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Sonderausgabe Berlin-Exkursion: Satire in einer Tageszeitung – Wo sind die Grenzen?

„Die Wahrheit“ ist das einzige Satire-Magazin in einer Tageszeitung in Deutschland. Immer wieder gibt es Diskussionen darum, wie viel Satire darf, was in Ordnung ist und was nicht. Wir haben darüber mit Micheal Ringel gesprochen. Er ist Redakteur des Ressorts „Die Wahrheit“.

Medienblick: Wie geht man damit um, dass der Journalismus eigentlich das Authentische und Objektive voranstellt und wie positioniert man sich als ein Satiremagazin in einer Tageszeitung?

Ringel: Wir verstehen uns explizit auch als politische Seite. Wir machen zwar viel Nonsens oder beschäftigen uns auch mit Kultur, aber wir machen sehr viele politische Texte. Dann aber eben unter anderen Gesichtspunkten. Ich habe mal als Leitsätze ausgegeben: Warum sachlich, wenn es persönlich geht? Warum beweisen, wenn man behaupten kann? Warum recherchieren, wenn man schreiben kann?
Und das ist ein bisschen das Selbstverständnis der Seite. Es ist natürlich eine einfache Umkehrung. Es gibt immer ein Missverständnis. Wir sind in der Wahrheit nun mal keine Journalisten in dem Sinne, sondern eine Art Zwitter. Wir genießen die Kunstfreiheit, weil wir eben auch eine Kunstform bedienen. Diese Kunstform Satire und andere künstlerische Formen wie Gedichte, sind ja nicht unbedingt journalistische Formen. Aber wir schreiben Satire oder ähnliche Dinge im journalistischen Gewand. Und mit den Mitteln der Satire, die man auch ganz einfach lernen kann. Es gibt eine große Unterscheidung: Es gibt Humor, der ist eine Frage des Charakters: Es kann nicht schaden, wenn man Humor hat. Aber es gibt Komik und das ist eine Frage der Technik und das kann man lernen. Ich habe gelernt, wie man Glossen schreibt, indem man zum Beispiel Inversionen, Verdrehung, Umkehrung benutzt. Das sind aber nicht unbedingt journalistische Formen, sondern das sind Formen im journalistischen Gewand. Das ist immer ein leichter Irrtum. Die Leute verstehen dann nicht, dass es nicht die Meinung der taz ist, sondern es eine zugespitzte Meinung des Ressorts ‚Wahrheit‘ ist. Und, dass wir bestimmte Grenzen durchaus geschmacklos überschreiten.

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Alles wird zum Fake erklärt

Medienblick: Das heißt, der Schleier wird soweit ausgenutzt wie es eben geht. Auch auf die Gefahr hin, dass Leute dies vielleicht nicht direkt verstehen?

Ringel: Ich nehme immer das Beispiel von Politikern in einem Club auf einer Tanzfläche. Drumherum stehen die Journalisten und beobachten die Politiker. Und wir stehen nochmal extra und beobachten die Journalisten und die Politiker. Wir haben eine leichte Sonderfunktion. Wir dürfen uns ein bisschen mehr rausnehmen. Und wir dürfen auch mehr tun als Journalisten normalerweise tun. Journalisten, und das finden wir auch gut und richtig, müssen das journalistische Handwerk beherrschen, müssen den Regeln folgen. Aber wir folgen auch Regeln, die sehen nur ein bisschen anders aus. Wir haben sehr viele Fake-Reportagen. Und das ist momentan das Problem. Wenn Politik immer mehr zum Fake wird, wenn jemand wie Trump alles zum Fake erklärt, dann wird es für uns zum Problem, dass wir unsere Fake-Reportagen noch verständlich machen können. Wir fälschen sozusagen Reportagen, wir erfinden ganz oft Sujets, Personen oder setzen Personen in Sujets, die erfunden sind. Das sind ganz bewusste Fake-Reportagen. Es gibt eben Dinge, die man mit Fakes oder erfundenen Dingen viel besser sagen kann, weil wir dann eine Stufe weiter können auf dem Schritt zur Entlarvung. Das ist immer noch Teil der Satire. Eine Satire muss als Zweck eine Entlarvung haben.

