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Theater für alle?

Ensembles an deutschen Stadttheatern geben ein homogenes Einheitsbild ab und spiegeln damit absolut nicht die Vielfalt unserer Gesellschaft wider. Über die Notwendigkeit von Diversität an deutschen Stadtbühnen.

Von Marie Platzer

Scrollt man durch die Homepages deutscher Stadttheater oder besucht die städtischen Bühnen in zum Beispiel Bonn, Heidelberg, Augsburg, Kiel, oder Dresden, springt einem bei den Zusammensetzungen der Ensembles eines sofort ins Auge: Es dominiert ein weißes, den Geschlechterklischees entsprechendes Einheitsbild.

Die Schauspieler_innen repräsentieren häufig eine stereotype, normative Vorstellung, wie ein Deutscher oder eine Deutsche, ein Mann oder eine Frau auszusehen haben. Diese Konstellationen werden damit der Diversität der deutschen Bevölkerungslandschaft nicht gerecht.

Denn wir leben in einem multikulturellen Land mit einer Vielfalt an kulturellen und ethnischen Einflüssen, Geschlechteridentitäten, Körperformen und -größen oder Religionszugehörigkeiten. Im Jahr 2016 hatten nach Angaben der Bundeszentrale für politische Bildung 18,6 Millionen der insgesamt 82,4 Millionen Einwohner in Deutschland einen Migrationshintergrund. Von diesen 18,6 Millionen haben mehr als die Hälfte einen deutschen Pass. Die andere Hälfte besitzt zwar nicht die deutsche Staatsbürgerschaft, ist jedoch ebenso prägender und mitgestaltender Teil dieser Gesellschaft. Darüber hinaus leben zahlreiche Menschen hier, die sich nicht mit dem binären Geschlechterverständnis identifizieren oder nicht dem stereotypen Geschlechterrollenbild oder dem medial und sozial konstruierten Schönheitsideal entsprechen.

Warum repräsentieren deutsche Bühnen dieses diverse Gesellschaftsbild nicht, sondern homogenisieren es? Wieso herrscht nicht die gleiche Vielfalt an den subventionierten Stadtbühnen wie in unserer Gesellschaft?

„Niemand möchte eine braune Julia sehen.“

Tala auf der Bühne
Tala auf der Bühne

Die Schauspielerin Tala Al-Deen hat in Graz Schauspiel studiert und ist nun festes Mitglied im Ensemble des Mannheimer Nationaltheaters. Die gebürtige Heidelbergerin mit arabischen Wurzeln steht schon zu Schulzeiten auf der Bühne, doch widmet sie sich nach dem Abitur zunächst Dingen außerhalb der Theaterwelt. Sie studiert unter anderem eine Zeit lang Arabistik, ist politisch aktiv und macht Musik. Trotzdem bleibt das Theater immer präsent.

Als sie sich entscheidet, an der Schauspielschule in Leipzig vorzusprechen, geht sie zunächst vorsichtig an die Sache heran. „Anfangs stand ich dem Schauspielerin-Sein-Wollen eher skeptisch gegenüber, doch ich wollte es einfach mal versuchen“, erzählt sie und streicht sich durch die kurzen, dunklen Haare. Das erste Vorsprechen an der Leipziger Schauspielschule wird jedoch zu einem Wendepunkt.

Als die Schauspieldozent_innen Tala beim Einzelfeedback nach dem Vorsprechen ausscheiden lassen, fasst sie sich ein Herz und hakt nochmal nach. „Ich wollte wissen, ob die Dozent_innen sich mich generell auf der Bühne vorstellen können.“ Doch auf ihre Nachfrage bekommt sie zu hören, sie sei ja jetzt auch nicht gerade der „germanische Typ“. Nach dem Motto: Niemand möchte eine braune Julia sehen. Danach war die Flamme entfacht.

„Die Schauspielerei bekam eine völlig neue Bedeutung für mich. Plötzlich bin ich mit einer ganz anderen Motivation an die Sache rangegangen. Ich habe diesen halben Bewerbungsmarathon mitgemacht, an 12 Schulen vorgesprochen und mich plötzlich politisch dabei gefühlt“, erzählt Tala.

