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Sind wir reif für eine neue Zeitung?

von Marianne Seelmann und Philine Lissner

Die erste gedruckte Tageszeitung erschien am 1. Juli 1650 in Leipzig. Und die Letzte? Keine Angst, die Zeitung ist bisher nicht ausgestorben und wird es wohl sobald auch nicht tun. Doch sie ist eine bedrohte Spezies, das muss man offen zugeben. Der Sektor gedruckte Tageszeitungen hatte in den letzten Jahren starke finanzielle Einschnitte zu verzeichnen – nicht nur in den USA, auch bei uns.  Der Grund dafür liegt im Netz.

Die Vorteile von Informationen aus dem Internet liegen auf der Hand: sie sind aktueller, kostengünstiger und haben die Möglichkeit, andere Medien wie Podcasts und Videobeiträge mit einzubauen. Darüber hinaus sind hochwertige News nahezu kostenlos abrufbar. Der Leser wird, anders als in gedruckten Tageszeitungen, durch eine Kommentarfunktion direkt eingebunden.

Eine große Einnahmequelle des Printjournalismus ist der Sektor Tageszeitung. Die Tageszeitung stellte in den vergangenen Jahrzehnten für viele Familienväter, Hausfrauen und Geschäftsmänner gleichermaßen die wichtigste Informationsquelle des alltäglichen Lebens dar. Jeden Morgen zum Frühstück oder auf dem Weg zur Arbeit hielt sie mehrere Generationen auf dem aktuellen Stand der Dinge.

Auch heute informieren sich die Deutschen zum größten Teil über die guten alten Traditionsmedien. Aber das Internet ist ihnen dicht auf den Fersen.

Weg vom Print, hin zum flexiblen Online-Markt

Der Verleger Dirk Ippen glaubt nicht an einen neuen Aufschwung des Printmediums: „Print hat keine Krise, denn Krise heißt, dass es wieder besser wird.“ Wo er recht hat… doch wer weiß schon, ob es nicht vielleicht doch irgendwann wieder besser wird?! Wolfgang Blau, Chefredakteur von ZEIT ONLINE, hingegen meint, dass nur die Onliner überleben, die auch eine starke Printredaktion im Rücken haben. Das gilt heute sicherlich noch, aber der Werbemarkt hat sich in den vergangenen Jahren drastisch verändert. Weg vom Print, hin zum flexiblen Online-Markt. Werbung im Netz ist eben effektiv. Anhand von Nutzerprofilen können Kunden interessenorientiert angesprochen werden. Werben weniger Unternehmen in Zeitungen, so sinken die Werbeeinnahmen und insgesamt auch das Budget der Zeitung.

Die Entwicklung im deutschen Markt verläuft jedoch milder als bei den US-Amerikanern. Das regelrechte Zeitungssterben dort ist laut einer Studie des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) nicht auf den deutschen Markt übertragbar. Die Zeitungsbranche in den USA hat ganz andere Strukturen, besonders bei den Eigentümerverhältnissen. Die börsennotierten Medienunternehmen in den Vereinigten Staaten unterliegen Renditezwängen, während die Zeitungslandschaft in Deutschland nicht kapitalmarktorientiert ist. Gedruckte Zeitungen werden in Deutschland auf einem weitaus höheren Preisniveau produziert. „Was die Qualität der Zeitungen angeht, sind wir Weltspitze“, so der BDZV-Hauptgeschäftsführer Dietmar Wolff.

Eine Demokratisierung von Informationen

Der umstrittene US-amerikanische Medienunternehmer Rupert Murdoch spricht sich öffentlich dafür aus, dass zukünftig auch online für journalistische Inhalte gezahlt werden solle.  Micro-Bezahlsysteme und Abos für News im Netz sind auch in Deutschland zunehmend ein Thema. So könnten finanzielle Schwierigkeiten im Printbereich ausgeglichen werden und „Qualitätsjournalismus“ wäre auch online garantiert. Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer AG, kündigte an, die „Kostenloskultur“ im Netz nicht beibehalten zu wollen. Doch welcher User ist bereit für etwas zu zahlen, was bisher völlig kostenlos war?

Eine Lösung, die viele Zeitungen gerade ausprobieren, sind Bezahlmodelle. Da gibt es zum einen die recht aktuelle Diskussion um Leistungsschutzrechte. Soll es ein Urheberrecht für digitale Inhalte geben? Und wenn ja, wie sollte es aussehen? Auf der diesjährigen Blogger-Konferenz re:publica wurde dieses Modell ganz ironisch unter dem Titel Let’s Screw Up the Entire Internet to Save Newspapers diskutiert.

