Beitragsbild Waschmaschine
Aktuelles Kultur Sonderausgabe Popkultur

„Too crazy for Germany“

Während vor ein paar Jahren noch das Ende der Waschsalons prophezeit wurde, weht jetzt ein anderer Wind. Die relativ kleine Nische bedient nämlich sowohl Waschmaschinenbesitzer als auch die, die gerade keine zur Hand haben – und das mit neuer Idee.

Von Tanja Schubert

Herr Klausen, ein älterer Mann mit dunkelblauem Adidas-Shirt, lässiger Jeans und dezentem Goldkettchen, sitzt entspannt in einem der Sessel, als ich den Salon betrete. Ein angenehmer Duft nach Kaffee liegt in der Luft, untermalt vom pulsierenden Trommeln der Protagonisten der Szene – Waschmaschinen. Klausen ist Inhaber des hybriden Wasch-Café-Salons Innovationpoint in Bonn. Mittlerweile schießen derartige Konzepte in Großstädten wie Berlin oder Hamburg wie Pilze aus der Erde, aber gehen wir erst noch einmal einen Schritt zurück.

Woher kommen Waschsalons überhaupt? Und wann sind sie entstanden? Mit der Erfindung der damals noch unleistbaren, elektrischen Trommelwaschmaschine Anfang des 19. Jahrhunderts eröffneten die ersten Waschsalons – in den USA wurde 1934 der weltweit erste Salon Washaria in Fort Worth, Texas, vorgestellt. In Europa feierte die erste Laundrette in London Ende der 1940er Jahren ihr Debüt, in Deutschland fand die erste Eröffnung im darauffolgenden Jahr statt. Diese Form des Waschens war neben den Gemeinschaftswaschküchen in Wohnanlagen lange Zeit Status Quo – auch in Deutschland, doch mit der Möglichkeit der Massenproduktion entsprechender Maschinen und der damit einhergehenden Preisreduktion, wurde die Trommelmaschine ab den 1980er Jahren heimisch und die Notwendigkeit einen Salon aufzusuchen blieb aus. Alleine im letzten Jahr waren laut Statistischem Bundesamt 95,4 von 100 Haushalten mit einer Waschmaschine ausgestattet.

Der Waschsalon als kommerzielles Wohnzimmer

Das Konzept, das sukzessiv Großstädte in aller Welt erobert, verbindet die lieblose Pflicht des Wäschewaschens mit den lieblichen Freuden des Lebens – einen Kaffee auf dem Sofa, während die Trommel die Arbeit erledigt, fast wie zuhause. Statt Waschkeller-Atmosphäre herrscht hier Wohnzimmer-Flair. Die Londoner Agentur bezeichnet öffentlich-städtische Räume wie diese, die nach und nach dem privaten Raum angeglichen werden und deren Nutzung oftmals kommerzieller Natur ist, als „kommerzielle Wohnzimmer“. Ob in New York, Paris, Hamburg, München oder Berlin. Überall haben sich diese Hybride durchgesetzt. Die Waschküche in Berlin beispielsweise wirbt mit dem Slogan „Dein gemütlicher Waschsalon in Berlin“ und die Mangelwirtschaft sieht sich selbst als „50%Bar + Café, 50% Waschsalon“. Auf der Terrasse kann bei WM-Spielen mitgefiebert oder sich an der Abendsonne der deutschen Hauptstadt ergötzt, in dem Salon selbst kann sich dem Genuss von Speisen und Getränken hingegeben werden. Die Dreckwäsche mitbringen, während man nebenan im Coworking-Space mit den Kollegen brainstormt.

