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Sonderausgabe Popkultur: Aufklärerin für eine bunte Welt

Drag-Queen Pam Pengco macht sich über jeden lustig. Egal, welche Religion oder Hautfarbe – wenn sie auf der Bühne steht, dann schließt sie niemanden aus. Warum? Weil sie für eine buntere Welt einstehen will. Ein Besuch ihrer Weihnachtsshow.

Von Chiara Pas

Mitte Dezember. In Köln strömen Tausende auf die Weihnachtsmärkte der Stadt. Überall bunte Lichter, dampfender Glühwein, gemütliche Weihnachtsstimmung. Nur auf einem Markt, da ist alles ein bisschen anders. Natürlich, Weihnachtsstimmung gibt es auch hier. Dennoch ist alles etwas bunter, ein wenig schriller. Glitzerndes Lametta ziert die verschiedenen Buden, neben dem normalen Weihnachtskrimskrams gibt es Christbaumkugeln in Form von leichtbekleideten Männern.

Auf der „Heavenue“ – dem Kölner LGBTQ-Weihnachtsmarkt – darf jede*r so sein, wie er oder sie möchte. Das sieht auch Pam Pengco so – und zeigt es an diesem Abend allen, die ihr zuhören. Pam ist eine Drag-Queen. Auf dem Weihnachtsmarkt moderiert sie die Show „Best of Night of the living drag“.

Pailletten und High Heels

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Trotz niedriger Temperaturen auf dem Weihnachtsmarkt trägt Pam keinen dicken Wintermantel. Foto: Pas

Während alle Zuschauer dort dicke Winterjacken, Mützen und Schals tragen, hebt Pam sich deutlich von ihnen ab: ein dünner Mantel aus Pailletten, schwarze Spitzenunterwäsche und rund zehn Zentimeter hohe High Heels. Sicher bewegt sie sich auf ihnen über die geschmückte Bühne. Ihre platinblonde Perücke verleiht ihr eine voluminöse Frisur. Ihr Gesicht ist aufwendig geschminkt: Sie trägt lange Wimpern, Lidschatten in den Farben Weiß, Silber und Blau sowie dazu passenden Lippenstift.

Während der Show treten einige ihrer Drag-Kolleg*innen nacheinander auf die pink-beleuchtete Bühne und singen Lieder von Künstlern wie „Passenger“ und „Panic! At the Disco“. Pam selbst führt durch den Abend und sorgt zwischen den Auftritten für Lacher. Denn: Sie nimmt kein Blatt vor den Mund, macht Witze über das Publikum („Ich bin übrigens nicht Olivia Jones. Heteros denken ja immer, jede Drag sei Olivia Jones.“) oder über sich selbst („Ist das Make Up oder hast du beim Paintball verloren?“). Wenn Pam auf der Bühne steht, nimmt sie sie vollkommen für sich ein. Denn hier – auf die Bühne – da gehört sie hin. Dass es einmal dazu kommen würde, hätte sie selbst niemals gedacht.

Karnevalskostüm? Spice Girl!

Denn Pam trägt nicht immer diesen Namen. „Eigentlich bin ich ein Mann“, sagt sie.  Abseits der Bühne heißt Pam nämlich David und kommt aus einem kleinen Dorf bei Erkelenz, lebt aber seit 2008 in der Domstadt. Ursprünglich sei sie wegen des Studiums nach Köln gekommen, fand dort aber schließlich etwas anderes: ihre Leidenschaft und ihren Beruf.

Dabei habe sie anfangs gar nicht so viel mit Drag zu tun gehabt, alles begann mit einem Spaß zu Karneval. Ein paar ihrer Freund*innen in Köln seien damals schon in einem Travestietheater aufgetreten. „Deshalb kamen wir auf die Idee, uns zu Karneval als Frauen zu verkleiden – zum Beispiel als Spice Girls.“ Eine Erfahrung, die ihr heute noch deutlich in Erinnerung geblieben ist: „Im Vergleich zu heute sahen wir natürlich echt schlecht aus, aber wir haben uns damals schon so gut gefühlt. Viele Leute haben uns angesprochen und wollten Fotos mit uns machen“, sagt die 31-Jährige lachend. „Und darum geht es ja auch bei Drag: Wir schminken uns ja nicht, damit uns keiner sieht.“

