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Sonderausgabe Popkultur: Liebe(r) unverpackt – Ein Besuch im Bönnsche Lädche

Das kommt nicht in die Tüte. Wir müssen, in Hinblick auf eine intakte Umwelt, Verantwortung für den eigenen Konsum übernehmen und bewusster einkaufen – ohne überflüssigen Verpackungsmüll. Im Bönnsche Lädche am Wilhelmsplatz können über 500 Produkte unverpackt ,eingetütet‘ werden. Von Pasta und Gummibärchen über Sambuca bis hin zu Zahnputztabletten ist alles dabei. 

Von Annika Stibitzky

Freitagmorgen, 9 Uhr. In einer Stunde öffnet ,et Bönnsche Lädche – liebe(r) unverpackt‘. Schon beim ersten Betreten des 35 Quadratmeter großen Ladens spürt man, wie viel (unverpackte) Liebe und Herzblut in ihm steckt. Unaufdringlich, gemütlich und gut durchdacht – der hohe Wohlfühlfaktor ist nur einer der offensichtlichen Unterschiede zum klassischen Supermarkt. Für den Einkauf lässt man sich hier gerne Zeit. Durziijalbuu Sengee hat den Bonner Unverpackt-Laden im November letzten Jahres zusammen mit seiner Frau, Julia Iken-Sengee, eröffnet. Mit überschlagenen Beinen sitzt Durzii vor den festen Seifen und Rasierhobeln und erzählt, dass es seine Familie und ihn, nach zehn Jahren in der Mongolei, im Jahr 2014 nach Deutschland verschlagen habe. Erst einmal nach Berlin.

„Wir haben im fünften Stock gewohnt und mussten erschreckend oft den Müll runterbringen. Da wurde mir bewusst, wie viel Müll in Deutschland eigentlich entsteht.“

Von da an hat sich die Familie intensiv mit der Thematik auseinandergesetzt. Jährlich werden knapp 300 Millionen Tonnen Plastik produziert. In kaum einem anderen EU-Land fällt pro Kopf so viel Verpackungssmüll an wie in Deutschland. Die Plastikabfälle gelangen in die Ozeane und stellen eine der aktuell größten ökologischen Herausforderungen dar. Um die Vermüllung zu stoppen, müssen Politik, Industrie und Verbraucher an einem Strang ziehen. Denn wenn sich nichts ändert, wird es in 30 Jahren in den Meeren mehr Plastik als Fische geben. Um Ressourcen zu sparen und Umwelt sowie Gesundheit zu schützen, müssen wir die Entstehung von Müll vermeiden. Genau darum und um ,Null Verschwendung‘ von Rohstoffen geht es beim Zero Waste. Immer einen Stoffbeutel dabeihaben, loses Obst und Gemüse kaufen, Mehrweg statt Einweg und auf Coffee-to-go-Becher, Strohhalme und Co. verzichten – all das lässt sich leicht im Alltag umsetzen. Aber auch das Einkaufen ohne jegliche überflüssigen Umverpackungen ist kein Problem mehr, seit es Unverpackt-Läden wie das Bönnsche Lädche gibt.

Einkaufen ohne Verpackungsflut

Backutensilien aller Art

Während seiner Recherche rund um die Plastikproblematik ist Durzii auf den ersten Berliner Supermarkt ohne Einwegverpackungen gestoßen, der 2014 in Kreuzberg öffnete. Wenige Monate zuvor ebnete die Eröffnung des deutschlandweit ersten verpackungsfreien Ladens in Kiel den Weg für die Gründung weiterer Läden. Bis dato gibt es in Deutschland bereits über 100 Unverpackt-Läden, Tendenz steigend. Durziis Interesse war geweckt. Nach einem Jahr in Berlin zog es die Familie nach Bonn. „Dass es hier noch keinen Unverpackt-Laden gab, hat uns überrascht“, erzählt der 44-Jährige. Nachdem sie die letzten Jahre vergeblich auf die Eröffnung eines Solchen gewartet haben, haben seine Frau und er beschlossen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Bis letzten Sommer war Durzii als Reiseveranstalter tätig, somit war zwar die Selbstständigkeit kein Neuland für ihn, mit dem Einzelhandel hatte er allerdings keinerlei Erfahrung. „Natürlich ist das Ganze auch eine finanzielle Frage“, lächelnd führt der Ladenchef fort, „ich wollte aber einfach etwas Neues anfangen und einer Tätigkeit nachgehen, die mehr Sinn stiftet.“

