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Die bedingte Universität

Die anhaltenden Proteste der Studierenden gegen die schlechten Studienbedingungen zeigen, dass sich das deutsche Hochschulwesen in einer Krise befindet. Der Sammelband “Die bedingte Universität. Die Institution der Wissenschaft zwischen Sachzwang und Bildungsauftrag” setzt sich kritisch mit dem aktuellen Zustand des deutschen und europäischen Hochschulwesens auseinander. Im Fokus steht die Identitätskrise der Universität als Institution akademischer Freiheit einerseits und ihre Bedingtheit durch die momentanen Umstrukturierungsprozesse andererseits.

Das Buch aus dem Schmetterling Verlag beinhaltet zehn Artikel rund um die Themen Hochschulpolitik, Kommerzialisierung von Forschung und Wissenschaft oder aber Taylorismus in der Hochschulreform. Diesem Thema widmet sich Tilman Reitz in seinem Beitrag “Bologna kommt 100 Jahre zu spät”. Diese zunächst sehr provokant anmutende Aussage relativiert sich beim Lesen jedoch schnell. Der Untertitel von Reitz’ Artikel lautet „Taylorismus und Verwaltungsrationalität in der Hochschulreform“. Hier lässt sich bereits vermuten worum es Reitz tatsächlich geht.

Statt die Bologna-Reform lediglich stumpfer Kritik zu unterziehen, beleuchtet Reitz Fehler und Tücken des Systems genauer. Er zeigt die Widersprüche zwischen Autonomie- und Mobilitätsversprechen auf der einen und dem Hineinregieren und Provinzilismus auf der anderen Seite.

Autonomie versus Normierung im deutschen Hochschulwesen

Diese besonders augenfälligen Diskrepanzen zwischen Anspruch und Wirklichkeit der Bologna-Reform machen sie zu einer ständigen Baustelle. Der Erfolg der Reform scheint darin zu bestehen, Normierungen zu verdichten und Spielräume abzubauen, sodass kreative Einzellösungen undenkbar geworden sind.

Um diese Maßnahmen adäquat durchsetzen zu können sieht Reitz Techniken angewendet, die an einen modernen Taylorismus erinnern. Taylorismus bezeichnet eine Form der wissenschaftlichen Betriebsführung, die Ende des 19. Jahrhunderts durch den US-Amerikaner Frederick Winslow Taylor geprägt wurde. Dieses Management-System zeichnet sich durch extrem zerlegte Arbeitsaufgaben, eine exakte Fixierung des Leistungsortes, detaillierte Zielvorgaben sowie externer Leistungskontrolle aus.  Es herrschen Standardisierung und ein zentralistisches Organisationssystem über Ideen, Kreativität und Innovation. In diesem Sinne kommt Bologna, wie Reitz zu zeigen hofft, 100 Jahre zu spät.

Leider hat der Taylorismus von vor 100 Jahren wenig mit dem zu tun, was heute in der Berufswelt nötig ist. Denn in einer immer stärker technisierten Ökonomie werden eben gerade Ideen, Kreativität und Innovationen stärker benötigt denn je. Die Rationalisierungstendenz der Bolognareform wird also bald eine Reform der Reform nach sich ziehen, meint Reitz.

“Es wird eine Reform der Reform geben”

Was aus der langen europäischen universitären Tradition in die Moderne gewachsen ist, wird unweigerlich durch die Bologna-Reform totorganisiert- und optimiert. Wenn die Entwicklungen, die Bologna hervergerufen hat sich fortsetzen, werden die Proteste weitergehen und Taylor wird irgendwann den Kürzeren ziehen.

Die in dem Buch zusammengestellten Artikel gehen auf Beiträge einer interdisziplinären Ringvorlesung zum Thema “Hochschule” am Institut für Philosophie der Philipps-Universität in Marburg zurück. Die Autoren nehmen Aspekte wie Evaluationsprozesse, Wettbewerbslogik und Elitenbildung ebenso wie die Kommerzialisierung von Forschung, Wissenschaft und die Transformation der Idee Universität kritisch unter die Lupe.

Alle  Beiträge verdeutlichen die tiefgreifenden Konsequenzen der gegenwärtigen Entwicklungen und geben Denkanstöße zu der Frage nach der Aufgabe der Universität als gesellschaftliche Institution. Der Sammelband liefert Argumente und Hintergründe zur aktuellen Diskussion und wendet sich nicht nur an Studenten und Akademiker, sondern auch an alle politische oder kulturellgeschichtlich Interessierte.

Durch den Bologna-Prozess und andere Reformen hat sich in den letzten Jahren die Hochschullandschaft grundlegend gewandelt. Finanzielle Miseren, prekäre Arbeitsverhältnisse und die Forderung nach mehr Ausbildung und Praxisbezug haben die Bedingungen für Forschung und Lehre, mithin die Möglichkeit der Institution selbst verändert. Die Universität sieht sich dadurch mit den Fragen konfrontiert, welche Funktion sie als gesellschaftliche Institution wahrnehmen kann und welche Auswirkungen veränderte materielle und politische Voraussetzungen auf das Treiben von Wissenschaft haben.

Hier kann das Buch bestellt werden >>

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