Foto: Pusher Tony.
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Kunst, die unter die Haut geht

Knapp bekleidete Frauen, dicke Autos, darunter ein kesser Spruch: Der Tattoo-Künstler Pusher Tony kombiniert kultige Motive der 1980er Popkultur mit antiken Kunstmotiven – eine Art, die in Kölns urbaner Szene gern unter die Haut geht. Ein Gespräch in seinem Ehrenfelder Atelier über den Vibe der Stadt und das Revival des Tattoos als feministisches Statement.

Von Rebecca Rücker

“Ja, schau mal, hier, siehste das? Da war ich wohl, genauso, wie du, noch nicht so schlagfertig wie heute”, sagt Pusher Tony, krempelt den linken Ärmel seines weißen T-Shirts hoch bis zur Schulter und streckt mir seinen Oberarm entgegen. Dieser Move ist eine Reaktion auf meine Erzählung, warum sich seit ein paar Jahren ein kleiner Origami-Fisch gut sichtbar auf meinem rechten Fußknöchel tummelt, und das, sei hier bemerkt, in einem nicht so ganz dezenten Meer aus gelb-grünem Aquarell.

Auf Tonys Haut prangen stattdessen nur zwei Wörter: In Großbuchstaben und einer feinen, klaren Schrift steht dort: “Everyday Vacation”, etwa in der Größe meiner Handinnenfläche gestochen. Sein erstes Tattoo, ein wenig klischeebehaftet, gleicht einem großen Lebensmotto. Das Tattoo hätte er mittlerweile in seiner eigenen Charakter-Schrift stechen lassen. “Den Spirit des Spruchs schmälert das ja nicht”, setzt er entgegen. Trotzdem: Seine “kleine Jugendsünde”, meint er witzelnd.

„Da habe ich bemerkt: Das Motiv sollte für dich hundertprozentig funktionieren, es bleibt ja im besten Fall ein Leben lang auf deiner Haut.“

Dem ersten Tattoo folgten einige andere. Am rechten Handgelenk entdecke ich eine langstielige Rose. Die fand er “einfach schick”. Großflächig tätowiert ist er nicht, seine freien Stellen hat er auch noch nicht verplant. Für ihn stehen Tattoos “für eine Phase, erzählen deine Geschichte mit dem Tattoo, nicht die davor. Die Bedeutung erhält das Tattoo sowieso erst, nachdem es schon lange unter deiner Haut ist. Das Motiv des Tattoos ist so etwas wie ein Zeitzeuge der Phase, die du erlebst – statt ein Zeuge davon, was du erlebt hast.“

Die Inspiration für seine eigene Tattoo-Kunst trägt Tony, der eigentlich Anton Maria heißt, meistens aus Filmen, antiker Kunst und den “bisschen schmuddeligen Ecken Kölns” zusammen. In seinem Atelier im Kölner Veedel Ehrenfeld entstehen inzwischen alle seine Kreationen. Inmitten von Werbe- und Filmproduktionsagenturen, Cafés und Konzerthallen hat er sich dort sein kreatives Nest geschaffen.

“Ich mag die Vibes der Stadt sehr. Das lockere, umgängliche, was den Kölnern in der Natur liegt, prägt auch meine Auffassung von Kunst: Offen und ehrlich sollte sie sein.”

Das Klischee-Bildnis eines Tätowierers entspricht Pusher Tony nicht. Fast zwei Meter groß, verteilen sich die silbernen Ringe an beiden Händen, Piercings an Nase und Ohren genauso zurückhaltend wie seine Tattoos. Akribische, starre Linien lägen ihm nicht, sagt er. Wie, um diese Aussage zu untermauern, fällt mir auf, dass seine Schreibtischplatte bloß eine ausrangierte, leicht lädierte Tür auf zwei Tischböcken ist, sogar die goldene Klinge ist noch dran. Bei der Schreibtisch-Tür-Konstellation verhält es sich in etwa so wie bei seiner Kunst: Eine simple Ästhetik, die dann aber durch wuchtige Aussagen überrascht.