Ursprünglich sei es der Traum gewesen, im Laden auch einen kleinen Café-Bereich einzurichten, um vielleicht sogar einen kleinen Mittagstisch anbieten zu können. Dafür war in dem ehemaligen Modegeschäft am Wilhelmsplatz zwar kein Platz, am Ende haben sie auf der Fläche aber mehr unterbekommen, als erwartet. Einzig im nicht einmal 10 Quadratmeter großen Lager wird es langsam eng. Tipps und Inspirationen für den Aufbau hat sich das Ehepaar unter anderem bei Tante Olga, Kölns erstem verpackungsfreien Laden, geholt. Es klappert und raschelt im Hintergrund während Durzii von der Mitgliedschaft im Unverpackt Verband und von der gegenseitigen Unterstützung im Netzwerk erzählt. Sina, die Dritte im Team, füllt gerade die Bulk bins auf und bereitet alles vor, gleich kommen die ersten Kunden. Bulk bins werden die transparenten Silos mit Abfüllvorrichtung genannt, in denen Reis, Hülsenfrüchte, Flocken und diverse Getreidearten angeboten werden.

„Die roten Linsen sind leer, das ist dramatisch.“

Trinkflaschen und ReinigungsmittelAuf die Frage nach den Verkaufsschlagern antwortet Sina, dass zarte Haferflocken, die besagten roten Linsen und Nudeln am besten gehen würden. „Und Gummibärchen – fast jeder kauft Gummibärchen. Bambus-Zahnbürsten nehmen die Leute auch gerne mit.“ Tante-Emma-Laden-ähnlich gibt es im ,Lädche‘ im Bonner Zentrum alles für den täglichen Bedarf: Neben trockenen Grundnahrungsmitteln und Snacks gibt es Öle, Spirituosen, Tees und vieles mehr zum Selbst-Abfüllen. Auch an Non-Food-Artikeln mangelt es nicht. So werden Trinkflaschen, Bücher und Produkte kleiner, lokaler Unternehmen verkauft, wie die Rheinland-Seifen aus Rommerskirchen oder Bienenwachstücher aus Königswinter. Alles dient dazu, Müll einzusparen. Das Sortiment umfasst über 500 Produkte, sodass keine Wünsche offenbleiben. Gut 80 Prozent der Lebensmittel bezieht das Bönnsche Lädche in Großgebinden bei Bananeira, überwiegend in 25 Kilogramm-Papiersäcken. Einzig bei den Gummibärchen und knusprigen Sachen wie Cornflakes führt am Plastik kein Weg vorbei, da sie sonst Wasser ziehen würden. Bis auf zwei Kaffeesorten, Olivenöl und die Schnäpse stammen alle Produkte aus kontrolliert biologischem Anbau. Durzii führt aus, dass die hygienischen Auflagen aufgrund des Umgangs mit offenen Lebensmitteln streng seien, alles muss mit einem Deckel verschlossen sein und jeden Morgen desinfiziert werden.

