Foto: Elena D.
Aktuelles Kultur Sonderausgabe Popkultur

Schrebergärten – Ein Traum für urbane Ökos

Schrebergärten sind voll im Trend. Aber sind die Parzellen nicht das Sinnbild von Spießigkeit? Was treibt junge Menschen in die Kleingartenkolonien? Elena ist stolze Pächterin und zeigt mir wild-romantische Oasen mitten in der Stadt – mit Badeteich, Gemüsebeet und Marmeladen-Manufaktur.

Von Melissa Nordmann


Elenas Garten ist ein Eldorado an Eindrücken: Es duftet nach Erdbeeren, Rhabarber und Sonnenmilch. Kinder lachen und auf dem Weg nebenan hört man die Hunde bellen. Im Gartenteich kann man kleine Molche beobachten, vom mannshohen Insektenhotel summen Bienen zu den Nutzpflanzen und Blumen. Nur zehn Fahrradminuten von ihrer geschäftigen Dreier-WG mitten im Herzen Hannovers entfernt, liegt das vermeintlich spießige Rentneridyll – die Schrebergarten-Kolonie, in der Elena mit ihren Freunden einen Garten bewirtschaftet. Elena ist 28, hat Sonderpädagogik studiert und ist seit einem halben Jahr in ihrem Referendariat, um Lehrerin zu werden.

 „Schon die Fahrt hierher hilft mir beim Runterkommen. Ich fahre am Fluss entlang, und wenn ich um die Ecke fahre und unsere Hecke sehe, macht sich ein richtiges Ruhegefühl in mir breit.“

Foto: Elena D.
Foto: Elena D.

Der Andrang von jungen Leuten auf Schrebergärten wird immer größer, das Image des Kleingärtners befindet sich im Umbruch. Rund fünf Millionen Menschen verbringen nach der aktuellsten Statistik des Bundesverband Deutscher Gartenfreunde e.V. (kurz: BDG) Zeit in Kleingärten, ob als Pächter oder als Besucher. Etwa 45% der Neuverpachtungen gehen dabei an Familien mit Kindern. So berichtet Thomas Walter, Pressesprecher des BDG, dass der eigene Garten als Rückzugsort in der hektischen Stadt zum Trend geworden ist und für viele junge Menschen zur „urbanen Lebensqualität“ dazugehöre: „Gärtnern in der Stadt ist angesagt, egal ob im klassischen Kleingarten oder im modernen Urban Gardening-Projekt. (… ) Gleichgesinnte finden zusammen, um ein Statement zu setzen: Sie ‚erobern‘ Flächen in der Stadt, um gemeinschaftlich zu gärtnern, gesellig zu sein und der Stadt Grün zurückzugeben.“


Der Garten als Gemeinschaftsprojekt

Elena in ihrem Garten Foto: Elena D.
Elena in ihrem Garten
Foto: Elena D.

Der Trend des Urban Gardening ist schon seit längerem bekannt. Aber Schrebergärten? Automatisch denkt man an Gartenzwerge, akkurate Hecken und neugierige Nachbarn mit Bierbäuchen und Anglerhut. Woher kommt dieser Image-Wandel? Was motiviert junge Menschen dazu, eine Parzelle inmitten einer Schrebergartensiedlung zu pachten? Ich lerne: der Gemeinschaftssinn.

Bei Elena hat alles mit einem befreundeten Pärchen angefangen, da war man noch zu viert. Mittlerweile sind sie zu acht. Ob zum Handwerken, zum Gärtnern oder zum Baden im eigenen Teich, irgendjemand ist immer vor Ort. „Meistens ist abends der Grill an und irgendwas brutzelt“, erklärt sie mir. Selbst zum Lernen ziehen sich einige in den Garten zurück. Teilweise werden ganze Tage dort verbracht. Auch Geburtstage und Spieleabende werden hier veranstaltet, was viele Freunde und Bekannte anzieht. Elenas Freund ist ebenso Teilhaber einer Parzelle. „Da kann man sogar im Garten übernachten“, erzählt sie mir. Freunde haben dort den Nachbargarten gepachtet. Nur ein kleiner Gang trenne die beiden Parzellen und die Türen seien meistens offen, sodass die Kinder hin und her rennen können. Der Schrebergarten als Gemeinschaftsprojekt – wie eine WG, nur eben im Grünen.


Gutes Tun – für sich und die Umwelt?