Nicht die Leidenschaft des Schauspielerns überwog bei der Entscheidung, sich nun dem Theater zu widmen, sondern der Drang, etwas verändern zu wollen. Als sie an der Schule in Graz genommen wird, beginnt die vierjährige Ausbildungszeit, in der bei Tala schleichend der Eindruck entsteht, einer Art Quote anzugehören. In den meisten Jahrgängen überwiegt das weiße, normative Einheitsbild: „In meinem Jahrgang hatten zwei von zehn Studierenden einen Migrationshintergrund. Da war mein Freund Daniel mit serbischem und ich mit arabischem Hintergrund. Der Rest entsprach dem deutsch-österreichischem Klischeebild. Von den anderen Klassen habe ich das gleiche mitbekommen. Man lernt sich ja in der Zeit kennen und schaut sich zum Beispiel auch die Websites von anderen Schulen an“, beschreibt Tala ihre Erfahrungen, die mit den Zusammensetzungen der städtischen Ensembles zusammenpassen.

Dort lässt sich auch häufig beobachten, dass es Darsteller_innen gibt, die wirken, als wichen sie von einer Norm ab und damit eine Art Minderheiten-Quote schaffen. Der eine Darsteller mit Migrationshintergrund. Oder die eine „lustige Dicke“. Oder der eine extrovertierte Schwule. Man kennt es auch aus dem klassischen Hollywood-Film: Angebliche Minderheiten werden mithilfe einer Quote instrumentalisiert, um dem Vorwurf der Homogenität im Vorhinein entgegenzuwirken.

Klischees und Stereotype werden reproduziert und fortgeschrieben

Dass man im Theater-Business stets einen bestimmten Typ Rolle zugeschrieben bekommt, den man auf der Bühne repräsentieren kann, darüber ist sich wohl jede_r Schauspieler_in bewusst. Man bekommt als Schauspieler_in oftmals aufgrund äußerer Kriterien keine Rollen oder Ausbildungsplätze. Doch wird dieser Ausschluss eben dann diskriminierend, sobald er sich auf äußere Kriterien und nicht auf das Talent oder die Spielweise beschränkt. Noch dazu, wenn diese Kriterien rassistischer oder sexistischer Natur sind.

Unterrepräsentation von Minderheiten und Stereotype in visuellen Darstellungsformen wie Film, Videokunst oder eben Theater reproduzieren rassistische oder sexistische Bilder und verfestigen so gesellschaftliche Machtverhältnisse.

Auch wenn Talas Erfahrung 6 Jahre zurück liegt und bisher keine Schauspielschule offen verkündet hat, dass es Ausschlusskriterien nach rassistischen Merkmalen gibt – die Ensemble-Zusammensetzungen an den deutschen Bühnen lässt allerdings vermuten, dass solche Ausschlusskriterien aufgrund des Typs immer noch aktuell sind. Doch für wen wird dieses Einheitsbild eigentlich aufrechterhalten? Wer wird mit diesen Stereotypen bedient?

Stadttheater bedienen ein homogenes Publikumsmilieu

Thinking outside the box?
Thinking outside the box?

Deutsche Stadtbühnen werden staatlich subventioniert und richten sich deshalb natürlicherweise auch nach ihren Geldgebern, beziehungsweise nach den Zuschauergruppen, die Geld in die Kassen spülen. Das heißt, das Stadttheater kann neue Wege auch nur so weit beschreiten, solange die Theaterkassen weiter klingeln und die Säle mit Zuschauer_innen gefüllt sind.

Richten sich Intendant_innen und Theatermacher_innen demnach komplett nach dem Publikumsmilieu, das sie bespielen? „Ich habe immer das Gefühl, ich schaue ins Publikum und kann alle in eine Schublade stecken. Da sind die Abo-Leute, die schick angezogen in den ersten Reihen sitzen. Dann noch ein paar ‚Hipster-Architektur-Studis‘ und Schulklassen“, beschreibt Tala ihren Eindruck, wenn sie auf der Bühne steht.

Man könnte demnach sagen, dass die Zusammensetzung auf den Stadtbühnen eben dieses Publikum, ein oft homogenes, gehobenes Bildungs- und Kulturbürgertum widerspiegelt. Dieses eingesessene Publikumsmilieu hat oftmals eine gewisse Erwartungshaltung gegenüber den Besetzungen, gerade von klassischen, deutschen Stücken von Brecht, Goethe, Tieck und Co. Theatermacher_innen, die entscheiden wer geeignet ist, eine bestimmte, fest etablierte Rolle wie das Gretchen zu spielen, bedienen damit vielleicht oftmals genau diese Erwartungshaltung.