In den ersten Wochen gab es im Bönnsche Lädche ein Wunschglas, in das die Kunden Zettel mit Produktvorschlägen werfen konnten. Binnen der ersten zwei Monate kamen bereits etwa 100 neue Artikel dazu, darunter Buchweizen und Lasagneplatten. Aktuell wird nach pflanzlichen Alternativen für Milchprodukte gesucht, die in Gläsern verkauft werden können. Mit einem Lächeln auf den Lippen schildert Durzii: „Die Kunden können teilweise nicht glauben, dass unsere Produkte Bio-Qualität haben, weil die Preise so niedrig sind. Das ist ein schönes Kompliment.“ Generell sei das Feedback durchweg positiv, alle kaufen gerne im Bönnsche Lädche ein. Sina fügt hinzu, dass das Kundenverhältnis eng sei, die Leute kommen mit Zeit und so entstehen oft spannende Gespräche. Samstags sei immer besonders viel los. „Unsere Kundschaft ist bunt gemischt. Vormittags kommen viele junge Mütter, aber auch ältere Menschen und die Kinder kommen gerne alleine vorbei, um sich Gummibärchen zusammenzumischen,“ so die 28-Jährige. „Die haben es total drauf, mit dem Abwiegen und Abfüllen.“ Für Studenten gibt es mittwochs zehn Prozent Rabatt.

Durzii und Sina

Einfach ,Wohlfüllen‘

Doch wie genau läuft ein Einkauf im Unverpackt Laden ab? Für mein Kichererbsen-Curry am Mittag brauche ich noch Basmati-Reis, 200 Gramm Kichererbsen und ein paar Erdnüsse. Für den Reis habe ich das 500 Gramm-Einmachglas mitgenommen, in dem ich ihn zuhause sowieso aufbewahre, für den Rest habe ich Tupperware dabei. Als erstes wiege ich die Gefäße ab, auf kleine Aufkleber schreibe ich das jeweilige Leergewicht. Die einladende FassadeMein Reis-Glas beschrifte ich direkt mit einem spülfesten Permanent-Stift. Dann geht es auch schon ans Befüllen, das Bönnsche Lädche-Team hilft bei Bedarf. Falls die Öffnung des mitgebrachten Behältnisses mal zu klein sein sollte, gibt es verschiedene Trichter zur Zuhilfenahme. Ich bin von den günstigen Preisen der Gewürze überrascht und erinnere mich daran, dass im Rezept Kreuzkümmel stand. Normalerweise hätte ich den einfach weggelassen, aber nachdem ich die Menge hier selbst dosieren kann, fülle ich mir spontan noch welchen ab. Dass grundsätzlich nicht mehr gekauft wird, als tatsächlich benötigt, ist ein nachhaltiger Nebeneffekt des Einkaufens im Unverpackt-Laden. Den getrockneten Mangos konnte ich dennoch nicht widerstehen. Für derartige Impulskäufe liegen kostenlose Papiertüten bereit. An der Kasse wird schließlich alles abgewogen, bezahlt wird nach Grammpreis, wobei das Eigengewicht der Behälter natürlich abgezogen wird. Ich zahle knapp sieben Euro, ein fairer Preis für diese Menge. Mit den Zutaten und einem guten Gewissen im Gepäck, freue ich mich jetzt noch mehr auf mein Curry. Am Ende geht Liebe nun einmal durch den Magen und das heute ganz ohne Plastik-Wegwerfverpackungen. Ich habe den kleinen Moment der Entschleunigung im Bönnsche Lädche genossen und hatte noch dazu großen Spaß.

Mehr Nachhaltigkeit ist das übergeordnete Ziel. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen wir unsere Konsumgewohnheiten überdenken und bewusstes Einkaufengehen ist schon einmal ein großer Schritt in die richtige Richtung. Immerhin funktioniert Zero Waste nicht als radikale Umstülpung, sondern als Prozess und wenn alle an einem Strang ziehen, kann auch mit kleineren ,Low Waste‘-Schritten viel bewirkt werden. Und der Weg von müllarm zu müllfrei ist dann auch nicht mehr weit. Dabei sollten wir immer die Frage im Hinterkopf behalten, in welcher Währung wir zahlen wollen. Ein nachhaltiges Leben kostet gewiss etwas mehr Zeit und Geld, die einzige Alternative bleibt jedoch, mit der Umwelt als mindestens genauso wertvolle Ressource zu zahlen.

Beitragsbild: © Annika Stibitzky

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