Foto: Tanja Schubert
Bonner Waschsalon. Foto: Tanja Schubert

Aber warum funktionieren die Wasch-Café-Hybride gerade in Großstädten? Früher waren Waschsalons nicht mitten in der Stadt, sondern eher am Stadtrand vorzufinden. Mittlerweile besitzt aber fast jeder eine Waschmaschine. Die zunehmende Entwicklung von Single-Haushalten spielt ebenfalls eine entscheidende Rolle, denn für Einzelpersonen ist die Anschaffung einer Waschmaschine schlichtweg oft nicht rentabel. Außerdem herrscht in Großstädten großflächig Platzmangel, sodass anstatt der Waschmaschine im Vorratsraum, lieber ein Zimmer mehr vermietet wird. Dass die Salonbetreiber den Sprung in die City vornehmen und die dortigen Mieten bewältigen können, haben sie also der Idee zu verdanken, eine Hybridnutzung der Räumlichkeiten anzugehen. Nichtsdestominder hat aber auch die Mentalität des urbanen Menschen etwas mit dem Erfolg solcher Salons zu tun – kreativ, frei, multikulturell, weltgewandt, vernetzt. All diese Attribute treffen den Nerv der Zeit und können ebenso als Beschreibung eines modernen, urbanen Waschsalons dienen.

Anziehungskraft besaßen die Salons schon immer, was anhand des gefeierten Films My beautiful laundrette von Stephen Frears oder der legendären Levis Werbung von 1984 mit Nick Kamen deutlich wird. Aber der Waschsalon als solcher hat unlängst ein Upgrade bekommen – als Kommunikationsfläche und Eventlocation. Ein gutes Beispiel dafür ist die Show Night Wash. Das Event wurde schon vor 15 Jahren ins Leben gerufen und bietet Live Stand-up Comedy in einem Kölner Waschsalon, der zusätzlich im Fernsehen ausgestrahlt wird. Die Zuschauer sitzen auf Stühlen zwischen Wäschetrommeln und Trocknern und lauschen den witzigen Anekdoten der aufstrebenden Comedy-Talente. Der Waschplatz als Bühne – dennoch eine Seltenheit.

„Das ist alles nicht der Waschsalon.“

Foto: Tanja Schubert
Wasch-Café. Foto: Tanja Schubert

Unweit von Köln, nämlich in Bonn, befindet sich eine ebensolche Rarität – der Innovationpoint. Klausen, der Betreiber des Waschsalon-Cafés bezeichnet ihn selbst als „anders gearteten Waschsalon“. Die Idee kam nicht urplötzlich, sondern entwickelte sich, meint der Rentner. „Der Copy- Shop, der hier vorher drin war, musste zumachen, ich kannte den Besitzer und hatte gerade Zeit, weil ich in Rente gegangen bin und dann habe ich gesagt, mach ich da einen Waschsalon draus, weil das gibt es in der Stadt nicht. Aber keinen typischen, sondern einen anderen.“ Mit der Zeit entstand das, was es heute ist: „eine Mischung aus Waschsalon, Café und Plattform für Künstler verschiedener Richtungen.“, so Klausen. Die konventionelle Form eines Waschsalons ist kaum mehr rentabel, wenn man nicht auf Masse geht. „Es ist schon so gedacht, dass sich die Leute hier aufhalten. Wasser und Strom sind zu kostspielig. Und so trägt sich das einigermaßen. Denn die Miete in der Innenstadt ist ja nun höher als in den Bereichen, nämlich in den Vororten, wo normale Waschsalons sind.“, erklärt der Rentner. Ihm geht es aber weniger ums  Geschäft, als darum, einen Ort zu gestalten – als Hobby selbstverständlich, wo Menschen zusammenkommen, egal ob beim Wäschewaschen, Musizieren, Kaffee trinken oder Schachspielen.

