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Wohnen nach Wunsch?

Ein typischer Tag in den Semesterferien: Geplant war eine Schwimmbadtour mit meiner besten Freundin in Köln. Dort sind wir allerdings nie angekommen. Stattdessen zielloses Bummeln in der Essener Innenstadt. Erschlagen vom schwülen Wetter und müde von lauter Freizeit und Sonne, öffnete ich am Abend nichtsahnend die Tür zu meiner Essener Wohnung. Ich freute mich darauf, zu duschen, endlich meinen mit Pizza bekleckerten weißen Rock auszuziehen und auf dem Sofa rumzuliegen. Doch nicht meine Mitbewohnerin stand vor mir, sondern ein 12-köpfiges Fernsehteam.

Ich starrte unbedarft mitten in die Linse einer riesigen Fernsehkamera. Nachdem mein Gesicht ein dezentes Knallrot angenommen hatte und ein Fluchtversuch Treppe abwärts gescheitert war, war ich nun unbeabsichtigt Mittelpunkt der Deko-Soap “Wohnen nach Wunsch” (VOX). Beworben hatte sich dort meine Mitbewohnerin mit meiner Tagesbegleitung als Lockvogel und mir als “Überraschungs-Opfer”. Nun stand die Moderatorin Enie van de Meiklokjes mit einem breiten Grinsen im Gesicht in meiner Wohnung.

Eine neue Küche für 7.000 Euro

Noch bevor ich mich von diesem Schock erholen konnte, bekam ich Enies weißen Schal um die Augen gebunden und wurde von der dauergrinsenden Ex-Viva-Moderatorin in die Küche geführt. Dort angekommen erwartete mich eine nagelneue Küche. Ein neuer Laminatboden, neue Küchengeräte, Regale, Geschirr, alles war neu und blitzte Ton in Ton im Scheinwerferlicht der Fernsehkameras. Möbel, laut Moderatorenteam eigens für uns angefertigt, eine Wand Rot und Rosa gestrichen – alles zusammen kostete rund 7.000 Euro, die wir natürlich nicht bezahlen mussten.

Eigentlich sprachlos, blöderweise aber permanent nach meiner Meinung gefragt und auf Anzeichen von Begeisterung wartend, lauerte die Kamera auf mich, wobei ich meine Freude und Überraschung über den neuen Kochbereich nur sehr eintönig bekunden konnte. Alles, was ich vor der Kamera herausbrachte waren im Nachhinein eher peinlich eintönige Ausrufe wie “oh, cool!” und “wie geil!”.

Meine Lockvogel-Freundin hatte ganze Arbeit geleistet und mich den ganzen Tag lang beschäftigt. Ich war wirklich völlig ahnungslos gewesen und deshalb umso überraschter von dem medialen Überfallkommando. Obwohl auch die alte Küche noch gut in Schuss war, freute ich mich natürlich über die neue Kochoase. Am nächsten Tag musste ich dann noch einmal für die Kameras parat stehen. Das “Ablenkungsmanöver” musste noch nachgestellt werden. Um “Filmfehlern” vorzubeugen, mussten dieselben Klamotten her – wohlgemerkt inklusive Pizzasauce -, was meiner ohnehin schon mangelhaften Rampensau-Mentalität wirklich nicht förderlich war.

Dann ging es ab in die Essener Innenstadt – Shoppen, was Frauen dem Klischee nach eben so tun, wenn sie Zeit haben! Was in der TV-Sendung so aussieht, als wäre es am gleichen Tag gedreht worden, bedeutete Begrüßungsumarmungen auf Anweisung, schlendern über den Essener Campus, an dem ich gar nicht studierte und kleine Äste vor die Linse halten, damit die scheinbar heimliche Observierung überzeugend wirkt… Enie war natürlich nicht dabei, die musste ja schon wieder eine neue Wohnung umdekorieren.

Überraschung

Einige Wochen später schaute ich mir mit Freunden die besagte Folge “Wohnen nach Wunsch” an. Die Hauptdarsteller waren natürlich wir. Ein wenig erstaunt betrachtete ich die Aufnahmen, die während meiner Abwesenheit in unserer Wohnung gedreht wurden. Die Küche sah auf einmal viel heruntergekommener aus als sie eigentlich gewesen war. Küchenschränke hingen plötzlich schräg an der Wand, Schranktüren klapperten und drohten bei der kleinsten Erschütterung aus der Verankerung zu fallen, kein fließendes Wasser und überall Dreck. Beachtlich, dachte ich, was das Fernsehen so alles macht, um die eigene Arbeit noch gelungener darzustellen. Sicher war eine neue Küche nicht das Schlechteste, aber die alten Möbel zu demolieren und anschließend auf unseren Speicher zu schmeißen, hielt ich für ein wenig übertrieben.

Und was bleibt von so einem Fernsehabenteuer übrig? Sicher habe ich mich riesig über eine kostenlose Küche gefreut, wer würde das nicht? Abgesehen davon bleibt für mich die Erkenntnis, dass gerade solche Deko-Soaps nur funktionieren können, wenn man es mit der Realität nicht so ernst nimmt. Dieser Umstand verwundert mich wenig, so wurde mit der “speziell für unsere WG maßangefertigten Küche” übrigens einige Wochen später auf VOX eine andere Familie überrascht.

Mittlerweile bin ich aus der Wohnung ausgezogen, ohne Küche selbstverständlich. In meiner neuen Wohnung stand ich also ohne tolle Kochoase da. Die alte Küche konnte man ja nicht mehr gebrauchen. Doch bei der immer noch andauernden Flut an derartigen Deko-Soaps ließe sich sicher noch ein TV-Sender finden, der mir eine neue Küche oder besser gleich ein ganz neues Haus im individuellen IKEA-Stil spendiert! Wenn ich ehrlich bin, reicht mir meine einmalige Erfahrung mit einer Aufmöbel-Sendung aber völlig aus.

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