Die Möglichkeiten, die einem ein Schrebergarten bietet, klingen stark nach Kindheitstraum: Sachen bauen, Tiere beobachten, in der Erde wühlen und zwischen den urwaldartigen Pflanzen verstecken spielen. Mit allen Sinnen erleben. Sich endlich mal ausleben. Tun, was man will. Viele nutzen den Schrebergarten heute als Rückzugsort, als Ort in der Natur, ohne dabei die Stadt verlassen zu müssen. Gartenarbeit bietet eine gute Abwechslung zum Büro- oder Uni-Alltag und hat nebenbei einen Wellness-Effekt, weil die Beschäftigung mit der Natur das sinnliche Erleben verstärkt, findet der BDG. Thomas Walter sieht einen gesellschaftlichen Wandel als Ursache: „Der Trend zum Erlebniskonsum ist vorbei. Wir haben zu wenig oder zu viel Freizeit, mehr Sorgen, mehr Stress. Wir suchen Ruhe, Erholung und Ausgleich. Wir meinen, sparen zu müssen. Es gibt einen klaren Trend zum Rückzug ins Private.“

Verstärkt wird die Begeisterung für Schrebergärten in der aktuellen Öko-Bewegung, die sich im gestiegenen Umweltbewusstsein vor allem junger Menschen widerspiegelt. Nachhaltigkeit und qualitativ hochwertige Lebensmittel sind wieder wichtig. Elena bestätigt diese Annahme:

„Wir nutzen die Fläche schon auch aus nachhaltigen Gründen. Wir pflanzen Sachen an, damit wir wissen, woher das Gemüse kommt, was wir essen. Wir haben auch ein Insektenhotel und unterstützen die Bienen.“

Foto: Elena D.
Foto: Elena D.

An Öko-Bewegungen wird jedoch gerne Kritik geübt, gerade wenn sie von angeblich übermotivierten und ahnungslosen Städtern ausgehen, die zwar Bio-Lebensmittel bei Alnatura kaufen, aber drei Mal im Jahr nach Kolumbien fliegen. Ist der Schrebergarten-Trend auch wieder nur einer dieser widersprüchlichen Versuche von Weltverbesserern, oder kann man damit wirklich etwas bewegen?

Der BDG findet schon. Denn neben kurzfristigen ökologischen Gründen, spielen laut aktueller Statistik auch langfristige Ziele eine Rolle, die der Gesellschaft zu mehr Nachhaltigkeit verhelfen können. So wollen junge Eltern ihren Kindern beibringen, woher das Gemüse eigentlich kommt, das jeden Tag fein säuberlich aufgereiht im Supermarkt liegt. Dadurch wird der Garten neben der Gemüseversorgung zur Wissensquelle. Schrebergärten haben somit durchaus das Potential, viele Menschen für einen umweltbewussten Lebensstil zu begeistern.

 


Gartenzwerge? Fehlanzeige

Dekorative Blumenbeete und akkurat geschnittene Hecken sucht man im modernen Schrebergarten vergeblich. Klar blüht auch bei Elena im Frühling der Flieder und überall stehen Tulpen. Aber der „zweite Lebensraum in der Natur“, wie sie ihn nennt, ist nicht (nur) zum Kaffeetrinken und Blumen begutachten gedacht.

Wonach der Garten für sie riecht, frage ich Elena. „Nach Erde. Wir haben gute Erde.“

Foto: Elena D.
Foto: Elena D.

Stattdessen findet man Tomaten oder Salate, die die Gemeinschaft direkt vor Ort zubereiten und beim abendlichen Grillen essen kann. Auch Erdbeeren und Rhabarber wachsen hier. Daraus wird dann auch direkt im Garten Marmelade gekocht. Der Anbau im Schrebergarten zum Eigenverzehr ist neben der Umweltverträglichkeit also auch noch gut für das Portemonnaie.

Bauprojekte scheinen bei der neuen Kleingärtner-Generation besonders beliebt zu sein. So zimmert man bei Elenas Freund gerade an einem Baumhaus für Groß und Klein, sowie an einem Carport, in dem man dann Geräte und Möbel unterstellen kann. Auch in Elenas Garten soll bald mit einem eigenen Projekt gestartet werden: Eine große Sitzecke aus Paletten ist in Planung.


Von wegen Warteliste – Vitamin B macht’s möglich

Die ursprünglichen Kleingärtner sind Schrebergarten-Besitzer auf Lebenszeit, doch die werden langsam alt. „Ich weiß gar nicht, wie das bei uns wird. Wir sind ja jetzt zu acht.“, überlegt Elena, als ich sie danach frage. Manche werden vielleicht aussteigen, manche ziehen weg. Aber es kommen auch immer wieder Leute dazu. Der Andrang auf die Wartelisten ist nämlich seit Jahren hoch. In der Schrebergarten-Hochburg Berlin warten die Interessenten mitunter drei bis fünf Jahre auf eine Parzelle. Auch auf der Website der hiesigen Bonner Kleingärtner liest man: „Zur Zeit sind keine freien Gärten vorhanden“.

