Zu große Nase, zu dick, zu dünn, zu klein, zu groß. Es wird um die Wette getuschelt, gelästert und gemobbt. Was früher auf dem Schulhof stattfand, wird heute mit digitalen Waffen in den Weiten des World Wide Web ausgetragen. Plattformen wie SchülerVZ oder Facebook, Blogs und Chatrooms bieten den idealen Nährboden für jegliche Rachgelüste und perfide Späßchen. Sicher, Beleidigungen und brodelnde Gerüchteküche gab es auf dem Pausenhof schon immer, doch die neue Online-Variante des Mobbings ist gravierender als die herkömmliche Version.
Es hat sich fast so etwas wie ein neuer Schulsport entwickelt: Cyber-Mobbing. Die Unsitten des Cyber-Mobbings, oder Cyber-Bullyings, bieten eine reiche Palette an Spielarten. Von Rufmord, Beleidigung, Identitätsklau, Verhöhnung bis hin zu Psychoterror - es ist alles dabei.
Neue Techniken wie Email, Chat, Instant Messaging Systeme oder auch Handy werden eingesetzt, um immer wieder und mit voller Absicht Andere zu verletzen, sie zu bedrohen und ihnen Angst zu machen. In diskriminierenden und gehässigen Texten, Bildern oder Filmen werden die Opfer öffentlich zur Schau gestellt und verspottet.
Generell beschränkt sich das Cyber-Mobbing nicht nur auf Jugendliche. Diese Altersgruppe ist aber besonders auffällig, denn für die Online-Generation gibt es wohl nichts Selbstverständlicheres als das vermeintlich anonyme Surfen durch das Netz.
Bis zu ein Fünftel aller Jugendlichen betroffen
Laut einer neuen Jugendstudie, der JIM des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest, sind bereits fast 20 % der befragten Jugendlichen zum Opfer von Cyber-Mobbing geworden. Die Stichprobe sei nach eigenen Angaben des Instituts zwar nicht repräsentativ, gebe jedoch einen guten Einblick in das Phänomen der Internet-Hasstiraden.
Das Verhängnisvolle an diesem Psychokrieg: Er hört nie auf. Wer früher in der Schule gemobbt wurde, konnte wenigstens nach Schulschluss eine terrorfreie Welt vorfinden. Doch nun finden die Schmähattacken auch zu Hause statt. Es gibt für die Betroffenen keinen Rückzugsraum mehr.
Zudem verbreiten sich die Inhalte mit Höchstgeschwindigkeit an ein unüberschaubar großes Publikum. Eine „Hass-Gruppe“ ist schnell gegründet und peinliche Fotos sind mit zwei Klicks hochgeladen. Bis man sich wehren kann, hat es längst die ganze Welt gesehen. Und was einmal im Netz ist, wird wohl in diesem Gedächtnis der Welt auch bleiben, denn der Große Bruder vergisst nie.
Die Brisanz des Cyber-Mobbings ergibt sich aus der unkontrollierbaren Reproduktion der Inhalte. Selbst wer einen Profi mit der Löschung des betroffenen Materials beauftragt, weiß nicht, wer sich das peinliche Filmchen schon alles runtergeladen hat. Den meisten ist es nicht bewusst ,wie gläsern der User im Internet ist.
Unrechtsbewusstsein fehlt
Ohne Bedenken stellen Jugendliche persönliche Informationen und Bilder online. Doch jede Nachricht, jedes Foto und jedes Gruscheln wird protokolliert und auch noch zu Schleuderpreisen weiterverscherbelt. Der aktuelle Preis für ein StudiVZ-Profil: Kein Cent. So findet jeder Interessierte genug Material für seine Gehässigkeiten.
Doch nicht einmal die Bedenkenlosigkeit der Opfer ist Voraussetzung für den Terror. Schließlich ist es mit moderner Technik ein Leichtes, Fotos oder Videos zu manipulieren oder auch zu fälschen. Zudem genießen die Täter dabei auch noch Anonymität. Man melde sich einfach mit einer falschen E-Mail-Adresse unter einem Pseudonym in einem Netzwerk oder Forum an und schon kann man sich sein Hassobjekt in aller Seelenruhe vornehmen.
Gerade diese Anonymität ist es, die alle Hemmungen schwinden lässt. Unerkannt und nicht konfrontiert mit dem Leiden seines Opfers kann man sich ein Benehmen leisten, zu dem man in einer Face-to-Face- Auseinandersetzung gar nicht fähig wäre.
Cyber-Mobbing kann dramatischste Folgen annehmen, wie der Fall der dreizehnjährigen Megan Meyer zeigt. Das US-amerikanische Mädchen nahm sich nach einem niederträchtigen Cyber-Mobbing das Leben. Eine ehemalige Freundin hatte mit Hilfe ihrer Mutter und deren Arbeitskollegen bei Facebook das Profil des Josh Evans erstellt. Zu dritt manipulierten sie die Gefühle des übergewichtigen Mädchens, das als freundlich, aber depressiongefährdet galt. Megan verliebte sich in die Internet-Bekanntschaft. Doch als der vermeintliche Freund sie mit Beleidigungen, Demütigungen und Anschuldigungen überzog, erhängte sich das Mädchen in dem Keller ihres Elternhauses. Erklärung der Mobber: man wollte sehen, ob Megan schlecht über ihre ehemalige Freundin rede. Keine Spur von Reue oder Schuldgefühlen, Meyer sei ja sowieso depressiv gewesen.
Eine Strafe zu befürchten haben die Täter nicht. Denn sie bewegten sich in einem gesetzlosen Raum. Erst nach zwei Jahren seit diesem Vorfall wurden 2008, erstmals im US-Bundesstaat Missouri Bösartigkeiten im Internet zum Straftatenbestand.
Nicht nur Jugendliche können boshaft sein
Aber natürlich werden nicht nur Jugendliche und Schüler Opfer von Cyber-Mobbing. Verschmähte Liebhaber zaubern pikante Photos ins Netz – inklusive Adresse und Telefonnummer. Auch Lehrer werden immer öfter dem öffentlichen Spott und Aggressionsabbau ausgesetzt. So findet man bei YouTube ganze Mordszenarien und Hinrichtungen bayerischer Lateinlehrer. Auf der Seite Rottenneighbor.com kann man ungeliebte Nachbarn verunglimpfen.
Studenten und Arbeitskollegen benutzen Betriebsfeiern und Ausflüge, um peinliche Aufnahmen zu machen und stellen die “witzigsten Aufnahmen” ins Internet. Häufig mit Nennung des Namens und Adresse. Es sind Fälle bekannt geworden, in denen diffamierende Veröffentlichungen ganz bewusst zur Karriereschädigung eingesetzt wurden. Geschäftsschädigung durch Cybermobbing ist ebenfalls eine „ganz tolle Idee“ um seine Konkurrenten loszuwerden.
In nur wenigen Fällen gelingt ein rechtliches Vorgehen gegen die Täter, denn die agieren unter Pseudonymen. Viele ausländische Foren machen sich nicht einmal die Mühe, auf eine Beschwerde zu reagieren.
Anfang dieses Jahres haben auf Druck der Europäischen Union große Anbieter sozialer Netzwerke wie Facebook und SchülerVZ eine Verpflichtungserklärung unterschrieben. Demnach sollen kritische Inhalte über einen Alarmknopf sofort gemeldet werden. Doch viele zögern, den Knopf zu benutzen – schließlich wolle keiner gern als Petze dastehen.
Da bleibt wohl fürs Erste das berühmte Wilhelm Busch-Zitat „Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich’s völlig ungeniert“ das einzige kleine Trostpflaster.
