Café Passage © Marlene Ritz
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Selbstständigkeit in Zeiten von Corona

Die Corona-Krise trifft die Selbstständigen besonders hart, denn ihr Einkommen hängt von regelmäßigen Aufträgen ab. Doch was passiert, wenn diese Aufträge plötzlich wegfallen? Welche Möglichkeiten haben sie und wie gehen sie mit der Krise um? Vor welche neuen Herausforderungen werden Selbstständige gestellt? In zwei Interviews mit selbstständigen Unternehmern aus dem Einzelhandel und der Gastronomie wurden diese und weitere Fragen gestellt.

von Marlene Ritz

In Deutschland gibt es rund vier Millionen Selbstständige. Ungefähr die Hälfte davon sind Solo-Selbstständige, die selbst keine Angestellten beschäftigen. Die Bundesregierung hat ein Corona-Hilfsprogramm verabschiedet und finanzielle Unterstützung in einer Gesamthöhe von 50 Milliarden Euro für Klein- und Kleinstunternehmer bereitgestellt. Die Hilfen konnten Selbstständige für drei Monate zur finanziellen Überbrückung beantragen. Selbstständige mit bis zu fünf Angestellten wurden einmalig 9.000 Euro ausgezahlt, Unternehmer mit bis zu zehn Angestellten bekamen 15.000 Euro zugesprochen. Einige Institutionen haben Möglichkeiten zur Steuerstundung oder Hilfskredite angeboten. Die Soforthilfen der Bundesländer sind von Land zu Land unterschiedlich. Für diejenigen Betriebe, die bereits vor der Corona-Krise überschuldet waren, sieht es jedoch sehr düster aus. In diesem Fall können die Gläubiger nach eingehender Prüfung die Soforthilfe wieder zurückfordern, weil ein überschuldeter Betrieb nicht durch Corona-Hilfen künstlich am Leben gehalten werden soll. Zudem wurden die Hilfen des Bundes und der Länder nur für einen begrenzten Zeitraum zur Verfügung gestellt. Die Kosten der Selbstständigen laufen jedoch trotz ausfallender Einnahmen weiter.

In meinem familiären Umkreis befinden sich mehrere Familienmitglieder in der Selbstständigkeit: Mein Vater ist Unternehmensgründer und Geschäftsführer eines Möbelhauses, meine Tante hat letztes Jahr ein französisches Café eröffnet. Weitere Familienmitglieder gehen freiberuflichen Tätigkeiten wie der Schauspielerei nach oder arbeiten als selbstständige Grafikdesigner. Dementsprechend habe ich in der gesamten Corona-Zeit die Ängste und Sorgen meiner Familienmitglieder intensiv miterlebt. Für diesen Beitrag habe ich zwei meiner Familienmitglieder, die in ihrer Selbstständigkeit stark von der Pandemie betroffen sind, zu ihrer Situation befragt.

 

Stell dich bitte einmal kurz vor und erzähl uns seit wann du selbstständig bist.

Mein Name ist Andreas Schoch, ich lebe in Neckarsulm (Baden-Württemberg) und ich bin Inhaber eines mittelständischen Möbelhauses. Seit 12 Jahren bin ich selbstständig und beschäftige derzeit 10 Angestellte.

Möbelhaus von Andreas Schoch © Marlene Ritz
Möbelhaus von Andreas Schoch © Marlene Ritz

Wie hast du als selbstständiger Selbstständiger die Entwicklungen seit Beginn der Corona-Zeit und des Lockdowns erlebt? Was hat sich verändert? Welche Entscheidungen musstest du treffen und was musste organisiert werden? 

Durch den Corona-Lockdown hat sich bei uns vieles verändert. Zunächst ging es darum staatliche Hilfen (z.B. Soforthilfe, in unserem Fall einmalig 15.000,- Euro) zu beantragen und auf der Kostenseite alles zu unternehmen um die laufenden Kosten so gering wie möglich zu halten. Hierzu zählten beispielsweise die Beantragung von Kurzarbeit, das Einstellen aller Werbeaktivitäten, Verhandlungen mit Vermieter wegen Mietreduzierung, Abmelden betrieblicher Fahrzeuge, etc. Außerdem mussten wir uns auf die Zeit nach dem Lockdown vorbereiten, z.B. Besorgen von Desinfektionsmittel und Schutzmasken für Mitarbeiter und Kunden, sowie Erstellen eines Hygiene-Konzepts.

Wie ist die momentane Situation? 

Im Möbel-Einzelhandel hat sich die Situation weitgehend normalisiert. Schutzmasken, Schutzschilder und Desinfektionsstationen werden nach wie vor verwendet, alles andere ist soweit wieder normal.

