Janericloebe, Berlin Maybrit Illner Studio 001, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons
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Sonderausgabe Berlin-Exkursion: Die Zukunft von Talkshows

Die Polittalkshow-Landschaft in Deutschland ist groß – vielleicht zu groß? Wer sieht sich die Sendungen an, die teilweise spät am Abend im Fernsehen laufen? Schließlich ist eine politische Diskussion heute auch im Internet möglich und das lineare Fernsehen wird immer weniger verfolgt – vor allem von jungen Menschen. Und wie steht es um die Themensetzung der Sendungen? Denn an vier Tagen die Woche läuft eine Talkshow auf den Öffentlich-rechtlichen Sendern.

Neben Anne Will sonntags um 21:45 Uhr und Maischberger mittwochs ab 22:45 Uhr, läuft in der ARD auch hart aber fair montags um 21 Uhr. Das ZDF hat sich mit maybrit illner donnerstags um 22:15 Uhr auf eine Polittalkshow spezialisiert. Wie die gesamte Fernsehlandschaft fühlen auch diese Sendungen anhand der Quoten immer mehr die Digitalisierung und den Wegfall des linearen Fernsehens und somit das Fehlen der jungen Zuschauerinnen und Zuschauer. Aber nicht nur das ist ein Problem.

Vor allem an den Themensetzungen gibt es Kritik: Erst im vergangenen Jahr forderte der Deutsche Kulturrat eine einjährige Talkpause, um die Konzepte neu zu überarbeiten. Dabei wird in erster Linie die Behandlung des Themas rund um die Flüchtlingsdebatte kritisiert. Olaf Zimmermann vom Deutschen Kulturrat bemängelt, dass seit 2015 über 100 Talkshows über Flüchtlinge und den Islam diskutiert haben und so der AfD eine Plattform geboten wurde. Stimmt es, dass die unterschiedlichen Formate nicht auf unterschiedliche Themensetzung setzen und vielleicht immer die gleichen Gäste auf ihren Sesseln begrüßen?

Klimadebatte im TV

Bei kurzem Überlegen fallen einem die wichtigsten und zentralsten Themen aus 2019 schnell ein: Vielleicht der nie enden wollende Brexit, die Vor- und Nachberichterstattung zur Europawahl mit einem Sieg für die Grünen und einer klaren Niederlage für die SPD, aber auch für CDU / CSU und ganz klar die Klimadebatte mit der Fridays for Future-Bewegung. Das waren unteranderem auch Themen in den drei Formaten Maischberger, Anne Will und maybrit illner der jeweils zehn vergangenen Sendungen. So war „Was ist uns der Naturschutz wert?“ Thema in der Sendung von Sandra Maischberger am 27. Februar 2019, bei Anne Will wurde die Umwelt verbunden mit der Deutschen Politik zwei Mal zum Thema: Am 31. März 2019 lief „Streiken statt Pauken – ändert die Generation Greta die Politik?“, am 05. Mai „Streit um CO2-Steuer – Wer zahlt für den Klimaschutz?“. Eine ähnliche Themensetzung fand auch bei maybrit illner im ZDF statt: Am 28. März wurde die Sendung „Jugend demonstriert – Politik ignoriert?“ ausgestrahlt und am 02. Mai „Rettet das Klima! Wer zahlt den Preis?“. So wurde allein in der letzten März- und in der ersten Mai-Woche zwei Mal über den Naturschutz diskutiert.

Wer sieht sich die Sendungen an, wenn Debatten auch im Internet stattfinden – mit Politikern auf Facebook oder Twitter, die dort ihre persönlichen Meinungen regelmäßig äußern? Es macht den Anschein, als würde nur noch für die Ü50-Generation diskutiert. Mit 4,15 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauern (14,8 % Marktanteil) war die Anne Will Sendung am 31. März die Sendung, die von den meisten Zuschauer*innen gesehen wurde. Davon waren 130 Tausend (6,1 % Marktanteil) zwischen 14 und 29 Jahren und 1,10 Millionen (Marktanteil 11,8 %) zwischen 35 und 55 Jahren, während 2,16 Millionen Zuschauer*innen (Marktanteil 22,4 %) über 65 waren interessieren sich die Jungen nicht für die Thematik? Anhand der Europawahlergebnisse kann man sagen: Sehr wohl – Klimaschutz steht vor allem für sie an erster Stelle.

