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Aktuelles Studentenleben

Sinn und Unsinn von Studienleistungen

Die Vorlesungszeit haben wir wieder einmal erfolgreich hinter uns gebracht. Zeit, das Semester Revue passieren zu lassen. Mir fallen da als erstes unzählige Studienleistungen ein, mit denen ich mich in den letzten Monaten rumschlagen musste. Anlass genug, mal über den Sinn und Unsinn von Studienleistungen nachzudenken.

Ein Kommentar von Ricarda Häusler

Warum gibt es überhaupt Studienleistungen? Seit der Abschaffung der  Anwesenheitspflicht in Seminaren und Übungen durch die letzte, rot-grüne Landesregierung in NRW, darf laut Hochschulgesetz (§ 64 Absatz 2a HG) die Teilnahme nur noch in Exkursionen, Sprachkursen, Praktika, praktischen Übungen oder damit vergleichbaren Lehrveranstaltungen verpflichtend sein.
In der Prüfungsordnung der Bachelorstudiengänge der Philosophischen Fakultät der Universität Bonn aus dem Jahr 2012 wurde die Studienleistung als Teilnahmenachweis eingeführt. Dabei darf die Dozentin oder der Dozent selbst entscheiden, wie die Studienleistung in Methode und Umfang gestaltet wird.
Je nach Fakultät und Studiengang bekommt man diese Auswirkung mehr oder weniger stark zu spüren. In Veranstaltungen, bei denen die Anwesenheit z.B. für das Bestehen einer Prüfung ohnehin nötig ist, wird eventuell überhaupt keine Studienleistung verlangt. Jedoch stellen sie in Seminaren oder Übungen, in denen nicht auf eine Teil- oder Abschlussprüfung hingearbeitet wird, oft eine wichtige Aufgabe dar, um die Teilnahme anerkannt zu bekommen.

Aber wo genau stecken da jetzt Sinn und Unsinn?

Studienleistungen werden nicht benotet – und das merkt man meistens auch an ihrer Qualität. In eine Studienleistung, die super viel Arbeit macht und dann am Ende nicht mit einer entsprechenden Note belohnt wird, steckt man als zeitökonomisch und nervenschonend denkender Studi nicht den größten Aufwand, zumal (meistens) in jedem Seminar eine Studienleistung ansteht und man manchmal nicht mehr mit dem regulären Lernstoff hinterherkommt.
Eine wahre Kompensation der Anwesenheitspflicht stellt die Studienleistung wohl nicht dar, denn in jedem Seminar gibt es auch die KandidatInnen, welche die Studienleistung für sich nutzen, um exakt zwei Mal im Semester zu erscheinen: In der ersten Sitzung, wenn die Studienleistungen vergeben werden und wenn es von Nöten ist, ein zweites Mal in der Sitzung, in der sie ihre Studienleistung, z.B. ihr Referat, abhalten müssen. Dazu kommt noch, dass diejenigen, die ohnehin fleißig jede Sitzung besuchen, obwohl keine Anwesenheitspflicht besteht, durch aufwendige, unbenotete Studienleistungen ja eigentlich noch „bestraft“ werden, um es mal so unhumanistisch auszudrücken.
Das elende Schlagwort ist gerade schon einmal gefallen: Referate. Viele DozentInnen sind bei ihrer Wahl nicht sonderlich kreativ und fordern daher immer wieder frei nach dem Motto „the same procedure as every semester“ Referate ein. Ich will gar nicht abstreiten, dass Referate sinnvoll sind, um sich mit einem Thema auseinanderzusetzen und das Sprechen und Präsentieren zu üben (, was meistens aber leider nicht im Vordergund der Studienleistung steht). Gleichzeitig haben sie aber oft die Tendenz, die produktive Arbeit und die Diskussion im Seminar zu behindern. Wenn das Seminar von einer Lehrperson geleitet wird, die im besten Fall eine Koryphäe auf ihrem Gebiet ist, lernt man von dieser Person leider herzlich wenig, wenn die Veranstaltung jede Woche aus 100% Referaten besteht. Ein derart gestaltetes Seminar hat zudem selten einen roten Pfaden und einen hohen Lernertrag, denn wie bereits erwähnt, sind Studienleistungen nicht immer das Qualitativste, was Studierende so zu bieten haben.

Manchmal wünscht man sich die Anwesenheitspflicht schon fast wieder zurück, denn für den Lernfluss vieler Seminare wäre es sicherlich förderlich. Doch die Anwesenheitspflicht ist für die meisten Studierenden nicht gerade der Inbegriff eines freien und selbstbestimmten Studiums. Dabei könnten Studienleistungen doch durchaus zur Bildung beitragen, wenn man es einfach nur richtig anstellen würde!
Auch ich habe glücklicherweise schon DozentInnen erlebt, die sich Studienleistungen überlegt haben, die das Seminar mitgestalten, aber sich in dessen Verlauf nicht komplett in den Vordergrund drängen; die vielleicht eine Menge Arbeit mit sich bringen, aber einem was für das Studium und ja, manchmal sogar was fürs Leben bringen. Auch, wenn man mithilfe der Studienleistung wissenschaftliches Arbeiten lernt oder es schafft, thematisch einen Schritt in Richtung Haus- oder Abschlussarbeit zu machen, dann hat man mit der Studienleistung doch eine Menge gewonnen. Gerade in den ersten Semestern des Grundstudiums sind z.B. das Zitieren oder das Exposé- oder Essayschreiben Techniken, die sowieso erlernt werden müssen und im Rahmen der Studienleistung ohne den Druck einer Benotung ausprobiert werden könnten. Warum werden also nicht öfter mal solche Aufgaben als Studienleistungen anstelle des zwölften Referats verlangt?

Die Studienleistung als Kompensation der Anwesenheitspflicht sollte eigentlich als Chance gesehen werden, doch manchmal hapert es daran, kreative und bereichernde Formen in der Aufgabenstellung und -umsetzung zu finden – dem Ganzen eben einen Sinn zu geben.

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