Medienwissenschaftler forschen und studieren am Puls der Zeit. Über Trends und neue Technologien müssen sie bestens informiert sein. Aber müssen sie deswegen auch alles mitmachen? Ein kleines Plädoyer für mehr kritischen Abstand.
Auch wenn ich an der Generation der Digital Natives etwas vorbeigeboren wurde – als ich klein war, waren Benutzeroberflächen noch kryptische weiße Zeichen auf schwarzem Grund, und meine erste Erinnerung an das Internet ist das Kreischen eines Modems – fühle ich mich im Netz doch wohl und zuhause. Ich kann gleichzeitig einen Videostream gucken, chatten und meine e-Mails abrufen, und mit Strg+T und Feinheiten meines Browsers kenne ich mich aus. Ich lese auch regelmäßig irgendwelche Blogs und versuche, mich fachlich auf dem Laufenden zu halten.
Ganz ehrlich jetzt – ich bin nicht bei StudiVZ!
Ich bin sogar Mitglied einer Social Community – aber nur bei so einer irgendwie intellektuell-niedlichen, da geht es um Texte und die Kommentare dazu, und nur zweitrangig um Selbstdarstellung und belangloses Gegruschel. Aber kein Argument konnte mich bisher dazu bewegen, auch noch bei StudiVZ einzuziehen. Und zwar ganz einfach deshalb, weil ich mir wenigstens die Illusion einer Privatsphäre aufrechterhalten möchte. Da hilft auch keine Seite, die nur für Freunde sichtbar ist, wie nicht nur die jüngsten Datensammlungen beim kleinen Bruder SchülerVZ beweisen.
Und genauso geht es mir mit vielen Dingen, die man jetzt angeblich haben muss. Ich liebe Bücher, diese echten Dinger aus Papier und Druckerschwärze, und kein Kindle dieser Welt kann mir das ersetzen. Das ist natürlich ein subjektiver Standpunkt, mit dem ich vielleicht in ein paar Jahren hoffnungslos altmodisch aussehen werde (ein kleines Geheimnis: ich trauere sogar noch ein bisschen den Kassetten hinterher). Aber trotzdem hat auch dieser Standpunkt seine Daseinsberechtigung.
Die Theorie der Praxis opfern?
Ich wusste nicht von Anfang an, was ich einmal studieren wollte. Mir war nur immer klar, dass es irgendwie etwas geisteswissenschaftliches sein sollte. Und bei den Medienwissenschaften, so dachte ich, habe ich die perfekte Synthese von Theorie und Praxis bekommen. Aber trotz meiner Freude über Radio- und EDV-Kurse sollte doch eine Tugend der Geisteswissenschaften erhalten bleiben: das kritische Durchdenken, die Reflexion und das Hinterfragen der studierten Phänomene. Auch eine Germanistin liest ja keinen Schiller blind vor Begeisterung.
Ich bin gerne Studentin der Medienwissenschaften. Und ob man nun die kultur- oder die sozialwissenschaftliche Schiene bevorzugt, ist mir eigentlich ganz egal. Aber ich möchte für den Schutz meiner Daten und meiner Privatsphäre kämpfen, ich bin traurig, wenn es irgendwann keine Printmedien mehr geben sollte und einen Buschfunk brauche ich nicht. Gerade, weil ich mich für Medien interessiere, möchte ich so viel Abstand zu ihnen bewahren, wie ich brauche, um sie objektiv beurteilen zu können. Und bei diesem Standpunkt bleibe ich erstmal.

Abstand kann man nur von Dingen nehmen, die man kennt. Privat kann man ja gern seine Ludditen-Einstellung pflegen, aber das Problem, das ich bei vielen Medienwissenschaftlern sehe ist eher so ein Philosophieren aus dem Lehnstuhl. In Unkenntnis der Materie ziehen sie sich auf abstrakte Allgemeinplätze zurück, die austauschbar sind.
