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Sonderausgabe Popkultur: Indiefolk mit einer kleinen Prise Salzwasser – Ein Interview mit Jules Ahoi

Jules Ahoi hat sich mit seinem „Saltwaterfolk“ ein ganz eigenes Genre geschaffen. Das neue Album „DEAR _“, das im Frühjahr erscheint, soll sich auf einem urbaneren und politischeren Territorium bewegen. Im Interview spricht Jules über sein Ausreißerleben, Sehnsüchte und seine neue Wahlheimat Köln.

von Vanessa Rheinschmidt

Mittwochmorgen, 10 Uhr: Jules trinkt schwarzen Kaffee in einem kleinen Kölner Café. Er trägt einen schwarzen Pulli, eine schwarze Stoffhose, Beanie und weiße Sneaker zum Interview. Der Style des Musikers hat sich verändert, sein Look wirkt irgendwie urbaner. Es scheint, als hätte er sich ein wenig distanziert vom „Inbegriff des modernen Gypsies“, wie ihn bereits diverse Magazine betitelten.
Ähnlich steht es um die Musik des Singer-Songwriters. Das neue Album „DEAR _“, an dem er mit seiner Band „Jules Ahoi“ seit vielen Wochen arbeitet, soll am 12. Juni erscheinen und elektrischer werden. „Dazu haben wir uns nicht entschieden, es ist einfach so passiert“, erzählt Jules. Früher seien „Jules Ahoi“ eine klassische Band gewiesen, die nach vier Menschen klang, die gemeinsam Musik machten, sehr folkig und sympathisch. Dabei hat sich der Musiker mit seinem „Saltwaterfolk“ ganz nebenbei ein eigenes Genre geschaffen. In intimer Atmosphäre erzählt diese außergewöhnliche Stimme vom Leben am Meer, von Sehnsüchten und Träumen. Aber bereits das zuletzt erschienene Demo-Album „EUPHORIA / fragments.“ hatte einen rockigeren Einschlag.

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Nach fast drei Jahren Aussteiger-Leben an der französischen Atlantikküste, wohnt Julian „Jules“ Braun mittlerweile in einer eigenen Wohnung in Köln-Ehrenfeld. Der Umzug sei mitunter Grund für die neuen Klänge der Band. „Ich wohn halt nicht mehr am Strand und schreibe dort meine Songs mit Gitarre. Mein musikalisches Spektrum ist in den letzten Jahren viel breiter geworden“, sagt er.
Das trifft offenbar den Nerv der rasant wachsenden Hörerschaft. Mit ihrem 2019 erschienenen Album „ECHOES“ war die Band im vergangenen Herbst drei Wochen auf restlos ausverkaufter Tour und spielte zahlreiche Festivals – unter anderem auf dem Reeperbahnfestival, wo sie beim festivaleigenem Exportprogramms im „Mojo Club“ und „Uebel&Gefährlich“ auftrat. Der gleichnamige Titeltrack „ECHOES“ handelt vom Erwachsenwerden und dem Herausbrüllen von einem alten Leben, aber auch von neuen Türen, die sich öffnen. „Ich glaube alles passiert so wie es sein soll und wenn man sich offen macht für Neues, passieren wunderbare Dinge“, erklärt Jules und nimmt einen großen Schluck Kaffee. Musikalisch erinnert die Platte an Bon Iver und Ben Howard, zwei Künstler, die ihn seit Jahren begleiten.

Zwischen zwei Welten gefangen

Jules stammt aus dem kleinen Ort Melle in Norddeutschland. Über die Plattensammlung seiner Eltern kam er erstmals mit Musik in Berührung. Bob Dylan, Neil Young und Cat Stevens entfachten seine Liebe zum Folk. Fasziniert von Bands wie The Police, Genesis oder Pink Floyd, brachte er sich erst Gitarre und später Schlagzeug spielen bei. Mit seiner Band „Manua Loa“ wagte er die ersten musikalischen Schritte und brachte zwischen 2011 und 2014 drei Alben in Eigenregie raus.
Das Lehramtsstudium in Münster brach Jules mit 24 Jahren ab und zog wegen „eines tollen Mädchens“ nach Seignosse an der französischen Atlantikküste, wo er schon zuvor viele Sommer verbracht und als Surflehrer gearbeitet hatte. Dort lebte der Freigeist fast drei Jahre, richtete sein Leben nach den Gezeiten des Meeres und schrieb viele Songs. Surfen und Gitarre spielen scheinen wohl untrennlich miteinander verbunden zu sein – das bewiesen bereits Jack Johnson oder Ben Howard.
Dennoch hat sich „dieser Traum am Meer in Frankreich zu wohnen irgendwann als eine kleine Blase entpuppt“, gesteht Jules. Zwar hat er dort als Straßenmusiker gearbeitet, aber den Traum professionell Musik zu machen, konnte er sich in Frankreich nicht erfüllen. Zwischenzeitlich hatte Jules bereits mit ein paar Leuten in Deutschland ein Album, die Debüt-EP „Between Lines“, aufgenommen: „Ich war zwischen zwei Welten gefangen. Auf der einen Seite war das Leben am Meer in greifbarer Nähe, auf der anderen Seite hatte ich den Traum Musiker zu sein und konnte ihn aber nicht ausleben, weil meine Band so weit weg war“, bemerkt er.