„Naja man weiß wie Waschsalons sind – nicht cool, sondern kühl.“

Dementsprechend wird für kreative Darbietungen, Events und Aktionen unterschiedlichster Art Raum geschaffen. Jeden dritten Montag findet der sogenannte Webmontag statt, wo sich Start-up Gründer und Internetaffine treffen, um sich auszutauschen und von ihren Erfahrungen zu berichten. „Das ist sehr interessant für Insider, ich schalte dann aber irgendwann ab.“, schmunzelt Klausen. W-Lan ist im Salon natürlich kostenlos beziehbar. Darüber hinaus wird einmal im Monat ein Konzert organisiert. „Dann ist immer volles Haus hier“, sagt der Rentner mit breitem Grinsen. „Das sind dann oft Musiker, die der Organisator auf der Straße anspricht, einsammelt. Dann treten die hier auf und dann haben die hier eine Bühne. Die Musik ist auch breitgefächert, von südamerikanischer Musik bis zum Jazz, Singer- Songwriter, also Multikulti.“, führt er weiter aus. Auch für Poetry-Slam, Theaterspiel und Kunst stehen die Türen des Innovationpoint offen.

Der Zweck dient somit nicht primär dem Waschen. „Für manche ist das hier auch ein Wohnzimmer“, aber als „kommerzielles Wohnzimmer“ sieht Klausen seinen Waschsalon nicht. „Wenn ich längere Öffnungszeiten hätte und Frühstück oder Mittagstisch oder einen Lounge-Club anbieten würde, dann würde ich es so nennen.“

Blümchen auf Samtdeckchen. Foto: Tanja Schubert
Blümchen auf Samtdeckchen. Foto: Tanja Schubert

Wenn man sich im Innovationpoint umsieht, scheint das zuzutreffen. Die Einrichtung wirkt zusammengewürfelt, an vielen Stellen ungewollt. An der Wand steht ein Klavier neben einer Reihe von Waschmaschinen. Über den heimeligen Sofas und Sesseln hängt neben Bildern regionaler Künstler eine Art schwarzes Brett mit handgeschriebenen Zetteln. Die Tische sind mit Leopardenmuster überzogenen Samttischdecken geschmückt. Die Theke ist durch diverse bunte Lichterketten hell erleuchtet. Vor dem Salon steht ein regenbogenfarbener Sonnenschirm. Sonnenstrahlen fallen in das mit einem roten, schweren Theatervorhang gesäumte Fenster. Durch die Lautsprecher tönt Internetradio –„Listen to your heart“ von Roxette. „Geplant war hier nichts“, schmunzelt Klausen, aber Zuspruch war von Anfang an da. Dabei ist die Klientel ist bunt gemischt, von Geschäftsleuten bis StudentInnen, Alleinlebenden oder Touri-Familie. „Vor allem die Studenten waren happy. Die mussten nicht in die anderen Waschsalons gehen. Die Leute, die in die anderen Waschsalons gehen, kommen nämlich auch nicht hier hin.“, erklärt Klausen.

„Irgendwann hält die Stadtrundfahrt hier.“

Wohnzimmer-Flair. Foto: Tanja Schubert
Wohnzimmer-Flair. Foto: Tanja Schubert

Insbesondere bei internationalem Publikum sorgt der Laden für Aufsehen. „Es ist insofern was anderes, weil die Resonanz aus dem Ausland auch entsprechend ist. Amerikaner haben einmal die Empfehlung ausgegeben, ob man das nicht auch in New York oder L.A. machen könnte. Ich soll mal rüberkommen. ‚Too crazy for Germany, this idea‘ haben die gesagt.“ Lena (Name von der Autorin geändert), war für einige Tage zu Besuch in Köln, aber zum Waschen kam sie nach Bonn.  „Das kannte ich so nicht. Auf die Wäsche zu warten, während ich einen Kaffee trinke und im Internet surfen kann, war mir echt neu.“Klausen meint, vor allem TouristInnen kommen häufig hinein, wundern sich und schießen Fotos von dem Laden.

„Viele fragen mich dann auch ‚Ist das nun ein Waschsalon                                                                             oder ein Café? Tja sage ich ‚Suchen Sie es sich aus.‘“

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.