Die Jungen sind im Netz unterwegs

Ähnlich sind auch die Zahlen bei Maischberger. Am 27. Februar wurde die Sendung von 1,32 Millionen Zuschauern und Zuschauerinnen verfolgt. Das macht einen Marktanteil von 9 %. Davon waren 30 Tausend Zuschauer*innen zwischen 14 und 29 Jahren (3,1 % Marktanteil) und 220 Tausend zwischen 35 – 55 Jahren (4,6 % Marktanteil). Wieder über dem Durchschnitt liegt die Zahl der über 65-Jährigen: 820 Tausend (16,3 % Marktanteil) haben die Sendung gesehen.Photo by Oliur on Unsplash

Natürlich sind Fernseh-Quoten heute keine Richtlinie mehr, sie werden innerhalb der Branche aber dennoch sehr ernst genommen und streng verfolgt. Die absoluten Zahlen zeigen, dass mehr alte Menschen fernsehen, während die Jungen sich anderweitig unterhalten lassen und sich informieren – das ist keineswegs eine Entwicklung, die nur in den Talkshows zu beobachten ist. Unter anderem in den Mediatheken und auf YouTube. Doch die Zahl der Aufrufe der Sendungen dort lassen zu wünschen übrig: Die Maischberger-Sendung vom 27. Februar wurde lediglich 2.717-mal aufgerufen (Stand 16.07.2019), die Anne Will-Sendung vom 02. Juni 15.834-mal (Stand 16.07.2019). Über die Aufrufe in der Mediathek sind keine Zahlen bekannt.

Die Auswahl der Themen orientiert sich immer an den aktuellen politischen und gesellschaftlichen Debatten. Die sind also in den Talkshows in Deutschland sehr ähnlich. Geschehen aktuelle Vorkommnisse in der Politik, nehme die Sendungen diese mit auf. So hat beispielsweise hart aber fair am Montag, den 03. Juni 2019 den Rücktritt der SPD-Vorsitzenden Andrea Nahles und damit auch die Krise der Großen Koalition thematisiert. Und auch Maischberger folgte am Mittwoch, den 05. Juni 2019 mit diesem Thema. Zuvor hatte auch Anne Will spontan auf den Rücktritt reagiert und ihn zum Thema der Sendung gemacht. Brauchen wir also die Vielzahl an Sendungen, die es aktuell im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gibt, wenn alle über die gleichen Themen diskutieren?

„Es gibt immer jemanden, der eine Zeit lang in jeder Talkshow sitzt“

Doro, 24 und Studentin in Berlin, verfolgt die Polit-Talkshows der öffentlich-rechtlichen Sender, vor allem Anne Will und hart aber fair in der Mediathek, um die Beleuchtung der verschiedenen Standpunkte aus zu verfolgen. Sie sagt, dass die Standpunkte der Vertreter*innen der verschiedenen Institutionen oder Parteien in diesen Sendungen oft klarer werden. Doro ist der Meinung, dass es noch zu wenig Talkshow Formate in Deutschland gibt, unter anderem weil es noch viele weitere wichtige Themen gibt, die es aktuell nicht in die Sendungen schaffen. Doch auch sie übt Kritik: „Es gab eine Zeit, in der fast in jedem Kontext das Thema Migration und Flüchtlinge thematisiert wurden – das war zu viel.“

Auch der 25jährige Student Simon aus Berlin sieht sich ungefähr alle zwei bis drei Wochen Polittalkshows in der Mediathek oder auf YouTube an. Dies macht er abhängig von den Themen und den Gesprächspartnern: „Mal Anne Will, mal Maischberger, mal Plasbergs hart aber fair – keine bestimmte also.“ Er ist der Meinung: „Es gibt immer jemanden, der eine Zeit lang in jeder Talkshow sitzt, so wie im Moment Kevin Kühnert, der Juso-Bundesvorsitzende. Auch Simon findet, dass die Vielfalt der Talkshow-Landschaft in Deutschland völlig in Ordnung ist.

© Superbass / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons), 2019-06-12-Sandra Maischberger-Maischberger-5814, CC BY-SA 4.0

Maischberger hat vor der Sommerpause ein neues Konzept ausprobiert: maischberger. die woche. Es wird kein bestimmtes Thema benannt, sondern in der 75-minütigen Sendung mit verschiedenen Gesprächspartnern über die wichtigsten Themen der Woche gesprochen. Außerdem gibt es die Ausstrahlung vom 05. Juni erstmalig als Audiopodcast – ist das vielleicht zukunftsweisend? Auch Anne Will gibt es bereits als Podcast. Alle Sendungen seit dem 03. März sind online zu finden. Allerdings ist der Download nur mit einer speziellen Software oder einem Webbrowser möglich, also relativ umständlich.

Jetzt ist erstmal Sommerpause angesagt. Es bleibt abzuwarten wie die Formate in Zukunft ihre Konzepte und Themen ändern, um auch von den Jüngeren gesehen oder gehört zu werden.

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