Felsformationen an der Algarve. Foto: Eva Winterberg
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„Tausche Anzug gegen Badehose“

Vom Devisenmakler zum Strandliegenverleiher

Einfach keine Lust mehr auf Finanzen, Aktien und Anleihen! André Bischoff hat den Sprung raus aus dem Büro und rein in die Badehose geschafft. Mit einem eigenen Strandliegenverleih will er nun an der Algarve in Portugal durchstarten und endlich wieder glücklich sein – sowohl beruflich, als auch privat.

Von Eva Winterberg

„Geht’s was später? Bin vorher noch am Beach. 35 Grad im Schatten hier. 21 Uhr deiner Zeit ok?“ Es ist 21.15 Uhr. Ich schaue schmunzelnd auf meine Uhr. Mit Verspätung hatte ich gerechnet. Die deutsche Pünktlichkeit hat André Bischoff schon lange über Bord geworfen und auch sonst mit vielem in Deutschland abgeschlossen. „Im Restaurant ist’s doch später geworden. In 15 Min. wirklich dann. Ja?“ bekomme ich kurz darauf eine weitere Nachricht auf WhatsApp.

Es ist 22 Uhr.
Dank Skype erhasche ich einen letzten Blick auf die portugiesische Sonne, die gerade untergeht. Mit braungebrannter Haut und einem breiten Grinsen blickt mir André auf meinem Bildschirm entgegen.

2008 kehrte er Deutschland den Rücken zu und zog von Hennef an der Sieg in Portugals Hauptstadt Lissabon. Nicht nur seine Wurzeln zogen ihn dorthin zurück, sondern auch familiäre Umstände in Deutschland, die ihn zu einem Neuanfang im Ausland bewegten.

Portugal steckt tief in den Schulden

Inzwischen ist André 53 Jahre alt und ein ganzes Stück zufriedener. Noch vor ein paar Monaten arbeitete er als Devisenmakler bei einem portugiesischen Finanzdienstleister. „Die arbeiten mit Banken, Versicherungen und Pensionskassen zusammen und großen institutionellen Investoren in Portugal“, berichtet er mir und zählt dabei ein Dutzend Banken auf.

Strandabschnitt an der Algarve. Foto: Eva Winterberg
Strandabschnitt an der Algarve. Foto: Eva Winterberg

Unter Finanzen, Aktien und Anleihen hat er jedoch längst einen Schlussstrich gezogen. Die Gründe waren für ihn vielfältig, die aussichtslose Jobsituation auf dem portugiesischen Arbeitsmarkt aber ausschlaggebend: „Die Finanzbranche in Portugal ist seit der Krise im Jahr 2008 kaputt. Banken, die pleite waren wurden aufgekauft. Der Finanzbereich, in dem ich tätig war bietet überhaupt keine Zukunftsmöglichkeiten“, erklärt er mir seine damalige Situation. Um Portugals finanzielle Situation steht es derzeit schlecht. Die Finanzkrise nagt noch immer an dem sonst so paradiesischen Urlaubsdomizil und die Staatschulden machen inzwischen 130,6 Prozent der Wirtschaftsleistung aus. Nur Griechenland kann diesen Schuldenberg noch toppen.

„Ich möchte neue Ideen entwickeln“

André hat deshalb nach anderen Motivationen in sich gesucht, wie er mir erklärt, die ihn beruflich, aber auch privat wieder auf die richtige Bahn brachten. „Ich hab den Karriereweg ab einem gewissen Punkt reduziert. Ich möchte neue Ideen entwickeln“, sagt er. „Ich bin jetzt in einer anderen Lebensphase. Die Motivation ist ein andere als damals, als ich 25 oder 30 war. Wenn du jung bist kannst und möchtest du kreativ sein. Meine Entscheidung ist eine andere. Nicht: Finanzbranche, Aktien und wie die Wirtschaftsbosse entscheiden.“

Er scheint überzeugt von seinem Entschluss, der Finanzbranche endgültig den Rücken zuzukehren und distanziert sich zudem von Medien sämtlicher Art, die seine Vorstellungen von der Welt negativ beeinflussen: „Ich gucke und höre kaum noch Nachrichten. Ich will mich nicht belasten“ erklärt er mir und nippt genüsslich an einem Glas Rotwein.

