oder Schäfer sowieso von niemandem als DJ ernst genommen werden und dass es ‚billige’ Frauen immer auf der Welt geben wird. Genauso wie: „notgeile Männer, die das sehen wollen“. Lena sieht das Ganze als Bookerin etwas differenzierter: „Vielleicht ist Micaela Schäfer auch einfach nur eine schlaue Geschäftsfrau, die in ihrer Performance über dem Mann steht, der von unten hochgafft und grölt.“

„Gleichberechtigung sollte das Ziel sein“

©Unsplash / Edu Grande
©Unsplash / Edu Grande

Um einem möglichen Sexismus-Problem zu entgehen, greifen weibliche DJs teilweise zu drastischen Maßnahmen. Beispielsweise hatte es DJ Kate Miller satt, sich ständig rechtfertigen zu müssen und dumme Anmachen zu ertragen. Kurzerhand rasierte sie sich die Haare ab, trat fortan mit Glatze vor das Publikum. Auch DJ Tatiana Alvarez verfolgte ein ähnliches Ziel: Ein Jahr lang trat sie, verkleidet als Mann, unter dem Namen DJ Musikillz auf.

Marleen Polakowski findet solche Aktionen weniger zielführend: „Man sollte das nicht so extrem thematisieren und das geht auch wieder in die falsche Richtung. Gleichberechtigung sollte das Ziel sein.“ Lena Roegler sieht die Aktionen von Alvarez und Miller ähnlich kritisch: „Es kann keine langfristige Lösung sein, dass eine Frau sich männlicher Attribute bedienen muss, um ernst genommen zu werden oder sich vor Sexismus zu schützen.“

Das Künstlerinnen-Kollektiv Female Pressure zeigt in den jährlichen FACTS-Erhebungen auf, wie ungleich die prozentualen Verhältnisse zwischen männlichen und weiblichen DJs in der Technoszene sind. Ähnliche Kollektive, speziell für Frauen, gibt es in verschiedenen deutschen Städten. Mit Partys, auf denen ausschließlich weibliche DJs auflegen dürfen, möchten solche Kollektive den Musikerinnen einen Raum gehen. Auch wenn Gäste aller Geschlechter willkommen sind, ist das nicht irgendwie kontraproduktiv für Gleichberechtigung?

„Fast jeder Studierende im ersten Semester eines geisteswissenschaftlichen Studiengangs würde jetzt sagen, dass das den ohnehin konstruierten Unterschied zwischen Mann und Frau nur weiter fördert. Das ist durchaus ein Punkt, der bei allen Maßnahmen zur Stärkung von Frauen bedacht werden sollte. Wenn sich aber Frauen zusammentun, um gemeinsam Musik zu machen und sich gegenseitig in ihrem Ziel zu bestärken, kann ich da nichts Schlechtes dran finden“, antwortet Bookerin Lena. Sie glaubt, dass ein Kollektiv den weiblichen DJs helfen könnte, selbstbewusster zu werden.

Marleen Polakowski ist kein Mitglied in einem Kollektiv für weibliche DJs. Im Interview sagt sie, dass sie nicht viel davon hält: „Dort wo ich spiele ist es auch eher ein Highlight, wenn eine oder mehrere Frauen auflegen. Aber an sich finde ich es besser, wenn es gemischt ist. Nur Frauen finde ich auch zu radikal.“ Für die junge Frau entwickelt sich die Techno-Szene in eine gute Richtung: „Weiter so“.


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