Doch werden diese klassischen Stücke mittlerweile nicht sowieso schon in jede denkbare Richtung neu interpretiert und modernisiert? Wieso also kann dann das Gretchen nicht von einer Frau mit arabischen oder afrikanischen Wurzeln gespielt werden? Oder von einer Frau, die nicht dem festgeschriebenen Gretchentyp mit zierlicher Statur und blonden Zöpfen entspricht? Heißt Theater nicht auch, dass jeder alles spielen kann? Und sollte man nicht auch den Schauspieler_innen zutrauen, dass sie sich in jede Rolle hineindenken können?

Theater hat das Potenzial, ein Ort der Diversität zu sein

Das soziologische Konzept der Diversität (oder auch Diversity) »[…] basiert auf der Überzeugung, dass die Entfaltung des Menschen wie auch des gesellschaftlichen Lebens durch die Einbeziehung und Gestaltung von Vielfalt, sei es hinsichtlich Alter, Geschlecht, ethnischer und kultureller Herkunft, Behinderung, Religion, Weltanschauung sowie sexueller Orientierung bereichert wird.« (Nurten Karakaş, 2015).

Kunst konstituiert die Welt mit. Theater kann dabei ein Ort des gesellschaftlichen Umdenkens sein. Ein Ort, an dem Gesellschaft sowohl widergespiegelt wird als auch über sich selbst reflektieren und sich aktiv weiterentwickeln kann. Gerade wenn es um Repräsentation geht, hat Theater als visuelles, narratives Medium ein großes Potenzial bestehende Rollenbilder aufzubrechen, neue Denkbilder zu produzieren und gesellschaftliches Umdenken voranzubringen. Dabei spielt Diversität eine wichtige Rolle. Denn um Diskriminierung und Vorurteile aus dem Weg zu räumen, sollte die Vielfalt der Gesellschaft auch in der Kunst und auf der Bühne repräsentiert werden.

„Dieser Diskurs findet schon seit einigen Jahren statt“, gibt Tala zu bedenken.

Ensemble des Gorki -Theater Berlin © Esra Rotthoff
Ensemble des Gorki -Theater Berlin © Esra Rotthoff

Doch sie sieht auch, dass Veränderungen meistens dort stattfinden, wo keine Subventionen fließen. Natürlich gibt es unabhängige Theaterkollektive, Projekte oder größere Bühnen, wie das Gorki-Theater in Berlin, die sich den vorherrschenden Strukturen widersetzen und den Anspruch haben, ein Theater für alle zu sein. Die weder ein links-intellektuelles Bildungsmilieu noch ein konservativ-eingestelltes Kulturbürgertum bedienen möchten. Doch diese „Unabhängigen“ werden auch nicht von staatlichen Geldern subventioniert.

Wie können öffentlich geförderte Theater mithilfe ihres künstlerischen Auftrags bestehende Strukturen in Repertoire, Zusammensetzung der Ensembles und Spielformen aufbrechen? Einfach eine Quoten-Regelung für Diversität in Theater-Ensembles aufzustellen, scheint unangemessen. Denn dann würden Menschen weiterhin systematisch auf ihr äußeres Erscheinungsbild reduziert und anhand bestimmter Kriterien bewertet und ausgewählt werden. Als wäre ihnen eine Ausgrenzung geradezu zugeschrieben.

Um die Diversität der Bevölkerung auch auf der Bühne repräsentieren zu können, reicht es nicht aus, nur die Zusammensetzungen der Ensembles zu überdenken und an das gesellschaftliche Bild anzupassen. Stattdessen sollte man auf institutioneller Ebene ansetzen. Theatermacher_innen müssen bereit sein, die eigenen Hierarchien und Denkweisen kritisch zu reflektieren und hinterfragen. Sie sollten ihre Besetzungspraxen neu überdenken und diskriminierende Spielformen erkennen.

Intendant_innen, Schauspieler_innen, Regisseure und Autor_innen könnten gemeinsam als Kollektiv hierarchischen Strukturen aufbrechen, neue Rollenbilder entwickeln, Repertoires erweitern, Spielformen umdenken und so eine diverse Theaterlandschaft gemeinsam kreieren und etablieren. Doch ebenso müssen wir uns als Publikum und Gesellschaft frei machen von normativ gesetzten Bildern. Eine Julia ist eine Julia – daran ändert auch ihre Hautfarbe nichts.

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