Strandliegenverleih am „Praia Grande de Pera“

Schon während seiner Arbeit als Devisenmakler hegte André immer den Wunsch, sich später von Finanzwelt und Schreibtisch abzuwenden und den Anzug für immer an den Nagel zu hängen. Neue Aufgaben und Herausforderungen wagen – noch mit 53? Na klar, dann erst recht! Wie so viele in seinem Alter war auch er auf der Suche nach Veränderung, mehr Lebensqualität und vor allem Zufriedenheit.

Und so entstand zusammen mit seinem Freund und Arbeitskollegen Miguel Costa die Idee einen Strandliegenverleih an der Algarve zu eröffnen. Genauer gesagt an einem Strandabschnitt am Praia Grande de Pera.

Praia Grande de Pera – Satellitenaufnahme vom Strandabschnitt für Strandliegenverleih. Foto: André Bischoff

Praia Grande de Pera – Satellitenaufnahme vom Strandabschnitt für Strandliegenverleih. Foto: André Bischoff

Die Algarve ist die südlichste Region Kontinentalportugals. Neben traumhaften Sandstränden säumen Felsformationen, Grotten und Höhlen die Touristenhotspots zwischen Lagos und Faro. Mit 200 Küstenkilometern kommen Surfer zudem so richtig auf ihre Kosten. Neben bekannten Orten wie Albufeira, locken Strände wie der Praia da Bordeira in der Nähe des kleinen Dorfes Carrapateira, mit smaragdgrünem Wasser und spritzigen Wellen, Surftouristen aus der ganzen Welt an.

Lizenz-Probleme erschweren Beach-Business

Für André ist die Algarve, was den Tourismus angeht, das „Nonplusultra“ und er erhofft sich mit Strandliegen das große Geschäft: „Ich habe viel Zuspruch von Familie und Freunden bekommen. Ich war vier Wochen an der Algarve und hatte viel Kontakt zu Leuten, die meinten, das ist genau das Richtige.“

Die Lizenz für dieses Jahr habe er allerdings nicht, wie er mir direkt zu Beginn mitteilt. Einen Plan für dieses Jahr gebe es aber trotzdem und der laute: Urlaub! Er lacht, lehnt sich entspannt zurück und sagt: „Auch wenn die Lizenzen nicht da sind, ist das ein Thema, was für dieses Jahr noch nicht gestorben ist.“ Vorab hatten behördliche Prozesse das Beach-Business ein wenig ins stocken gebracht. André sagt mir: „Es war schon ein bisschen enttäuschend, dass man hier auf diesen enormen Widerstand stößt. Die Leute wollen keine Verantwortung übernehmen. Die schieben sich das hin und her. War einfach nur ein Gerangel und nachher war auch die Zeit zu knapp“.

Finanzen hat er einfach im Blut

Die Algarve ist circa 230 Kilometer von Lissabon entfernt. Ein Strandliegenverleih würde einen zeitweisen Umzug dorthin bedeuten. Ein Saisongeschäft von Juni bis September, in dem André während der Sommermonate in der Finka seines Vaters wohnen würde. Eine traumhafte Finka, mit großem Pool, Palmen, Oliven- und Zitronenbäumen. Der Weg zur Arbeit wäre nur ein zweiminütiger Sandmarsch. Kleiderordnung? T-Shirt, Badehose und Flipflops!

Es scheint alles zu passen, das einzige was fehlt ist die Lizenz. Alles andere wurde bereits mit einem ausgeklügelten Plan in die Wege geleitet: „Wir haben drei Strandabschnitte. Wenn du eine Strandliege für drei Tage vermietest bist du bei Null/Null, was den Strandliegenpreis angeht, raus. 500 Strandliegen haben wir bereits gekauft“.

Ein Cousin von André entwickelte sogar eine App mit den Namen Tapa Life, worin dessen Strandliegenverleih Rent at P – aluguer de cadeiras de praia integriert ist. „Das entscheidende für uns war, dass wir eine Buchhaltungssoftware für die Finanzbehörden haben, aber auch für uns, womit wir dann entsprechend anders Dimensionieren können. Zum Beispiel wo ist der Bedarf am höchsten und zu welcher Tageszeit?“ Von Finanzen kann er sich offensichtlich noch nicht so ganz lösen.