Sich mit der Materie des Faches auseinanderzusetzen ist genauso Grundvoraussetzung, um darüber Aussagen treffen zu können, wie eine klare ethische Linie. Niemand will dass wir blind konsumieren, aber “Ich mach da nicht mit!” kannst du dir als Medienwissenschaftler nicht leisten, und die Medienwissenschaft kann sich solche Wissenschaftler nicht leisten. Dann werd lieber Bäcker.
Ich glaube, ich verstehe, was du meinst. Aber tu bitte nicht so, als sei ich gerade hinter meinem (Bäcker-)Ofen hervorgekrochen, selbstverständlich finde ich die Auseinandersetzung mit der Materie grundlegend – sonst hätte ich auch keine Aussagen darüber getroffen. Und ich betreibe auch ganz bestimmt keine Sabotage, nur weil ich manchmal veralteten Medien hinterhertrauere. StudiVZ geht nicht zugrunde, nur weil ich nicht dort angemeldet bin. Ganz ehrlich, ich glaube schon, dass ziemlich viel blind konsumiert wird, und wenn zB soziale Netzwerke völlig ohne (Selbst-)Reflexion genutzt werden, sitze ich lieber im Lehnstuhl.
Du hast von Medienwissenschaftlern Distanz zu den Medien gefordert und als Beispiel dein Fernbleiben von StudiVZ angeführt.
Das ist aber keine kritische Distanz, sondern Kopf-in-den-Sand-stecken. Denn was man nicht kennt, darüber kann man auch nicht kritisch urteilen.
Es geht nicht darum ob StudiVZ deinen Boykott übersteht. (?) Es geht noch nicht mal um StudiVZ, denn es gibt viele ähnliche Seiten und niemand kann überall dabei sein.
Es geht um die Argumentation in deinem Beitrag, in dem du diese “Distanz” mit Totalverweigerung, Kassetten-Nostalgie und Druckerschwärze gleichsetzt.
Das funktioniert erstmal ganz gut als soziale Abgrenzung zu den Web2.0-Missionaren. Aber es ist bloß das andere Extrem. Und das ist auch nicht grade selten. Objektivität ist anders.
Wow!
StudiVZ ist nun wirklich nicht so tiefgründig- ich denke man kann Social Communities auch kennen, ohne dass man angemeldet ist.
Es ist ja nicht so, dass Philine ein Plädoyer gegen das Internet oder das Fernsehen hält.
Aus meiner Sicht ist dies lediglich ein Aufruf, dass man bei der Zumüllung des Web 2.0 nicht unbedingt mitmachen muss. Die Qualität sollte einen höheren Stellenwert einnehmen als der Drang, überall dabei sein zu müssen/sollen.
Persönlich erlebe ich die Vorzüge und Nachteile von Social Communities (in meinem Fall ausschließlich StudiVZ) auch. Und an der “Verstopfung” des Internet helfe ich zugegebenermaßen nach Leibeskräften mit.
Ich stimme dir (Nicolai) vollkommen zu, dass der Studiengang Medienwissenschaft zu 85% von einer akademischen abgehobenen Wolke aus stattfindet, was auch mir oft zum Verhängnis wird. Allerdings ist die Meinung nicht bei Social Communities angemeldet zu sein doch trotz allem durchaus vertretbar und hat mit dieser Eigenschaft des Studiums nichts zu tun. Wenn mir jemand sagt Butterkekse schmecken nach Butter und ich weiß, dass ich keine Butter mag, muss ich keine Kekse gegessen haben um zu wissen, dass ich sie nicht mag. Anderes Beispiel: Wenn man mir den Inhalt eines Filmes erzählt und ich finde ihn öde, muss ich den Film nicht unbedingt sehen.
“Kopf in den Sand stecken” und “Luddismus” (musste erst nachschlagen, was das heisst ;-) ist für mich was anderes.