Elena und ihre Freunde hatten mit langen Wartezeiten keine Probleme. Die meisten sind über Kontakte an ihren Garten gekommen. „Das befreundete Pärchen, mit denen wir uns den Garten teilen, ist bei einem Spaziergang mit einer Frau in einem Schrebergarten ins Gespräch gekommen, und haben diese mal gefragt wie das eigentlich so abläuft bei denen in der Kolonie, wie man da an einen Garten kommt. Sie war gleich total begeistert von der Idee und hat sie zu Kaffee und Kuchen eingeladen und so kam dann der Kontakt zu dieser Dame, die ihren Garten zufällig gerade loswerden wollte.“ Man hat dann ein Treffen mit dem Vorsitzenden der Gartenkolonie arrangiert und schwupps – war die Warteliste umgangen. Glück muss man haben. Oder öfter mal durch Schrebergarten-Kolonien spazieren.


Ih, Regeln

Die Hecke zu hoch, der Baum zu breit – der klassische deutsche Nachbarschaftsstreit betrifft oft Ärgernisse in Gärten. Einengende Regeln und Vorschriften kann der junge, freiheitsliebende Kleingärtner natürlich gar nicht gebrauchen. Ob es hier so etwas gibt? Elenas Antwort: Wenn man sich vernünftig verhält und offen miteinander umgeht, ist alles gut. In ihrer Gartengemeinschaft versteht man sich mit allen Nachbarn – auch wenn die schon zum „älteren Semester“ gehören und schon alteingesessene Schrebergarten-Besitzer sind. Und die sind natürlich neugierig, was die jungen Leute nebenan so treiben. „Aber wenn man ihnen offen entgegentritt, und ihnen erklärt, was man in seinem Garten so macht, freuen sich die meisten und sind sehr positiv eingestellt.“

„Eine andere Gartengemeinschaft hat viele Partys geschmissen, die waren oft laut. An irgendeinem Vatertag ist das dann eskaliert und die wurden rausgeschmissen. Die haben sich aber auch keine Mühe mit ihrem Garten gegeben, da irgendwas sinnvolles anzubauen, so wie wir jetzt“, berichtet Elena. Sind Schrebergärten also doch noch ein bisschen spießig? Vielleicht schon. Aber ein Mindestmaß an Rücksicht sollte jeder auf seine Mitmenschen nehmen. Dass die WG von oben die ganze Zeit Partys schmeißt, ist ja irgendwie auch nur im ersten Semester cool.

„Schrebergärten haben trotzdem noch ihren Spießerflair, den schüttelt man glaube ich nicht so schnell ab.“

Natürlich gibt es auch Regeln und Vorschriften in den Kolonien. Einige davon sind wahrscheinlich sogar sinnvoll. Wie viel man muss und darf, hängt aber ganz vom Träger der Gartenanlage ab. Kirchlich geführte Kolonien haben nämlich weniger Vorgaben als klassische Kleingartenvereine, erfahre ich von Elena. Wer hätte das gedacht? Bei Elena, deren Garten einem klassischen Kleingartenverein angehört, ist zum Beispiel kein Lagerfeuer erlaubt. Auch Übernachtungen sind bei ihr verboten. Bei ihrem Freund, der einen Garten in einer kirchlich geführten Kolonie hat, ist das alles kein Thema. Generell ist ein gewisser Grad an Nutzpflanzen wichtig, und dass man seinen Garten nicht verkommen lässt. Sinkt der Wert des Gartens durch schlechte oder nicht vorhandene Bewirtschaftung und Pflege, bekommt man am Ende auch eine entsprechend niedrigere Ablösesumme.


Ab in die Schrebergärten!

Regeln und Vorschriften hin oder her – darüber kann man auch einmal hinwegsehen. Das Glück, das einem ein Schrebergarten bereitet, überwiegt. Auch Elena merkt man das an: „Dass wir kein Feuer machen dürfen, ist schon ok. Wir haben eine Feuerschale, in der abends das Feuer glitzert“, sagt sie und lächelt fröhlich. Mich hat ihre Begeisterung längst angesteckt. Schrebergärten sind ja auch nicht ohne Grund so beliebt. Und wenn einen nicht die Motivation zu mehr Umweltbewusstsein und Nachhaltigkeit überzeugt – ein bisschen Natur und Abenteuer kann doch jeder gebrauchen, oder?

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.