Nach einer kurzen Auszeit in Spanien packte Jules seine Koffer, zog 2016 zurück nach Deutschland und gründete mit der Pianistin Lotta Holtei das ihn begleitende „The Deepsea Orchestra“ – mittlerweile tritt die Band nur noch unter dem Namen „Jules Ahoi“ auf. „Das Ganze war ursprünglich ein Singer-Songwriter-Projekt, nur ich mit meiner Gitarre. Aber dann ist das irgendwie eine Band geworden und auf einmal waren wir auf Tour“, berichtet der Sänger.
Mit seinem neuen Wohnort Köln hat sich Jules ein Zuhause geschaffen. Seit dem Schulabschluss sei er „wie ein Flummi in die Welt rein explodiert“, habe überall und teilweise im Auto gewohnt in Ländern, deren Sprache er nicht richtig sprach, ohne Krankenversicherung und ohne Job. Jetzt hat er gefunden, was er gesucht hat: nämlich einen Ort, an dem er sich wohlfühlt und sein Traum Musik zu machen ausleben kann. Ein Traum, der noch viel größer sei als der Traum am Meer zu leben. 

Viel Arbeit, wenig Geld

© Johanna Besseling
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Seit dem Debütalbum ist einiges passiert, aber nicht jeder konnte das Pensum halten, das die Band in Anspruch nahm. In der Vergangenheit hatte es in der Bandbesetzung mehrere Wechsel gegeben. „Vor allem am Anfang bedeutet Musik machen viel Arbeit, aber wenig Geld“, gesteht Jules. Seit 2018 besteht „Jules Ahoi“ aus Micha Röhrig (E-Gitarre), Joe Rüther (Drums), Joris Geißelbrecht (Bass) und Maria del Mar Ribas (Cello). Und das soll hoffentlich so bleiben: „Das sind die besten Menschen, ich könnte mir keine bessere Band wünschen.“ Und das ist wichtig, wenn man sich auf Tour kleinsten Raum teilt und absolute Extremsituationen erlebt.

Zusätzlich zur EP „ECHOES“ erschien im selben Jahr eine neu gemasterte Auflage von „Between Lines“ veröffentlicht über das von Jules und seinem Management eigens gegründete Independent Music Label MOON BLVD. Records. Zum physischen Release der Neuauflage veröffentlichte die Band die zwei Seiten der Platte als jeweils zwei fünfzehnminütigen Tracks (Side A & Side B) auf Spotify – ein Statement gegen die heute vorherrschende „Skipping Kultur“.
Außerdem erschien zur Feier von zehn Millionen Streams auf Spotify im Herbst vergangenen Jahres unangekündigt die EP „EUPHORIA / fragments.“ mit sieben bisher unveröffentlichten Demos, die 2017 während eines Studioaufenthaltes in Deutschland entstanden waren. Mit diesen Songs schlägt Jules Ahoi eine Brücke zwischen „Between Lines“ und „ECHOES“ und verabschiedet sich vom klassischen Indiefolk.

„DEAR _“ kommt im Frühjahr

Aktuell arbeiten „Jules Ahoi“ mit dem Kölner Produzenten Phillipp Stephan an einem neuen Album, das in diesem Frühjahr (12. Juni) erscheinen soll, danach wird es viele, auch große, Festivals geben und im Oktober eine fünfwöchige Tour, erzählt Jules. Die neue Platte „DEAR _“ wird sich auf einem urbaneren Territorium bewegen. Eine Mischung aus Indiefolk und experimentellem Pop mit Elementen aus elektronischer Musik und Spoken Word soll darauf zu hören sein. Seit er in Köln wohnt seien neue Menschen, neue Einflüsse und Eindrücke hinzugekommen, die Jules beeinflussen. „Ich würde einen Teufel tun, mich vor diesem Prozess zu verschließen. Das habe ich noch nie gemacht in meinem Leben, ich bin immer offen für alles.“

© Johanna Besseling
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Der Sänger hat in den letzten Jahren seinen eigenen Stil entwickelt und weiß genau, wie er klingen möchte und wohin er mit seiner Musik will. Doch das sei nicht immer ganz einfach. Im Gegensatz zu seinen Bandkollegen hat er keine klassische Musikausbildung. Das mache es ihm im Studio manchmal schwer den anderen seine Ideen zu erklären. „Ich kann mich nicht wirklich ausdrücken. Aber das ist vielleicht auch das Schöne daran.“

Trotz der neuen Einflüsse bleiben sich „Jules Ahoi“ auch im kommenden Album treu. Das Lebensgefühl des Ausreißens aus der Gesellschaft, aber auch die Suche nach dem Ort, wo sich der Sänger zu Hause fühlt, werden sich nach wie vor als roter Faden durch die Songs ziehen: „Die Zeit in Frankreich wird mich niemals richtig loslassen.“ Es wird auch weiterhin um die Liebe gehen und die Liebe, die nicht sein soll. Doch es wird auch politischer. Jules findet es wichtig in der heutigen Zeit ein paar Sachen anzusprechen, vor allem was Geschlechtergerechtigkeit und Kindererziehung betrifft. Auch, wenn das nur in einem Nebensatz geschieht. „Es gibt einen Song, der nur darüber handelt, und das ist eigentlich mein Liebster geworden“.
Was uns auf der neuen Platte sonst noch erwartet, verrät Jules nicht. „Es ist jetzt aber auch kein Trap geworden, keine Sorge“, er lacht. „Es ist immer noch Indiefolk mit einer kleinen Prise Salzwasser drauf.“

Beitragsfoto: © Matthias Wagner

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