Welche Rolle spielt Twitter für mich? Welche Rolle spiele ich für Twitter? Ein Selbstversuch auf der Suche nach dem Sinn der Tweets und der Orientierung vor dem Bildschirm.
Über Twitter wusste ich vor einigen Monaten gar nichts. Meine Identität im Internet spaltete sich schon in verschiedene Social Networks. Meine Freunde, Verwandte und Unbekannte konnte ich bereits mit wenigen Klicks erreichen. Eine weitere Internetseite in meinem Lesezeichenmenü hinzuzufügen fand ich deswegen überflüssig. Dann berichtete die mediale Welt über das große Zwitschern, das mittlerweile schon mehrere Millionen Menschen überzeugt hat.
Was ist daran so neu? Warum ist Twitter innovativ? Was schreiben Alle? Und wer liest das vor allem? Erst als ich über ein Blog erfuhr, in Twitter könnte man nur 140 Zeichen pro “Tweet” tippen, entschließ ich mich, mein eigene Profil zu erschaffen. Es war für mich eine Herausforderung, eine Frage des Kommunikationspotentials. Oft ärgere ich mich darüber, dass man so wenige Zeichen pro SMS senden kann, jedoch vermute ich, dass das mit der möglichen Überlastung des Funknetzes zu tun hat.
Auf Twitter ist aber diese Einschränkung von den technischen Mitteln unabhängig, weil die Server auch Platz für längere Beiträge zu bieten hätten. So wenig Raum wie möglich für jedes “Update” zu lassen war offensichtlich eine willkürliche Entscheidung, die aber einen großen Einfluss auf den Stil der Tweets hatte. Ich fand das mächtig, frech und ein wenig revolutionär.
Ein erster Schritt
Ohne große Phantasie entschied ich mich für meinen Nickname und konnte das Profil in wenigen Sekunden erstellen. Mein Profilfoto blieb eine Zeit lang leer, ungefähr wie meine “Tafel”. Ich wusste, dass ich endlich drinnen war. Meine Rolle in dem globalen Zwitscherntausch blieb mir aber unbekannt. In dem unsinnigen Bedürfnis, etwas über mein Leben erzählen zu müssen, fing ich an zu schreiben, was mir damals durch den Kopf ging.
Schon nach einer Woche war ich von meinem eigenen Schreiben gelangweilt. Ich wusste, keiner würde sich dafür interessieren, ob ich Pasta oder Kebab esse, ob es in Bonn regnet oder nicht. “Ich muss es lernen” dachte ich, ich muss ein Vorbild haben, ich muss einen Master finden. Ich wurde also zum Follower.
Das machte mehr Spaß. Ich fand ein Paar Leute aus Amerika, die ich aus einer wöchentlichen Sendung im Internet kannte. Es war schön zu sehen, was sie in ihrer Freizeit getrieben haben und welche Aufwand die Vorbereitung der Show ihnen bereitete. Ich hatte den richtigen Weg gefunden, meine 5 Followers (alle kommunikationsinteressierte Kommilitonen) konnten sich sparen, auf meine Tweets zu warten. Ich hatte nicht viel zu sagen, nun interessierte ich mich mehr für das Leben der Anderen und so wurde es mir definitiv klar: Twitter ist im Endeffekt ein Express-Blog.
Komprimierte Ausdrücke, synthetische Form, “tinyurls” und kryptische Zeichen überfluteten meine Twitter-Homepage. Meine Augen gewöhnten sich nur langsam an diesen neuen Stil. Letztendlich war ich aber froh, dass ich die Tweets interpretieren und verstehen konnte. In einer berauschenden Euphorie nutzte ich die interne Suchmaschine aus, um aus dem Netz neue interessantere Stimmen zu hören.
Immer tiefer ins Netz
An einem Tag folgte ich mehr als 15 Personen, die im Durchschnitt einen Beitrag pro Stunde veröffentlichten. Das war eindeutig zu viel. Ich hätte mehrere Stunden gebraucht, um die ganzen Beiträge aufmerksam durchzulesen. Was ist daran so faszinierend? Ich hätte tatsächlich den ganze Tag am PC sitzen müssen, um auf dem neusten Stand zu sein.
Dann entdeckte ich die Macht von Twitter. Es passierte, als ich von dem Tod von Michael Jackson erfuhr. Innerhalb weniger Sekunden hatten viele Nutzer ihre Tweets mit #jackson, #kingofpop oder #michaelrip geschmückt. Ihre Namen tauchten damit schnell in dem Suchergebnis auf. Ich war sprachlos, zum ersten Mal konnte ich einschätzen, wie lebhaft die Online Community ist. Es war schön, weil man ein Teil davon sein konnte. Ich widmete selber meine 140 Zeichen dem gestorbenen King of Pop.
Die Meisten benutzen Twitter um sich direkt von einer Quelle informieren zu lassen, nicht anders als bei einem RSS-Feeder. Grundsätzlich ist es aber ein gigantisches und rasches Weitersagen. Ich gebe es zu, in diesem Ozean von Tweets kann man schnell die Geduld verlieren. Aber vielleicht brauchte das Netz eine gemeinsame “Schnellstraße” für die Nachrichten, die sich auf dem Prinzip des “Quatschen” verbreiten können.