Vintage auf der Haut

Seine Lieblingsmotive erinnern dabei stark an den Vibe der amerikanischen Kultserie “Miami Vice” der 1980er und das Coolnessverständnis der Dekade. “Ich mag es nicht, in eine Tretmühle zu geraten. Deshalb mag ich den Drive der 80er: Ein fetter Testarossa, schnelle Autos, schnelles Geld, ein bisschen ‘outlaw’!”, kommentiert er und zeigt auf die Stapel aus Mappen und alten Zeitschriften, die sich vom Fußboden bis unter seine Schreibtischplatte hochtürmen.

Den Gefallen am noch immer währenden “Outlaw”-Image des Tattoos scheinen viele mit ihm zu teilen: Bereits auf dem Weg zum Atelier im wuseligen Kölner Veedel Ehrenfeld, begegnet mir eine Wucht an Stilvielfalt. Tattoos in verschiedenfarbigen und schwarzen Schattierungen. Die motivische Bandbreite reicht von einem einfachen, gestochenen Wort bis hin zu ganze Landschaften und Porträts: Neben üblichen Verdächtigen (Anker, Matrose, Infinity-Symbol), deren Symbolcharakter längst an Prägnanz verloren hat, sind nun andere Motive State-of-The-Art: In dünnen Nadelkonfigurationen gestochen und harmonisch platziert scheinen sie sich eher “nebenbei” auf den Körpern ihrer Träger verewigt zu haben. Doch der erste Blick trügt, weil dieses Mal die Interpretation, wie bei Kunst sonst immer, nicht “im Auge des Betrachters” liegen kann. Weg vom Schmuddel-Image der 1950er Jahre entwickelte sich das Image des Tattoos rasant. Zum Massenphänomen kam es jedoch erst mit dem Musikfernsehen, allen voran mit dem Musiksender MTV. Es ging in dieser Zeit vor allem darum, ein Tattoo zu haben, statt eine tiefere Bedeutung dahinter zu vertreten. Heute scheint es anders zu sein, die Popularität schmälert das nicht: Statistisch gesehen, tragen inzwischen etwa 6 Millionen Menschen weltweit mindestens ein Tattoo, 60 Prozent davon sind Frauen.

Das Tattoo – ein feministisches Statement?

Kürzlich scheint sich das Tattoo für viele Frauen als Ausdrucksvariante eines neu definierten Feminismus-Begriffs anzubieten. Das Motiv hinter dem Motiv soll die Message sein, Inspiration für die Außenwelt bieten und Zeuge einer Bewegung sein.

Gerade hat er eine E-Mail von einer jungen Frau zugeschickt bekommen, die sich bald für eine Zeichnung von einer sich entkleidenden Frau oder das Bildnis einer starken, weiblichen, antiken Kunstfigur entscheiden wird. Solche Anfragen sind inzwischen keine Seltenheit.

“Natürlich vertrete ich auf den ersten Blick relativ stark die Rollenklischees, die jeder schlimm finden sollte. Auf dem schmalen Grat zu balancieren, wenn man sich mit dem allgemeinen Bild von Schönheit und Ästhetik auseinandersetzt, reizt mich.” Je gewitzter Pusher Tony mit Vorgaben der political correctness umgeht, desto mehr Zuspruch erhält er von seiner Umgebung. Sein Stil passt zum aktuellen Zeitgeist, in der die intensive Beschäftigung mit der eigenen Identitätsfindung, Selbstverwirklung und die Darstellung der eigenen Meinung zentrale Motive sind. Deshalb freue er sich insbesondere über Tattoo-Anfragen von Frauen, die seine Illustrationen für sich interpretieren können.

“Es ist wirklich grotesk: Selbst in der Kunst wird so viel zensiert, der Umgang mit Nacktheit wird immer noch aufgebauscht. Dabei ist es in den meisten Fällen gar nicht sexistisch gemeint. Ich würde mir wünschen, dass meine Motive dieser Verkrampftheit entgegenwirken und deutlich zu sehen sind.”