Welche Hilfen vom Staat hast du in Anspruch genommen? Inwiefern hat dir die staatliche Unterstützung geholfen? Was hätte besser laufen können? Was musstest du beantragen? 

Wir haben die staatliche Soforthilfe (in unserer Betriebsgröße waren das einmalig 15.000,- Euro) zur Deckung der laufenden Kosten in Anspruch genommen. Die Beantragung war sehr einfach und das Geld wurde schnell ausbezahlt. Diese Hilfe sorgte für eine kurzfristige Liquiditätsverbesserung des Unternehmens. Ein einfacher Antrag genügte um die staatliche Hilfe zu erhalten. Das ging sehr schnell und unbürokratisch. Auf staatliche Darlehen haben wir verzichtet.

Wie hast du dich über Möglichkeiten der finanziellen Unterstützung des Staates informiert?

Meine Infos habe ich von Homepage des Landes Baden-Württemberg sowie der zuständigen Industrie- und Handelskammer. Außerdem wurden wir über unseren Einkaufsverband  auf dem Laufenden gehalten.

Was sind/waren deine Sorgen und Ängste? Wie bist du damit umgegangen?

Die größte Sorge war zunächst die Unsicherheit, wie lange der Lockdown dauern wird und wie es danach weitergeht. Mehr Sorge bereitet mir die Entwicklung der nächsten Monate (bzw. nächsten Jahre), wenn staatliche Hilfen auslaufen, Darlehen getilgt werden müssen und die Lockerungen im Insolvenzrecht wieder abgeschafft werden. Die Anzahl von Betrieben, die Konkurs anmelden müssen, wird steigen und die Arbeitslosigkeit wird steigen.

Die Coronakrise ist auch an der Möbelbranche nicht spurlos vorbeigegangen. © Marlene Ritz
Die Coronakrise ist auch an der Möbelbranche nicht spurlos vorbeigegangen. © Marlene Ritz

Vor welche neuen Herausforderungen wurdest du während der Corona-Zeit gestellt?

Viele unserer Kunden waren plötzlich zu Hause (z.B. im Home Office) und wollten die bestellten Möbel geliefert bekommen. Teilweise wurden wir aber nicht mehr von unseren Lieferanten beliefert, sodass wir nicht alle unserer Kunden bedienen konnten. Wenige Tage nachdem wir das Ladengeschäft schließen mussten haben wir aus Rücksicht auf die Mitarbeiter und Kunden entschieden, die gesamte Geschäftstätigkeit (einschl. Lieferungen) einzustellen.

Hast du dich mit anderen Selbstständigen aus der Branche ausgetauscht?

Ja, ich habe regelmäßig mit anderen Möbelhausinhabern gesprochen und war im Austausch mit den Vertretern unseres Einkaufsverbandes.

Gab es für dich als Selbstständiger nur negative Auswirkungen der Corona-Krise oder gibt es auch etwas Positives, was du aus der ungewöhnlichen Zeit mitnimmst? 

Es gab auch Positives. Wir haben uns technisch weiterentwickelt (z.B. Teilnahme an Online-Konferenzen, Verbesserung der internen technischen Infrastruktur).

Weitere Impressionen des Möbelhauses. © Marlene Ritz
Weitere Impressionen des Möbelhauses. © Marlene Ritz

Fällt dir noch etwas ein, was wichtig wäre zu erwähnen?

Selbst in einer derartigen Krise gibt es auch Unternehmen, die davon profitieren. Die Möbelbranche zählt auch dazu. Durch die Reisebeschränkungen und -verbote haben sich viele Menschen wieder auf ihr Zuhause konzentriert. Statt Reisen wurden verstärkt Möbel für innen und außen angeschafft, sodass die Umsatzverluste aus der Lockdown-Phase mehr als ausgeglichen werden konnten. Die Besinnung der Menschen auf regionale Anbieter und Angebote hat ebenfalls dazu beigetragen, dass sich Einkäufe vor Ort intensiviert haben und letztendlich allen zugutekommen.

PS: Der Umwelt hat der Lockdown auch gut getan. Weniger Verkehr – Saubere Luft, Keine Flugzeuge – klare blaue Himmel, …

 

Stell dich bitte einmal kurz vor und erzähl uns seit wann du selbstständig bist.

Mein Name ist Beate Christoffel und zusammen mit meinem Mann habe ich mich letztes Jahr im April mit unserem Café Passage in Heilbronn selbstständig gemacht. Wir sind schon seit 2010 selbstständig und haben zuvor Kioskgeschäfte betrieben.