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Ob Gesang, Comedy oder Moderation, Pam wird deutschlandweit für Auftritte gebucht. Ihre Stimme brachte sie sogar in die Castingshow „Deutschland sucht den Superstar“. Foto: Pas

Aus einem Spaß an Karneval wurde dann schließlich mehr: Pams Freund*innen motivierten sie zu Auftritten im Travestietheater. „Ich hab damals schon gesungen“, schildert sie. „Deshalb haben sie mir gesagt, ich soll einfach mal bei ihnen mitmachen.“ Schließlich arbeitete sie beinahe jede Woche in dem Theater, begann zu moderieren und absolvierte ihre erste Comedy-Show. „Im Nachhinein denke ich natürlich schon, was hast du da bloß gemacht?“, sagt Pam lachend. Aber das Publikum sei begeistert gewesen. Und mit dem Zuspruch wuchs schließlich auch ihr Mut.

Die beste Entscheidung ihres Lebens

Im Jahr 2015 kam das Angebot, eine Show – das „Bitchy Bingo“ – im Gay-Club „Exile“ auf der Schaafenstraße zu übernehmen, die sie auch heute noch moderiert. „Ich wusste gar nicht, wie mir geschieht“, erzählt Pam im Rückblick. Sie habe damals zwar eingewilligt, bekam darauf aber lange keine Antwort. Erst ein paar Tage vor der Show kam der Anruf, sie solle nun moderieren. „Ich war überhaupt nicht vorbereitet und habe erstmal gesagt, dass ich es nicht mache.“ Doch nach vielen Bitten willigte sie schließlich ein. „Und das war eine der besten Entscheidungen meines Lebens.“

Denn dann stellte sich ihr Leben auf den Kopf: Seitdem hat sie zwei regelmäßige Shows im „Exile“ und wird in ganz Deutschland für die verschiedensten Auftritte gebucht – für Gesang, Comedy oder Moderation.

Dazu gehören auch ihre Auftritte auf der „Heavenue“. Zum dritten Mal ist sie in diesem Jahr dabei. Und sie moderiert die Sendung nicht nur, sie singt während der Show auch selbst: Pam beginnt den Abend mit dem Song „Vincent“ von Sarah Connor.

Anfang 2019 brachte ihre Stimme sie sogar ins Fernsehen: Sie ging zum Casting von „Deutschland sucht den Superstar“ und schaffte es in den Recall. Bis zu diesem Zeitpunkt, wussten ihre Eltern nicht einmal, dass sie als Drag Queen arbeitet.

„Meine Eltern haben es tatsächlich erst durch DSDS erfahren.“

„Meine Eltern haben es tatsächlich erst durch DSDS erfahren“, sagt Pam lachend. Nach ihrem Outing im Jahr 2009, habe sie es nicht übers Herz gebracht, ihren Eltern „noch etwas aufzubürden.“ „Meine Eltern haben damals akzeptiert, dass ich schwul bin, aber es hat lange gedauert, bis man normal mit ihnen darüber reden konnte“, schildert sie. „Da hatte ich dann irgendwie Angst, zu erzählen, was ich so mache. Ich habe mir dann immer Ausreden überlegt, warum ich mal einen Bart trage und mal nicht und so weiter.“ Mit dem TV-Auftritt konnte sie jedoch nichts mehr verheimlichen.

Danach – daran erinnert Pam sich genau – habe ihre Mutter ihr eine Nachricht geschrieben: „Hallo David, ist bei euch in Köln auch so schlechtes Wetter wie bei uns zuhause? Du hast uns ja gar nichts von deinem Auftritt im TV gesagt. Eine Mama erkennt ihr Kind, auch wenn es verkleidet ist. Ein Papa übrigens auch. Wann kommst du denn wieder nach Hause? Kuss Mama“, erzählt Pam aus dem Gedächtnis. Sie kennt diese Nachricht auswendig. „Es war total süß“, sagt sie. „Genauso sollten Eltern reagieren.“

