"Ink Stained Wretches" (CC BY-SA 2.0) by jeffeaton
Aktuelles Gesellschaftsleben Politik

Sonderausgabe Berlin-Exkursion: Die Frage nach der Haltung im Journalismus

Beim Besuch von netzpolitik.org haben wir mit Redakteur Ingo Dachwitz über Internetpolitik und den digitalen Strukturwandel der Öffentlichkeit gesprochen. Die Plattform versteht sich selber als journalistisches Angebot, jedoch nicht als neutrales, sondern eines mit klarer Haltung. Aber verstößt das nicht gegen den journalistische Ethos?

Wie viel Haltung dürfen Journalistinnen und Journalisten haben? Eine Frage, über die in der Branche Uneinigkeit besteht. Kritiker sehen den Grundsatz der Objektivität der Berichterstattung beim Haltungsjournalismus in Gefahr. Man denke an das berühmte Zitat von Tagesthemen-Moderator Hans Joachim Friedrichs: „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache; dass er überall dabei ist, aber nirgendwo dazugehört.“

Andere hinterfragen diesen Leitsatz und finden, dass man sich ohne Haltung im Journalismus der gesellschaftlichen Verantwortung entziehe. Wenn man beispielsweise über Rechtspopulismus berichte, ohne kritisch Stellungnahme zu beziehen, laufe man Gefahr, diesen zu legitimieren. Georg Restle, Leiter und Moderator des Politmagazins Monitor, meint in diesem Kontext, dass die Rolle des neutralen Beobachters eine Falle sei, weil es dadurch rechten Akteuren leichter gemacht werde, den gesellschaftlichen Diskurs zu verschieben.

"Pressekodex (Deutsche Twitter Trends am" (CC BY 2.0) by trendingtopics
„Pressekodex“ (CC BY 2.0) by trendingtopics

Journalisten und Journalistinnen haben die Aufgabe, die Bevölkerung mit Informationen zu versorgen, damit diese sich eine differenzierte Meinung bilden kann. Der Pressekodex dient als Basis für ihre Tätigkeit. Dazu recherchieren sie Quellen, bewerten Informationen, ordnen diese ein und machen daraus Nachrichten. Dabei bestimmen sie allerdings auch, was ihrer Meinung nach von öffentlichem Interesse ist und was nicht. Diese Selektion könnte bereits als Haltungsjournalismus bewertet werden, weil bei dieser Gatekeeper-Funktion beurteilt wird, was Nachrichtenwert hat und was nicht.

Haltung, Handwerk und die Illusion der objektiven Berichterstattung

Aber was bedeutet überhaupt Haltung? Damit ist keine parteipolitische Ausrichtung gemeint, sondern die Orientierung an Grundwerten unseres demokratischen Gemeinwesens. Haltung ist auch nicht mit reinen Meinungsjournalismus gleichzusetzen, sondern hier kommt es vor allem auf die interpretative Vermittlung von Informationen und Hintergrundwissen an, wobei die Wahrung der erwähnten Grundwerte richtungsweisend ist.        „Haltung ist Einstehen für journalistische Qualität und Unabhängigkeit“, so hat es Ulrich Wickert definiert.

Aus all dem könnte man folgern, dass Journalismus ohne Haltung gar nicht möglich ist, wenn man die Verpflichtung auf moralische und handwerkliche Grundprinzipien ernst nimmt. Außerdem stellt sich die Frage, ob vollständige Objektivität der Berichterstattung nicht überhaupt eine Illusion ist. Durch das gesunkene Vertrauen in das Mediensystem generell, Vorwürfe wie „Lügenpresse“ und die stärkere politische Polarisierung in der Gesellschaft, wurde außerdem der Ruf nach klarer Haltung im Journalismus laut.

Schlüsselwort Transparenz 

"Ink Stained Wretches" (CC BY-SA 2.0) by jeffeaton
„Ink Stained Wretches“ (CC BY-SA 2.0) by jeffeaton

Zeitjournalist Jochen Bittner jedoch plädiert gegen den Haltungsjournalismus, indem er schreibt, dass Berichterstatter Schiedsrichter der öffentlichen Debatte seien und diese Funktion beim Haltungsjournalismus verloren ginge. Aber müssen nicht auch Schiedsrichter am Ende des Tages ein Urteil fällen? Das Schlüsselwort ist hier Transparenz.  Wenn die Leser- und Leserinnen wissen, dass die Redaktion eine bestimmte Haltung vertritt, funktioniert Haltungsjournalismus. So wie netzpolitik.org dies tut. Auf ihrer Website steht: „Unsere Haltung ist: Wir engagieren uns für digitale Freiheitsrechte und ihre politische Umsetzung.“

Journalist Stefan Niggemeier sieht den Begriff ‚Haltung‘ in der Debatte als zu aufgeladen. So würden die einen Haltung als etwas betrachten, was die Journalisten an den Tag legen müssen, die anderen sähen es als Indoktrinierung. Er rät stattdessen, sich an den Leitlinien des eigentlichen Handwerks zu orientieren: „Korrekt zu berichten, transparent zu berichten, zu entscheiden, was sind relevante Themen, die Framings von verschiedensten Seiten sich nicht zu eigen machen“, zählt er im Interview mit dem Deutschlandfunk auf. Auch Georg Restle meint, dass ohne Handwerk Haltung nichts nütze, denn sonst mache man sich angreifbar. Allerdings ist zu hinterfragen, ob Georg Restle, wenn er sich bei Demonstrationen vor den Karren der Aktivisten spannen lässt, nicht die journalistischen Grenzen eines begründeten Haltungsjournalismus überschreitet – selbst wenn es für eine gute Sache ist.

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