Ganz selbstverständlich sind dagegen hierzulande kostenpflichtige e-papers. Wer zum Beispiel die neueste SZ, die ZEIT oder die FAZ komplett online lesen möchte, muss zahlen. Anderswo werden aber noch imposantere pay walls hochgezogen. Die altehrwürdige Times etwa hat eine neue Website, die nach einem Schnupper-Monat nicht mehr ohne einen Obolus aufgerufen werden kann. Auch die New York Times hat so etwas schon angekündigt. Da diese Websites aber nichts grundsätzlich Neues bieten, kann ein solches Modell nur funktionieren, wenn die Konkurrenz mitzieht. Ansonsten werden einfach andere Publikationen gelesen, die sich eine solche Exklusivität vielleicht nicht leisten können.

niuu, flattr und co. als Weg aus der Krise?!

Es ist wohl so, dass Leute eher zum Zahlen bereit sind, wenn sie bestimmte persönliche Angebote erhalten. Wer ein individuelles Produkt bekommt (siehe auch unseren Text über niiu), gibt dafür eher Geld aus, als für längst gewohnte Inhalte. Am aktuellsten sind hier Micropayment-Systeme wie Flattr, mit denen man ganz gezielt bestimmte Angebote finanziell unterstützen kann. Ob diese Unterstützung allerdings ausreicht, ist fraglich.

Es liegt jedenfalls auf der Hand, dass es nicht ausreicht, Print-Konzepte einfach nur eins zu eins ins Web zu übertragen. Aber wie groß sind eigentlich die Unterschiede zwischen gedruckten und digitalen Medien? Bleiben sie fremde Konkurrenten oder können sie sich gegenseitig bereichern? Jeder, der sich zum Thema äußert, hat gerade ein passendes Gegensatzpaar bereit. Das Netz soll schnell sein, aber oberflächlich, netzartig und dialogisch, subjektiv, spontan und integrativ. Zeitungen sieht man dagegen als langsam, aber tiefgehender, einseitig, reflektiv und ausschließend. Es werden bei beiden Medienfamilien ihre Vor- und Nachteile gesehen. Da ist es nur natürlich, dass einerseits Konkurrenz herrscht – und andererseits auch schon erste Schritte einer Zusammenarbeit gemacht werden. Sowieso kommen schon lange viele Impulse aus dem Netz.

Die Krise als Chance sehen

Andersherum könnte es aber auch noch spannend werden. So zum Beispiel durch den Bürgerjournalismus, der schon lange praktiziert wird (sehr erfolgreich zum Beispiel auf OhmyNews.com), aber vielerorts noch nicht intelligent eingebunden ist. Einige sehen in solchen offenen Formen eine Gefahr, weil Gehalt und Werte des klassischen Journalismus verloren gehen. Andererseits ist die Demokratisierung von Informationen ebenfalls ein Wert. Und passt zum Credo des Internets, in dem die User mehr Macht und direkte Einflussmöglichkeiten haben, als Printleser je hatten. Der klassische Journalismus unterliegt also ganz zwingend einem Wandel, ob online oder offline. Am Ende ist er deshalb nicht unbedingt.

Die Medienjournalistin Ulrike Langer hat bereits vergangenes Jahr 10 Strategien für den Journalismus 2.0 erdacht. Diese lauten unter anderem: Diskussion ermöglichen. Dort sein, wo die Nutzer sind. Kreativität fördern. Links nutzen. Neue Technologien umarmen. Alles Methoden, die darauf abzielen, den gewohnten Printinhalt mehr so wie das Internet werden zu lassen.

Viele Zeitungen suchen einen Weg aus der vermeintlichen Krise. Ein Perspektivwechsel könnte da Abhilfe schaffen. Die Krise als Chance sehen – das fällt vielen eingefleischten Printjournalisten schwer. Doch ein altes Sprichwort hält dagegen: „Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit“. Was bei Oma und Opa galt, gilt eben auch heute noch. Man muss den Trend erkennen und der geht eindeutig zur Kürze und Schnelligkeit des Onlinejournalismus.

Kurz. Anders. Gedruckt – das zieht.

Die Tageszeitung Welt kompakt hat dies erkannt und übertrug Prinzipien aus dem Netz auf ihre Printversion – und der Erfolg gibt ihnen recht. Die 32-seitige Tageszeitung startete Ende 2009 eine Werbekampagne, die eindeutig den Online-Leser ansprach. Mit Sprüchen wie „Wir googeln die Öffnungszeiten vom Bäcker gegenüber. Sind wir reif für eine neue Zeitung?“ hob sich die Zeitung klar vom restlichen Printmarkt ab. Der Slogan: „Kurz. Anders. Gedruckt.“ Das zieht – vor allem bei den 14-29-jährigen Lesern.

Man mag also das Ende der Printpresse in weiter Ferne kommen sehen, doch ein Ende des (Qualitäts-) Journalismus bedeutet das noch lange nicht. Noch kann Online den Print nicht ablösen, da es immer noch mehrere Generationen gibt, die nicht mit Online-News aufgewachsen sind. Neben den Kritikern, die den „Bürgerjournalismus“ allzu gern verhöhnen, gibt es aber auch Befürworter, die den Onlinejournalismus als eine Chance für die Demokratie und Mitbestimmung in unserer Gesellschaft sehen.

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