Medienblick: Die taz hat ein ganz eigenes sprachliches Niveau, dazu gehört auch diese bissige, ironische Form der Darstellung. Das gehört schon zur taz-Kultur dazu. Wie eng arbeiten Sie im Haus zusammen?

Ringel: Wir haben eine gewisse Distanz, aber wir sind natürlich ein Teil der Redaktion. Aber: Wir kritisieren auch innerhalb der Zeitung. Was zur Satire, was zur Wahrheit dazugehört: Wir sehen uns schon als gewisse Sprachkritiker. Deswegen haben wir auch nach vorne sozusagen eine gewisse Distanz, aber wir sind selbstverständlich Teil der Redaktion. Wir gehören dazu und verstehen uns auch Teil und arbeiten natürlich mit allen zusammen, ich schreibe manchmal in anderen Ressorts, andere schreiben für uns.

„Das ist auch ein Mensch für den ich Verantwortung trage“

Medienblick: Satire im Gesamtdiskurs steht – spätestens seit Böhmermanns Schmähgedicht – auch in der Kritik. Gibt es irgendwelche Punkte, die die taz, vor allem die Wahrheit, daraus mitgenommen oder für sich Dinge verändert hat?

Ringel: Man wird bei bestimmten Dingen schon vorsichtiger, wenn es auch, wie bei Böhmermann, ins Persönliche geht. Wir hatten eine ähnliche Geschichte, ungefähr 2007: In unserer Reihe „Schurken die die Welt beherrschen“ ging es um Lech und Jarosław Kaczyński – der eine war Präsident damals, der andere Premierminister in Polen. Wir hatten eine satirische Geschichte über die beiden und das ist da völlig in dem falschen Hals angekommen. Jarosław Kaczyński hat das Weimarer Dreieck, ein jährliches Treffen zwischen Chirac, Merkel und Kaczyński, abgesagt. Wie wir jetzt wissen, rief er bei dem damaligen Außenminister Steinmeier an und verlangte von ihm, dass er sich für die taz bei den Kaczyńskis entschuldigt. Steinmeier hat gesagt: Wir haben hier Pressefreiheit, was soll der Quatsch? Daraufhin hat sich die Situation verstärkt, eine diplomatische Krise ist eingetreten. Die Kaczyńskis und die polnische Regierung wollten nicht mehr mit der deutschen Regierung reden. Und der Generalstaatsanwalt in Warschau hat ein Ermittlungsverfahren wegen Beleidigung eines Staatsorgans eingeleitet. Wir – ich als verantwortlicher Redakteur, der Autor Peter Köhler und die Chefredakteurin Bascha Mika damals –  sollten doch besser ein Jahr lang nicht nach Polen einreisen, weil es durchaus möglich sei, dass wir an der Grenze verhaftet würden und dann in Untersuchungshaft kämen, weil auf Beleidigung ein Jahr Gefängnis steht. Und dann muss man sich überlegen: Was macht man?
Das erste was wir machen: Wir treten vor die Autoren. Dann gehe ich als Redakteur hin und übernehme die Verantwortung. Ich verkaufe das auch wieder als redaktionelles Marketing, gehe zum Beispiel auch ins Fernsehen. Dann bin ich in Nachrichtensendungen und und und. Ich versuche das offensiv zu verkaufen. Wir haben hier Pressefreiheit, dazu gehört auch die Satire, auch wenn sie etwas unter der Gürtellinie ist. Im Resultat gab es keinen Prozess, die diplomatische Lage hat sich wieder beruhigt, der Autor hatte keine Konsequenzen. Da ging das noch alles. Da hatten Plattformen wie Facebook und Twitter in dem Sinne noch keine Macht. Und deswegen muss man sich schon etwas überlegen.
Um auch das andere Beispiel zu nennen: Der erste, der beim Anschlag auf Charlie Hebdo starb, war der Polizist auf der Straße, der angeschossen wurde. Wir hatten mehrere Wochen zwei Wagen mit Polizisten vor dem Haus stehen. Und da überlegt man auch, wenn man irgendetwas macht, dass das was man macht, Konsequenzen hat. Und wer wird als erster erschossen? Vielleicht der Polizist der draußen steht, der damit eigentlich gar nichts zu tun hat. Aber das ist eben auch ein Mensch, für den ich Verantwortung trage. Und diese Konsequenzen muss man nach den Entwicklungen – spätestens seit 2001 – mitdenken und die denke ich auch mit. Genauso wie ich sowas wie Persönlichkeitsrecht mitdenke. Das überlege ich mir schon. Manche Leser stellen sich immer vor, gerade in der Wahrheit würde man den ganzen Tag über die Tische springen und Champagner-Flaschen öffnen, weil wir das auch gerne so schreiben, aber das ist ein Image. Wir sitzen schon da und unterhalten uns. Und ich mache das ja auch nicht alleine, ich mache das mit meiner Kollegin Harriet Wolff. Oder mit anderen. Wir lesen unsere Texte immer gegenseitig. Nicht nur aus sprachlichen- oder Redigier-Gründen, sondern auch ob irgendetwas funktioniert oder nicht funktioniert. Geht man da zu weit oder geht man da viel zu weit? Das sind Dinge, die wir überdenken.

