Ganz selbstverständlich nehmen wir Bildbearbeitungen und Fotomontagen als Bestandteile unserer Zeit wahr. „Das ist doch gephotoshopt“, heißt es beim Anblick bizarrer Fotos, weil jeder weiß: Man kann keinem Bild glauben. Doch dann ist plötzlich Bin-Laden tot und alle Welt will als Beweis ein Foto sehen… Warum nur? Woran erkennt man denn, ob ein Foto die Realität widerspiegelt oder nicht?
In den Anfängen der Fotografie galten Fotos als Abbilder der Wirklichkeit. Sie dienten als Beweise und konnten überzeuge. Wenn etwas auf einem Foto zu sehen war, galt es als wahr, weil Foto-Herstellung nicht nur technisch kompliziert, sondern auch teuer war und der Vorgang in den Augen vieler kaum manipuliert werden konnte.
Doch schon damals, als Fotografen noch mit lichtempfindlichen Schichten und Substanzen wie Asphalt (Nicéphore Niépce), Jod, Quecksilber (Louis Jacques Mandé Daguerre) und Silbernitratlösung (William Henry Fox Talbot) aufwändig die Realität ablichten wollten, wurden Fotografien manipuliert. Interessante Täuschungen entstanden beispielsweise durch Doppelbelichtungen.
Mit der digitalen Fotografie kommt eine Denk-Wende
Trotzdem hielt sich der Irrglaube an die Vertrauenswürdigkeit von Fotografien recht lange. Im 20. Jahrhundert sprach man Bildern ihre Glaubwürdigkeit noch nicht unbedingt ab, dabei gehörte es zur Tagesordnung, Fotos zu retuschieren und zu montieren. Politiker ließen ihre Gegner wegretuschieren, im Auftrag Hitlers wurden z.B. Röhm und Heß aus Fotos verbannt.
Heute glaubt man Fotos schon weniger. Ein jeder kann kostengünstig Bildbearbeitungsprogramme aus dem Internet herunterladen, meistens bekommt der Kunde beim Kauf einer Digitalkamera oder sogar eines Handys schon die passende Bildbearbeitungs-Software mitgeliefert. Die Retusche ist zu präsent, als dass wir der Aufnahme noch Glauben schenkten.
Woran sind ECHTE Fotos zu erkennen?
Schlecht retuschierte/montierte Fotos können sicherlich schnell aufdeckt werden. Im Internet gibt es zahlreiche Blogs (z.B. Photoshop Desaster), die sich einen Spaß daraus machen, schlechte Bild-Manipulationen aufzuspüren und zusammen zu tragen. Fake-Fotos lassen sich anhand folgender Kriterien herausfiltern:
Stimmt die Bildlogik?
Passen Proportionen?
Perspektive?
Ist etwas unsauber freigestellt?
Stimmen die Farben?
Das Licht?
Die Kontraste?
Viele Täuschungen sind jedoch handwerklich perfekt und selbst Profis können dann nicht mehr zwischen „echt“ und „unecht“ entscheiden. „Unechte“ Fotos können also nur entlarvt werden, wenn sie schlecht gemacht sind; hat man jedoch ein scheinbar perfektes Foto in der Hand, kann es trotzdem eine Fälschung sein.
Man kann keinem Bild glauben
Sollte man überhaupt noch Bildern glauben, die man nicht selbst gefälscht hat? So könnte man vielleicht zum Abschluss fragen, doch das wäre nur die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte gibt zu: Kein Foto verdient Glaubwürdigkeit! Weil ein Foto nie Realität abbildet und hier auch nicht der Ansatz von Fotografie zu suchen ist.
Fotografie bildet nichts ab. Sie arrangiert, dreht, wendet, zoomt und stülpt die Wirklichkeit. Sie spielt mit ihr. Malt sie neu. Komponiert sie! Die Bearbeitung eines Bildes beginnt nicht dort, wo der Nachbarsjunge in Photoshop zu hantieren beginnt. Bildbearbeitung findet schon vor und während der Aufnahme statt, wenn eine Perspektive gesucht und die Belichtungszeit eingestellt wird. In jedem Foto steckt eine Motivation. Wer zeigen will, wie schön sein Urlaubsort ist, schiebt den Mülleimer zur Seite. Und Teenager-Mädchen, die schlank aussehen wollen, fotografieren sich von schräg oben. So ist das. Wir alle manipulieren. Bei jedem Foto!
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