Hier habe ich meine Tante in ihrem Cafébesucht und durfte die Leckereien kosten. © Andreas Schoch
Hier habe ich meine Tante in ihrem Cafébesucht und durfte die Leckereien kosten. © Andreas Schoch

Wie hast du als Selbstständige die Entwicklungen in der Corona-Zeit erlebt? Was hat sich verändert? Welche Entscheidungen musstest du treffen? Was musste organisiert werden?

Ich war sehr verwundert über den Lockdown am 18. März und bin davon ausgegangen, dass die Sache in 2-3 Wochen erledigt wäre. Als erstes musste ich mich um genaue Informationen kümmern, bei Landesregierung Baden-Württemberg und Bundesregierung (meistens über Twitter). Wir mussten uns dann im Geschäft um die Frischware, also alles verderbliche, kümmern, da die Lockdown Ankündigung sehr kurzfristig war.

Welche Hilfen vom Staat hast du in Anspruch genommen? Inwiefern hat dir die staatliche Unterstützung geholfen? Was hätte besser laufen können? Was musstest du beantragen? 

Wir haben die sogenannte Soforthilfe beantragt. Diese Unterstützung in Höhe von 9.000€ hat erstmal geholfen, dass für die erste Zeit die Ladenmiete sowie monatlichen Nebenkosten (Strom, Wasser, Versicherungen, Krankenkasse) finanziell abgedeckt waren. Der Antrag war einfach gestaltet und gut zu bewältigen. Ich empfand es als sehr hilfreich, dass das Geld nicht zurückgezahlt werden muss. Allerdings fallen nächstes Jahr Steuern in Höhe von 19% dafür an, das sind dann auch schon 1710€ die davon eigentlich abzuziehen sind.

Wie hast du dich über Möglichkeiten der finanziellen Unterstützung des Staates informiert?  

Das meiste habe ich über Twitter erfahren und mich dann auf der Homepage genauer informiert (Landesregierung Baden-Württemberg, Wirtschaftsministerium).

Was waren deine Sorgen und Ängste? Wie bist du damit umgegangen?

Wirtschaftliche Sorgen oder Ängste hatte ich eigentlich nicht, eigentlich nur die Sorge, dass ich nicht selbst erkranke. Wir sind meistens zu Hause geblieben, nur zum Einkaufen aus dem Haus oder Spazierengehen… stay home…

Vor welche neuen Herausforderungen wurdest du während der Corona-Zeit gestellt?

Es gab keine großen Herausforderungen, weil alles relativ einfach zu beantragen war und wir uns um keine Angestellten kümmern mussten.

Eine Auswahl der Leckereien im Café Passage. © Marlene Ritz
Eine Auswahl der Leckereien im Café Passage. © Marlene Ritz

Hast du dich mit anderen Selbstständigen aus der Branche ausgetauscht?

Wir haben uns mit dem Vermieter des Ladengeschäfts besprochen, außerdem per WhatsApp mit den Kollegen der umliegenden Geschäfte.

Gab es für dich als Selbstständiger nur negative Auswirkungen der Corona-Krise oder gibt es auch etwas Positives, was du aus der ungewöhnlichen Zeit mitnimmst? 

Für mich persönlich war es sehr positiv, dass das „Hamsterrad“ einmal zum Stillstand kam…
Als negativ sehe ich an, dass seit der Wiedereröffnung unseres Cafés am 2. Mai die Kunden weniger konsumieren.

Seit Juli/August hat es sich etwas normalisiert, aber nach wie vor erlebe ich, dass die Menschen sehr genau überlegen, wo sie sich aufhalten und warum.
Durch die Kurzarbeit oder unsichere Arbeitsverhältnisse achten doch viele Leute mehr auf ihre Ausgaben.

Vielen Dank für die Interviews und die interessanten Einblicke!

Quellen:

https://www.zeit.de/arbeit/2020-04/selbststaendige-coronavirus-krise-einkommen-unsicherheit-bundeshilfen Stand: 23.08.2020

https://www.zeit.de/wirtschaft/unternehmen/2020-03/coronavirus-arbeit-selbststaendigkeit-existenzbedrohung-bundesregierung-hilfe/seite-2 Stand: 23.08.2020

https://www.deutschland-startet.de/unternehmensgruendung-corona-krise/Stand: 23.08.2020

https://www.polsterwelt-obereisesheim.de/rundgang/Stand: 23.08.2020

https://cafepassage.business.site Stand: 23.08.2020

https://www.cafepassage.de Stand: 23.08.2020

 

Beitragsbild: Marlene Ritz

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