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Das Internet ist auch nur ein Dorf

von Stefan Andres

Unabhängige Lokalberichterstattung im Internet funktioniert dort am besten, wo die klassischen Printmedien auf dem Rückzug oder nie richtig angekommen sind: In der Provinz. Blogs können die lokale Berichterstattung aber auch ergänzen –und die etablierten Medien gelegentlich sogar ein wenig antreiben.
Vollkommen spontan ging das LevLog im September 2009 online: WordPress bot die kostenlose und einfach zu bedienende Blogsoftware, ein freies Wochenende die nötige Zeit. Die Idee: Mit einer Medienschau werktäglich die aktuellen und – höchst subjektiv – interessantesten Nachrichten aus Politik, Wirtschaft, Sport und Kultur für und aus Leverkusen bündeln. Dabei Zusammenhänge herstellen, vielleicht hinterfragen und natürlich: verlinken. Den größten Anteil macht dabei die Auswertung der beiden Lokalzeitungen Leverkusener Anzeiger und Rheinische Post aus, aber auch aus überregionalen Medien, aus lokalen und entlegeneren Seiten im Netz sowie aus Blogs können regelmäßig interessante Themen und Neuigkeiten geangelt werden. Das LevLog soll nicht Konkurrenz zu den etablierten Medien sein, eher im Gegenteil: Interessante Berichterstattung wird kurz aufbereitet und vernetzt. Bei der Rheinischen Post hat man den Wert der Vernetzung im Internet erkannt: Mit Trackbacks revanchiert sich RP-Online für Links auf ihre Artikel.

Gelegentlich bietet das LevLog auch selbst recherchierte Berichte – sofern die Zeit dazu da ist und es den Anschein macht, dass eine Berichterstattung Sinn macht: Zum Beispiel, weil sie in den Zeitungen vielleicht ausbleibt. Besonders spannend sind Meinungsstücke mit aktuellem Bezug: Auf reges Interesse stieß der Debattenbeitrag des Leverkusener Chemikers und Unternehmensberaters Dr. Hauke Fürstenwerth, der nach der Pleite des DyStar-Konzerns das unselige Wirken von Finanzinvestoren am Beispiel Leverkusens beleuchtete. Ebenso der Einwurf Siegfried Kuhls, der vor der Eröffnung des riesigen Einkaufszentrums „Rathaus-Galerie“ (im Volksmund: das „Ufo“) des Hamburger ECE-Konzerns vor drohendem Kannibalismus im Leverkusener Einzelhandel warnte. Klickzahlen sowie Reaktionen und Kommentare nicht nur auf diese Beiträge ermutigen dazu, das LevLog weiterzuführen – übrigens auch ungetrübt von Geschäftsmodellen.

Stefan Andres ist Journalist und Gründer des LevLog

Medien in Leverkusen

Zwischen den Medienstädten Köln und Düsseldorf gelegen scheint Leverkusen derzeit passabel entfernt von der Gefahr, einer tagesaktuellen, journalistisch fundierten Lokalberichterstattung vollständig verlustig zu gehen: Leverkusener Anzeiger (die Lokalausgabe des Kölner Stadt-Anzeiger) und Rheinische Post unterhalten hier jeweils gut besetzte Redaktionen. Auch wenn der Sparzwang aus der Anzeigenkrise in den vergangenen Jahren an den Verlagen und damit auch an den Lokalredaktionen nicht spurlos vorüber ging. Bis 2003 unterhielt die Kölnische Rundschau noch eine Leverkusener Lokalredaktion, die sich aber zuletzt, zu einer Zwei-Mann-Redaktion geschrumpft, bei Artikeln der Anzeiger-Kollegen bedienen musste, um die eigenen Seiten füllen zu können. Etabliert hat sich mit Radio Leverkusen aus der Radio NRW-Gruppe ein neues, ganz lokal ausgerichtetes Nachrichtenmedium, seit wenigen Jahren berichtet Center TV aus Köln auch regelmäßig über das Geschehen in Leverkusen, bis dato alleinige Domäne des WDR-Fernsehens.

Im Internet leistete die „Internet-Initiative Leverkusen“ schon 1996 mit leverkusen.com Pionierarbeit. Leverkusener Anzeiger und Rheinische Post starteten Ende 2006  – übrigens exakt zeitgleich – eine Lokalberichterstattung im Netz, die über das bloße Copy-and-Paste der Printartikel zunächst vorsichtig hinausreichte. RP Online hat erst jüngst ein eigenes TV-Team zusammengestellt, das aktuelle Leverkusener Themen visuell aufbereitet. Kurze Clips von lokalen Ereignissen findet man regelmäßig bei leverkusen.com, bei ksta.tv in der WDR-Mediathek. Und HiB-TV aus dem benachbarten Odenthal beweist, wie unterhaltsam professionell gestaltete Beiträge zu lokalen Themen sein können – übrigens ganz ohne das Emblem „Lokaljournalismus“. Als Diskussionsforen haben sich privat betriebene Seiten wie meinlev.de oder werkself.de, das Fanforum für Fans des Fußballbundesliga-Vereins Bayer 04 Leverkusen, fest etabliert. Aus diesem Fundus kann sich das LevLog bedienen für seine „Presseschau“, die nur aus Versehen nicht „Medienschau“ heißt.