Aufklärerin für eine buntere Welt

Auch auf der Bühne erzählt sie von ihren Eltern, spricht von einer bunteren Welt und gegenseitiger Akzeptanz. Und so selbstironisch und humorvoll sie sich auch gibt, hier und da fließt auch ein politisches Statement mit ein. „Alle die, die die AfD wählen, können mich mal am Arsch lecken“, ruft sie in die Menge hinein und erntet dafür lauten Applaus und vereinzelten Jubel aus dem Publikum. „Denn eines kann ich euch sagen: Mit der AfD würde es diesen Weihnachtsmarkt hier nicht geben.“

Warum sie so deutlich Stellung bezieht? „Ich sehe mich ein bisschen als Aufklärerin.“ Mit Witz und Humor will sie zeigen, wofür Drag steht und für eine offene, tolerante Welt einstehen. Denn Drag Queens würden auch heute noch auf Ablehnung, Vorurteile und Anfeindungen treffen. Zwar würden TV-Shows wie „Queen of Drag“ dazu beitragen, diese Kunstform in die Öffentlichkeit zu bringen, doch grundsätzlich ändere sich aktuell nicht viel.

„Diese Shows sind gut, aber diejenigen, die Drag sowieso schon nicht gut finden, werden es auch damit niemals kapieren“, erzählt Pam. In einem gesicherten Raum würde sie die Leute, die Travestie ablehnen, gern fragen, was man denn gegen Leute habe, die die Welt ein bisschen bunter machen möchten. „Aber in der Öffentlichkeit gehe ich einer Konfrontation aus dem Weg.“

„Ich würde bei jeder Bahnfahrt dumme Kommentare bekommen, das ist sicher.“

Sie fahre zum Beispiel nie geschminkt und fertiggemacht mit der U-Bahn zur Arbeit – auch wenn diese nur wenige Bahnstationen von ihrer Wohnung entfernt liegt. Lieber schminke sie sich in der Bar, da fühle sie sich sicherer. „Denn ich würde bei jeder Bahnfahrt dumme Kommentare bekommen, das ist sicher. Und damit könnte ich sogar umgehen. Aber Handgreiflichkeiten will ich aus dem Weg gehen“, erzählt sie. In der Vergangenheit habe sie bereits Angriffe auf Kolleg*innen miterleben müssen. „Einer meiner Freunde wurde mal auf offener Straße verprügelt, offensichtlich weil er homosexuell ist“, schildert sie. Damals habe sie gemeinsam mit ihren Kolleg*innen auf den Fall aufmerksam gemacht. „Wir wollten allen zeigen, dass homophobe Angriffe nichts Seltenes sind, ein Bewusstsein dafür schaffen, dass geholfen werden muss.“ Denn Drag werde durch Fernsehshows vielleicht bekannter, sei aber lange noch nicht Mainstream oder in der Gesellschaft angekommen.

„Nicht jede*r muss es toll finden, aber er oder sie muss akzeptieren, dass es Drag eben gibt“, fordert Pam. Jede*r solle die Möglichkeit haben, das frei tun zu können, was er oder sie möchte.

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„Ich mache über jeden Witze“, sagt Pam. Egal welche Religion oder Hautfarbe, sie behandelt ihr Publikum immer gleich. Außer sie sind Anhänger der AfD. Foto: Pas

Diese Idee von einer bunten Welt zeigt sie auch auf der Bühne – auf ihre ganz eigene Art, natürlich. „Ich mache über jede*n Witze, da schließe ich niemanden aus“, lacht sie. „Warum sollte ich zum Beispiel keine Witze über Rollstuhlfahrer*innen machen? Da nehme ich kein Blatt vor den Mund, denn schließlich gehören doch alle zum Publikum.“ Egal, welche Religion oder Hautfarbe, jede*r sei in ihrem Publikum gleich. Denn dafür stehe Drag nun einmal: Hier ist jede*r willkommen, jede*r kann sein, wie er oder sie ist.

Passend dazu singt Pam zum Abschluss der Show ihren – so sagt sie – „allerliebsten Lieblingssong“: „I faced it all, and I stood tall and did it my way.“

Beitragsbild: Pas

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