Pusher Tony_Skizzen
Kleine Kritzeleien, große Wirkung.

Die kess-ironisch zu interpretierenden Bilder auf der Haut vermögen über die Kraft, ein emanzipatorisches Statement zu setzen:  Eine Message des Female Empowerments. Und, so viel sei bewusst, ganz sicher von den TrägerInnen nicht nur ganz nebenbei bemerkt, obendrein #highlyinstagrammable.  Den Hype einzig unter dem Scheffel der Oberflächlichkeit zu stellen, sei zu kurz gedacht, so Pusher Tony:

“Die Kunst sollte immer eine Rolle zwischen Aktivismus, Aufklärung und Engagement erfüllen. Zeigenswert darf sie neben all dem auch sein, gerade auf der eigenen nackten Haut.”

Wie passend also, dass sein Künstlername gleich mehrere Bedeutungen in sich vereint. Denn den Namen, “Pusher Tony”, hat er sich selbst gegeben, angelehnt an den Song ‘Pusher Man’ von Curtis Mayfield (Solid life, of crime / A man of odd circumstance / A victim of ghetto demands / Feed me money for [style] / And I’ll let you trip for a while). Dass sich “pusher” zu “Dealer” übersetzen lässt, ist nicht willkürlich gewählt: “Ich mag die verruchte Ästhetik der 1980er Popkultur und teile trotzdem nicht das damalige Verständnis von Geschlechterrollen. Stattdessen versuche ich, die schon recht chauvinistischen Motive zum Beispiel mit Sprüchen wie “Commercial Terror Digital / Heaven Future Hell / Be Brainwashed” darunter zu vereinen, um die Absurdität der Mentalität aus dem Zeitgeist herauszukitzeln. Ich möchte ja keinen damit verärgern, sondern meine Illustrationen und später die Tattoos sollen, optimalerweise, den Anreiz, also den push geben, um über solche Klischees nachzudenken.”

Unter seinen Instagram-Beiträgen setzt er deshalb fast jedes Mal die Hashtags #ignorantstyletattoo und #tttism, um offensichtliche Widersprüchlichkeiten aufzuzeigen, die sich hinter den Motiven, aber ebenso hinter der Mainstream-Tattookunst verstecken. Eine Auswahl seiner Motive finden sich auf seinem offiziellen Instagram-Account, darüber kommuniziert er hauptsächlich mit seiner Community.

Pusher Tony in seinem Atelier.
Jedes Motiv auf Papier und Leinwand wird auf Papier und Leinwand erprobt. Bild: Pusher Tony.

In seinem Atelier bringt er seine Ideen zu Papier, als Teil des Kollektivs collasta setzt er sich mit einer Auswahl seiner Zeichnungen zusammen mit anderen jungen Künstlern dafür ein, Kunst erfahr- und nahbar zu machen.

Pusher Tony_Döner Kebab Shirt Mann
„Döner Kebab-Shirt“. Bild: Pusher Tony.

Online verkauft Pusher Tony seine ersten T-Shirt-Kollektionen, unter anderem, als Hommage an seine Heimatstadt Köln, ein “Döner Kebab-Shirt”. Für die Kaffeerösterei Van Dyck illustrierte er  Postkartenmotive, eine weitere T-Shirt-Kollektion ist derzeit in Produktion. Jedes Shirt wird per Siebdruck handgefertigt, die T-Shirts bezieht er aus fairem Handel.

Zum Schluss reicht er mir eines eine seiner ersten Zeichnungen. “Justitia verkörpert für mich den heutigen Vibe der Stadt und der Leute, die hier wohnen. Sie steht als Göttin der Gerechtigkeit zwar für Tugend und Moral, versucht irgendwie Ordnung ins Chaos reinzubringen – und strahlt dabei dennoch eine leidenschaftliche, natürliche Ästhetik aus.”

Unter’m Messer im Atelier bei Pusher Tony. Zu finden in der Lichtstraße 46, 50825 Köln.

 

 

 

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