von (c) Wonko „Seismic“ Sputnik, 11/09
Es war einmal: Behäbigkeit in der deutschen Arbeitswelt, stetiges Aufwärts, Wirtschaftswachstum und Wohlstand für alle. Man konnte als junger Spund in einer x-beliebigen Firma durchstarten und dort sein Leben lang bleiben. Man verstand die Routinen, man experimentierte ein wenig mit dem „Corporate Game“, man polierte seine Visage und jonglierte mit „Vitamin B“. Und je nachdem wie gut man die Drähte zum Glühen brachte, kletterte man in diesem gemächlich vor sich hintreibenden Planschbecken hinauf auf der Karriereleiter, oder eben nicht. Mit oder ohne „Goldenem Fallschirm“ klinkte man sich denn ein paar Jahrzehnte später entspannt in den Ruhestand aus – im Wesentlichen fast schon langweilig, so kalkulierbar war alles.
Und heute? Heute sind die Dinge durchaus difiziler. Vom Malstrom der Globalisierung ergriffen und mit jedem Tag mehr auf Profit geeicht, hetzt der moderne Arbeitnehmer durch den Dschungel seines Arbeitsplatzes. Er hat stetig mehr zu leisten, spricht mantraweise von Selbstoptimierung und „Smartsourcing“. Er steht im unsichtbaren Konkurrenzkampf mit Heerscharen von Chinesen oder mit Legionen von Indern, die nicht auf den Kopf gefallen ihrerseits einen Teil vom globalen Kuchen abhaben wollen.
Wie bei der „Reise nach Jerusalem“ geschieht hier Wundersames und der Verlierer bekommt Hartz IV. Sozialdarwinistisch wird gedruchst und getrickst und das einzige, was noch von Bedeutung zu sein scheint, ist allein die Gewinnmaximierung. Gemächlich ist hierbei nichts mehr. Nein, zweifelsohne die Welt ist weniger denn je für Nichtschwimmer freundlich eingestellt. Entweder man leistet „Leistung aus Leidenschaft“ (Deutsche Bank) oder man wird peu a peu aufs Abstellgleis geschoben.
Der Verlierer bekommt Hartz IV
Fakt ist: Es gibt keine Gewissheiten mehr für die „Millenium-Generation“. Man arbeitet hier und da. Man muss flexibel sein und sich gleich Tarzan von Job-Liane zu Job-Liane schwingen, immer in der Hoffnung auf Fortschritt. Man ist ein kleiner Hamster in einem kleinen Hamster-Rad, eine „Ich-AG“ in eigener Sache. Man spielt „Stromberg“, man abchangiert, insistiert und intrigiert. Und will man gegen die Welt bestehen und sich nicht irgendwann in einem garstigen Arbeitsamt wiederfinden mit sinistren Sachbearbeitern und der allgemeinen, grauen Dröge, sollte man besser für alle Fälle noch ein Ass im Ärmel haben.
Die Zeit beschleunigt sich und wir mit ihr. Wir sind „Freelance-Nomaden“, die dorthin gehen, wo es Arbeit gibt. Irgendwo in der Welt. Wir sourcen uns selber aus und tigern dem heilgen Gral der Beschäftstätigkeit hinterher. Wir sind Geschäftsleute, darauf dressiert, stromlinienförmig aufzusteigen. Wir gewinnen immer, verlieren nie und falls doch, darf das niemand mitbekommen. Wir lecken im Stillen nur unsere Wunden und lachen zynisch über den anderen, der es einfach nicht schafft, ein kühler Android zu sein wie wir.
Wir verlieren nie und falls doch, darf das niemand mitbekommen
Andererseits: Es gibt erste Dissonanzen im Chor, es rumort im Getriebe. Nicht jeder ist glücklich damit, Maschine zu sein. Manche wollen anstatt von Karriere, Gucci-Wellness und Business-Class lieber einfach nur leben und etwas Sinnvolles tun. Nicht jeder will 60 Stunden die Woche arbeiten und 40 Jahre lang in Büros vor sich hinschrumpeln nur um am Ende doch feindlich übernommen zu werden und seinen Lebensabend in einsamer Tristesse zu verbringen. Manche wollen etwas anderes. Manche denken, es ist am Ende wichtiger, Mensch zu sein. Es ist der Stoff unserer Daseins-Seifenoper, die zentrale Frage, die ein jeder für sich selbst zu klären hat.
