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Popmusik gezwitschert

Eigentlich wollen die Fans ihn singen hören, dafür haben sie über 70 Euro bezahlt. „Let love rule”, oder „American Woman”. Aber Lenny Kravitz hat Anderes zu tun. Der US-Popstar unterbricht an diesem Montag sein Konzert im niederrheinischen Dorf Jüchen für Wichtigeres.

Er schreitet minutenlang mit einer kleinen Digitalkamera die erste Reihe ab. Die Fans in der ersten Reihe rasten pflichtgemäß aus, und Kravitz macht von jedem ein Foto. Währenddessen warten seine neun Musiker auf der Bühne, trinken ein Bier ­ – kein Ton für fünf Minuten.

Achtung: Vögelchen!

Die gewollte Konzert-Unterbrechung, die normalerweise jeder Fan mit Pfiffen füllen würde, stört aber offensichtlich niemanden. Denn sie muss sein, um die Marketingmaschine via Internet am Laufen zu halten. Keine paar Stunden später nämlich sind die Fotos auf Flickr zu sehen. Garniert mit brandheißen Informationen aus dem Dressing-Room des Popstars. Professionelle Fotografen hingegen mussten das Konzert nach dem zweiten Lied verlassen und vertraglich zusichern, die Bilder nur ein einziges Mal zu veröffentlichen und danach sofort aus dem Archiv zu entfernen. Wer dieser Auflage nicht zustimmte, blieb draußen. Popstars brauchen sie nicht mehr, die professionellen Berichterstatter.

Sie sind zu Marketing-Strategen in eigener Sache geworden. Soziale Netzwerke bieten den Stars nämlich die einmalige Gelegenheit, endlich die Kontrolle über die Berichterstattung in Wort und Bild über sich selbst zu gewinnen. So funktioniert heute das Online-Marketing im Pop-Business, das das Internet längst als seine große Chance begriffen hat.

Es wird getwittert, geflickrt, geyoutubed und gemyspaced, was die Tastaturen hergeben. Auf diesen Seiten geben Stars vermeintlich Intimstes preis, was sich in Wahrheit als zumeist ziemlich nutzlose Information herausstellt.

Die Nachricht, „Zoe and me chilling in Bosnia…”, die Kravitz am 25. Juli auf Twitter veröffentlichte, ist nämlich genauso interessant wie die Blüte eines Gänseblümchens auf der schwäbischen Alb. Mit dem Zusatz allerdings, dass diese „Information” direkt von Lennys Handy stammt, lassen sich exakt 907 950 Followers (Stand: 11. August) zufrieden stellen und neue hinzugewinnen. Zum Vergleich: CNN hatte am selben Tag gerade einmal 174 112 Followers.

Berichterstattung wird zu PR, und klassische Medien müssen draußen bleiben

Klassische Medien und ihre Nachrichten können in solchen Netzwerken kaum nachkommen. Informationshäppchen, wie sie direkt Postmans „Guckguckwelt” entsprungen sein könnten, sind dort offenbar viel interessanter als die Nachricht, über New York seien beinahe zwei Flugzeuge zusammengekracht. Jede noch so sinnlose Information über den Protein-Haushalt Kravitz‘ (getwittert am 8. Juli) ist in dieser Netzwelt Gold wert.

Bei solchen Breaking News weiß kaum ein Journalist mehr, was er dazu noch schreiben soll. Berichterstattung wird zu PR, und klassische Medien müssen draußen bleiben. Auf diese Weise ist jeder Fan näher dran als professionelle Berichterstatter.

Vorreiter des Onlinemarketings war die britische Alternativ-Band Muse. Als Metallica noch damit beschäftigt waren, die Online-Tauschbörse Napster samt 300 000 Nutzern zu verklagen, stellte das Trio aus Devonshire, England 2003 die erste ausschließlich online zu kaufende Single ins Netz.

Der Song „Stockholm Syndrome” wurde online ein Renner, was in Plattenläden weitaus schwieriger gewesen wäre. Die Band „Arctic Monkeys” wurde ausschließlich durch das Netz bekannt. Das erste Album „Beneath the Boardwalk” gab‘s 2004 zum kostenfreien Download auf der bandeigenen Seite.

Das Ergebnis: Die Indie-Rock-Formation füllte bei Live-Konzerten in England Stadien, bevor sie überhaupt einen Plattenvertrag hatte. Das Netz, diese elektronische Parallelwelt, hatte die Wirklichkeit überholt. In den Chefetagen der Plattenfirmen wurde man nervös, die Umsätze brachen ein. Das große Geld verdienten nun die Veranstalter von Tourneen, die über Twitter direkt auf das Handy der Fans promotet werden.

„Ich habe endlich begriffen, wie Twitter funktioniert”

Permanent versorgen Muse nun ihre Fans mit neuen Videos aus dem Musikstudio. Ein 46-Sekunden-Clip mit den drei Musikern auf dem Klo, die dort Fingerschnipsen für ein neues Lied aufnehmen, wurde innerhalb weniger Tage mehr als 100.000 Mal auf Youtube angeklickt. Einen Monat später wurde die Tracklist des im September erscheinenden Albums über einen ganzen Tag lang getwittert – jede Stunde ein Titel.

Zuletzt stellte die Band Rätsel ins Netz, mit deren Hilfe sie Fans auf Schatzsuche schickte. An deren Ende wurde ein neuer Song als Belohnung  kostenfrei veröffentlich. Binnen Stunden meldeten sich über 80.000 weitere Follower an. Perfekter hat das Business den “Uses & Gratification”-Ansatz selten umgesetzt.

„Ich habe endlich begriffen, wie Twitter funktioniert”, sagte Bandleader Matthew Bellamy in einem Interview, das selbstverständlich nur über Twitter veröffentlicht wurde. Häppchen für Häppchen. Die Goldkehlchen der Branche zwitschern fröhlich Belanglosigkeiten vor sich hin, Fans saugen diese begierig auf, weil sie nie näher an ihre Stars herankommen könnten.

Sie sind ganz nah dran, und doch so fern. So zwitschern Popstars heute.

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