von Luise Paulsen
Als ich an einer kleinen Wintermelancholie litt, schlug mir eine Freundin ernsthaft vor, doch mal das Buch „Wege zum Glück“ zu lesen – zur Erleichterung. Eher gehe ich zur Beichte. Sternenbilder, Glücksweisheiten, Energiesteine und Gurutipp – für mich ist das die Feigheit vor dem Feind, nämlich die Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen.
Mit Wonne schimpfe ich über die tumben Seelen, die auf Facebook (dem neuem Beliebtheitsstatusanalysator) virtuelle Glücksnüsse knacken, oder noch schlimmer: ganz real diese staubtrockenen, nach ranzigem Fett schmeckenden Asia-Kekse öffnen und sich an den trivialen Weisheiten ergötzen.
Instantweisheiten
Für mich sind diese Sprüche in drei Kategorien einteilbar: grammatikalisch inkorrekt („In das Liebe sein Wissen über andere Partner wichtig“), Philosophie-12.Semester-Kasteier („Der Sinn liegt in dem Maximenurheber, die Suche sei dein Weg“) oder so banal wie stimmig auf Jeden passend („ Das Glück winkt dir“).
Was mich an diesem ganzen Hokuspokus stört ist nicht, dass es ihn gibt, sondern mit welcher Ernsthaftigkeit die Hilfesuchenden Instantweisheiten auf ihre Umstände münzen, gar nach den zweifelhaften Weisheiten leben. Beinahe mein gesamter Umkreis, so scheint es, folgt mal mehr mal weniger objektiv unsinnigen Zeichen und Aphorismen.
Mit dem Sterben der Religion stirbt ja nicht ihre Targetgroup
Es gibt uns postreligiösen Menschen wohl Sicherheit fremd-besinnsprucht zu werden. Und ein Ausweg ist nicht in Sicht, selbst wenn alle Sinnsprüche durch eine glückliche Fügung verschwinden würden, wir würden uns Neue schaffen. Das ist wie mit dem Glauben: Mit dem Sterben des Produkts Religion, stirbt ja nicht ihre Targetgroup. Hoffnungslose Sache. Wie gut, dass ich als Erkennende bei diesem ganzen Theater nicht mitmachen muss.
Und dann trifft mich vor einigen Tagen das alte Arschloch Schicksal mitten in meinen Trübsinn und voll in die hochmütige Visage: Auf dem blau-leuchtenden Uniklo entdecke ich meine eigene kleine Instantweisheit: „Die Lage ist Hoffnungslos, aber nicht ernst (Marie Antoinette vor dem Schafott)“ steht da an der Wand… ich muss schmunzeln. Der Spruch zeigt Wirkung, verdammt. Aber doch nicht bei mir!
Einfach mal aufs Klo gehen
Das ist Wochen her. Und noch immer begleitet mich Marie, in ihren Spruch habe ich mich verknallt. Ein Glücksbuch würde ich trotzdem nicht in die Hand nehmen. Aber für Freunde und Bekannte mit Winterblues habe ich einen besseren Tipp: Einfach mal aufs Klo gehen- welche Erleichterung.