Ferienjob in den Semesterferien

Ein spezieller Barcode an jeder Strandliege, der Sonne, Sand und Salzwasser trotzt, ermöglicht einen schnellen und problemlosen Verleih der Liegen. Zudem können André und Miguel ihre Strandliegen, dank eigens konzipierter Anhänger – mit entsprechenden Planen und Zugfahrzeugen – an vielen verschiedenen Stränden zum Verleih anbieten. „Das ist absolut unabhängig. Du brauchst kein Häuschen aufbauen. Du gehst da morgens um acht Uhr hin. Du brauchst kein Strom, kein Wasser“, erklärt André und zeigt mir Fotos der Logos und der Fahrzeuge.

Logo: „Rent at P - aluguer de cadeiras de praia. Foto: André Bischoff
Logo: „Rent at P – aluguer de cadeiras de praia“. Foto: André Bischoff

Neben portugiesischen Studenten wollen André und Miguel für den Verleih der Liegen auch deutsche Studenten ins Boot holen, die sich in den Semesterferien neben dem eigentlichen Urlaub ein paar Euro hinzuverdienen können. Es gebe viele Leute, die Interesse an der Algarve haben und gleichzeitig einen Ferienjob suchen.

Nachahmer sind einzige Bedenken

Man hat den Eindruck, dass er stolz darauf ist, selber etwas geschaffen zu haben und ich bewundere zudem seinen enormen Optimismus, dass dieses Business auf jeden Fall funktionieren wird – auch wenn er bisher keinen einzigen Cent damit verdient hat.

Um dieser Misere zu entgehen, dachte André sogar kurzzeitig darüber nach, auf eigene Faust und ohne Lizenz an den Strand zu gehen. Mit 50 Prozent der Liegen wollte er sein Business damals testen. Sein Partner Miguel hatte allerdings Bedenken. Er schmunzelt und sagt: „Da unten ist doch alles illegal. Von Strandtuch-, Sonnenbrillen oder Obstverkäufern – wunderbares Obst übrigens: Mango, Papaya, Ananas.“

Bedenken und Ängste hat er offenbar nicht. Die einzige Angst, die ihn plagt sind ungewollte Nachahmer, die seine „super Geschäftsidee“ durchschauen und kopieren.

„Man muss nicht zu Robin Hood werden“

Auch wenn sich das Projekt verzögern sollte, möchte er auf keinen Fall zurück nach Deutschland. Wie er selber sagt, habe er auf Deutschland einfach keinen Bock. Jobs gäbe es an jeder Ecke, aber das seien keine Jobs für ihn. Ein Umzug um dort zu arbeiten wäre nicht die Perfektion, nicht der richtige Weg. Portugal ist für ihn zwar nicht das „rosarote Land“, aber dennoch eine Alternative für Menschen, die bestimmte Jobs suchen.

Auf meine letzte Frage, was sich im Hinblick auf seine berufliche Situation – früher und heute – geändert hat, antwortet er schnell und entschlossen: „Alles“ und ergänzt „Es geht nicht darum, dass man sich was traut, sondern, dass man sich in gewissen Lebensabschnitten selber sagt: ich mache das gerne oder ich mache das nicht. Man muss nicht zu Robin Hood werden und den Held spielen. Aber ich tue Dinge mit einer gewissen Lebenserfahrung und vor allem gut überlegt.“

Sonnenliegen – Das Erfolgsrezept für mehr Zufriedenheit?

André Bischoff lebt den Traum vieler Auswanderer und sieht das Leben wieder mit der nötigen Ruhe und Gelassenheit. Egal ob er mit seinen Strandliegen-Business erfolgreich sein wird oder nicht, er ist heute zufriedener denn je. Neben einer gewissen Abenteuerlust, trieben ihn der Wunsch nach Veränderung zu dem Entschluss, sein Leben einmal komplett umzukrempeln. Manchmal genügt eine Vision, eine Idee, gepaart mit eine Prise Wahnsinn, um dem eigenen Leben wieder eine richtige Richtung zu geben.

 

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