taz, die Tageszeitung, 20170815 xl 1144-taz-logo-2017, CC BY-SA 4.0

„Ich mache halt auch Fehler“

Medienblick: Sie haben ja schon erwähnt, dass es auch politische Themen sind, die aufgegriffen und von anderen Perspektiven beleuchtet werden. Gibt es irgendwelche Themen die nicht in diesen Bereich fallen dürfen, weil das vielleicht zu weit ginge und zu viele Konsequenzen hätte?

Ringel: Was ich als Grund-Definition nehme ist, dass Satire immer aus einer Froschperspektive kommen muss. Sie muss immer von unten nach oben arbeiten, gegen Mächtige. Hetze dagegen bedeutet immer von oben nach unten, zum Beispiel auf Minderheiten oder auf Schwächere. Sowas denken wir schon mit. Aber es gibt eben diese Grund-Definition, für die ich zumindest stehe. Das bedeutet aber eben auch, dass ich als Deutscher eine Verantwortung habe und zum Beispiel niemals Witze über jüdische KZ-Opfer mache. Es ist ein sehr schwieriges Feld und man muss alles mitdenken.

Medienblick: Wo kann man da die Grenze ziehen? Damit geht ja eine ethische und moralische Verantwortung einher. Manchmal hat man das Gefühl, dass man die Satire als Schild vorhält. Wenn etwas falsch gemacht wird, wird gesagt: Es ist ja nur Satire, es ist Humor, es ist Komik.

Ringel: Da ich ständig Grenzen überschreite, mache ich auch Fehler. Ich mache ja sowieso Fehler, wie jeder. Aber natürlich passieren mir auch Dinge – ich habe mal eine Gurke geschrieben über einen Blinden-Fußballer. Und vielleicht nicht unbedingt so gemacht, wie ich es mir vorgestellt habe. Und das gab massive Proteste, weil dann eben ein Blinder, ein Behinderter sozusagen angegriffen wurde. Dann haben wir uns aber auch verständigt: Ich habe mit ihm telefoniert und mich entschuldigt. Ich habe mich aber in 20 Jahren nur einmal entschuldigt, weil ich einen Fehler gemacht habe und da vielleicht nicht sehr pietätlos war. Aber im Prinzip versuche ich, obwohl ich Grenzen überschreite, zumindest diese Grenzen mitzudenken. Aber mache halt auch Fehler.

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