Avantgarde im Oberbergischen

Aber ist Print im Lokalen am Ende? Voraussetzungen für erfolgreichen, verlagsunabhängigen Lokaljournalismus im Netz sind bereits ausführlich diskutiert: Dort, wo Verleger sich mit ihren Zeitungen schleichend oder gleich ganz zurückziehen, sei für Onlineportale, die aktuelle Nachrichten aus Gemeindeverwaltung, Polizei, Wirtschaft und Vereinen journalistisch aufbereiten, die Chance am größten, auf reges Interesse zu stoßen. Aber wer auf eigene Faust Online-Journalismus betreiben will, der darf nicht nur im Netz auffindbar sein, sondern muss vor Ort präsent sein und recherchieren. Das vielleicht bekannteste Beispiel kommt aus Heddesheim im Rhein-Neckar-Kreis. Journalist Hardy Prothmann ärgerte sich nach eigener Aussage über die seiner Ansicht nach unzureichende Berichterstattung der lokalen Zeitung aus Mannheim über die 11.500-Seelen-Gemeinde – und gründete das heddesheimblog, um es fortan selbst besser zu machen. Bei der „Besser Online“-Konferenz des Deutschen Journalisten-Verbandes im Herbst 2009 in Mainz stiehlt Prothmann Debatten über Twitter und Google, über „Crossmedialität“ oder „Paid Content“ mit der Vorstellung seines Weblogs Marke Eigenbau aus der Provinz die Schau. Inzwischen ergänzen das hirschbergblog und das ladenburgblog das Angebot in den Nachbarorten, Videoberichterstattung via YouTube gehört selbstverständlich zum Repertoire.

Unter ganz ähnlichen Bedingungen starteten bereits im Januar 2000 zwei Journalisten mit oberberg-aktuell.de den Versuch, eine lokaljournalistische Seite zu etablieren. Von Gummersbach aus wollten sie über die 13 Gemeinden im Oberbergischen Kreis ausschließlich im Netz berichten. Eine Pionierleistung, von Erfolg gekrönt: Im Januar 2010 feierte die nun auf über 20 Mitglieder angewachsene Redaktion zehnjähriges Bestehen.
Für den Kölner Stadt-Anzeiger und dessen Verlagshaus DuMont-Schauberg bot diese unverhoffte Konkurrenz damals – man konnte das auch als Außenstehender gut beobachten – den Anlass, die Lokalberichterstattung im Netz auf lokaler Ebene auch über die Kölner Stadtgrenzen hinaus weiter zu forcieren: Mit dem Portal rhein-berg-online.de versuchte man, die Möglichkeiten des Netzes zu nutzen und sich auch auf diesem neuen Markt im östlichen Verbreitungsgebiet zu positionieren. Andere Anzeiger-Lokalredaktionen rückten mit entsprechender personeller Online-Besetzung vor Ort und eigenen Domains wie leverkusener-anzeiger.de erst später nach.

Ausblick

Wer wissen möchte, ob morgen möglicherweise eine Baustelle seine Garagenausfahrt blockiert oder welche Straße in seiner Stadt nach Einbruch der Dunkelheit ein gefährliches Pflaster sein könnte, der muss längst keine Tageszeitung mehr abonnieren: Diese Informationen werden von halbwegs fortschrittlichen Stadtverwaltungen, von gut ausgestatteten Polizeibehörden für jedermann zugänglich ins Netz gestellt. Und natürlich nutzen große, mittelgroße und kleine Firmen das Internet längst dazu, ihre Mitteilungen ungefiltert zu veröffentlichen. Während die klassische Zeitungsabonnenten-Klientel dramatisch altert und die Auflagen zusehends sinken, sammelt sich der „User“ seine Informationen über Suchmaschinen, mithilfe von RSS-Feeds, Twitter oder in sozialen Netzwerken. Auf Seiten wie dailydeal.de oder  citydeal.de findet er die aktuellsten Angebote in seiner Stadt. Und Internetportale wie  myheimat.de oder localxxl.com „aggregieren“ Lokalnachrichten aus dem Netz, entweder automatisiert oder mittels Verlinken durch ihre User, freilich ohne echte eigene Inhalte beizusteuern.

Währenddessen sind die Zeitungsverlage bemüht, ihre Inhalte besser zu schützen und die Leser im Netz behutsam darauf vorzubereiten, dass ihre exklusiven Informationen im Netz auch kosten könnten, so zum Beispiel Verleger Konstantin Neven DuMont bereits Ende 2009. Aber dabei gilt es abzuwägen: Hinter einer Paywall versteckt droht den Zeitungen ein weiterer Verlust der Leserschaft. Eng gefasste thematische Rahmen für ausgesuchte Zielgruppen könnten eine Option im Internet sein: Die Rheinische Post hat deshalb kürzlich eine „regionale Portal-Serie“ gestartet, die „Wirtschaftsinteressierten und -akteuren“ unter lokale-wirtschaft.rp-online.de wirtschaftsrelevante regionale Nachrichten biete. Das Angebot des Portals, das sich aus redaktionellen RP-Inhalten speist, solle „zunächst kostenfrei“ bleiben.

Man darf gespannt beobachten, wie lange dieses “zunächst” Gültigkeit behält.

3 comments to Das Internet ist auch nur ein Dorf

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